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Draußenschule – neue Impulse

Super-Sommer in der Draußenschule

Den Unterricht nach draußen verlegen, macht gerade im Sommer viel Spaß. Ganz nebenbei hat es positive Effekte auf das Lernen. Hier erfahren Sie, welche das sind und erhalten viele Tipps dazu.

Draußenschule – neue Impulse: Super-Sommer in der Draußenschule Ein Unterricht im Freien nimmt Schüler/-innen viele Ängste © drubig-photo - stock.adobe.com

Wie trennt man eigentlich Müll? Und wie lange braucht es, bis „eine Bananenschale, ein Apfel, eine FFP2-Maske oder (...) Verpackung in der Erde verrotten“? Das ergründen die Kinder der ersten und zweiten Klasse an der Montessori-Schule in Eichstätt an einem ganz besonderen Lernort: im Wald-Klassenzimmer, einem riesigen „Experimentierfeld an der frischen Luft“. Felicitas Wilke erzählt auf der Website Das Deutsche Schulportal von 35 Kindern, die begeistert bei der Sache sind. Nachdem sie die Grundlagen der Mülltrennung verstanden haben, lässt manche von ihnen das Thema auch in der Pause nicht los: Klara und Anne bemalen Steinplatten mit bunten Farben. Wenn die Kinder nach der Pause den Müll einzeln auf einem „Müllfriedhof“ vergraben, um dann immer wieder einmal nachzusehen, ob und wie schnell etwas „in der Erde verfällt“, sollen die Steine zeigen, wo welcher Müll vergraben ist. 

Linktipp

Draußensein macht Schule, Persen Verlag, Johannes Plotzki, 1. bis 4. Klasse. 

Kein Stress, keine Aggressionen in der Pause, die Kinder suchen sich einfach etwas, was ihnen Spaß macht und beschäftigen sich damit: Sie schnitzen, bohren ein Loch in einen Stein, um einen Anhänger herzustellen, entspannen sich einfach oder sie spielen, rennen, klettern – alles ist möglich. „Das Schönste an der Draußenschule ist zu sehen, dass die Kinder sich alle selbst beschäftigen und neue Interessen entwickeln“, sagt Martin Zelenka, der Waldpädagoge der Schule. 

Hilfreich: Flexibilität und Ideenaustausch

Gerade im Sommer ist in Flora und Fauna draußen eine Menge geboten. Da kommen die Unterrichtsthemen oft ganz von selbst zu den Lernenden. Wenn Martin Zelenka zum Beispiel gerade mit den Kindern Mathe macht und plötzlich schauen alle nach oben, weil da ein Falke rüttelt, dann wechselt er einfach zum Thema „Baumfalke“, denn das interessiert die Kinder in diesem Moment am meisten. An dieser Stelle sei zumindest für Fauna-Themen auf das Aktionshandbuch „Tiere live“ hingewiesen: Es liefert einen ganzen Pool von Unterrichtsideen und kann auf der Website der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege bestellt oder in Teilen heruntergeladen werden.

Für Lehrkräfte heißt es also öfter auch mal, vom Geplanten abzuweichen und spontan auf etwas einzugehen, auf das man nicht vorbereitet ist. Das ist vielleicht nicht immer einfach, doch diese Flexibilität hat auch ihr Gutes, wie Lehrkräfte der Grundschule Glücksburg erfahren haben. In dieser Schule in Schleswig Holstein geht seit der Pandemie jede Klasse für einen Unterrichtstag pro Woche „an den Waldrand, den Strand oder in den Park“. Anfangs befürchteten die Lehrkräfte, nicht „alle vorgesehenen Lerninhalte schaffen“ zu können, doch das war unbegründet: „Wir sind oft erstaunt, hinter wie viele Themen wir nach einem Vormittag gedanklich ein Häkchen setzen können“, sagt Schulleiterin Meike Thiermann. Zwar sei es „eine Herausforderung“, den Stoff mit dem zu vermitteln, was „der Wald, das Meer oder die Stadt hergeben“, aber man wachse mehr und mehr hinein und besonders auch der Ideenaustausch sei wichtig.

Mit Kopf, Herz und Hand in variablen Settings lernen

Seit Jahren sammelt der Schweinfurter Gymnasiallehrer Oliver Kunkel Erfahrung im praktischen Draußen-Unterricht mit Kindern und Jugendlichen und kombiniert es mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen und Ergebnissen skandinavischer Studien zum Draußenlernen, die im Grunde Pestalozzis pädagogisches Motto („Lernen mit Kopf, Herz und Hand“) bestätigen: Kinder lernen im Freien besonders effektiv, weil sie nicht nur rein-kognitiv, sondern mit allen Sinnen lernen und auch die Gefühlsebene dabei angesprochen wird.

Das große natürliche Potenzial des Draußenlernens entfaltet sich besonders durch die sehr variablen Settings, die dort möglich sind, wie Oliver Kunkel in einer „kleinen Handreichung“ zum Draußenunterricht ausführt:

  • „Lehrplanstoff wechselt mit außerdidaktischen Übungen und Spielen.
  • Fokussierung wechselt mit Bewegung und Entspannung.
  • Gemeinschaft wechselt mit individuellen Lernräumen.
  • Gespräch wechselt mit selbständigem Arbeiten“ (ebd., S. 1).

Diese vier Grundsätze sind auch die Basis für die positiven Effekte des Draußen-Lernens auf die Kinder als Person und auf ihre Lern-Performance.

Messbare positive Effekte

Die positiven Effekte auf das Lernen und das Arbeits- und Sozialverhalten der Kinder wird sowohl durch die Beobachtungen der Outdoor-Pädagogen und -Pädagoginnen bestätigt als auch durch Studien dazu: So fand etwa ein Kopenhagener Forschungsteam um Prof. Peter Bentsen, dass sich Kinder im Freien lieber anstrengen und lernen als drinnen. Sie könnten sich besser konzentrieren und Ihre Motivation bleibe nicht nur über den Schultag stabil, sondern über das gesamte Schulleben (!) (vgl. dazu: Bericht über die Wald-Sommerförderwoche 2021, die Oliver Kunkel zusammen mit dem Bayerischen Elternverband im Rahmen des Aufholprogramms nach Corona mit Kindern und Jugendlichen verschiedener Schularten veranstaltete).

Bei der abschließenden Befragung nach der Wald-Sommerförderwoche zeigte sich, dass auch die Kinder sich „besonders wohl gefühlt“ hatten. Sie gaben an, „deutlich weniger Angst gehabt“ zu haben, „etwas zu sagen und ausgelacht zu werden“ und wären sich nicht „so dumm“ vorgekommen, „wenn andere besser waren“ (ebd.). Andere – auch die Lehrkräfte – um Hilfe zu bitten, fiel ihnen nicht nur viel leichter, es bereitete ihnen sogar „Freude“. Und wenn die Lehrer sie ansprachen, hatten sie „wesentlich weniger Herzklopfen“. Letzteres ist ein wirklich bemerkenswerter Aspekt auch für den Drinnen-Unterricht: Oder hätten Sie es für möglich gehalten, dass Schüler und Schülerinnen mit Lernlücken quasi normalerweise physische Symptome von Angst erleben, wenn Sie als Lehrkraft sie auch nur ansprechen?

Das „innere Bild“ hilft beim Lernen 

„Das ‚innere Bild‘ ist die wichtige Brücke zum Verstehen und Merken“, so Oliver Kunkels Überzeugung. Und ein solches inneres Bild entsteht besonders im Unterricht in der Draußenschule: „Da kommen Bewegung, viele schöne Sinneseindrücke, Emotion, Aktivität, Möglichkeiten zum Anfassen und Ausprobieren, natürliches Anschauungs- und Werkmaterial zusammen“, so beschreibt es der Bayerische Landeselternverband in seiner „Praktischen Einführung Draußenschule“. Hinzu kommt noch „viel Platz, Ruhe, natürliches Licht und frische Luft“. Kurzum: Im Wald gibt es „die besten Lernbedingungen“ und einen fruchtbaren Boden für das Entstehen lernförderlicher „innerer Bilder“.

Wie fördern Sie als Lehrkraft die Entstehung innerer Bilder? Ein paar Beispiele dazu: Wenn die Kinder etwa im Englisch- oder auch DaZ-Unterricht die verschiedenen Zeiten lernen, verbinden sie den Gebrauch der Zeitformen mit Gesten: die Gegenwartsform, indem sie auf einen vorhandenen Gegenstand oder eine gerade stattfindende Situation deuten, die Vergangenheitsform, indem sie nach hinten blicken, Futur-I-Konstruktionen, indem sie nach vorne zeigen und sehen. Jede Zeitform ist mit einer Geste verbunden und wird als Bild verinnerlicht.

Innere Bilder lassen sich am besten dadurch erzeugen, dass Inhalte sinnlich dargestellt werden, wie Oliver Kunkel in der oben verlinkten „kleinen Handreichung“ erläutert (ebd., S. 2): Statt einem Tafelanschrieb erstellen die Kinder dann zum Beispiel „Collagen oder Legebilder in der Mitte des Schülerkreises“. Lehrkräfte und Schüler/-innen „können sich erläuternd in den Collagen bewegen und damit ihre Gedanken darin verorten“, so Kunkel (ebd.) 

In Mathematik oder anderen (naturwissenschaftlichen) Fächern können „etwa auf weißen Decken mit Stiften, aber auch mit haptisch erfahrbaren Naturmaterialien – Stöckchen, Zapfen und Blättern – zum Beispiel Rechnungen, Diagramme und Spiegelungen gelegt und besprochen werden“, schreibt Oliver Kunkel in seinem Buch „Neugier entfesseln!“ (hier ein Ausschnitt daraus auf der Website des Bayerischen Elternverbandes).

Das Draußenschul-Repertoire erweitern 

Wer in puncto Methodik und Didaktik des Draußenlernens die Augen und Ohren offen hält und sich möglichst mit Gleichgesinnten vernetzt, wird sicherlich irgendwann auch Oliver Kunkels Überzeugung teilen: „Jeder Inhalt lässt sich draußen unterrichten!“

Und wenn Sie Ihren Ideen-Pool erweitern möchten, holen Sie doch einfach die Kinder ins Boot: Wäre das nicht eine spannende Aufgabe für sie, sich zum Beispiel Bewegungsspiele zum Siebener-Einmaleins zu überlegen? Oder Englisch- oder Daz-Vokabeln mit sprechenden Bildern zu verbinden? Der Fantasie und den Möglichkeiten im sommerlichen Waldklassenzimmer sind keine Grenzen gesetzt.

Martina Niekrawietz


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