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Demokratieverständnis

Drei Praxisbausteine für die Demokratiebildung im Unterricht

Lebensnaher Unterricht ist besonders im politischen und gesellschaftlichen Unterricht relevant. Warum dies so wichtig ist und wie es in der Praxis funktionieren kann, soll dieser Beitrag zeigen.

Demokratieverständnis: Drei Praxisbausteine für die Demokratiebildung im Unterricht Das Thema Demokratie im Unterricht © tima-miroshnichenko - pexels.com

Veröffentlicht am 12.09.2023 – Schülerinnen und Schüler begeistern sich oft nicht für politische Themen, die von ihnen oft als trocken und lebensfern abgestempelt werden. Häufig fehlt den Schülerinnen und Schülern der persönliche, aktuelle Lebensbezug. Zudem bringen die Jugendlichen bereits politische Vorerfahrungen mit, die es im Unterricht aufzugreifen gilt: Meinungen, die zu Hause am Mittagstisch kundgetan werden, Sprüche anderer Jugendlicher in der Clique, Plakatwerbung gerade zu Wahlzeiten, denen man nicht aus dem Weg gehen kann.

Politische Themen sind als Unterrichtsinhalte herausfordernd. Oft schwingt die Besorgnis der Lehrkräfte mit, die eigene Meinung  - wenn auch unterschwellig – in den Unterricht einfließen zu lassen, nicht genügend Neutralität gegenüber abweichenden Schülermeinungen zu zeigen.

Das so bedeutsame Thema „Demokratiebildung“ muss in allen Jahrgängen aufgegriffen werden. Ziel ist es, die Heranwachsenden mit Sachwissen vertraut zu machen, ihnen die eigenen Beteiligungs- und Handlungsmöglichkeiten zu verdeutlichen und sie zu befähigen, auch andere als die eigene Meinung akzeptieren zu können.

Die verschiedenen Aspekte der Demokratiebildung sind umfangreich: Nahezu alle Themengebiete im Bereich des sozialen Lernens sind zugleich Bausteine des politischen Kompetenzerwerbs. Wer seine und die Stärken und Schwächen anderer akzeptiert, wer befreundet ist mit Gleichaltrigen, die eine andere Religion gewählt haben, wer respektvoll und tolerant gegenüber anderen Jugendlichen ist, der verfügt über eine gute Basis für demokratisches Handeln.

Demokratie in der Unterrichtspraxis

Diese drei Praxisbausteine können in den unterschiedlichen Jahrgängen umgesetzt werden:

1. Informationsbeschaffung üben

Kinder und Jugendliche werden täglich von einer Vielzahl von Informationen überflutet. Über Handy, TV, Internet und eine Vielzahl von Social-Media-Kanälen erhalten sie Input, der sich in der Menge kaum erfassen lässt. Nicht mal mit einem Bruchteil der Informationen können sich die Schülerinnen und Schüler auseinandersetzen, bevor schon die nächste Informationsflut anrollt. Dabei fällt zunehmend auf, dass viele Jugendliche ein großes Wissen über die von ihnen bewunderten Influencer haben, nicht aber die wirklich relevanten tagesaktuellen Nachrichten verfolgt haben.

Obwohl Projekte wie „Zeitung im Unterricht“ noch immer ihre Berechtigung haben, wirkt dieses Medium oft überholt – bis die gedruckte Zeitung in die Schule geliefert wird, haben sich schon viele andere Dinge ereignet. Wie wäre ein tägliches Nachrichten-Update im Rahmen des Unterrichts? Viele Klassenräume verfügen über Smartboards, Schulen sind mit IPads und Laptops ausgestattet, da sollte der Zugriff auf Informationen kein Problem mehr sein.

Auf die Auswahl des Nachrichtendienstes kommt es an. Die Jugendlichen sind immer häufiger gefordert, sogenannte Fake-News von „echten“ Informationen zu unterscheiden. Wie sollen sie dies lernen, wenn ihnen dabei nicht im Unterricht geholfen wird? Es gilt also, Informationen zu hinterfragen, Quellen als verlässlich einschätzen zu lernen. Der Bewertung von Informationen und der Einordnung in bereits vorhandenes Sachwissen kommt große Bedeutung zu.

Nicht nur für die jüngeren Jahrgänge empfiehlt sich als Format die tägliche Sendung LOGO! des Kinderkanals KIKA, deren Nachrichten anschaulich aufbereitet werden und sich auf aktuelle weltpolitische Themen beziehen. Natürlich sind die Sendungen auch rückgreifend im Internet abrufbar.

2. Richtig streiten lernen

Politische Diskussionen leben von verschiedenen Meinungen, die es darzulegen gilt. Nicht immer ist es einfach für Erwachsene zu akzeptieren, was andere sagen, was andere denken. Das geht Kindern und Jugendlichen genauso. Hier ist es Aufgabe des Unterrichts, schon früh zu einer Diskussions- und auch Streitkultur zu erziehen, die sich im Rahmen von Respekt und Akzeptanz dem Anderen gegenüber bewegt. Nur wer dies schon im Heranwachsendenalter gelernt hat, wird dies auch als Erwachsener können.

Wie also streitet man richtig? Keinesfalls ist es Aufgabe des Unterrichts, Ja-Sager zu erziehen. Gerade im Gegenteil, das Bilden einer eigenen Meinung, das Vertreten dieser gelten als wichtige Elemente der Persönlichkeitsentwicklung.

Gut recherchierte Informationen bilden die Grundlage einer eigenen Meinung. Nur, wenn Sachwissen vorhanden ist, kann eine Meinung fundiert gebildet werden. Diese gilt es darlegen und erklären zu können. Aspekte der Diskussionskultur sind darüber hinaus auch zuhören können, den anderen ausreden lassen, sich auf andere und ihre Aussagen beziehen, nachfragen können. Der Änderung der eigenen Meinung oder dem Bilden eines Kompromisses kommt ebenfalls Bedeutung zu. Dies muss im Unterricht und in Gesprächen geübt werden. Dazu eigenen sich kleine Übungsthemen, die an das Alter und die Lebenswelt der Schüler angepasst werden. Im fächerübergreifenden Arbeiten können Erörterungen des Deutschunterrichts als schriftliche Arbeit mit Gesprächsführung im politischen Lernbereich verknüpft werden. Als Themen eigenen sich beispielsweise Fragen nach Tierhaltung im Zoo oder zum Besuch von Zirkussen, aber auch Fragen zum Themenbereich ‚Für und Wider zu Schuluniformen‘ bieten Diskussionspotential.

3. Mitwirkungsmöglichkeiten nutzen: Schülerrat & Co.

An den meisten Schulen gibt es Schülerräte. Jährlich werden Schülerinnen und Schüler durch die Schülerschaft gewählt, die den Schülerrat bilden.

Gut, wenn es in den Schulen dazu klare Regularien und Zeitpläne gibt. Eine Lehrkraft kann die Arbeit des Schülerrates unterstützen.

Den Schülerinnen und Schülern, die im Schülerrat mitarbeiten, ist die Bedeutsamkeit ihrer Arbeit oft klar, deshalb haben sie sich ja entschieden, für den Schülerrat zu kandidieren. Den anderen Jugendlichen dagegen erscheint der Schülerrat oft als zusätzliche Arbeitsgruppe, mit der man sich nicht belasten sollte. Hier ist es Aufgabe des Unterrichts, allen Schülerinnen und Schülern zu verdeutlichen, um welche Fragen und Probleme der Schülerschaft sich der Schülerrat kümmern sollte. Gibt es Vorschläge zur Anschaffung von Freizeit- und Pausenmaterial, beispielsweise wünschen sich einige eine Tischtennisplatte für den Pausenhof? Der Schülerrat ist das beste Gremium, um dieses zu initiieren. Die Schüler erleben direkt, wie ihre Wünsche besprochen werden und darüber abgestimmt wird. Wird gut argumentiert und findet sich eine genügend große Menge an Unterstützern, dann kann über den Schülerrat oder die Schülersprecher dieser Wunsch an die Schulleitung weitergegeben werden und im besten Fall steht schon bald eine Tischtennisplatte zur Verfügung.

Die Schülerinnen und Schüler der Schule erleben ganz konkret durch die Arbeit des Schülerrates, wie sich Wünsche auf der politischen Ebene formulieren, diskutieren und umsetzen lassen.

Projektvorschläge: Simulationen und jährlicher Wettbewerb zur politischen Bildung

Ein etwas aufwändigeres Verfahren zum direkten Erleben politischen Geschehens ist eine Simulation. Hier kann im Rahmen einer Klasse oder eines Jahrgangs für einen konkreten Zeitabschnitt eine gut überlegte Situation geschaffen werden, in der die Schülerinnen und Schüler die Wirkungen ihres Handels direkt erleben und daraus Rückschlüsse ziehen. Das Verfahren an sich ist aus Börsenplanspielen bekannt. Mögliche Themen sind vielfältig, aber gelegentlich auch sehr anspruchsvoll. Hier kommt es darauf an, ein passendes Thema zur jeweiligen Schülergruppe zu kreieren. Wie wäre es mit einem Volksentscheid zu einem regionalen Thema? Wurde im Stadtteil über den Bau einer Skater-Anlage gesprochen, steht die Schließung des Schwimmbades in der Nachbarstadt zur Debatte? Vorbereitend kann recherchiert werden, fiktive Interviews können geführt werden, Nachrichten werden verfasst und hängen an der Pinnwand aus oder werden in einer fiktiven Radiosendung zu Gehör gebracht. Abschließend wird ein Volksentscheid – hier also in der Gruppe der Schülerinnen und Schüler – durchgeführt. Wie hat sich die Nachrichtengestaltung auf die Entscheidungsfindung ausgewirkt? Wie sehr haben die Charaktere der jeweiligen Interessenvertreter die Meinungsbildung beeinflusst? All‘ dies gilt es im Rückblick zu bewerten.

Jährlich wird von der Bundeszentrale für politische Bildung ein Wettbewerb ausgeschrieben, an denen sich Schulklassen oder Kursgruppen beteiligen können. Zur Auswahl stehen verschiedene Themen, die zwei Altersgruppen zugeordnet sind. Für das Einreichen eines Beitrages, der bestimmten Kriterien entsprechen muss, stehen mehrere Monate Zeit zur Verfügung. Die Teilnahme am Wettbewerb setzt eine Online-Anmeldung durch eine Lehrkraft voraus. Der Wettbewerb ist eine äußerst spannende Form des Lernens und endet mit mindestens einer Urkunde für alle Teilnehmer, Preise gibt es natürlich auch.

Die Beschäftigung mit politischen Themen ist ein herausforderndes Gebiet, das die Persönlichkeitsbildung der Schülerinnen und Schüler unterstützt und sie dazu befähigt, im Erwachsenenalter als Personen zu agieren, die die Werte der Demokratie vertreten.

Ulrike Zerbst


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