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Förderschwerpunkt Sehen

Orientierung und Mobilität bei Kindern mit Sehbehinderung fördern

Schüler, die nicht oder nur wenig sehen können, müssen lernen, sich selbstständig im öffentlichen Raum zu orientieren. Neben einem individuellen Training kann auch Schule sie dabei unterstützen.

Förderschwerpunkt Sehen: Orientierung und Mobilität bei Kindern mit Sehbehinderung fördern Markierungen auf Wegen und Straßen helfen Sehbehinderten, sich im Raum zu orientieren © miss mafalda - Fotolia.com

„Darf ich Ihnen über die Straße helfen?“ — diesen Satz verbinden wir fast schon archetypisch mit dem Bild einer offenkundig sehbehinderten/blinden Person, die mit dem Blindenstock am Straßenrand steht. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Ihre Hilfe nicht benötigt wird, denn es ist stark davon auszugehen, dass die Menschen mit einer Sehbehinderung, die sich selbstständig im öffentlichen Raum bewegen, einen höchst souveränen Grad an Unabhängigkeit erreicht haben und sich in der Regel sehr gut zurechtfinden.

Die Voraussetzungen für Mobilität sind Bewegungsfreiheit, Orientierungsvermögen und die Einsicht in Umweltkonzepte. Das bedeutet, dass im kognitiven Vorgang der Orientierung alle zur Verfügung stehenden Sinnesinformationen genutzt und angewendet werden. Erfahrungswerte wie auch Erinnerung helfen dabei. Die Einschätzung der eigenen Person im Raum macht dann eine zielgerichtete Bewegung möglich.

Spezielles individuelles Einzeltraining

Schüler mit einer Sehbehinderung lernen in einem speziellen Orientierungs- und Mobilitätstraining diese unverzichtbaren Verhaltensweisen und Techniken, die zu einer sicheren und möglichst selbstständigen Fortbewegung führen. Ausgebildete Mobilitätstrainer bieten hierzu individuelles Einzeltraining an. Neben dem Basistraining erlernen Schüler die Stocktechniken sowie die Orientierung im öffentlichen Raum. Der Mobile Sonderpädagogische Dienst für den Förderschwerpunkt Sehen bzw. die örtliche Beratungsstelle hilft mit Informationen, Kontakten und Begleitschulung weiter.

Was können wir in der Schule darüber hinaus tun, um Schüler mit einer Sehbehinderung hinsichtlich ihrer Mobilität zu unterstützen? Besonders in inklusiven Settings ist es wichtig, die je individuelle Sinneseinschränkung möglichst gut kennenzulernen. Die Formen, Ursachen und Ausprägungen von unterschiedlichen Sehbehinderungen sind äußerst verschieden. Es bedarf unbedingt der fachlichen Beratung, um zu erfahren, welche Maßnahmen für welches Erscheinungsbild sinnvoll sind.

Literatur zum Thema:

Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung ISB: Mobilität und lebenspraktische Fertigkeiten im Unterricht mit sehgeschädigten Kindern und Jugendlichen, Würzburg 2000.

Entwicklung von Orientierung und Mobilität fördern

Mobilität umfasst die möglichst unabhängige, sichere und zielgerichtete Bewegung in der Umwelt. Dies betrifft sehr stark den motorischen Aspekt der freien Fortbewegung. Mit den folgenden Förderbereichen können wir die Entwicklung von Orientierung und Mobilität unterstützen:

  • Körperschema entwickeln: Die Schüler lernen grundlegende Begriffe zum Körperschema kennen und werden mit den Körperteilen vertraut. Hier helfen spielerische Übungen wie Fang-den-Hut, Berührungsspiele, Wahrnehmungsübungen mit Sandsäckchen, Bewegungslieder mit Körperteilen usw.
  • Eigenbewegungen der Körperteile erfassen: Die Schüler lernen Begriffe und die dazugehörige Bewegung, zum Beispiel Beugen — Strecken, Heben — Senken, Drehen — Schwingen usw. Dies kann besonders gut im Sportunterricht oder in der rhythmischen Erziehung geübt werden.
  • Bewegungsrichtungen und Positionsbegriffe erlernen: Die Schüler können die Bewegungsrichtungen an sich selbst und in der Bewegung umsetzen, zum Beispiel vorn/ hinten/ links/rechts/oben/unten. Sie vollziehen die Bewegungsrichtungen nach, zum Beispiel vorwärts/rückwärts/seitwärts oder auf/ab/abwärts. Die Zuordnung von Positionen verlangt das In-Beziehung-Setzen von sich zu einem Gegenstand, zum Beispiel an/bei/neben/davor/dahinter/danach oder die Mitte finden. Hier helfen akustische und taktile Angebote zur Verdeutlichung.
  • Raumvorstellung, Formen und Maße: Der Schüler erlernt spielerisch die Begriffe zu den Formen kennen, zum Beispiel Gerade, Kante, Ecke, Kurve, Kreuz bzw. Viereck, Dreieck, Kreis usw. Diese werden in der Umwelt dann wiederentdeckt. Auch in diesem Feld sind Positionsbegriffe anwendbar, zum Beispiel innerhalb/dahinter/parallel/diagonal/waagerecht usw. Auch Maße wie ein Fuß breit/ein Daumen breit oder nah/ weit/fern/eng/groß/schnell/langsam bedürfen der individuellen Erfahrung. Sie können akustisch oder auch zeitlich eingeschätzt werden, beispielsweise: Wie lange braucht der Ball, um an die Wand zu schlagen? Wann höre ich die Kegel umfallen?

Diese Positionsbegriffe sind sehr wesentlich für die spätere Entwicklung einer geistigen Landkarte und bedürfen sorgfältiger Erarbeitung.

Strategien entwickeln, sich selbstständig zurechtzufinden

Eine grundlegende Orientierungshilfe beinhaltet auch die Entwicklung von Strategien, um sich selbstsicher in der Umgebung bewegen zu können. Dies geht über den motorischen Aspekt hinaus, denn die sozial-emotionale Komponente von Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und Neugier auf die Mitmenschen wie auch Mitwelt kommt hinzu. Es hilft nicht, wenn gerade in inklusiven Settings ein lückenloses Unterstützungsnetz installiert, jedoch die Entwicklung der eigenen Strategien nicht systematisch vorangetrieben wird.

Eine wirkungsvolle Strategie ist es, markante Punkte zu finden. Der Schüler lernt, diese Punkte zu finden und sich zu merken, zum Beispiel auf dem Weg in die Turnhalle/auf den Pausenhof. Ein markanter Punkt stellt ein unveränderliches Merkmal dar, das leicht zu identifizieren ist und nicht zeitlich begrenzt existiert, z. B. Schiebetür/Lichtschalter/die einzelne Stufe usw. Um von einem zum nächsten markanten Punkt zu gelangen, lernt der Schüler, sich nach und nach eine „geistige Landkarte“ aufzubauen. Die Reihenfolge der markanten Punkte wie auch die Bewegung des eigenen Körpers in diesem Feld spielen dabei eine wichtige Rolle. Immer besser lernt der Schüler, sich dann in seinem gewohnten Feld zu bewegen. Der Hilfebedarf kann wesentlich abnehmen, der Schüler bewegt sich kompetent und selbstständig.

Claudia Omonsky

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