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Empfehlungen für die Praxis

Aufholen nach Corona: Das raten Experten

Lernlücken nach Corona schließen und in der sozial-emotionalen Entwicklung aufholen – das ist in Grundschulen das Gebot der Stunde. Eine von der KMK beauftragte Expertenkommission zeigt, wie das in der Praxis funktioniert.

Empfehlungen für die Praxis: Aufholen nach Corona: Das raten Experten So unterstützen Sie als Lehrkraft © Monkey Business - stock.adobe.com

Für viele Schüler/-innen heißt es im Schuljahr 2021/2022 erst einmal, die pandemiebedingten Lernlücken zu schließen. Nicht nur in Deutsch und Mathemathik, sondern auch in puncto sozial-emotionale Entwicklung. Doch wo sollten Sie als Lehrkraft dabei ansetzen? Welche Kinder besonders in den Blick nehmen? Und woher soll die Zeit dafür kommen? Erste Antworten und Impulse dazu finden sich in den Empfehlungen der „Ständigen wissenschaftlichen Kommission der KMK“ (StäwiKo), die am 11. Juni 2021 veröffentlicht wurden. Für Lehrkräfte und Schulen geben die Praxis-Tipps und wissenschaftlich fundierten Vorschläge der Expertenkommission Orientierung für die Planung der Förderung in den kommenden beiden Schuljahren. 

Die knappen Mittel zielgerichtet einsetzen

Zwei Milliarden Fördergelder für alle deutschen Schülerinnen und Schüler – das ist nicht viel: In Deutschland leben 15,3 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 19 Jahren. Benötigt auch nur ein Drittel von ihnen finanzielle Zuwendungen aus dem Aufholprogramm, so gibt es gerade einmal 645 € pro Kopf, rechnen die Experten vor (Empfehlungen, S. 1). 

Damit ist sofort klar, dass die Verteilung der Gelder nach dem Gießkannenprinzip nur ein Tropfen auf den heißen Stein wäre. Wer die Mittel sinnvoll einsetzen möchte, muss fokussieren, und die Expertenkommission sagt auch genau, worauf:

  • „auf besonders betroffene Gruppen (...)
  • auf Übergangsphasen im Bildungsverlauf“ und
  • „auf Basiskompetenzen“ (ebd., S. 4 f.).

Besonders betroffene Kinder ermitteln

Welche Kinder haben einen erhöhten Unterstützungsbedarf? Diese Frage beantworten die Experten mit Hilfe aktueller Forschungsergebnisse (ebd., S. 5 ff.):
Es sind dies Kinder, die

  • „die schulischen Mindestanforderungen in den sprachlichen und mathematischen Basiskompetenzbereichen nicht erreichen“ oder
  • die sonderpädagogischen Förderbedarf haben.
  • Oft stammen sie aus „benachteiligten sozialen Kontexten“ und lernen an Schulen „in benachteiligten sozialräumlichen Kontexten“.
  • Sie bekommen zu Hause weniger Unterstützung,
  • haben sprachliche Verständnisschwierigkeiten und
  • sie verfügen nicht über „selbstregulative und metakognitive Strukturen“, die doch für selbstverantwortliches Lernen zu Hause so wichtig sind.

Von zentraler Bedeutung ist es in erster Linie, dass die Schulen sicherstellen, dass dann die Kinder „mit identifiziertem Förderbedarf auch an den Unterstützungsangeboten teilnehmen.“ Um das zu gewährleisten, empfehlen die Experten/Expertinnen „Beratungsgespräche mit den Eltern“ um die „Teilnahmebereitschaft [zu] erhöhen“ (ebd., S. 7). Und noch ein Praxistipp der StäwiKo: Bei den unterstützenden Maßnahmen sollten „systematische Lernförderung“ und „psychosoziale Unterstützung verzahnt werden“ (ebd.).  Das darf für Sie als Lehrkraft natürlich nicht bedeuten, dass Sie auch dafür die alleinige Verantwortung tragen;: Der Bund unterstützt mit 220 Millionen „mehr Schulsozialarbeit und Freiwilligendienste in Schulen“ (vgl. dazu Annette Kuhns Artikel auf der Website des Deutschen Schulportals: „Wie lassen sich Lernrückstände aufholen?“)

Bildungsübergänge – eine besondere Herausforderung

Besonders sollten Lehrkräfte und Schulen die Kinder an den Übergängen in den Blick nehmen: Das sind zunächst die Kinder der ersten und vierten Klasse, in Berlin und Brandenburg sind es die Sechstklässler/-innen.

Beim Übertritt in die Grundschule etwa sind durch instabile Betreuungssettings (Schließungen) und Kontaktbeschränkungen „Einbußen in der sozio-emotionalen Entwicklung“ entstanden, besonders auch bei Einzelkindern (ebd., S. 8 ff.). So wird eine „relevante Gruppe“ von Kindern, die im Schuljahr 21/22 eingeschult werden, „besonderen Förderbedarf in der sozio-emotionalen und kognitiv-sprachlichen-mathematischen Entwicklung haben“. Die Experten halten 

  • eine „frühzeitige Kompensation“ für „wünschenswert“, 
  • genauso wie eine „umfassende Diagnostik in sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten sowie in der Selbstregulation“ und
  • eine Sensibilität für sozio-emotionale Probleme.
  • Darüber hinaus schlagen die Wissenschaftler vor, zusätzliche Förderangebote im sprachlich-mathematischen und sozio-emotionalen Bereich zu implementieren. (ebd.)

Bei den Erstklässler/-innen, die im Schuljahr 2021/2022 eingeschult werden, wird eine „relevante Gruppe (...) besonderen Förderbedarf in der sozio-emotionalen und kognitiv-sprachlichen-mathematischen Entwicklung haben“, prognostizieren die Experten/Expertinnen. Deshalb ist hier eine „umfassende Diagnostik“ in Deutsch, Mathematik und auch „in der Selbstregulation“ ratsam. Auch für „sozio-emotionale Probleme“ sollte die Lehrkraft sensibel sein. (Ebd.)

Übergang in weiterführende Schulen frustfrei gestalten

Übergangsprognosen (vgl. dazu: Empfehlungen der StäwiKo., S. 9 f.) sind voraussichtlich derzeit „weniger valide“, da die Lehrkräfte weniger leistungs- und verhaltensbezogene Informationen über die Kinder haben – und weitergeben können. – Um hier unnötige Frustrationen zu vermeiden, könnte man etwas „Druck“ herausnehmen: Als Lehrkraft könnten Sie die besondere Situation in einem Gespräch mit Eltern und Kindern transparent machen. Kommunizieren Sie zum Beispiel, dass es ja kein Beinbruch ist, wenn man den Übergang verschiebt. Falls es ein Kind einfach „probieren“ möchte, antizipieren Sie, dass es womöglich nicht auf Anhieb gelingt und sprechen Sie mit Eltern und Kind darüber, ob die Frustrationstoleranz in dieser Situation groß genug wäre.

Fokus auf Basiskompetenzen 

Auch das ist eine klare Empfehlung der StäwiKo: Beim Aufholen der Lernlücken sollten die Kinder sich möglichst auf die basalen Kompetenzen konzentrieren, also auf Deutsch und Mathematik. Die Begründung der Experten: Hier gibt es „Domänen bzw. Kompetenzbereiche, ohne die ein erfolgreiches Weiterlernen in einer Vielzahl von Fächern nicht möglich ist“ (S. 12). Um die knappen zeitlichen und finanziellen Ressourcen für das Wesentliche zu nutzen, werden die Experten der StäwiKo hier auch noch konkreter: Für den Übergang in Sekundarstufe 1 sind insbesondere wichtig 

  1. „das Stellenwert- und Operationsverständnis bei natürlichen Zahlen in Mathematik sowie“
  2. „die Lese- und Schreibflüssigkeit in Deutsch“ (ebd.).

Dabei könnten „leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler“ sich hier zumindest basale Fähigkeiten „mit Selbstlernangeboten (...) erarbeiten“. Die „Risikogruppe“ hingegen benötigt nach Auffassung der Experten „stets auch die unterstütze Förderung in Kleingruppen, die persönliche Ansprache und das Feedback der Lehrperson“ (ebd.).

Für Deutsch und Mathematik nur forschungsbasierte Materialien 
Bei den Unterrichtsinhalten und -materialien setzen die Autoren/Autorinnen der StäwiKo auf wissenschaftlich erprobte Materialien, bei denen „informelle Diagnostik und Förderung systematisch ineinander“ greifen. Das ist bei folgenden Materialpools der Fall: 

  • „für Deutsch im Rahmen der Bund-Länder-Initiative BiSS - Bildung durch Sprache und Schrift 
  • und für Mathematik durch das Deutsche Zentrum für Lehrerbildung Mathematik (DZLM) für unterschiedliche Jahrgangsstufen

Der verlinkte Beitrag „Lesekompetenzen fördern“ unterstützt Sie dabei. Und der Artikel „Matheförderung: effektiv und zeitsparend“ führt Sie zu den Angeboten des DZLM und zu vielen weiteren Webadressen, die Sie bei der gezielten Matheförderung unterstützen. 
 

Martina Niekrawietz


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