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Teilleistungsstörungen

Begriffsvielfalt im Bereich LRS verstehen und nutzen

Sven, Marc, Kevin und Anna liegen in ihrer Rechtschreibleistung deutlich hinter ihren Klassenkameraden zurück, aber sie machen nicht alle die gleichen Fehler. Haben sie trotzdem alle das gleiche Problem, für das es nur verschiedene Namen gibt oder sind die Begriffe eine Abstufung je nach Schwierigkeitsgrad der Problematik? Hat Anna nur „Schwierigkeiten“, ist Kevin „schwach“, Marc „gestört“ und Sven als Legastheniker „beeinträchtigt“, „behindert“ oder gar „krank“?

Teilleistungsstörungen: Begriffsvielfalt im Bereich LRS verstehen und nutzen Die Begriffsvielfalt im Bereich LRS erschwert eine eindeutige Zuweisung von Fördermaßnahmen für Schüler © Dan Race - Fotolia.com

Leider verwenden Experten die unterschiedlichen Begriffe vor dem Hintergrund von ihren verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und von verschiedenen nachvollziehbaren Interessen.

Das Dilemma: Betroffene Schüler zwischen Pädagogik und Medizin

Schüler, die große Probleme beim Lesen und Rechtschreiben haben, und denen im pädagogischen Bereich Schule   - aus welchen Gründen auch immer -   nicht ausreichend geholfen wurde, werden von ihren Eltern im medizinischen Bereich dem Kinderarzt und oft auch einem Kinder- und Jugendtherapeuten vorgestellt.

Der Mediziner, dessen Aufgabe hier auf die Diagnose beschränkt ist, verfasst ein Gutachten über die Schwere der Problematik. Die Eltern wollen   - das ist gut nachvollziehbar -   mit diesem Gutachten mehr Hilfe für ihr Kind einfordern. Solche Hilfen gibt es grundsätzlich nur außerhalb des medizinischen Systems, und dabei innerhalb und außerhalb der Schule.

Außerhalb der Schule, wo die Lerntherapeuten eine nach § 35 a SGB VIII eine vom Jugendamt finanzierte Hilfe leisten können, hat das medizinische Gutachten keinerlei Rechtsanspruch auf Förderung zur Folge. Es ist nur ein Bestandteil des schriftlichen Antrags der Eltern, über den das jeweilige Jugendamt nach lokalen aktuellen Kriterien entscheidet.

Innerhalb der Schule, wo die Pädagogen in Bezug auf Lesen und Rechtschreiben die erste Hilfe leisten sollen, hat das medizinische Gutachten ebenfalls keinerlei Rechtsanspruch auf Förderung zur Folge. Es soll zur Kenntnis genommen werden. Eine schulinterne Diagnose (= Qualitative Fehleranalyse) soll Grundlage der schulinternen Förderung sein.
Innerhalb der Schule gelten die Verwaltungsvorschriften (VV) der Schulbehörden, in denen der grundsätzliche Rechtsanspruch auf Förderung klar festgeschrieben ist, z. T. sogar mit detaillierten Vorschlägen über Umfang, Inhalte und Methoden der Förderung.

Die Bildungsministerien der Bundesländer haben jedoch bisher für die schulinterne Umsetzung der VVs keinerlei Kontrolle und keine Evaluation eingerichtet. So findet die Umsetzung der Hilfen für die betroffenen Kinder in den Schulen sehr unterschiedlich und oft unbefriedigend statt.

Gerade diese unbefriedigende Umsetzung veranlasst dann die Eltern und Selbsthilfeverbände, hartnäckig die medizinischen Begriffe für die Problematik zu verwenden und immer wieder auf die Inhalte des Gutachtens zu verweisen, um die große Hilfsbedürftigkeit der betroffenen Kinder hervorzuheben und die notwendige schulinterne Förderung einzufordern.

Die Schulen, die oft schnell auf eine unzureichend spezialisierte Ausbildung der Lehrer sowie auf mangelnde personelle und zeitliche Ressourcen verweisen, verwenden ihrerseits nur die „harmlos“ klingenden pädagogischen Begriffe zur Problematik und suggerieren, dass sie mit der Problematik, die durch die medizinischen Begriffe benannt wird, in der Schule überfordert sind.

Was sagen die Experten aus dem medizinischen Bereich?

Grundlage der medizinischen Perspektive ist die „Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10)“. Für den Umgang mit diesen Störungen werden für die Ärzte konkrete Vorgaben in speziellen „Leitlinien zur Diagnostik und Therapie …“ beschrieben.

Im ICD-10 gibt es die Gruppe der „umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (F81.0)“ mit den spezifischen Beeinträchtigungen der Kinder beim Erlernen von Lesen, Rechtschreiben und Rechnen.

Die grundlegende Annahme der medizinischen Perspektive ist es, dass die wesentlichen Ursachen für diese genannten Beeinträchtigungen in Teilleistungsschwächen der Wahrnehmung, Motorik und/oder in Entwicklungsstörungen von Teilfunktionen des zentralen Nervensystems des Kindes liegen und dass weder das Kind noch die Erwachsenen in seinem Umfeld etwas dafür können.

Als entsprechende Konsequenz daraus werden sehr gravierende Beeinträchtigungen des Kindes einer Behinderung oder gar einer Krankheit gleichgesetzt, verbunden mit dem Recht des Kindes auf einen Nachteilsausgleich und auf eine Therapie, deren Kosten   - wie bei anderen Behinderungen oder Krankheiten auch - von der Gesellschaft solidarisch mitgetragen werden sollen.

Das ICD-10 verwendet nur den Begriff der „Lese- und Rechtschreib-Störung“.

Die Leitlinien differenzieren darüber hinaus zwischen

  • Lese-Rechtschreib-„Schwäche“ als ein zeitlich überschaubares Problem, falls ihre Ursachen auf eine mangelhafte Beschulung, auf eine psychische oder neurologische Erkrankung oder auf eine Sinnesbehinderung wie Schwerhörigkeit oder Sehbehinderung o. ä. zurückzuführen sind;
  • Lese-Rechtschreib-„Störung“, falls solche Ursachen nicht vorliegen und das Kind über eine ausreichende allgemeine Intelligenz verfügt. Diese Diskrepanzdefinition legt ein doppeltes Diskrepanzkriterium zugrunde: Die Lese-Rechtschreibleistung des Kindes muss deutlich niedriger sein erstens als die der Altersgruppe (PR < 10) und zweitens als die, die der IQ des Kindes erwarten lassen würde;
  • „Legasthenie“, falls die Lese-Rechtschreibstörung besonders gravierend ist. Dieser Begriff kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn das Kind wegen seiner Lernproblematik „von einer seelischen Behinderung bedroht“ ist und nach § 35a Abs. 1a SGB VIII die Kostenübernahme für eine außerschulische Lerntherapie beantragt wird. Das dafür notwendige Gutachten kann nur von einem Kinder- und Jugendpsychiater, also einem Mediziner, erstellt werden.

Was sagen die Experten aus dem pädagogischen Bereich?

Grundlage der pädagogischen Perspektive sind die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK), die bereits im Jahr 1978 die medizinisch geprägten Begriffe durch Lese-Rechtschreib-„Schwierigkeiten“ (LRS) ersetzt und in ihrem Beschluss  von 2003 bekräftigt hat.

Mit dem Begriff „Schüler mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben“ wird die Vorstellung einer umfassenden oder teilweisen „Behinderung“ ebenso abgelehnt wie der Anspruch auf Finanzierung von Therapien durch die Solidargemeinschaft (mit der Ausnahme im Fall von § 35 a).

Die Diskrepanzdefinition wird von der KMK ebenfalls generell abgelehnt: Der Lehrer muss alle betroffenen Kinder - ganz unabhängig von ihrer Intelligenz - in der Schule fördern.

Die grundlegende Annahme der pädagogischen Perspektive ist es, dass die wesentlichen Ursachen für die LRS nicht als eine im Kind liegende Schwäche, Behinderung oder Krankheit angesehen werden, sondern als beeinflussbare Entwicklungsverzögerungen und/oder als sonstige ungünstige, aber veränderbare äußere Faktoren. Damit werden die „besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben“ zu einem pädagogisch-didaktischen Problem, das mit pädagogischen Mitteln innerhalb der Schule zu bearbeiten ist.

Als Konsequenz daraus ist es nicht vorrangig eine Aufgabe für spezielle Therapeuten, sondern es wird vorrangig eine Aufgabe für die Schule, für alle betroffenen Schülerinnen und Schüler die Diagnose und die darauf aufbauende Beratung und Förderung durchzuführen.

Der Lehrer soll im Unterricht förderdiagnostische Beobachtungen zum Lesen und Schreiben vornehmen, die Beobachtungen auswerten, Förderpläne entwickeln und umsetzen, wobei die klasseninterne individuelle Förderung den anderen besonderen Fördermaßnahmen vorgezogen werden sollte.

Im Beschluss der KMK von 2003 wird die Pflicht aller Lehrer zur Förderung der Schüler mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben ausgedehnt bis zum Ende der 10.Klasse. Dieser Beschluss wurde von allen Bundesländern in Form von verbindlichen Verwaltungsvorschriften konkretisiert.

Zur Umsetzung der Beschlüsse der KMK zum Wohle jedes einzelnen betroffenen Kindes sind auf breiter Basis Fortbildungen für die Lehrkräfte und geeignete Materialien für den Einsatz im Schulalltag unverzichtbar.

Wo gibt es Übereinstimmungen bei den Experten?

Verwendete Literatur

ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). 10.Revision. German Modification Version 2013

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (Hg.): Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. 2.überarbeitete Auflage 2003, Deutscher Ärzte Verlag, Köln

Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2003

Es gibt eine weit gehende Übereinstimmung in Bezug auf die Vielfalt der Einflussfaktoren auf die Lese-Rechtschreibleistungen, Unterschiede gibt es in der Bedeutung, die den einzelnen Faktoren zugemessen wird.

Es gibt außerdem eine Übereinstimmung in der Notwendigkeit einer umfassenden Diagnose, deren zentraler Bestandteil eine differenzierte „qualitative Fehleranalyse“ der Rechtschreibleistungen des Schülers ist. Sie soll nicht nur deutlich machen, was das Kind bereits richtig macht und was es falsch macht, sondern auch warum es diese Fehler genau so macht. Bei dieser Suche nach den Ursachen werden sowohl medizinische als auch pädagogische Faktoren in den Blick genommen. Daraus ergibt sich immer eine individuelle und u. U. eine sehr vielfältige Kombination von Fördermaßnahmen.

Der Ausweg aus dem Dilemma: Betroffene Schüler unterstützt von Pädagogik und Medizin

Im ersten Schritt muss weggegangen werden von den Oberbegriffen zur Problematik des Lesens und Rechtschreibens und hingegangen werden zu den Unterbegriffen, die die vielfältigen Einflussfaktoren wie ein großes Mosaik sichtbar werden lassen und mit deren Hilfe die individuell notwendige Kombination von Hilfsmaßnahmen detailliert beschrieben werden kann.

Bei den Oberbegriffen erleben der pädagogische und der medizinische Bereich sich als sehr verschieden und die Verantwortung für die Lösung des Problems wird hin und her geschoben und der Schüler wird allein gelassen.

Bei den Unterbegriffen erleben beide Bereiche sowohl die großen Übereinstimmungen im Verständnis der Problematik als auch die gemeinsame Verantwortung für die Mosaiksteine der Lösung.

Im zweiten Schritt müssen alle einzelnen Einflussfaktoren nacheinander unter die Lupe genommen werden mit der Fragestellung, für welche Anteile des jeweiligen Faktors Fördermaßnahmen im pädagogischen Bereich der Schule und/oder im medizinischen Bereich stattfinden können.

Im dritten Schritt müssen die Bildungsministerien der Bundesländer eine Kontrolle und eine Evaluation für die schulinterne Umsetzung der VVs einrichten.

Insgesamt muss die Hilfe für die betroffenen Kinder in enger Koordination von pädagogischem und medizinischem Bereich ablaufen.

Karl Gajewski


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