Fach/Thema/Bereich wählen
ADHS

Grenzen und Möglichkeiten im Umgang mit hyperaktiven Kindern

Hyperaktive Schüler stehen sich oft selbst im Weg, weil sie ihre Affekte nicht kontrollieren können. Dabei werden sie von Mitschülern und Lehrern meist als störend empfunden. Gezielte Interventionen können helfen, ein positiveres (Lern-)Klima zu schaffen.

ADHS: Grenzen und Möglichkeiten im Umgang mit hyperaktiven Kindern Es hilft reizüberfluteten Schülern, sich zu fokussieren, wenn sie Kopfhörer erhalten, die vor Außengeräuschen abschirmen © aletia2011 - stock.adobe.com

„Mich mag ja keiner. Ich drehe immer durch und bin bekloppt. Ich weiß auch nicht, warum ich so bin.“ Die Aussagen einer neunjährigen Schülerin einer Grundschule in Duisburg. Wenn sie sich mal wieder nicht konzentrieren kann, dann kriecht sie während des Unterrichtes auf dem Boden. Sie ärgert die anderen Schüler oder wackelt mit ihrem Stuhl, bis sie umfällt. Ihre Leistungen lassen nach und die anderen Kinder möchten in den Pausen nichts mit ihr zu tun haben.

Viele Kinder fühlen sich hilflos und einsam. Zu anderen Kontakt aufzunehmen funktioniert nur in aggressiver Weise. Sie streiten sich ständig oder stören den Unterricht, um permanent auf sich aufmerksam zu machen. Für Lehrer ist die Situation in der Klasse äußerst anstrengend und die Mitschüler sind genervt. Die von Unruhe und Getriebensein betroffenen Kinder hingegen erleben fast täglich, dass sie nicht auszuhalten sind, dass sie stören oder Defizite haben. Ein Rad, das sich ständig weiterdreht.  

Wenn Kinder die genannten Auffälligkeiten in besonders ausgeprägtem Maße zeigen, sollten sich Eltern und Pädagogen über professionelle Hilfe Gedanken machen Allzu schnell werden diese Kinder als gestört bezeichnet und erhalten vom Hausarzt Medikamente. Sie sollten stattdessen über einen längeren Zeitraum (ca. sechs Monate) beobachtet und dann von einem Facharzt untersucht und getestet werden, um eine vorübergehende Entwicklungsstörung auszuschließen. Die Diagnose ADHS kann erst dann gestellt werden, wenn die Symptome zu einer deutlichen Beeinträchtigung im Leistungsbereich und im Sozialverhalten führen und das Kind darunter leidet.

Biologische und Umweltfaktoren spielen eine Rolle

„ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) zählt zu den am häufigsten diagnostizierten neuropsychischen Störungen der westlichen Welt.“ (Frankfurter Neue Presse 22.6.18). Es gibt allerdings unterschiedliche Ausprägungen dieser Störung.

Hyperaktivität ist nicht erst seit einiger Zeit bekannt und kein moderner Begriff. Sie ist eine Störung bzw. ein expansives Problem, das die betroffenen Kinder, aber auch deren Eltern und betreuende Personen, stark belasten kann. Eltern und Lehrer stoßen immer wieder an ihre Grenzen, weil sie hilflos sind und oft das Gefühl haben, in ihrer Erziehung zu versagen und auch weil ihre Geduld auf eine harte Probe gestellt wird. Die Symptome, die sich im Allgemeinen durch Sprunghaftigkeit, einen auffallend starken Bewegungsdrang, durch erhebliche Konzentrations- und Aufmerksamkeitsdefizite zeigen, sind im Alltag nur schwer zu bändigen — vor allem in einer Klassengemeinschaft. Auch fallen ADHS-Kinder anderen häufig ins Wort und haben einen hohen Redebedarf. Sie geraten deshalb schneller in Konflikte oder körperliche Auseinandersetzungen mit anderen. Es ist schwer zu verstehen, dass diese Kinder sich nicht aus Trotz oder Spaß so verhalten.

Über die Ursache von ADHS waren sich die Wissenschaftler lange nicht einig. Die bio-psychosoziale Ursachenhypothese, die auch von Manfred Döpfner (Psychologe und leitender Professor der Neurologie an der Universität Köln) formuliert wird, bezeichnet eine maßgebliche genetische Beteiligung. Ein Ungleichgewicht des Dopamin-Gehaltes im Gehirn spielt hierbei eine große Rolle. Gerald Hüther (Neurobiologe und Hirnforscher) hingegen spricht von primär psychosozialen Ursachenfaktoren für die Entstehung von ADHS- Symptomen. (vgl. Dazu ADHSpedia) Zusammengenommen spielen sowohl neurologische Faktoren als auch Umwelteinflüsse sicherlich eine Rolle.

Neuropsychologisch betrachtet gibt es Merkmale, die teilweise durch Testverfahren messbar sind. Dazu gehören eine motorische Überaktivität, die mangelnde Fähigkeit Handlungen zu planen, fehlende Impulskontrolle, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und Einschränkung des Arbeitsgedächtnisses. Diese Merkmale zeigen sich auch in der Schule mit all den bereits beschriebenen negativen Begleiterscheinungen.

Auf der anderen Seite haben die betroffenen Schüler ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit und Struktur. Auch zu viel Lärm oder zu starke Außenreize können sie kaum aushalten. In vielen Fällen kommt ein eingeschränktes Selbstwertgefühl hinzu. Bei vielen Schülern sind diese Merkmale bereits im Kindergartenalter zu beobachten.

ADHS bedeutet sowohl für den Betroffenen als auch für alle Beteiligten, wie Eltern, Pädagogen und Mitschüler, eine große Herausforderung. Ohne Unterstützung und professionelle Hilfe ist diese Störung schwer zu bewältigen.

Professionelle Unterstützung gegen die Hilflosigkeit

Wenn ein Schüler durch die entsprechenden Symptome auffällt, sollte der Lehrer oder Pädagoge den Eltern möglichst früh dazu raten, einen Kinderarzt aufzusuchen. Dieser kann den Eltern helfen, die richtige fachliche Beratung zu finden. Körperliche und neurologische Untersuchungen sowie psychologische Tests und eine Verhaltensbeobachtung des Kindes sind die Voraussetzung für eine richtige Diagnose. Ausgehend von dieser Diagnose sollte ein individuelles Therapiekonzept erstellt werden. Den meisten ADHS- Kindern hilft eine individuell abgestimmte multimodale Behandlung (ein Behandlungskonzept, das sich aus einer Kombination unterschiedlichster Bausteine, je nach individueller Symptomatik und Problematik des Kindes, zusammensetzt).

Voraussetzung für den Erfolg einer Behandlung ist allerdings auch eine Aufklärung der Eltern und aller beteiligten Pädagogen. In der Schule können unterstützende Begleitmaßnahmen in Absprache mit dem Schulpsychologen eingesetzt werden. Die Behandlung selbst findet in einer Praxis oder Klinik statt. Ziel einer Behandlung ist es, individuelle Ressourcen zu fördern, soziale Fähigkeiten auszubauen und eventuelle Begleitstörungen zu behandeln. Die innere Zerrissenheit und der Leidensdruck sind bei jedem Kind anders. Was die Betroffenen beunruhigt, muss individuell herausgefunden werden.
Verschiedene Therapieformen wie Verhaltenstherapie, Coaching, kreative Therapien oder psychosoziale Interventionen können eine Verbesserung erwirken. In mittelschweren und schweren Fällen wird Methylphenidat (Ritalin, Medikinet) verabreicht. Die Pharmakotherapie ist allerdings umstritten und die Medikamente haben etliche Nebenwirkungen. Manchen Kindern allerdings scheinen sie in Verbindung mit einer Verhaltenstherapie zu helfen.

Klarheit und Struktur sind gute Helfer in der Schule

Für Eltern und Lehrer ist es weniger anstrengend, mit einem hyperaktiven Kind zu arbeiten, das zeitgleich therapeutische Unterstützung erhält. Unabhängig davon gibt es Möglichkeiten, auch in der Schule erleichternde Rahmenbedingungen zu schaffen. Hyperaktive Kinder haben oftmals viele Ressourcen, die es herauszufinden gilt. Viele von ihnen sind kreativ und spontan, haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, sind hilfsbereit und schnell für eine Sache zu begeistern. Wenn man seinen Blick auf diese positiven Eigenschaften richtet, kann man ihnen mit einfühlendem Verstehen besser begegnen. Daher gilt es, Fähigkeiten aufzugreifen und in den Schulalltag zu integrieren. Das gelingt aber nur, wenn die Schule ein festes Gerüst zur Orientierung anbietet, denn hyperaktive Kinder brauchen Struktur und Ordnung. Ein geregelter Tagesablauf und ein aufgeräumter Arbeitsplatz sind besonders wichtig. Ein für sie eigens hergestellter und visualisierter Ablaufplan für jeden Schultag kann darüber hinaus helfen. Tägliche Rituale bringen schließlich Sicherheit.

Folgende Maßnahmen können helfen, den Schulalltag für alle Beteiligten zu erleichtern:

  • Um Vertrauen aufzubauen ist es unerlässlich, immer das einzuhalten, was man verspricht.
  • Da die Planungsfähigkeit sehr eingeschränkt ist, ist es günstig, einen längeren Handlungsablauf langsam und Schritt für Schritt zu erklären. Komplexe Aufgaben werden in einfache Einheiten unterteilt.
  • Arbeitsaufgaben und Anweisungen werden in kurzen, leichten Sätzen vermittelt.
  • Im nahen Arbeitsbereich des Kindes sollten nicht zu viele Anreize vorhanden sein. Hyperaktive Kinder können mit Reizüberflutung nicht umgehen.
  • Bei besonderer Lärmempfindlichkeit können Kopfhörer Abhilfe schaffen.
  • Ist der Tag mal wieder besonders unruhig, kann es diesen Kindern helfen, im Stehen oder an einem Stehtisch zu arbeiten.
  • Die Regeln, die es in dieser Klasse gibt, sollten deutlich beschrieben und visualisiert vorhanden sein. Am besten wird nur eine Regel pro Woche, dafür aber täglich, geübt.
  • Wichtig ist für hyperaktive Kinder, wenn sie sich in einer Gruppe gemeinsam um etwas kümmern können. In der Grundschule ist es vielleicht möglich, Meerschweinchen oder andere Kleintiere zu halten und zu pflegen. In der Sekundarstufe können ausgebildete Therapiehunde, die in die Schule kommen, dabei helfen, sich konzentriert einem Gegenüber zu widmen. Aufgaben für die Gemeinschaft, wie Tafel wischen, Blumen gießen, auf die Zeit achten etc., gehören ebenfalls dazu. Das Übernehmen von Verantwortung ist für jedes Kind und seine Entwicklung äußerst wichtig, besonders jedoch für Schüler mit der Diagnose ADHS.
  • Durch gezielte Förderung kann man das Verhalten positiv beeinflussen. Dabei helfen Spiele zur Konzentration, zur Förderung der Frustrationstoleranz oder Entspannungsreisen.
  • Tägliche Bewegungseinheiten und sportliches „Auspowern“ sind ebenfalls äußerst wichtig und notwendig.

Hyperaktive Kinder leiden darunter, dass sie nicht so sein können, wie sie sein sollen. Sie benötigen häufige positive Rückmeldungen und Wertschätzung. Wir können sie nicht heilen, da wir als Lehrer keine Therapeuten oder Ärzte sind. Wir können ihnen jedoch helfen, den Alltag leichter zu erleben und das Miteinander in der Schule positiver zu gestalten.

Ein entspanntes Lernklima ist für alle Schüler und Lehrer äußerst wichtig. Ein angemessener Umgang mit ADHS birgt die Chance, dass alle akzeptierend und rücksichtsvoll miteinander umgehen können und dass die betroffenen Schüler lernen, mit ihren Affekten umzugehen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.

Angela Hentschel

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Diagnostik und Förderung
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×