Fach/Thema/Bereich wählen
Schulzeitverkürzung

Hochbegabung: individuelle Lernwege fördern

Wie alle Begabungen, bedarf auch die kognitive Hochbegabung der besonderen Förderung. Bundesweit schreiben die Schulgesetze diese sogar vor. Neben der Berücksichtigung bei der Unterrichtsgestaltung sind Schulen dazu angehalten, flexibel auf die Schullaufbahngestaltung einzelner Schüler zu reagieren.

Schulzeitverkürzung: Hochbegabung: individuelle Lernwege fördern Der Lernaufwand, Unterrichtsinhalte nach dem Überspringen nachzuholen, ist für Hochbegabte geringer © Andrey Kiselev - Fotolia.com

Fiel das Augenmerk der individuellen Förderung lange Jahre auf die schwächer begabten Schüler, haben die Schul- und Kultusministerien inzwischen die Notwendigkeit der Förderung auch derjenigen mit herausragender Intelligenz erkannt.

Ministerien und Bezirksregierungen haben bereits zahlreiche Modelle zur speziellen Förderung hochbegabter Schüler entwickelt. Bei der Umsetzung dieser Konzepte lassen sich zwei Optionen für Schulen unterscheiden:

Ein Modell verfolgt das Ziel, das Lernen der Schüler im eigentlichen Unterricht mit speziellen Angeboten zu vertiefen. Der Lehrer arbeitet mit differenziertem Material und versucht, auf jeden Schüler individuell einzugehen.

Das andere Konzept besteht aus Fördermaßnahmen, die zum Ziel haben, die Schule in kürzerer Zeit zu durchlaufen. Hierbei wird der Unterrichtsstoff schneller vermittelt. Hierbei stehen verschiedene Möglichkeiten der Schullaufbahnverkürzung zur Verfügung.

Die vorzeitige Einschulung

In der Vergangenheit waren Kinder, die bis zum 30. Juni das sechste Lebensjahr vollendet hatten, schulpflichtig. Kinder mit einem Geburtsdatum zwischen dem 1. Juli und dem 31. Dezember waren sogenannte „Kann-Kinder“, auf Antrag war eine vorzeitige Einschulung möglich.

Der Beginn der gesetzlichen Schulpflicht ist für hochbegabte Kinder allerdings oftmals altersunabhängig. Eine große Anzahl von Hochbegabten ist in ihrer Entwicklung gleichaltrigen Kindern deutlich voraus. Viele von ihnen sind bereits im Kindergartenalter schulfähig, da sie physisch, psychisch und sozial in der Lage sind, den Schulalltag zu bewältigen. Häufig können sie bereits lesen, rechnen und eventuell schreiben. So ist es im Kindergarten sehr schwierig, für eine ausreichende Förderung zu sorgen.

Die Regelung der Schulpflicht in Abhängigkeit des Alters zu setzen, wurde in den vergangenen Jahren gelockert. Einige Bundesländer verzichten heute ganz auf die Festlegung eines Stichtages. Statt der Altersgrenze bestimmt häufig die Entwicklung des einzelnen Kindes den Einschulungstermin. Über die aktuelle Rechtslage in den einzelnen Bundesländern informieren die jeweiligen Kultusministerien.

Literatur zum Thema:

Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.)(2003): Begabte Kinder finden und fördern. Ein Ratgeber für Elternhaus und Schule. Bonn.

Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e. V. (2001): Hochbegabte Kinder in Schule und Gesellschaft. Münster.

Jost, Monika (2008). Hochbegabte erkennen und begleiten. Ein Ratgeber für Schule und Elternhaus. Praxisreihe Jugend und Bildung. Wiesbaden, 4. aktualisierte Auflage.

Mönks, Frank J. / Ypenburg, Irene H. (2000): Unser Kind ist hochbegabt. München.

Das Überspringen von Klassen

Eine Jahrgangsstufe zu überspringen, gegebenenfalls auch zwei oder mehrere, ist in fast allen Schulen als Maßnahme der Begabtenförderung im Rahmen einer Schulzeitverkürzung akzeptiert. In einigen Bundesländern ist es möglich, dass mehrere Schüler gemeinsam  einen Jahrgang überspringen. Dieses hat den Vorteil, dass der Unterrichtsstoff nicht allein von den einzelnen Schülern aufgearbeitet werden muss.

Bedingungen

Das Überspringen eines Jahrgangs ist als Maßnahme der Begabtenförderung geeignet, wenn ein hochbegabter Schüler im alltäglichen Unterricht unterfordert ist, sich langweilt und seine Anstrengungsbereitschaft zurückgeht. Weiterhin ist die Maßnahme sinnvoll, wenn Probleme im sozialen Verhalten auftreten.

Der Schüler, der eine Klasse überspringt, sollte nicht nur in bestimmten Fächern Teilbegabungen aufweisen, sondern in allen Unterrichtsfächern überdurchschnittliche Leistungen zeigen, so dass eine erfolgreiche Mitarbeit in höheren Klassen erwartbar ist. Weitere Voraussetzung ist die stabile Entwicklung der Physis, der Psyche und des Sozialverhaltens.

Neben den Eltern muss der betroffene Schüler auch mit dieser Maßnahme einverstanden sein. Im Vorfeld sollten daher intensive Gespräche der Schule mit dem Schüler und mit den Eltern stattfinden, in denen unter anderem auch die Förderung durch die Schule zugesichert wird.

Auch die Schüler der aufnehmenden Klasse müssen gut auf die Situation vorbereitet werden, sodass sie bereit sind, den neuen Schüler zu akzeptieren und bestenfalls sogar zu unterstützen.

Befürchtungen

Eltern wie Lehrer sehen häufig die Gefahr, dass die Leistungen des Schülers, der eine Jahrgangsstufe überspringt, nachlassen, dass er in der neuen Klasse schlechtere Noten schreibt und so sein Selbstwertgefühl gemindert wird. Weiterhin besteht die Angst, dass die nachzuholende Stofffülle die Lernkapazitäten des Schülers überschreitet.

Erfahrungsgemäß verschlechtern sich die Noten allerdings bei hochbegabten Schülern tendenziell nur zu Beginn des Wechsels leicht. Nach kurzer Zeit zeigen die Schüler in den meisten Fällen wieder gute bis sehr gute Leistungen. Außerdem ist der Lernaufwand, Unterrichtsinhalte nachzuholen, für Hochbegabte geringer.

Weitere Befürchtungen beziehen sich auf das soziale Umfeld. Häufig zeigen Menschen in der Umgebung eine ablehnende Haltung gegenüber dem Überspringen einer Jahrgangsstufe. Erfahrungsgemäß relativiert sich diese Einstellung aber mit der Zeit.

Die Gefahr, die Eltern sehen, dass ihr Kind durch den Umgang mit Älteren früher mit Themen wie Sexualität oder Drogen konfrontiert wird, ist keine Gefahr, die ausschließlich mit einem Klassenwechsel in Verbindung steht. Sie kann jederzeit in verschiedenen Klassenstufen auf Grund der unterschiedlichen Entwicklung der Schüler auftreten.

Zeitpunkt für das Überspringen

In den Grundschulen ist das Überspringen von Klassen weitgehend unproblematisch, da für Hochbegabte der Unterrichtsstoff der höheren Grundschulklassen keine Schwierigkeit darstellt. An weiterführenden Schulen eignen sich hingegen Schuljahre, in denen keine Fremdsprache neu einsetzt.

Vor dem Überspringen ist in jedem Fall ein Schnupperunterricht in der neuen Klasse eine sinnvolle Maßnahme, nach dem Überspringen sollte dem Schüler eine Übergangsphase eingeräumt werden.

Link zum Thema:

Das KARG – Fachportal Hochbegabung vermittelt Grundlagenwissen zum Thema Hochbegabung und informiert über bundesweite Beratungsstellen sowie Qualifizierungsangebote in der Hochbegabtenförderung.

Die flexible Eingangsstufe in der Grundschule

An einigen Schulen, wie zum Beispiel an den Montessori-Schulen, sind Klassen eingerichtet, in denen Schüler aus verschiedenen Jahrgängen gemeinsam unterrichtet werden. So haben begabte Schüler die Möglichkeit, den Unterrichtsstoff entsprechend ihrer Begabung schneller zu bewältigen und so die ersten beiden Schuljahre in kürzerer Zeit zu durchlaufen. Die Grundschulzeit kann dann auf drei statt vier Jahre verkürzt werden.

Der Teilunterricht in höheren Klassen

Für Schüler, die keine allgemeine Hochbegabung zeigen, sondern in einigen Fächern überdurchschnittlich begabt sind, in anderen gute oder durchschnittliche Leistungen zeigen, bietet sich die Möglichkeit, in seinem Spezialgebiet den Unterricht einer höheren Klasse zu besuchen. So kann ein in Mathematik besonders begabter Schüler am Unterricht der nächsten oder sogar übernächsten Stufe teilnehmen.

Eine derartige Maßnahme bedarf allerdings der langfristigen Planung und vorausschauenden Abstimmung bezüglich der Stundenpläne. Grundvoraussetzung zur Umsetzung ist, dass in einer Schule ein offenes und flexibles Klima herrscht.

Der Universitätsbesuch parallel zur Schule

Zahlreiche Universitäten bieten Veranstaltungen für hochbegabte, leistungsstarke Schüler aus der Oberstufe des Gymnasiums an. Die Angebote sind sehr unterschiedlich, sie reichen von Vorlesungen bis hin zu speziellen Studientagen.

Falls sich eine Universität in der Nähe der Schule befindet, können Schüler dort auch als Frühstudierende unterrichtsbefreit Vorlesungen besuchen und bereits Leistungsnachweise für ein späteres Studium erbringen. Die Studienzeit verkürzt sich dadurch. Der in der Schule versäumte Lehrstoff muss allerdings nachgeholt werden. Außerdem besteht eine Anwesenheitspflicht, wenn in der Schule Klausuren geschrieben werden.

Die Zusammenarbeit mit Wirtschaftsunternehmen

Firmen haben die Vorteile in der Zusammenarbeit mit Schulen erkannt, um Hochbegabte für ihr Unternehmen als zukünftige Mitarbeiter zu gewinnen. Daher stellen sie bereits während der Schulzeit für Hochbegabte zahlreiche Bildungsangebote zur Verfügung. Schüler haben hier etwa die Möglichkeit, Praktika zu absolvieren oder Wochen- oder Ferienveranstaltungen zu besuchen.

Anette Töniges

Dazu passender Ratgeber

Mehr zu Ratgeber Diagnostik und Förderung
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×