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Neues Online-Trainingsprogramm bei Lese-Rechtschreib-Schwäche

Lese-Rechtschreib-Schwäche ist ein Problem: für die betroffenen Schüler, ihre Eltern und auch für die Lehrer. Ein neues motivierendes, symptomorientiertes Förderprogramm bietet ein systematisches Online-Training für Einzelne und Gruppen.

Lernplattform delfino: Neues Online-Trainingsprogramm bei Lese-Rechtschreib-Schwäche Wenn das Schreiben zur Quälerei wird, weil die Buchstaben tanzen, dann kann ein gezieltes LRS-Training helfen © Joshua Resnick - Fotolia.com

„Lese-Rechtschreib-Schwächen wachsen sich aus.“ — „Lesen und Schreiben sind von Intelligenz abhängig.“ — „Ab 12 bringt das Üben bei solchen Schwächen sowieso nichts mehr.“

Solche und weitere Mythen halten sich hartnäckig und verhindern frühzeitiges und zielgerichtetes Erkennen und Fördern von LRS — Lese-Rechtschreib-Schwächen. Das Ziel, diesen falschen Behauptungen erstmals über Professionen hinweg mit gemeinsamen Fakten zu begegnen, ist 2015 in der sogenannten S3-Leitlinie zur „Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung“ realisiert worden.

Neben den Expertenurteilen der vielen Berufsgruppen, die sich auf diese gemeinsame Schrift einigten, basiert diese Leitlinie auf zwei aktuellen Meta-Analysen; das sind Zusammenfassung und Analyse von allen tauglichen Studien zum Thema (Galuschka, Ise, Krick und Schulte-Körne, 2014; Ise, Engel und Schulte-Körne, 2012). Einigkeit herrscht darüber, dass Lese- und Rechtschreibproblemen nur mit systematischem Training des Lesens und Schreibens beizukommen ist, sowohl in Einzelunterstützung als auch in der Gruppe. Besonders letztere Erkenntnis enthält eine befreiende Botschaft – aber auch einen Auftrag — für Klassenlehrkräfte: LRS ist nicht allein den Privatinstitutionen vorbehalten. Förderung ist in der Klasse sinnvoll und notwendig – und das bereits ab der ersten Klasse, sofern sie systematisch und an der individuellen Schwäche des einzelnen Kindes orientiert ist.

Probleme bei der LRS-Förderung

Also: Ran an die Förderung! — Und schon taucht das eine oder andere Problem auf:

Problem 1: Es gibt zwar verschiedene gute und evidenzbasierte Förderprogramme, aber eine Lehrkraft würde zum Abdecken des jeweils individuellen Problems eine Vielzahl dieser Programme benötigen — das erfordert Geld und Einarbeitungszeit.

Problem 2: Der Pädagoge müsste wissen, wo beim einzelnen Kind/Schüler mit der Förderung angesetzt werden muss, um nicht ins Blaue zu arbeiten. 

Problem 3: Mehrere Kinder pro Klasse sollen mit Übungen versehen und der Übungsfortschritt soll parallell dazu überwacht und möglichst direkt an das einzelne Kind rückgemeldet werden – bei mehreren Schülern ein schwieriges Unterfangen.

Webbasiertes, symptomorientiertes LRS-Training

LRS-Förderung, gerade auch in der Schule, ist eine Herausforderung für alle Beteiligten. Seit August gibt es eine neue Lernplattform (als Abonnement, Infos dazu hier, die ein symptomorientiertes LRS-Training online ermöglicht. Hier können sich Lehrer, Schüler und Eltern einloggen. Kinder steigen mit Name und Passwort ein und finden eine einfach zu bedienende Oberfläche mit den für sie freigeschalteten Übungen und Nachrichten von der betreuenden Person (Lehrkraft oder Eltern).

Die Lehrkraft steigt ebenso mit einem Passwort ein und findet alle im System durch sie angelegten Kinder in einer Übersicht. Je nach Bedarf schaltet sie einzelnen Kindern individuell zusammengestellte Übungen frei, stellt Aufgaben, kontrolliert erbrachte Aufgaben oder schreibt persönliche Notizen an die Kinder. Kurzum, die Lehrkraft kann mehreren Kindern einfach Übungen zukommen lassen und ihren Lernfortschritt überwachen (siehe Problem 3).

Die Übungen können entweder genau auf einen Tag datiert werden (hierfür steht ein Kalender zur Verfügung) oder sind vom Kind frei wählbar. Eltern steigen über das Passwort der Kinder ein und können ebenfalls den Übungsverlauf ihres Kindes einsehen oder dem Kind beim Üben behilflich sein. Stellenweise Unterstützung durch einen Erwachsenen ist insbesondere bei den Vorleseaufgaben nötig, damit kontrolliert werden kann, ob das Kind auch genau liest!

Verschiedene Übungsebenen: das LRS-Haus

Zentral zur Orientierung in delfino ist das „LRS-Haus“: Diese Darstellung bietet eine schematische Übersicht über den Lese-/Rechtschreib-Erwerb und strukturiert zugleich die Förderung. Wie in einem Haus gibt es verschiedene Stockwerke: Phonologische Bewusstheit ganz im Keller, Laut-Buchstaben-Verknüpfungsaufgaben im Erdgeschoss, lautgetreues Lesen und lautgetreues Schreiben im 1. Stock, orthographisches Schreiben und lexikalisches Lesen im 2. Stock sowie Leseanlässe im Dachgeschoss. Pro Stockwerk erscheinen zugeordnete Übungen. Somit bietet das LRS-Haus der Lehrkraft, unabhängig von der Klassenstufe, verschiedene Übungsebenen, und zwar getrennt für das Lesen und Schreiben (siehe Problem 1). Besonders dieser Teil war als Novum Hauptfokus der Entwicklergruppe von delfino, um den Lehrkräften die Einarbeitung in mehrere Programme zu ersparen.

© delfino — www.delfinotraining.de

Das Übungsprogramm bietet über 80 klar strukturierte Übungen, die passend zum Stärken- und Schwächenprofil des jeweiligen Schülers zum Einsatz kommen. Jede einzelne Übung bietet im Verlauf zunehmend schwierigere Aufgaben an. Führen die Schüler eine Übung mehrmals durch, wird es nicht eintönig, da immer unterschiedliche Teilaufgaben geboten werden. Mehr als 6000 Wörter (Wortschatzaufbau in Anlehnung an Carola Reuter-Liehr: Lautgetreue Lese- und Rechtschreibförderung) können geübt werden, sodass die Schüler zunehmend Sicherheit beim Schreiben und Lesen gewinnen.

Lehrkraft stuft ein und behält den Überblick

Inhaltliche Orientierung bietet eine „Schnelleinstufung“ mit Fragen an die Lehrkraft, welche Lernfortschritte das Kind im Lese-Rechtschreib-Erwerb schon gemacht hat, und an welchen Stellen noch Schwierigkeiten bestehen. Pro Stufe werden dann Start-Übungen vorgeschlagen. Gelingen diese zu leicht (bemerkbar durch eine visuelle Darstellung einer Schwelle in der Ergebnisgrafik, die mehrmals überschritten wurde), werden schwierigere angeboten. Sind die Aufgaben zu schwer (bemerkbar durch Leistungen oberhalb einer zweiten Schwelle in der Ergebnisgrafik), werden einfachere angezeigt (siehe Problem 2).

Per Mausklick kann der Lehrer die Übungsfortschritte seiner Schüler im Blick behalten, denn die Dokumentation erfolgt automatisch. So hat er jederzeit einen aktuellen Überblick über den Leistungsstand seiner LRS-Schüler.

LRS-Training, das motiviert

Die Schüler sind hoch motiviert, denn sie erhalten für jede Teilaufgabe, die sie bearbeiten, direkt eine sachliche Rückmeldung dazu, ob sie erfolgreich gearbeitet haben. Am Ende jeder Übungseinheit bekommen die Kinder eine zusammenfassende Rückmeldung: Ein Balkendiagramm zeigt, ob das Kind die erste Schwelle (70 % korrekt gelöst) überschritten hat und damit auf optimalem Schwierigkeitsniveau übt, oder sogar schon die zweite Schwelle (90 % korrekt gelöst) überschritten hat.

Wie oft eine freigeschaltete Übung bereits gewählt wurde, ist zweifach ersichtlich: Einerseits zeigt die Farbsättigung der Übung an, ob noch selten geübt wurde (wenig Sättigung), oder bereits öfters (kräftige Farbe). Ganz genau ist die Übungsfrequenz pro Übung an einer Ziffer am Rand des Übungssymbols ersichtlich. Der Lehrer kann eine persönliche Ansprache in den Aufgabenplan einbauen und darüber hinaus ein aufmunterndes Feedback geben, wie z. B.: „Clara, die Übungen zu den Silben gelingen dir schon sehr gut“, „Mach weiter mit der Übung, Silu!“

Literatur zum Thema:

Galuschka, K./ Ise, E./ Krick, K./Schulte-Körne, G.: Effectiveness of Treatment Approaches for Children and Adolescents with Reading Disabilities: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. PLoS One, e89900, 2014

Ise, E./ Engel, R. R./ Schulte-Körne, G. Was hilft bei der LeseRechtschreibstörung? Ergebnisse einer Metaanalyse zur Wirksamkeit deutschsprachiger Förderansätze. Kindheit und Entwicklung, 2012,122—136.

Für die Lernenden ist es ein großer Gewinn, dass viele Übungen mehrere Lernkanäle ansprechen: visuell und auditiv. Besonders förderlich für den Übungserfolg ist es, dass Wörter in Hochlautung vorgesprochen werden.

Elternunterstützung

Auch die Eltern können in das Training mit einbezogen werden. Eltern als sogenannte Co-Therapeuten können den von der Lehrkraft erstellten Übungsplan unterstützen: Sie sollen und können den Einsatz des Kindes loben und bei Bedarf an das Üben erinnern. Der Übungsfortschritt ist auch für die Eltern per Mausklick ersichtlich. Inhaltliche Stütze können Eltern insbesondere bei den Leseaufgaben sein – die Kontrolle, ob ein Kind flüssig UND genau liest, kann nur durch eine zweite Person mit ausreichend Leseerfahrung erfolgen. Besondere Kenntnisse über das Lesen hinaus sind nicht erforderlich – die Übungen sind selbsterklärend. Für Kinder, die zu Hause nicht unterstützt werden können, z. B. aufgrund von Sprachbarrieren, sucht die Lehrkraft als Hausaufgabe vorrangig Aufgaben aus, die auch allein vom Kind bewältigt werden können.

Evidenzbasiertes Förderprogramm — Ergebnisse Feldversuch

Die Ideen von defino sind nicht neu, sondern eine organisatorisch geschickte Zusammenstellung verschiedener evidenzbasierter Fördermethoden, die systematisiert und ergänzt wurden und motivierend dargestellt werden. Das ist die eigentliche Neuentwicklung.

Ein erster Feldversuch wurde in Österreich an zwei dritten Grundschulklassen durchgeführt. Die zwei zentralen Fragen waren: a) Lässt delfino eine individualisierte Förderung aller Kinder einer Klasse zu — gelingt der Einsatz im Setting Klassenzimmer? b) Wer profitiert wie sehr von einer Kurzzeitintervention von acht Wochen. Zur Klärung der Fragen wurde das Training hintereinander in zwei Klassen durchgeführt, und zwar täglich 15-20 Minuten. Jedes Kind hatte seinen Tablet-PC, auf dem es wöchentlich neue Übungen und Mitteilungen bekam. Die Arbeit im Hintergrund wurde vom Studienleiter (Autor des Artikels) und der Klassenlehrkraft getätigt, wobei die externe Unterstützung mit Zunahme der Bedienerfertigkeiten der Lehrkraft abnahm.

Die Durchführung im Klassenzimmer gelang, das Programm wurde als motivierend empfunden, für Lehrkräfte und Schüler. Um Verbesserungseffekte abzubilden wurde die Lese- und Rechtschreibleistung zu drei Testzeitpunkten anhand von standardisierten Tests überprüft. Im Mittel verbesserten sich die gesamten Klassen deutlich, und zwar vor allem in der Trainingsphase und nicht in der Wartephase, in der gerade die andere Klasse mit den Tablet-PCs übte. Besonders aber profitierten Kinder mit Schwächen im Lesen und Schreiben, die Anzahl an Risikokindern — definiert durch schwächere Leistungen im Lesen/ Schreiben — konnte minimiert werden.

LRS-Training immer auf dem aktuellen Forschungsstand

Die Entwicklung von delfino ist zwar ausgereift, aber wahrscheinlich niemals fertig, denn auch die Forschung steht nie still. Insbesondere durch neue Erkenntnisse aus der Forschungslandschaft und auch konstruktiver Kritik der Schüler, Lehrkräfte und Therapeuten werden regelmäßig Verbesserungen umgesetzt. Ein Beispiel: Lehrkräfte bemängelten in einer früheren Version von delfino die Aussprache einzelner Laute. Nach Rücksprache mit Experten wurden diese professionell neu eingesprochen. Weitere Verbesserungen sind „in der Pipeline“: Ausbau der orthografischen Übungen auch für ältere Kinder mit 

LRS, Ausbau der Lesesinnverständnisaufgaben, Aufbau der Laut-Buchstaben-Verknüpfungen anhand von „Buchstabenpaketen“ (Einführung der Buchstaben und Laute nach Schwierigkeit, Verknüpfung mit phonologischen Übungen und in weiterer Folge mit darauf aufbauenden lautgetreuen Übungen).

Das Trainingsprogramm motiviert Schüler mit Lese-Rechtschreib-Schwäche zum Weiterüben, denn sie erleben, dass sie merkbare Fortschritte in ihren Lese- und Rechtschreibfertigkeiten machen. Das nimmt viel Druck aus dem täglichen Unterrichtsgeschehen – und das auch für ihre Lehrer.

Dr. Martin Schöfl

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