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Selbstständigkeit fördern

So helfen Sie Ihren Schülern, sich im Alltag zurechtzufinden

Um Irritationen zu vermeiden und eine möglichst selbstständige Orientierung im Alltag zu ermöglichen, sollten geeignete Informationsmedien und Hilfestellungen für Schüler im Förderbereich Geistige Entwicklung eingesetzt werden.

Selbstständigkeit fördern: So helfen Sie Ihren Schülern, sich im Alltag zurechtzufinden Mit einer Klangschale kann man bestimmte Unterrichtsphasen akustisch anzeigen © Oscar Brunet - Fotolia.com

Die neue Lehrkraft schlägt die Klangschale an, um einen Stuhlkreis anzukündigen. Doch da passiert dies: „Pause“ ruft ein Schüler erfreut, steht auf, nimmt seine Brotzeitdose und macht sich auf den Weg. Er ist sehr irritiert, als das Missverständnis aufgeklärt wird. Bisher hat diese Klangschale kontextuell immer den Beginn der Brotzeit angekündigt.

Sicherheit und Orientierung im Alltag schaffen wir für Schüler mit einer kognitiven Behinderung stets durch zugängliche Rituale. Die Orientierung im Alltag hat zum Ziel, dass die Betroffenen angemessene Hilfen in Bezug auf ihr Bewältigungshandeln erhalten und darüber hinaus immer besser auch selbst in der Lage sind zu handeln. Damit sie nicht stets auf Betreuungspersonen als alleinige Hilfsquelle angewiesen sind, brauchen wir solche Informationsmedien, die die Unabhängigkeit der Schüler mit geistiger Beeinträchtigung stärken.

Gezielte Handlungsstrategien entwickeln

Pläne, Abläufe, Visualisierungen bzw. Vertonung sowie Ritualisierung helfen, dafür gezielte Handlungsstrategien zu entwickeln. Eine Herausforderung hierbei ist es, solche Möglichkeiten zu finden, die nicht mit Lesen und Schreiben im engeren Sinn (ergo von Schrift) verbunden sind. Denn viele Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung können zunächst nur im erweiterten Sinn lesen, zum Beispiel Fotos, Piktogramme oder — wie im Eingangsbeispiel — Situationen.

Orientierungshilfen für den Einzelnen und innerhalb einer Gruppe

Im schulischen Kontext verfolgen wir Alltagsorientierung in zwei großen Bereichen:
Zunächst braucht der Schüler Orientierung über die Abläufe und Routinen in Bezug auf die eigene Person: Wo ist mein Garderobenplatz/Kleiderhaken/Schuhfach? Wo ist mein Sitzplatz/Tisch? Wo steht meine Brotzeit/mein Getränk? Wo ist die Toilette? Wie kann ich mir Hilfe für die Arbeit holen? Wie kann ich mitteilen, dass mir etwas fehlt/etwas wehtut?
Weiterhin bieten wir Orientierung über die Arbeitsweisen, Methoden und Rituale in Bezug auf die Klasse, die Gruppenprozesse und den Unterricht: Wo finde ich mein Arbeitsmaterial in der Lerntheke? Wo lege ich mein Arbeitsblatt ab? Wer hat welchen Klassendienst? Was bedeutet dieses Stundenplansymbol? Wie finde ich meinen Platz im Stuhlkreis? Wer ist mein Partner bei der Gruppenarbeit? Wann ist Unterricht/Pause/Tagesstättenzeit?

Literatur zum Thema:

Tanja Bauer: Orientierung im Alltag für Schüler mit GB. Hamburg 2012

Bayer. Staatsministerium für Unterricht und Kultus: Lehrplan für den Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. München 2003

Den Unterrichtsalltag strukturieren

Als Basiskompetenzen zur Bewältigung der Alltagssituationen brauchen die Schüler grundlegende Fähigkeiten im Bereich von Kommunikation und Sprache. Das Erlernen kommunikativer Strategien und die Verwendung von Lautsprache oder unterstützenden Hilfen werden immer in das Alltagsgeschehen eingebunden. Neben gesprochener Sprache können Gebärden, Signale und Bildsymbole wie auch elektronische Hilfen die kommunikativen Möglichkeiten erweitern oder ersetzen. Die Lehrkraft hat dann die Aufgabe, den Unterrichtsalltag so zu strukturieren, dass sich alle Schüler entsprechend ihres Lernstands möglichst selbstständig orientieren können. Dies möchte ich an einigen Beispielen verdeutlichen:
Situationen, Handlungen und Vorgänge verstehen:

  • Im Morgenkreis wird für jeden Schüler eine personalisierte Strophe des Begrüßungsliedes gesungen, um den Platz im Kreis einzunehmen. Der Schüler weiß, dass er bei seinem Namen in den Kreis kommt. Er kann bis dahin abwarten und in der Situation entsprechend handeln.
  • In Ableitung von bestimmten Objekten kann der Schüler eine festgelegte Information entnehmen, zum Beispiel Tasse signalisiert „trinken“, Teller signalisiert „Essen“.
  • Es werden bestimmte Objekte verwendet, um auf die kommende Situation aufmerksam zu machen, zum Beispiel „den Ball zeigen“ bedeutet „Ich möchte Ball spielen“.

Bilder lesen:

  • Beim Einsatz von Bildern wird ein zunehmender Schwierigkeitsgrad verwendet: a) Komplexität: Abbildung eines Gegenstands — Abbildung mehrerer Gegenstände, b) Leseniveau: Abbildung realitätsgetreuer Formen/Fotos – Abbildung abstrahierender Formen/Zeichnung.
  • Verwendung von Bildinformationen zu Handlungen, zum Beispiel mit einem Foto den eigenen Platz kennzeichnen und so auch wiederfinden; sich mithilfe von Bildern etwas merken, zum Beispiel Einkaufszettel oder Rezept
  • Sich mithilfe von Bildern mitteilen, zum Beispiel durch eine Kommunikationsmappe (vgl. Unterstützte Kommunikation); das Deuten auf Bilder signalisiert „Ich möchte dies …“

Symbole und Signale:

  • Zahlreiche Symbole und Signale dienen der Orientierung im Alltag, daher werden solche Zeichen verwendet, die auch im lebensweltlichen Bezug der Schüler immer wieder eine Rolle spielen, zum Beispiel „WC, Bus, Post“ usw.
  • Mit Symbolen und Signalen werden Orte und Gegenstände gekennzeichnet, beispielsweise der eigene Platz an der Garderobe, das Erste-Hilfe-Schränkchen, das Telefon, die Arbeitsblatt-Ablage für Deutsch, Mathe usw., die Beschriftung mit Farben für den Platz des Arbeitsmittels im Schrank/Regal etc.
  • Komplexere Signalinformationen helfen, sich etwas zu merken, zum Beispiel ein Markierungspfeil oder die blau-rote Kennzeichnung am Wasserhahn.
  • Auch akustische Signale gewinnen hier eine Bedeutung, die gemeinsam festgelegt wurde: Klingel = Pause, Klangschale = Stille, Time-Timer = Arbeitszeit, Triangel = Anfangen, Musik = in den Stuhlkreis kommen usw.
  • Nonverbale Signale in der Lehrersprache strukturieren den Unterricht, zum Beispiel die Hand hochhalten, bis alle still und aufmerksam sind, den Zeigefinger am Mund, bis alle leise sind, die Drehbewegung der Hand, damit die Schüler in den Kreis kommen usw.

All diese und noch viel zahlreichere Maßnahmen der Strukturierung helfen bei der Orientierung im Alltag enorm. Unsere gesamte Umwelt wird durch solche Strukturen geleitet, auch wenn wir es gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, zum Beispiel im Straßenverkehr. Diese Leitlinien können wir auch im Klassenzimmer etablieren und so zu wesentlich mehr Ordnung und pragmatischer Emanzipation unserer Schüler beitragen.

Claudia Omonsky

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