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Tiergestützte Pädagogik zeigt Wirkung

Lehrer sind keine Therapeuten. Dennoch kann in der Schule professionell mit Unterstützung von Tieren gearbeitet werden. Neben externen Spezialisten, die mit Tieren in die Schule kommen, können auch Schulklassen außerhalb an Angeboten tiergestützter Arbeit teilnehmen oder selbst Tiere in der Schule halten.

Interaktion: Tiergestützte Pädagogik zeigt Wirkung Tiergestützte Pädagogik fördert die emotionale Wahrnehmung und stärkt das Sozialverhalten © Gorilla - Fotolia.com

„Schule als Haus des Lernens ist ein Ort, an dem alle willkommen sind, die Lehrenden wie die Lernenden in ihrer Individualität und wo die persönliche Eigenart in der Gestaltung von Schule ihren Platz findet“, so formuliert es die Bildungskommission NRW 1995 in ihrem Buch „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“. Darin empfiehlt sie auch, dass die Angebote der Schule zum Lernen und zur selbständigen Auseinandersetzung anregen. Schule soll ein Ort sein, „an dem Fehler erlaubt sind“ und „wo intensiv gearbeitet wird“ und die „Freude am eigenen Lernen wachsen kann.“ Das „Haus den Lernens“ ist ein Stück Leben, das es zu gestalten gilt.“ (Ebd., S. 86). In einer Schule nach der Vorstellung der Bildungskommission finden auch Tiere im Unterricht einen Platz. Dabei kommt es allerdings auf den richtigen methodischen und didaktischen Einsatz an.

Die Verantwortung für die Auswahl der verschiedenen Einsatzmöglichkeiten der unterschiedlichen Tierarten obliegt der Fachkompetenz der Pädagogen. Die Lehrperson, die Tiere bei der Arbeit einsetzt, sollte daher über weitreichende Kenntnisse in der Gesetzgebung, der Tierhaltung, der Biologie, über Tierkrankheiten und über mögliche Allergien und Krankheitsübertragungen beim Menschen verfügen. Außerdem sollte er die Schüler kennen und beobachten, ob und wie sie mit Tieren in Kontakt kommen. Die Zuständigkeit der Pädagogen besteht vor allem darin zu erkennen, welches Tier den jeweiligen Menschen anspricht und die gewünschte Veränderung bewirkt. Dabei ist zu bedenken, dass sich nicht jeder Mensch gleichermaßen auf Tiere einlässt (vgl. TiPi 2013).

Pädagogische Arbeit mit Tieren in der Schule

In Schulen können und werden verschiedene Tierarten in vielerlei Form eingesetzt, zum Beispiel sporadisch bei Besuchen, in einzelnen Unterrichtsstunden, an ausgewählten Tagen oder wöchentlich an einem bestimmten Tag. Einige Schulen halten Tiere auch dauerhaft. Eine weitere Möglichkeit der tiergestützten Arbeit besteht darin, dass Schulklassen außerhalb der Schule Lernorte aufsuchen. Dazu zählen etwa Reitställe, Bauernhöfe, Gehege oder Zoos.

Zu unterscheiden sind bei allen Möglichkeiten der tiergestützten Arbeit pädagogische und therapeutische Angebote. Es kann durchaus sinnvoll sein, besonders auch mit Blick auf die inklusive Schule, im Rahmen interdisziplinärer Zusammenarbeit auch therapeutische Angebote in der Schule anzubieten. Die Einbeziehung speziell ausgebildeter Therapeuten ist in diesem Fall unerlässlich. Dabei zeigt der Einsatz verschiedener Tiere unterschiedliche Wirkung.

In zahlreichen Schulen ist die Einrichtung eines Aquarien Standard. Doch nicht alle werden auch tatsächlich bewusst pädagogisch eingesetzt, zum Beispiel im Biologieunterricht. Mit dem Fokus auf den Förderbereich kann die emotionale und soziale Entwicklung von Schülern dezidiert unterstützt werden. Einige Beispiele: Ein 14 Jahre alter neuer Schüler, Schulverweigerer, besucht die Förderschule mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Er spricht weder mit den Lehrern noch mit den Schülern. Die Klasse richtet ein Aquarium ein. Bei der Planung war auch der Schüler von Anfang an dabei. Zunächst spricht er nicht, kommt aber immer häufiger zur Schule und bleibt länger, schließlich beobachtet er täglich das Treiben im Aquarium. Völlig unvermittelt ruft er in die Klasse: „Wir haben Babys!“ Seitdem ist der Schüler in die Klassengemeinschaft integriert. Eine Schülerin verweigert die Teilnahme am Unterricht und verlässt regelmäßig das Schulgebäude. Als sie einen Klassenhund in einer Parallelklasse entdeckt, sucht sie bei ihm Zuflucht. Nach dieser Ruhephase ist sie wieder bereit für den Unterricht (vgl. Fitting-Dahlmann 2004). Eine ähnliche Wirkung wie der Umgang mit Fischen, ist mit dem Einsatz von Stabheuschrecken erreichbar. Die Handhabung dieser filigranen Tiere eignet sich zur Förderung der Motorik, zum Abbau von Ängsten, zum Aufbau und zur Förderung der Konzentration sowie der Wahrnehmung.

Literatur zum Thema:

Bildungskommission NRW (Hrsg.): Zukunft der Bildung – Bildung der Zukunft. Neuwied 1995

Fitting-Dahlmann, Klaus: Tiergestützte Förderpädagogik. Unveröffentlichtes Manuskript der Universität Köln 2004

Krowatschek, Dieter: Kinder brauchen Tiere. Düsseldorf 2007

Olbrich, Erhard / Otterstedt, Carola (Hrsg.): Tiere brauchen Menschen. Stuttgart 2003

Scheidhacker, Michaela (2003): Psychotherapeutisches Reiten in der Psychosomatischen Therapie. In: Olbrich, Erhard  / Otterstedt, Carola (Hrsg.): Menschen brauchen Tiere. ... Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie, Stuttgart 2003, S. 173–183

Therapeutische Arbeit mit Pferden außerhalb der Schule

Das therapeutische Reiten ermöglicht das intensive Erspüren der Bewegungen des Pferderücken. Dabei wird der Schüler geführt und longiert durch eine Fachkraft. In diesem engen und direkten Körperkontakt werden ihm die eigene Körperlichkeit und seine Emotionen bewusst. Der Einsatz von Pferden unterschiedlicher Größe und Farbe, mit verschiedenartigem Bewegungsablauf und Temperament fördert eine differenzierte Wahrnehmung  optischer, olfaktorischer, akustischer, taktiler und kinästhetischer Reize. Ein Schüler kann ein positives Körpergefühl entwickeln, das eine Öffnung zur eigenen Lebendigkeit und zur Gruppe bewirkt (vgl. Scheidhacker 2003).

Das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) ist national und international etabliert. In allen Bereichen ist eine reiterliche Ausbildung notwendig, ebenso wie eine vom Kuratorium durchgeführte Zusatzausbildung im jeweiligen Fachgebiet. Folgende Fachgebiete und die dort verwendeten Bezeichnungen haben sich nach DKThR durchgesetzt:

Hippotherapie

Der Begriff der „Hippotherapie“ leitet sich von den griechischen Wörtern „Pferd“ (hippos) und „Behandlung“ (therapeia) ab. Hippotherapie ist eine physiotherapeutische Einzelbehandlung auf neurophysiologischer Grundlage mit und auf dem Pferd. Ein Physiotherapeut mit einer Zusatzausbildung in der Hippotherapie führt die krankengymnastische Behandlung auf dem Pferd durch.

Heilpädagogisches Reiten bzw. Voltigieren

Die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd beinhaltet pädagogische, psychologische, psychotherapeutische, rehabilitative und soziointegrative Angebote mit Hilfe des Pferdes bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit verschiedenen Behinderungen oder Störungen. Insbesondere beim Voltigieren und Reiten werden Motorik, Wahrnehmung, Lernen, Befindlichkeit und Verhalten gefördert. Die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd wird von pädagogischen oder psychologischen bzw. psychotherapeutischen Fachkräften in Reitvereinen, Heimeinrichtungen, Schulen, freien Praxen oder in stationären Behandlungsmaßnahmen durchgeführt.

Ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd

Unter dem Begriff „Ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd“ werden Behandlungen auf der Grundlage des sensomotorisch-perzeptiven, motorisch-funktionellen und psychisch-funktionellen Ansatzes verstanden. Im Bewegungsdialog, Beziehungsangebot und den unmittelbaren Erfahrungsraum ergänzt die Behandlung andere Methoden. Die Behandlung wird von einer ausgebildeten Ergotherapeutin mit einer Zusatzqualifikation in der Ergotherapeutischen Behandlung mit dem Pferd durchgeführt und vom Arzt verordnet.

Förderbereiche der tiergestützten Pädagogik

Folgende Förderbereiche können unter anderem durch Tiere unterstützt werden (vgl. Fitting-Dahlmann 2004, Olbrich / Otterstedt 2003, Krowatschek 2007):

Kommunikation Wahrnehmung BewegungSozial-emotionalLernen
  • Sprachanbahnung
  • Ansporn zur besseren Aussprache
  • Lautstärkenregulierung
  • Förderung von Gestik und Mimik

 

 

 

  • propriozeptiv (Kraftdosierung)
  • vestibulär (Gleichgewicht)
  • taktil (Berühren, Spüren)
  • visuell (Beobachten, Fixieren)
  • auditiv (Aufmerksamkeit)
  • olfaktorisch (Geruchswahrnehmung)

 

  • Grobmotorik
  • Feinmotorik
  • Lagerung / Lockerung
  • Körperspannung
  • Bewegungstraining
  • Lauftraining / Rollstuhltraining

 

  • Körpernähe zulassen können
  • Abbau von Ängsten
  • Vertrauensaufbau
  • Trostspender
  • Abbau Stress
  • Beruhigung
  • Steigerung von Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein
  • Alltagsstrukturierung
  • Größere Schulmotivation
  • Konzentrationsaufbau
  • Gedächtnistraining
  • Motivation bei Antriebsschwäche

 

 

 

 

Tiergestützte Pädagogik in allen Schulformen

Grundsätzlich können Tiere in allen Klassenstufen von Schulen eingesetzt werden. Ob nun in der Grundschule, in der Sekundarstufe 1 oder 2 aller Schulformen oder auch in der Berufsschule. Welche Tiere und mögliche Settings geeignet sind, bedürfen der guten Vorbereitung durch die Lehrer und die Schulleitung, in Absprache mit den Eltern. Die Beispiele zeigen aber, welche Wirkung tiergestützte Arbeit innerhalb und außerhalb der Schule haben kann. Praktiker können zum Einsatz von Tieren in der pädagogischen Arbeit beraten und eingehend informieren. Außerdem bietet ausgewählte und kritisch zu betrachtende Literatur zahlreiche Hinweise zur Umsetzung.

Philipp Einfalt

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