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Lernlücken Praxistipps

Tipps für die Aufholjagd der Lernlücken

Seit der Corona-Krise ist der Unterricht eine Herausforderung. Lernschwächen und -lücken haben sich durch die äußeren Umstände noch verstärkt oder sind dadurch sogar entstanden. Hier erhalten Sie Praxistipps. 

Lernlücken Praxistipps: Tipps für die Aufholjagd der Lernlücken Lernlücken in der Grundschule erkennen und Praxistipps © Feodora - stock.adobe.com

Adrian geht in die vierte Klasse einer Grundschule. Zu Beginn des zweiten Schulhalbjahres hatte er noch eine Empfehlung, zur fünften Klasse ins Gymnasium zu wechseln. Nun weist er so viel Lernlücken auf, dass seine Klassenlehrerin empfiehlt, vorerst auf die Realschule zu gehen, da der Lernrückstand bis zu den Sommerferien nur schwer aufzuholen ist. Seine Eltern konnten ihm beim Homeschooling nicht helfen, da ihr eigener Bildungsstand dies nicht zuließ. Für Adrian ist diese Entscheidung schwer zu akzeptieren.

Das ist, neben der psychischen Belastung, ein typisches Schicksal, das manche Kinder und Jugendliche derzeit ereilt. Besonders Grundschüler zeigen große Probleme, ihren Lernrückstand wieder aufzuholen. Während des Distanzunterrichts konnten sie kaum Lernerfolge verbuchen. Hinzu kommen allzu häufig Bewegungsmangel, extremer Medienkonsum und eine schlechte Ernährung. Die Schule als Lern- und Lebensort fällt weg und das Selbstvertrauen geht verloren.

Viele Familien haben keinen WLAN- Anschluss oder besitzen kein geeignetes Endgerät für den Fernunterricht. Noch dazu können etliche Eltern ihren Kindern bei den geforderten Übungen oder den Hausaufgaben nicht helfen. Solange es kein eingehendes Konzept gegen diese Missstände gibt, werden Eltern und auch Lehrkräfte über Gebühr gefordert.

Abgesehen von der familiären Situation, hängt es nicht nur von dem Engagement einer Lehrkraft, von der Medienkompetenz und der möglichen Elternarbeit ab, wie Schüler/-innen das Lehrplanziel erreichen können. Die Bedingungen in den einzelnen Schulen, den Schulklassen, Familien und den Bundesländern sind sehr unterschiedlich. Die Unterstützung von Seiten der Politik ist dabei eher mangelhaft oder geht nur schleppend voran. Niemand kann mit Sicherheit sagen, dass in allen Bundesländern ein qualitätsvoller digitaler Unterricht stattgefunden hat.

Die Lage ist recht undurchsichtig, wie die Lernlücken in der kurzen Zeit wieder gefüllt werden können. Einige Bildungsexperten äußern Ideen, wie man den Schüler/-innen helfen könnte, den Unterrichtsstoff wieder aufzuholen. Der Samstag sollte als zusätzlicher Schultag eingeführt oder die Ferien für Nachhilfeunterricht genutzt werden. Auch werden Stimmen laut, die die Schulzeiten für die 4., 10. oder 13. Jahrgangsstufe oder das Schuljahr an sich verlängern wollen. Nachhilfe- oder Förderprogramme sollen finanziert werden.

Das wiederum würde bedeuten, dass eine bessere Ausstattung, mehr Klassenräume und mehr Lehrer/-innen in den Schulen benötigt werden. Wie sinnvoll und finanziell umsetzbar diese Vorschläge sind, bleibt dahingestellt. Es gibt etliche Grundschulen, die immer noch nicht mit einem WLAN- Anschluss ausgestattet sind und keinen digitalen Unterricht machen können.

Veränderungen und Maßnahmen sind jetzt erforderlich

Wir brauchen dringend sinnvolle und längerfristige Maßnahmen, um die Bildungskultur in den Schulen wieder voranzutreiben. Dabei darf die Bürokratie nicht im Wege stehen und Beschlüsse müssen schneller und unbürokratischer beschlossen werden. Angebracht wäre in dem Zusammenhang, ein Umdenken in Deutschland hinsichtlich der Bildungsziele. Mit anderen Worten, weg von der Ausrichtung zum Zertifikatserwerb und hin zum übergreifenden Kompetenzerwerb. Auch wissenschaftliche Studien, bezüglich der psychischen und leistungsbezogenen Auswirkungen der Pandemie, sind sicherlich wichtig, kommen vermutlich jedoch zu spät, um noch rechtzeitig in diesem Jahr ein wirkungsvolles Handeln möglich zu machen. Lehrkräfte hingegen wissen genau, welche Kenntnisse und Fähigkeiten den Schüler/-innen fehlen, über die sie zu dem jetzigen Zeitpunkt laut Lehrplan verfügen müssten.

Sinnvoll zu reagieren, heißt daher, mit den Lernlücken umzugehen. Dazu gehört, sie individuell zu erkennen und zu diagnostizieren, um didaktisch und pädagogisch richtig handeln zu können.

Eine wichtige Voraussetzung ist jedoch immer noch, den Umgang mit den digitalen Medien für den Unterricht ausreichend zu festigen. Hierzu können die Kolleg/-innen sich gegenseitig helfen, um ihre eigenen Medienkompetenzen zu erweitern. (Durch hausinterne Fortbildungen oder gemeinsames Üben von zwei bis drei Lehrkräften.) Möglicherweise gibt es bei manchen Kolleg/-innen noch Unsicherheiten, Videokonferenzen abzuhalten.

Schnell umsetzbare Ideen für die Praxis:  
  • Sinnvolle Tests, die jetzt schnell geschrieben werden, können von den jeweiligen Lehrkräften durchgeführt und beurteilt werden, damit noch vor den Sommerferien gehandelt werden kann. Die Lernstandserhebungen Vera für die Grundschulen, die „sinnigerweise“ auf September verschoben wurden, kommen entweder zu spät oder sind für etliche Schüler/-innen viel zu anspruchsvoll.
  • Sogenannte Feedbackbögen für einzelne Fächer könnten Schüler/-innen helfen, sich selbst einzuschätzen und an ihren Schwächen zu arbeiten. Ein entsprechendes Feedback von der jeweiligen Lehrkraft schafft Lernmotivation und die Schüler/-innen-Leistung wird gewürdigt. Die Bögen werden gesammelt und für das nächste Schuljahr dokumentiert. Zwei Beispiele für die 3. oder 4. Klasse zu den Fächern: Mitarbeit, Deutschunterricht können Sie über den Button herunterladen.

    Fragebogen runterladen »
  • Können Videokonferenzen durchgeführt werden, ist ein gemeinsames Anfangsritual vor dem nachfolgenden Unterricht für die Schüler/-innen eine große Hilfe. Regelmäßige Alltagsstrukturen sind für Kinder hilfreich und tragend.
  • Manchen Kindern tut es gut, wenn sie Zeit bekommen, kurz von sich zu erzählen. Dies könnte ein regelmäßiges Ritual im Wechsel jeweils für zwei oder drei Schüler/-innen zu Beginn des Unterricht sein.
  • Beurteilungen von online-meetings bzw. Distanzunterricht, müssen individueller als sonst ausfallen und mit mehr Nachsicht passieren. Eine völlig gerechte Beurteilung ist nur schwer möglich.
  • Lerninhalte sollten auf Alltagsrelevanz, persönlicher Entwicklung und Lebenstauglichkeit überprüft und eventuell dementsprechend reduziert oder verändert werden. Dabei sollten jedoch wichtige Nebenfächer nicht zurückstehen.
  • Die Endnote im Schuljahr sollte eine Zusammenfassung der Noten aus dem gesamten Schuljahr sein.
  • Eine Möglichkeit wäre, Eltern oder Studierende zu akquirieren, die zeitlich in der Lage wären, Nachhilfestunden in Minigruppen zu geben. In einigen Grundschulen gibt es auch sogenannte „Lese-Omas“, die verstärkt zum Einsatz kommen könnten.
  • Für manche Kinder ist ein Lernplan oder Wochenarbeitsplan für zu Hause sehr wichtig. Er beinhaltet eine Übersicht über Lernaufgaben, eingeplante Wiederholungen, das tägliche Arbeitspensum in den einzelnen Fächern oder auch eingebaute Pausen.
  • Das Arbeiten mit Lernpartner/- in zu Hause könnte (bei entsprechendem Hygienekonzept) angeregt werden.
  • Nicht zuletzt brauchen die Schüler/-innen, die aufgrund schwieriger häuslicher Verhältnisse oder anderer widriger Umstände in der Pandemie größere Lernlücken und psychische Beeinträchtigung aufweisen, mehr Zeit, Aufmerksamkeit und therapeutische Unterstützung, die schweren Bedingungen im Distanzunterricht aufzuholen. Dazu könnten Empfehlungen an die Eltern ausgesprochen werden. 
  • Ein äußerst wichtiger Aspekt für die Schüler/-innen ist, dass sie dringend positive Zustimmung und Rückhalt brauchen. Da ist ein aufmunternder fröhlicher Unterricht eher gefragt als das trockene „Pauken“ von Lerninhalten. Selbstvertrauen und Lernmotivation sind die Basis für den Erfolg kognitiver Leistungssteigerung.

Die Eltern sind relevante Eckfeiler

Die Eltern müssen verstärkt in die Pflicht genommen werden, auch wenn sie selbst möglicherweise unter der Corona-Pandemie leiden. Lösungen finden sich jedoch nur gemeinsam in den Familien und durch Unterstützung von Gesellschaft und Politik. Der schnellste Weg, Eltern für die Mithilfe aufmerksam zu machen, ist der schriftliche. Hierzu kann es sinnvoll sein, Briefe in verschiedenen Sprachen zu verfassen. An jeder Schule gibt es Eltern oder Lehrkräfte, die die Inhalte übersetzen können. Dann haben die Eltern die Pflicht, den Erhalt des Briefes telefonisch, per E-Mail oder per Post zu bestätigen.

Ein Elternbrief kann Folgendes zum Inhalt haben:
  • Die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern sollte durch diesen Elternbrief dringlich gemacht werden.
  • Den Eltern sollte vermittelt werden, dass ihr Kind gerade in der jetzigen Zeit dringend Hilfe und Unterstützung braucht. Dazu gehört auch das Besprechen von Schwierigkeiten beim Lernen.
  • Regen Sie die Eltern an, im eigenen Umfeld nachzufragen, ob Nachbarn, Freunde oder Familienmitglieder bereit sind, bei den Hausaufgaben oder beim Lernen zu helfen.
  • Bekräftigen Sie die Eltern darin, die Hausaufgabenkontrolle zu übernehmen und dass geforderte Übungen gemacht und abgegeben werden müssen, wenn ihr Kind das Klassenziel erreichen soll.
  • Vermitteln Sie den Eltern in aller Deutlichkeit, dass ihr Kind viel positive Aufmerksamkeit und Lob braucht. Es darf auf keinen Fall mit schulischen Problemen allein gelassen werden. Kritik oder Ironie hilft den Kindern gar nicht.
  • Wenn viele Geschwister in der Familie leben, können Sie anregen, dass sich alle gegenseitig unterstützen, dass die Kinder im Haushalt mit einbezogen werden können und dass strukturierte Tagesabläufe besonders wichtig sind.
  • Den Eltern sollte bewusst gemacht werden, dass zu wenig Aufmerksamkeit ihr Kind krank machen kann. Trägheit oder Einsamkeit können die Folge sein.
  • Geben Sie den Eltern feste Zeiten (Elterninformationstelefon) an, zu denen sie sich in der Schule melden können, wenn Sie Hilfe oder Informationen benötigen. Diese Zeiten könnten stufenweise organisiert werden.

Konzepte müssen dringlich gemacht werden

Normalerweise müssten die Länder unbürokratisch ein Konzept entwickeln, damit Schulkindern mit Lernlücken geholfen wird. Dies wird jedoch nicht schnell umsetzbar sein. Es darf aber auch nicht von einzelnen engagierten Lehrerinnen und Lehrern abhängig sein, wie Lernlücken in den einzelnen Klassen gefüllt werden. Daher ist es ratsam, dass Schulleiter/-innen individuell oder gemeinsam mit anderen Schulleitern bzw. Schulleiterinnen von Grundschulen ein Konzept entwickeln, dass sich im Rahmen der Vorgaben vom Land bewegt. Mit einem solchen Konzept haben Lehrkräfte eine Vorgabe zur Orientierung.

Beispiele für die Inhalte dieses Konzeptes:
  • Video-Konferenzen mit Schüler/-innen sollten für alle Lehrkräfte – auch in den Grundschulen - verpflichtend sein.
  • Es muss Notfallgruppen für Kinder geben, die zusätzliche Förderung in den einzelnen Fächern benötigen. Lehramtsstudierende könnten bei dieser Aufgabe Praxiserfahrungen sammeln. Hier könnten auch altersübergreifende Lerngruppen mit Lernlücken zusammenarbeiten.
  • Eine intensive Zusammenarbeit mit Studienseminaren sollte angestrebt werden.
  • Die Entscheidung, in welche weiterführende Schule zum Beispiel ein Viertklässler mit Lernrückständen gehen kann, stellt sich als äußerst schwierig dar.
  • Förderprogramme, die mit Hilfe von Eltern oder Lehrkräften angeregt werden (Beispiele: Lernfoerderung) , unterstützen beim Lernen oder bereiten auf die weiterführende Schule vor. Für die Erstklässler ist der Schriftspracherwerb und das Erlernen der Grundrechenarten von großer Bedeutung. Da müssen Ausfälle dringend nachgeholt werden.
  • Grundschüler/- innen, die große Lernrückstände haben, könnten noch in diesem Schuljahr zurückgestuft werden. Das ist – vor allem in der jetzigen Zeit - pädagogisch begründbar. Dies sollte jedoch betont nicht als „Sitzenbleiben“, sondern als „Corona bedingte Maßnahme“ benannt werden.
  • Wenn jede Klasse eine Lehrkraft und eine pädagogische Begleitung hätte -zum Beispiel aufgestockt durch Lehramtsanwärter, Sozialpädagogen, pensionierte Fachkräfte, Studierende, geeignete Eltern – könnte die eine Lerngruppe einer Klasse per Video und die andere Hälfte gleichzeitig durch die Lehrkraft im Präsenzunterricht – unterrichtet werden.

Es wird deutlich, dass in der jetzigen Zeit kreatives Handeln und nachhaltige Konzepte absolut notwendig sind. Schule muss neu gedacht und neu konzipiert werden. Allerdings stellt sich hierbei die Frage, ob Schulen beziehungswiese Lehrkräfte und Schulleiter/-innen die Möglichkeit haben, möglichst schnell und unbürokratisch selbst etwas zu verändern oder anzukurbeln. Bildung sollte nicht nur als wichtig und notwendig angesehen, sondern (auch von der Politik) weiter gedacht werden.

Angela Hentschel


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