Fach/Thema/Bereich wählen
Erziehung und Förderung

Voraussetzungen der tiergestützten Arbeit in der Schule

Obwohl die tiergestützte Pädagogik auf Psychotherapie-Konzepte aus den 1960er Jahren zurückgeht, mangelt es an klaren gesetzlichen Vorschriften für den Einsatz von Tieren in der Schule. Neben der Schulgesetzgebung gilt es, informelle Rahmenbedingungen und ethische Grundsätze zu erfüllen.

Erziehung und Förderung: Voraussetzungen der tiergestützten Arbeit in der Schule Bevor Tiere in der Schule zum Einsatz kommen, sollten gesetzliche, ethische und versicherungsrechtliche Fragen geklärt sein © DWP - Fotolia.com

Diverse theoretische Ansätze erklären, womit die positive Wirkung von Tieren auf den Menschen zu begründen ist. Beispielhaft sei hier die These von der biologischen Affinität genannt, die sogenannte „Biophiliethese“. Sie umschreibt die Verbundenheit des Menschen mit Tieren, welche aus den bewussten Komponenten Empathie (Mitschwingen) und Compassion (Mitleiden) besteht.

Erklärungsansätze aus der analytischen Psychologie – weitgehend unbewusste Prozesse integriert in bewusste – tragen ebenfalls zu positiven Entwicklungen bei. Auch lerntheoretische Ableitungen, wie das instrumentelle und klassische Konditionieren und das Modell-Lernen aus humanistischer Perspektive, zum Beispiel nach Rogers, kommen in Betracht. Tiere nehmen den Menschen so wie er ist – also begegnen die Menschen dem Tier authentisch.

Über diese Erklärungsansätze hinaus macht sich die tiergestützte Arbeit zunutze, dass positive Effekte durch spezifische genetische Dispositionen oder antrainierte Fertigkeiten der Tiere ergänzt werden können (vgl. Olbrich / Otterstedt 2003; Fitting-Dahlmann 2004).

Begriffe der tiergestützten Arbeit

Während in den USA eindeutige Klassifikationen zu den gebräuchlichen Formen der pädagogischen und therapeutischen Arbeit mit Tieren entwickelt wurden, die „Animal-Assisted Activities“ (AAA) und die „Animal-Assisted Therapy“ (AAT), liegen in Deutschland keine derart verbindlichen Regelungen vor. Weder der Gesetzgeber noch Berufsverbände definieren den Therapie- oder Pädagogikbegriff des tiergestützten Lernens. Folglich tragen auch die Anbieter keine gesetzlich geschützte Berufsbezeichnung oder andersherum: jeder könnte tiergestützte Arbeit anbieten.

Vereinzelt widmen sich Forschungsgruppen und Initiativen wie die Forschungsgruppe TiPi (Tiere in die Pädagogik integrieren) der Universität Köln der Wissenschaftlichkeit und Legitimation. Einige Begrifflichkeiten haben sich allerdings im deutschsprachigen Raum bereits etabliert:

  • Tiergestützte Aktivität
  • Tiergestützte Förderung
  • Tiergestützte Therapie
  • Tiergestützte Pädagogik

Definition

„Unter Tiergestützter Aktivität sind Interventionen im Zusammenhang mit Tieren zu verstehen, welche die Möglichkeit bieten, erzieherische, rehabilitative und soziale Prozesse zu unterstützen und das Wohlbefinden von Menschen zu verbessern.“ (Vernooji / Schneider 2008, S. 34) Tiergestützte Förderung umfasst die „Interventionen im Zusammenhang mit Tieren […], welche auf der Basis eines (individuellen) Förderplans vorhandene Ressourcen des Kindes stärken und unlänglich ausgebildete Fähigkeiten verbessern sollen.“ (Vernooij / Schneider 2008, S. 37)

„Die tiergestützte Therapie beinhaltet Methoden, bei denen Klienten mit Tieren interagieren, über Tiere kommunizieren oder für Tiere tätig sind. [...] Die Therapie beinhaltet bewusst geplante pädagogische, psychologische und sozialintegrative Angebote mit Tieren für Kinder und Jugendliche mit kognitiven, sozial-emotionalen und motorischen Einschränkungen, Verhaltensstörungen und Förderschwerpunkten.“ (European Society for Animal Assisted Therapy 2013)

„Tiergestützte Pädagogik beschreibt einen von Tieren begleiteten (Heil-) Pädagogischen Erziehungs- und Fördereinsatz sowie die Integration von Tieren in das Leben von Menschen. [...] Die natürlichen Eigenschaften der Tiere und ihre spontane und unvoreingenommene Kontaktaufnahme zum Menschen ermöglichen den Pädagogen eine Beziehung mit von ihnen zu betreuenden Personen einzugehen.“ (Zit. nach: Forschungsgruppe TiPi, Universität Köln) Die tiergestützte Pädagogik fördert sozial-emotionale, kommunikative, motorische und sensorische Kompetenzen.

Geeignete Fachkräfte für die tiergestützte Pädagogik können sein:

  • mehr oder weniger ausgebildete Personen, unter Einsatz eines Tieres, das spezifische Merkmale aufweist
  • pädagogisch ausgebildete Fachkräfte mit einem für diesen Einsatz trainierten Tier
  • Fachkräfte mit Fachausbildung  nach Kriterien der ESAAT (European Society for Animal Assisted Therapy), unter Einsatz eines Tieres bzw. eines Therapiebegleittier-Teams aus etwa Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Psychologen oder (Sozial-) Pädagogen
  • ausgebildete Pädagogen

Rechtliche Rahmenbedingungen an Schulen für tiergestützte Arbeit

Obwohl zur tiergestützten pädagogischen Arbeit in der Schule keine dezidierten gesetzlichen Regeln gelten, sind beim Einsatz von Tieren Bundes- und Landesgesetze, Schulgesetze und Informationspflichten zu beachten. Da jedes Bundesland seine eigene Verfassung hat, gelten für Schulen Bundes- und Landesgesetze. Zum Schutz des Tieres greifen etwa das „Tierschutzgesetz“, das „Bundesnaturschutzgesetz“ und das „Tierische Nebenprodukte Beseitigungsgesetz“. Zum Schutz des Menschen hat das „Infektionsschutzgesetz“ Geltung, bezogen auf Gesundheit und Hygiene, etwa hinsichtlich übertragbarer Krankheiten, Parasiten und zu beachtender Hygienestandards. Der Schule obliegt die Verantwortung, Allergien auszuschließen und das Verletzungsrisiko durch das Tier einzuschätzen und zu minimieren.

Um tiergestützte Arbeit in der Schule einzusetzen, muss die Genehmigung der Schulleitung eingeholt werden. Diese ist nach dem Schulgesetz des Landes, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen (NRW) nach § 59, verantwortlich für die Erfüllung des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule.

Allgemein gelten für Schule Vorschriften, die zwar je nach Bundesland variieren können, die in ihren Grundsätzen aber alle der Sicherheit im Unterricht an allgemeinbildenden Schulen verfolgen. Die Kultusministerkonferenz–Richtlinien etwa sollen die Sicherheit im naturwissenschaftlichen Unterricht gewährleisten. Das Schulministerium in NRW veröffentlicht alle Richtlinien in der Bereinigten Amtlichen Sammlung der Schulvorschriften NRW, kurz: BASS.

Literatur zum Thema:

European Society for Animal Assisted Therapy (2013): Definition „Tiergestützte Therapie“. Wien [Stand vom 28.08.2013].

Fitting-Dahlmann, Klaus (2004): Tiergestützte Förderpädagogik. [Unveröffentlichtes Manuskript]. Universität Köln.

Olbrich, Erhard / Otterstedt, Carola (Hrsg.) (2003): Tiere brauchen Menschen. Kosmos Verlag: Stuttgart.

Vernooij, Monika A. / Schneider, Silke (2008): Handbuch der Tiergestützten Intervention. Grundlagen Konzepte Praxisfelder. Quelle und Meyer Verlag: Wiebelsheim.

Einverständniserklärung aller an Schule Beteiligten

Ist eine grundsätzliche Genehmigung des Vorhabens von Seiten der Schulleitung erfolgt, müssen alle Menschen informiert werden, die mit dem Tier (auch im weitesten Sinne mit dessen Haaren, Geruch etc.) in Berührung kommen. Eine Informationsveranstaltung ist gut geeignet, um Fragen nach Allergien etc. zu thematisieren, mögliche Bedenken, Ängste oder Hindernisse zu erkennen und gegebenenfalls abzubauen.

In der Klasse, für die ein Tier angeschafft werden soll, muss das Vorhaben den Mitgliedern der Klassenpflegschaft vorgestellt werden. Lehrer sind verpflichtet, den Erziehungsberechtigten ihr Vorhaben mit den angestrebten Zielvorstellungen zu erklären. Hierbei sind die Beschlussfähigkeit des Gremiums sowie die Formalitäten (Protokoll, Information aller Eltern in schriftlicher Form) zu beachten. Die schriftliche Einverständniserklärung der Eltern sollte auch den Ausschluss von Allergien in Bezug auf das Tier beinhalten.

Auch weitere Gremien der Schule, der städtischen und kommunalen Ebene etc. müssen in die Entscheidung einbezogen werden. Dazu zählen die Schulpflegschaft, Schulkonferenz, teilweise auch das Schulamt und das Gesundheitsamt. Bei dauerhafter Tierhaltung in der Schule sollte auch der Schulträger informiert werden.

Ethische Regeln zum Umgang mit Tieren

Jedes Tier ist ein individuelles Lebewesen. Tiere sollten daher nicht durch Lärm, durch eine ungewohnte Umgebung oder Berührungen in Stress versetzt werden. Die Zeiten, in denen in der Klasse mit Tieren gearbeitet werden soll, müssen dem Tier angemessen ausgewählt sein, damit sie nicht zur Überforderung werden. Dabei ist die Art des Tiers, der Charakter und das Alter sowie das Setting etc. zu bedenken. Dem Tier sollten Eingewöhnungsphasen, Erholungspausen und Rückzugsmöglichkeiten eingeräumt werden. Nicht zuletzt muss die Versorgung des Tiers, auch während der Ferien, mit Futter und Wasser und das Bereitstellen erforderlichen Equipments müssen sichergestellt sein.

Versicherungen für den Schadensersatz

Um Schule und Personal ausreichend vor durch die Tiere verursachten Schäden zu schützen, sollte eine eingehende Beschäftigung mit notwendigen Versicherungen vorausgehen. Beispielhaft eignet sich etwa die „Tierhalterhaftpflichtversicherung“, die Schäden abdeckt, die durch typisches Tierverhalten verursacht werden. „Therapietiere“ sind hier teilweise extra aufgeführt. Eine „Berufshaftpflichtversicherung“ ist grundsätzlich empfehlenswert, sie kann zum Beispiel über Gewerkschaften abgeschlossen werden.

Versicherungsfragen sollten mit der Schulleitung geklärt werden, da bei einem genehmigten Einsatz von Tieren im Unterricht, ein gesetzlicher Unfallversicherungsschutz greift. Gegebenenfalls hilft auch die Unfallkasse des jeweiligen Bundeslandes weiter. Eine private Unfallversicherung für Lehrer kann zusätzlichen Schutz bieten. Für die Tiere selbst können Versicherungen abgeschlossen werden, die zum Teil tierärztliche Leistungen wie Operationen tragen. Weiterhin gibt es Tierlebensversicherungen.

Auch, wenn die Begriffe und Rahmenbedingungen nicht genau festgelegt sind: Tiergestützte Arbeit bedarf der genauen Planung und Organisation und muss professionell durchgeführt werden. Dies setzt voraus, dass Standards entwickelt werden, die das Arbeitsfeld seriös gestalten, wissenschaftlich begleiten lassen und in einen sinnvollen Rahmen bringen.

Erste Schritte auf dem Weg dorthin leisten die Schulen, indem sie zunehmend auf den Einsatz von Tieren Modell stehen. Bis sich die tiergestützte Arbeit etabliert hat, müssen sie sorgsam Aus- und Fortbildungsangebote sowie die Seriosität von Anbietern und Unterstützern kritisch prüfen.

Philipp Einfalt

Dazu passender Ratgeber

Mehr zu Ratgeber Diagnostik und Förderung
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×