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Tic-Störungen

Was Lehrer über das Tourette-Syndrom wissen sollten

Einer von hundert Schülern leidet am Tourette-Syndrom. Das Tückische daran: Kaum jemand erkennt die schwere chronische Tic-Störung mit wechselnden Symptomen. Besonders in der Schule hat das für die Betroffenen fatale Folgen.

Tic-Störungen: Was Lehrer über das Tourette-Syndrom wissen sollten Kinder mit einem Tourette-Syndrom entwickeln verschiedene Tic wie unvermitteltes Losschreien © ulianna19970 - Fotolia.com

„Zunächst fiel Ben nicht weiter auf, er ist ein netter, freundlicher und ausgesprochen cleverer Junge“, schreibt eine Grundschullehrerin in ihrem Erfahrungsbericht zum Thema Tourette-Syndrom. Nach ein oder zwei Monaten Schule begann der Erstklässler aber „zu zwinkern und eigenartig zu zucken“, schon bald kamen „laute ‚Ja‘-Schreie im Unterricht“ hinzu, die dann wieder nachließen. Doch nach den Sommerferien bestätigte sich die Vermutung der Lehrerin: Diagnose „Tourette-Syndrom“. Die Symptome kehrten zurück, neue Tics kamen hinzu: Ben hatte nun immer öfter auch noch den Zwang, Mitschüler zu berühren („Touching“): Im Stuhlkreis patschte er zum Beispiel „den beiden Mädchen links und rechts von sich mitten im Erzählen plötzlich mit der linken und rechten Hand ‚synchron‘ auf die Wange“. Besonders in offenen Unterrichtsphasen fällt es Ben sehr schwer, mit seinen Tics zurechtzukommen, beobachtet seine Lehrerin, doch „wenn er sich konzentrieren muss und ganz in einer Aufgabe versinken kann, scheint er seine Tics vergessen zu können und wird viel ruhiger.“

Dass Schüler mit Tourette-Syndrom (TS) an einer Krankheit leiden, wird oft nicht erkannt. Doch kann durch eine möglichst frühe Diagnose der Krankheit „den Betroffenen sowie der Familie und dem unmittelbaren Umfeld viel Leid erspart werden“, betonen die Autoren des Leitfadens für Lehrer (S. 9) der deutschen Tourette-Gesellschaft (abgekürzt: TGD): Ohne eine eindeutige Diagnose sei das Risiko hoch, dass Kinder „wegen eines nicht diagnostizierten Tourette-Syndrom auf Sonderschulen umgeschult,(…) als geistig behindert eingestuft oder sogar über Jahre stationär in psychiatrischen Kliniken untergebracht“ werden (ebd., S. 10).

Diagnose, Ursachen und Häufigkeit

Die — oft schwierige — Diagnose von Tic-Störungen allgemein und Tourette im Besonderen erfolgt „klinisch“ durch einen Neurologen, (Kinder- und Jugend-)Psychiater oder Kinderarzt. Sie kann „weder durch Bluttests noch durch andere technische Untersuchungen“ gestellt werden (Leitfaden für Lehrer, S. 4), obwohl als „sicher gilt, dass es sich um eine organische Erkrankung und nicht um eine psychische oder emotionale reaktive Störung handelt“ (ebd., S. 8).

Die genauen Ursachen des TS sind bisher nicht geklärt, fest steht jedoch, dass „bei Tourette-Patienten ein Fehler im Gehirn vorliegt“, so informiert die Website des Wissenschafts-Magazins „Planet Wissen“: Die Basalganglien, also die Nervenzellen im Endhirn, „die für die Feinabstimmung von Körperbewegungen zuständig sind“ (ebd.), senden bei TS besonders viele Signale aus, die sich dann entladen, „und zwar als Tics“ (ebd.). Nach derzeitigem Forschungsstand könnte das auf „gestörte Stoffwechselvorgänge im Gehirn“ zurückzuführen sein, genauer gesagt auf ein „Ungleichgewicht der zentralnervösen Botenstoffe“ wie Dopamin oder Serotonin. (Vgl. dazu: Website der TGD)

Die Angaben zur Verbreitung des TS schwanken von „5 bis hin zu 300 Betroffenen unter 10.000 Kindern“, eine neuere Forschungsübersicht im Deutschen Ärzteblatt geht sogar von einer Prävalenzrate von etwa einem Prozent weltweit aus. Dabei sind Jungen um ein Vielfaches häufiger betroffen als Mädchen. (Leitfaden für Lehrer, S. 8 und Beitrag im Ärzteblatt).

Weiterführende Hinweise:

Tourette-Ambulanzen gibt es in vielen Städten, hier eine Liste mit Fachärzten und Kliniken der Tourette-Gesellschaft.

Die SWR-Dokumentation „betrifft“ veranschaulicht am Beispiel des schwer erkrankten 24-jährigen Thomas, wie sehr die Betroffenen durch TS eingeschränkt sind.

Hilfreich für die Elternarbeit: der Flyer der Tourette-Gesellschaft bringt die wichtigsten Informationen zum Tourette-Syndrom auf den Punkt. Ideal als Handout bei Klassen-Elternabenden.

Links zu Publikationen und Dissertationen zum Tourette-Syndrom versammelt die Website tourette-syndrom.de.

Ebenfalls auf tourette-syndrom.de finden sich 15 FAQs zum Tourette-Syndrom, beantwortet von Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl, in spanischer, portugiesischer, französischer, russischer, polnischer und türkischer Sprache. (Ans Seitenende scrollen!)

Motorische und vokale Tics

Das Tourette-Syndrom ist eine Tic-Störung, die sich durch bestimmte Kriterien definiert: (Vgl. dazu und im Folgenden Leitfaden für Lehrer, S. 4 f.):

  • Beginn vor dem 18. Lebensjahr,
  • Auftreten von mehreren motorischen und mindestens einem vokalen Tic,
  • Symptomdauer von mehr als einem Jahr und – wie bei Ben im Eingangsbeispiel –
  • „Veränderung der Tics hinsichtlich Art, Häufigkeit, Anzahl, Lokalisation, Form und Schweregrad“.
  • Zudem müssen im Rahmen einer schlüssigen Diagnose andere mögliche Erkrankungen (vgl. dazu den oben verlinkten Beitrag im Deutschen Ärzteblatt) ausgeschlossen werden.

Motorische Tics sind „weit gehend [sic!] unwillkürlich eintretende plötzliche Bewegungen (Muskelzuckungen)“, meist des Gesichts und Kopfes („Blinzeln, Grimassieren, Augenverdrehen und Kopfrucken“), häufig aber auch an den Schultern und Armen („Hochziehen der Schultern, Schleudern des Armes, Verkrampfen der Finger“ etc.), manchmal auch an Rumpf und Beinen. Unterschieden wird dabei zwischen „einfachen“ motorischen Tics (sehr kurz, nahezu unmerklich, oft verkannt als „Eigenart“ oder „Nervosität“) und „komplexen“ Tics („beispielsweise plötzliches Hüpfen, Springen, in die Hocke gehen oder bizarre Arm- und Rumpfbewegungen). Auch das eingangs erwähnte „Touching“ (= „unwillkürliches Berühren von Gegenständen und Personen“) zählt zu den komplexen Tics, genauso wie „Echopraxie“ (= Nachahmen von Bewegungen, Gesten und Handlungen anderer Menschen) und „Kopropraxie“ (obszöne Bewegungen oder das Berühren der eigenen Genitalregion).

Unter vokalen Tics versteht man „das unwillkürliche Hervorbringen von Lauten und Geräuschen“ (= einfache vokale Tics) oder von Wörtern oder Sätzen (= komplexe vokale Tics). Typisch sind dabei „unwillkürliches wiederkehrendes Husten (ohne dass eine Erkältung vorliegt), Fiepen, Räuspern, Grunzen, lautes Ein- und Ausatmen, Schnauben, Quieken, aber auch bellende, miauende Laute oder lautes Schreien“, so die Tourette-Gesellschaft in ihrem Leitfaden für Lehrer (ebd.). Auch hier gibt es spezielle Begriffe für einige komplexe Tics: „Echolalie“ (= Nachsprechen von Wörtern oder Sätzen anderer), „Palilalie“ (= Wiederholen eigener Wörter oder Sätze, kann wie Stottern klingen, evtl. auch als „eine Art ‚Sprechblockade‘“ auftreten) oder „Koprolalie“ (= unwillkürliches, heftiges Herausschleudern von Wörtern mit obszönem Inhalt).

Ein typisches Symptombild gibt es bei TS nicht. „Jeder Betroffene unterscheidet sich vom anderen. Es gibt nicht zwei Mal das gleiche Tourette-Syndrom“, so die Experten der Tourette Gesellschaft, es sei gerade „diese Vielfalt in der Ähnlichkeit“ charakteristisch für das Krankheitsbild (ebd., S. 8).

In 80 bis 90 Prozent der Fälle weitere Verhaltensprobleme

Meist sind mit TS weitere Störungen verbunden: „Nur etwa 10 bis 20 Prozent der Kinder mit Tourette-Syndrom weisen keine weitere andere Störung auf“, so die „Neurologen und Psychiater im Netz“. Auch neigen Kinder mit TS „zu aggressivem Verhalten mit plötzlichen Wutausbrüchen“ und ältere Jugendliche zeigten überdurchschnittlich oft selbstverletzendes Verhalten (ebd.).

Die Tourette-Gesellschaft informiert auf ihrer Website ausführlich über mit Tourette häufig gekoppelte Verhaltensprobleme, die besonders auch die Schulleistungen beeinträchtigen können: Aufmerksamkeitsprobleme, „Störungen des Lesens, des Schreibens und Rechnens sowie Probleme der differenzierten Wahrnehmung“. Auch „Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle und bisweilen Schlafstörungen und Depressivität sind im Zusammenhang mit TS möglich.

Schüler mit Tourette-Diagnose: Empfehlungen für Lehrer

Aufgrund der heterogenen Symptombilder bei TS „gibt es keine allgemeingültigen Empfehlungen“, so die Tourette-Gesellschaft (Leitfaden für Lehrer, S. 10 ff.). Die TGD empfiehlt, zunächst im Gespräch mit den Eltern abzuklären, welche speziellen Symptome aktuell auftreten.

Weil Tics oft unter Anspannung und Belastung zunehmen, sollte auf eine „angenehme und konzentrativ entspannte Atmosphäre“ geachtet werden. Bei manchen Betroffenen lassen die Tics auch nach, wenn sie gefordert werden. – Zu diesem Zweck sollte man entsprechende Aufgaben bereithalten. Treten komplexe Tics auf, sollten die Schüler die Möglichkeit bekommen, „sich von Zeit zu Zeit ‚auszuticen‘ [sic!] und/oder Entspannungsübungen zur Stressreduktion durchzuführen“, idealerweise unbeobachtet in einem anderen Raum. Der Berliner Lerntherapeut Manfred Mickley rät sogar dazu, Schülern mit TS hin und wieder zu erlauben, „Kopfhörer zu benutzen, um entspannende Musik, Entspannungssuggestionen etc. während des Arbeitens hören zu können.“

Bezogen auf die Tics formuliert Mickley (ebd.) Regeln, die auch in Tourette-Foren und -Portalen häufig zu lesen sind: „Fordern Sie niemals das Kind auf, seine Tics zu unterdrücken oder zu stoppen. Wichtig ist es, dem Kind keine Vorwürfe zu machen und/oder Neckereien des Kindes, bezogen auf die Tics, zu unterbinden. Tics sollten — wenn möglich — ignoriert werden“.

Auch zu den Tourette-begleitenden Verhaltensauffälligkeiten finden sich im Leitfaden detaillierte Tipps (S. 12 f.), etwa zum Umgang mit Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung. Vor allem Zwangshandlungen und -gedanken könnten „zu erheblichen Beeinträchtigungen in der Schule führen“, zum Beispiel, wenn vor dem Schreiben erst der Stift „genau richtig“ angefasst werden muss, anschließend jeder Buchstabe „genau richtig“ geschrieben und exakt wieder durchgestrichen werden muss, oder ein Schüler beim Bockspringen im Sportunterricht „immer wieder erneut Anlauf nehmen muss, bis die Schrittfolge seinem Empfinden nach ‚stimmt‘“. (S. 13) In solchen Fällen gilt: „Verhaltenstherapie und Familiengespräche, evtl. auch eine medikamentöse Behandlung sind nötig“, betonen die Experten der TGD.

Nachteilsausgleich

Je nach Symptomatik kann der Nachteilsausgleich für betroffene Schüler unterschiedliche Formen annehmen. Der Interessen-Verband Tic & Tourette-Syndrom e. V. informiert auf seiner Website über sinnvolle Erleichterungen und Möglichkeiten. Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang auch die Hinweise im Leitfaden für Lehrer der TGD (Link s. o., S. 11), z. B.: „Blinzel-Tics oder Tics mit Verdrehen der Augen können gelegentlich so stark ausgeprägt sein, dass das Lesen und Schreiben hierdurch beeinträchtigt ist. Dem Kind sollte dann entsprechend mehr Zeit zum Lösen von Aufgaben gegeben werden.“

Die Mitschüler einbeziehen und Empathie fördern

Schüler mit Tourette-Syndrom sind in der Schule häufig Stigmatisierungen, Hänseleien und Mobbing ausgesetzt. Dem sollte der Lehrer durch gezielte Maßnahmen vorbeugen, betont Mickley (Link s. o.). Am besten werden die Schüler dabei selbst aktiv: Sie erarbeiten Referate zum Thema TS oder sie versetzen sich mithilfe von Übungen in einen TS-Patienten, indem sie während des Lesens oder Schreibens auf Aufforderung des Lehrers vokale oder motorische Tics („5x hintereinander“) ausführen müssen. Sehr schön auch Mickleys Idee, Kindern vokale Tics mit „Wörter-Niesen“ zu erklären.

Bei Touching-Tics sollte man den Mitschülern den Rat geben, „klar und deutlich, aber freundlich, dem betroffenen Kind mitzuteilen, dass es das lassen soll“ und sich anschließend zu entfernen, damit weiteres Touching nicht möglich ist.

Grundsätzlich sind Kinder und Jugendliche mit Tourette-Syndrom ebenso intelligent wie ihre Altersgenossen. Trotzdem haben die wenigsten die gleichen Chancen wie Gleichaltrige: Ihre Schulleistungen werden durch Teilleistungsschwächen, Verhaltensauffälligkeiten, eine oft schwierige Situation im Elternhaus, Medikation und oft auch Ausgrenzung und Isolation beeinträchtigt. (Vgl. dazu: Petra Wiechers, „Die schulische Förderung von jungen Menschen mit Tourette-Syndrom“, S. 48 ff.)

Viele dieser Hindernisse entziehen sich dem Einflussbereich der Lehrkraft. Trotzdem können Lehrer Schüler mit TS auf vielfache Weise unterstützen: Indem sie zu einem wertschätzenden Klassen- und Schulklima beitragen, indem sie Lernsituationen möglichst stressfrei und flexibel gestalten und indem sie bei den Betroffenen Eigeninitiative, Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung fördern.

Martina Niekrawietz

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