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Anfangsunterricht

Wenn Erstklässler in ihrer Feinmotorik eingeschränkt sind

Wenn die Hand- und Feinmotorik nicht genügend ausgeprägt ist, klappt es auch nicht mit dem Schreiben. Kleine Übungen können helfen, diesen Mangel zu beheben — und bringen allen Schülern Spaß.

Anfangsunterricht: Wenn Erstklässler in ihrer Feinmotorik eingeschränkt sind Herbstliches Basteln fördert die Feinmotorik © st-fotograf - stock.adobe.com

„Es ist wirklich ärgerlich. In der ersten Klasse kann ich in einer Stunde nur ganz kurz Sportunterricht machen, weil es unendlich lange dauert, bis alle Kinder umgezogen sind. Einige Schüler sind dazu kaum in der Lage oder brauchen enorm viel Zeit.“ — Eine Situation, mit der viele Sportlehrer in der Grundschule kämpfen. Auch im Deutschunterricht ist gerade zu Beginn viel Geduld gefragt, wenn Kinder zum Beispiel beim Schreiben den Stift so stark durchdrücken, dass das Blatt kaputtgeht oder die Buchstaben unleserlich sind.

Zahlreiche Kinder, die eingeschult werden, haben Schwierigkeiten, alltägliche Aufgaben zu erledigen, weil ihre fein- und grobmotorischen Fähigkeiten nicht entsprechend entwickelt sind. Individuelle Entwicklungsrückstände sind häufig zu beobachten: Sie können keine Schleife binden, beim Radieren zerstören sie gleich das Papier usw. 

Motorische Fähigkeiten nicht immer ausgebildet

Mangelnde Bewegungserfahrungen haben negative Auswirkungen und zeigen sich in Form einer eingeschränkten Funktionalität. Denn auch im Sportunterricht fallen Kinder durch schlecht entwickelte grobmotorische Fertigkeiten auf. Viele können nur unter Anstrengung auf einem Bein stehen oder rückwärtslaufen. Wenn Kinder keine Gelegenheit bekommen, draußen zu klettern, zu springen oder Ball zu spielen, entwickeln sie keine ausreichende Motorik. Und werden dann womöglich von Ihren Mitschülern wegen ihrer Ungeschicklichkeit ausgelacht oder gar ausgegrenzt. Dies wirkt sich wiederum auf die psychosoziale Komponente eines Kindes aus, schafft Frust und verhindert Erfolgserlebnisse oder positive Rückmeldungen.

Die Entwicklung der Feinmotorik und Handgeschicklichkeit ist ebenfalls bei Kindern sehr unterschiedlich ausgeprägt. Hierbei spielen genetische Anlagen und das soziale Umfeld, verbunden mit Anregungs- und Förderangeboten, eine große Rolle. Um Feinmotorik und Fingerfertigkeit zu entwickeln, ist eine fein abgestimmte Koordination von Bewegungen notwendig. Dazu gehören Muskelanspannung in Ruhe und Bewegung, Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit von Bewegungsaktionen und die Zusammenarbeit beider Hände. 

Malen, Ausschneiden, Basteln oder Perlen auffädeln sind nur einige vieler guter Übungen für die Verfeinerung der Handmotorik. Diese sollte bereits frühzeitig im Elternhaus gefördert werden. Ohne ein „geschicktes Händchen“ und eine gute Auge-Hand-Koordination gelingt das Schreibenlernen nur schwer. Beim Schreiben kann das nicht nur zu einem verkrampften, womöglich schmerzfaften Halten des Stiftes führen, sondern die Schüler auch sehr schnell demotivieren. Mit einer eingeschränkten grafomotorischen Koordinationsfähigkeit und Visuomotorik gelingt es den Kindern nicht, fließende Linien, Schleifen- und Zickzacklinien zu malen. Es entstehen später unleserliche Buchstaben auf durchgedrücktem Papier.

Ein zusätzliches Problem zeigt sich bei denjenigen Kindern, die einen nicht ausgereiften oder ungünstigen motorischen Entwicklungsverlauf hatten: Sie haben häufig ein negatives Selbst- und Körperkonzept und sind in ihrer Wahrnehmung beeinträchtigt. 

Durch abwechslungsreiche Bewegungserfahrungen bzw. Angebote, ist die motorische Entwicklung jedoch positiv beeinflussbar und kann sich weiterentwickeln, wobei die Grob- und Feinmotorik nicht voneinander getrennt zu sehen sind.

Spielerische Anreize schaffen

Vielfältige große und kleine Bewegungsaufgaben sollten — im günstigen Fall — schon im frühen Kindesalter geübt werden. Spätestens jedoch im Schulalter brauchen Kinder bestimmte motorische Voraussetzungen. Dazu gehören: greifen, fangen, laufen, auf einem Bein stehen. Im Folgenden finden Sie Übungen zur Schulung Feinmotorik, die in den Unterricht integriert werden können, darüber hinaus einen Angebotskatalog für die Eltern.

Bauen Sie Spielphasen ein, in denen die Hand- und Fingergeschicklichkeit geübt werden oder nutzen Sie die Übungen im Mathematik-, Deutsch- oder Kunstunterricht: 

  • Lassen Sie von den Kindern Luftballons mit etwas Mehl füllen und gut zuknoten. Diese dienen als Lockerungsübungen für zwischendurch: zum Öffnen und schließen der Finger und Hände mit oder ohne Druck. Gleichzeitig eignen sie sich als Antistressball.
  • Stellen sie in die Mitte des Stuhlkreises eine Schüssel mit Kastanien oder Nüssen auf einen Tisch und eine Dose mit einer Zuckerzange. Im Wechsel muss nun jeder Schüler mehrere Kastanien mit der Zange in die Dose füllen. Im Mathematikunterricht könnte auch jeder Schüler eine Zahl ziehen und die entsprechende Anzahl umfüllen.
  • Lassen Sie auf große Blätter viele Kreise malen, deren Rand dann anschließend mit kleinen Steinen belegt werden muss. (Kann man auch draußen machen im Sand). Im Kunstunterricht kann man die Ränder farbiger Kreise mit kleinen bunten Perlen bekleben lassen.
  • Führen Sie neue Buchstaben ein, indem die Schüler diese durch verschiedene Geschicklichkeitsaufgaben feinmotorisch erfahren: den Buchstaben mit Schnüren nachlegen, den Buchstaben ausschneiden, mit Knete formen, einen kleinen Stift an einem Spielzeugauto mit Klebeband befestigen. Wenn das Auto mit Handführung fährt, kann es damit Buchstaben malen.
  • Sprühen Sie Rasierschaum auf einen Tisch. Darin kann man wunderbar mit den Fingern Schlangenlinien, Spuren, Kreise, Buchstaben oder Zahlen nachfahren.
  • Jedes Kind bringt einen eigenen Schuhkarton mit, den Sie mit jedem Schüler gemeinsam mit etwas Sand befüllen. Mit Pinselenden oder dem Finger kann man in dem Sand Schwungübungen machen. Handübungen, die mit Schwung ausgeführt werden, erleichtern, den Krafteinsatz richtig zu dosieren.
  • Lassen Sie die Schüler die Symbole des Tagesablaufes oder andere Aufgaben auf Karten mit Wäscheklammern an eine Leine heften. Damit üben Sie den sogenannten Pinzettengriff, der als Grundlage für das Halten eines Stiftes im Dreipunktegriff notwendig ist.
  • Die Muskulatur von Daumen und Zeigefinder sowie die Visuomotorik kann man mit einem Tennisball trainieren. Dieser wird an einer Naht eingeschnitten, sodass ein Schlitz entsteht. Wenn man den Ball nun an beiden Seiten mit Daumen und Zeigefinger eindrückt, entsteht an der Stelle ein Loch, dass sich öffnet. So können die Kinder Kastanien oder Perlen, die auf einem Teller liegen, mit dem geöffneten Maul aufnehmen. Als Steigerung kann man z. B. getrocknete Bohnen nehmen und in ein anderes Gefäß wieder „ausspucken“.
  • Mit einem Tastbeutel kann man die Haptik und Wahrnehmung schulen. Füllen Sie einen Beutel mit verschiedenen Gegenständen oder Holzbuchstaben oder Zahlen und lassen Sie die Kinder durch Ertasten im Beutel erkennen, um welchen Gegenstand (Buchstabe oder Zahl) es sich handelt.
  • Manchen Kindern kann es helfen, auf einer langen Tapetenrolle ohne Linien schon bekannte Buchstaben in selbst gewählten Größen zu malen. So kann spielerisch die Stifthaltung im Dreipunktegriff geübt werden. Ohne Linien frei auf dem Blatt macht es ohnehin mehr Spaß und schult die Grafomotorik.
  • Wenn ein Schüler einen Stift oder Pinsel nicht richtig aufnehmen bzw. greifen kann, reichen Sie ihm den Stift an, in dem Sie diesen von unten im Dreipunktegriff hinhalten. Das Kind wird automatisch auch richtig zugreifen.
  • Lassen Sie die Kinder Grimassen schneiden zu bestimmten Gefühlen, die die anderen erraten müssen.
  • Nehmen Sie löchrige Gefäße, zum Beispiel einen Besteckbehälter oder eine Pappröhre (WC Rolle), in die Sie Löcher gemacht haben. Geben Sie den Kindern nun die Aufgabe, Strohhalme in die Löcher zu stecken, bis sie auf der anderen Seite wieder herauskommen. Dies ist eine gute Übung für die Visuomotorik.
  • Die Kinder bekommen eine leere Schachtel und einen Karton, in dem Perlen liegen. Nun werden Zahlen verbal oder schriftlich vorgegeben. Mitilfe einer Pinzette müssen die Schüler nun die besagte Anzahl an Perlen von einem Karton in den anderen packen. Für die nächste Aufgabe werden sie, nach einer Kontrolle, wieder zurückgeschüttet.
  • In eine Kiste, in die an den Rändern kleine Nägel — ziemlich tief, wegen der Verletzungsgefahr — eingeschlagen wurden, werden verschiedene kleine Gegenstände (z. B. Kastanien, kleine Stöcke, Steinchen etc.) gelegt. Von Nagel zu Nagel wird nun ein Faden kreuz und quer in größeren Abständen darüber gesponnen. Die Schüler sollen anschließend mit einer Grillzange die Gegenstände aus der Kiste fischen, ohne den Faden zu berühren.
  • Sie können Buchstaben oder Zahlen aus Draht formen lassen.
  • Freundschaftsbänder, die man zu zweit mit Wollfäden flechten kann, trainieren die Fingerfertigkeit und machen Spaß.

Feinmotorik an Stationen: Viele dieser oben genannten Übungen lassen sich auch an Stationen üben. Dazu werden die verschiedenen Materialien auf Tischen verteilt. Jeder Tisch bedeutet eine andere Übungsstation. Die Aufgaben dazu stehen auf einem Blatt und liegen jeweils neben den Materialien. Jedes Kind bekommt eine Laufkarte, auf der alle durchzuführenden Aufgaben angegeben sind. Nun gehen die Schüler im Wechsel zu jeder Station und lassen sich nach der ausgeführten Übung einen entsprechenden Stempel geben. (Zum Beispiel Station A hat einen Elefantenstempel, Station B hat einen Kleeblattstempel usw.). So kann am Ende jeder zeigen, an welchen Stationen er gearbeitet hat. 

Durch regelmäßiges Training kann die Handmotorik verbessert werden. Viele Übungen dazu können in den Unterricht integriert werden. Bei stark auffallenden Schwierigkeiten reicht dies jedoch nicht aus. Bei diesen Kindern sollten die Eltern unbedingt mit einbezogen werden, um Ihre Kinder auch zu Hause zu fördern. In schwereren Fällen ist allerdings auch eine Ergotherapie angebracht.

Wichtig zu erwähnen ist, dass die Fähigkeiten oder Einschränkungen der Handgeschicklichkeit beziehungsweise Feinmotorik, keine Rückschlüsse auf die Intelligenz eines Kindes zulassen. Entscheidend für die Kinder ist die häusliche Förderung im Kleinkind- und Vorschulalter und das rechtzeitige Erkennen von größeren Beeinträchtigungen. So kann mit speziellen Übungen und Lernmitteln, möglicherweise auch einer Therapie, die Motorik unterstützt und weiter gefördert werden.

Angela Hentschel

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