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Schwierige Schüler

Wenn Worte fehlen, hilft kreatives Gestalten

Schwierige, verhaltensauffällige und gewaltbereite Schüler finden häufig keine Worte für ihre Probleme und ihr unsoziales Verhalten. Kunsttherapeutische Begleitung kann hier helfen, die Sprachlosigkeit zu überwinden und Verhaltensstrategien zu entwickeln.

Schwierige Schüler: Wenn Worte fehlen, hilft kreatives Gestalten Mit Knete kann man figürlich gestalten, aber auch an ihr die eigenen Aggressionen ausleben © vejaa - Fotolia.com

Wenn Mustafa jeden Tag über Kopfschmerzen und Depressionen klagt, braucht er sicher nicht nur Medizin. Wenn Marco seine Wut nie in den Griff bekommt, braucht er Auswegmöglichkeiten. Wenn Jaqueline stets schüchtern und ängstlich kaum einen Ton herausbekommt, benötigt sie dringend Impulse, um ihre Persönlichkeit zu entwickeln. All diese Symptome sind Botschaften der Kinder: „Ich brauche Hilfe.“

Unsere Gesellschaft hat sich verändert und damit auch die Probleme der Kinder und Jugendlichen. Es gibt immer mehr psychisch auffällige Kinder im Vorschulalter, die Medikamente erhalten. Viele landen in der Psychiatrie mit der Diagnose: Anpassungsstörungen. Laut einer Statistik des Statistischen Bundesamtes haben die Fallzahlen im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie zwischen 1991 und 2010 um 130 Prozent auf 20.400 zugenommen. Und die Zahlen steigen weiter. Viele Jungen und Mädchen hatten traumatische Erlebnisse, mitunter auch schwere Gewalterfahrung. Oft sind sie Außenseiter, impulsiv bis aggressiv, manche haben nicht gelernt, sich zu steuern. Folgen davon können sein: soziale Unfähigkeit im Gruppengeschehen, Schulangst, Schulunlust bis hin zum Schulschwänzen.

Lehrer als therapeutische Berater

So wird ein Lehrer täglich gefordert, neben der Wissensvermittlung auch auf die Schwierigkeiten und Bedürfnisse der Schüler einzugehen. Oft höre ich von Kollegen: „Das ist nicht meine Aufgabe. Ich bin Lehrer geworden, um mein Fach zu unterrichten.“ Diese Einstellung ist zunächst sicherlich verständlich, hilft jedoch den Lehrern heute wenig, mit den schwierigen Lerngruppen umzugehen. Im Unterricht allein können jedoch nicht alle Probleme der einzelnen Schüler aufgearbeitet werden.

Die Kunst- und Gestaltungstherapie kann einen wesentlichen Beitrag zum Auffangen von Störungen und Schwierigkeiten von Kindern darstellen. Im Idealfall haben Schulen einen Kunsttherapeuten. Nur was machen Lehrer, wenn es diese Berufsgruppe an ihrer Schule nicht gibt? Das Aufheben der Grenzen von Beratung und Unterricht kann zur Entwicklung der Kinder beitragen und das Lehren erleichtern. Lehrer sind zwar keine Therapeuten, aber sie können prozessorientiert mit einfachen Methoden der Gestaltungstherapie beraten. In diesem Sinne wird das Malen oder Formen als pädagogische Hilfe angeboten. Sogenannte „Inselstunden“ oder das integrieren von „Ermutigungszeiten“ im Unterricht wären eine Möglichkeit, auf die aktuellen Schwierigkeiten der Schüler einzugehen.

Künstlerische Therapie hat heilende Wirkung

Kunst- und Gestaltungstherapie ist eine künstlerische Therapie, die sich der malerischen und zeichnerischen Medien bedient. Plastisch skulpturale Gestaltungen und fotografische Medien gehören ebenso dazu. Sie wird in klinischen und pädagogischen Bereichen angewendet. Die Kunst- und Gestaltungstherapie geht davon aus, dass die Fähigkeit zu gestalten bei jedem Menschen angelegt ist. Das gilt auch für die Wahrnehmung, das Denken und das Gedächtnis: „Es gehört mithin in den Kreis der autonomen Ich-Funktionen, die nicht erst erworben werden müssen.“ (Biniek, Eberhard: Psychotherapie mit gestalterischen Mitteln — eine Einführung in die Gestaltungstherapie. Darmstadt 1992)

Der schöpferische bzw. gestalterische Prozess an sich hat schon heilende Wirkung. Beim Malen oder Gestalten entstehen Spaß und Freude, vor allem, wenn es dabei nicht um Leistungsdruck bzw. Notengebung geht. Durch den spielerischen und die Aufmerksamkeit fordernden Akt der Gestaltung wird die Auseinandersetzung mit der Realität (Material) und die Begegnung mit sich selbst angeregt. Durch die Methoden der Gestaltungstherapie, wie zum Beispiel Wutbilder malen, Arbeiten mit Ton, Gefühlssterne bemalen oder Malen nach Musik, eröffnet sich die Möglichkeit, soziale Ressourcen zu erkennen und zu nutzen. Die eigenen Ressourcen erkennen heißt, Kraftquellen nutzen, die man braucht, um Probleme zu lösen oder mit Schwierigkeiten zurechtzukommen: „Projektion, Verarbeitung, Introjektion und Distanzierung sind diejenigen innerpsychischen Prozesse, die durch kunsttherapeutische Gestaltungsprozesse angestoßen werden und Selbstregulation und Selbstheilung bewirken.“ (Schottenloher, Gertraud: Kunst- und Gestaltungstherapie. München 2003, S. 11)

Statt Worte zu suchen Bilder sprechen lassen

Gestaltung hat mit Erkennen zu tun. Viele Kinder können verbal nicht ausdrücken, was sie beschäftigt. In der Gestaltung erkennen sie oft selbst, was mit ihnen passiert. Viele Kinder und Jugendliche mit emotionalen und sozialen Störungen leiden unter enorm widersprüchlichen Regungen, für die sie keine Ausdrucksformen finden. Sie reagieren mit Unangepasstheit oder Aggression. Die Kunst- und Gestaltungstherapie bietet die Möglichkeit, auch ohne Worte zu kommunizieren.

Durch das Material und den kreativen Arbeitsprozess haben die Kinder das Werkzeug, ihre Ängste und Gefühle auszudrücken, in besonderen Fällen auch zur Ruhe zu kommen. Das Gestalten verlangt von den Kindern immer neue Auseinandersetzungsprozesse mit ihrem eigenen Tun. Die Erkenntnisse daraus formulieren sie in ihren Bildern selbst. Oftmals lassen sich darin Konfliktsituationen erkennen. Lässt man die Kinder zu ihren Bildern Geschichten erzählen, wird ihnen selbst der Zusammenhang deutlich. Manchmal finden sie dann im Gespräch auch Lösungsansätze.

Durch spontanes und freies Malen, das mit lautem Atem oder Geräuschen begleitet werden darf, kann man Wut herausmalen. Affektive Stauungen und blockierte Gefühle können sich entleeren. Zu einem eigenen aktuellen Thema schweigend frei malen kann befreien. Gefühle durch Farben darstellen hilft den Schülern, Zugang zu Emotionen zu finden. Ebenso die Klangbilder, bei denen Bilder nach Klängen durch Instrumente wie Trommel, Klangstäbe, Xylophon etc. mit den empfundenen Farben gestaltet werden.

Aus passiver Hilflosigkeit oder ein Sich-Verschließen kann durch das kreative Arbeiten ein sinnvolles Handeln entstehen. Die Bedrängnis durch Malen und Gestalten sichtbar werden zu lassen, eröffnet neue Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten. So können die Schüler sich selbst besser kennenlernen. Lockerungs- oder Entspannungsübungen für den Körper oder Malen mit Körperabdrücken (Hand oder Fußabdrücke), können körperlichen Verkrampfungen entgegenwirken. Dies kann wiederum Auswirkungen auf die seelische Verfassung haben und die Konzentration steigern. Durch die Unterstützung dieser konzentrativen und kreativen Arbeit können Kinder besser lernen und ihre Aufmerksamkeit anheben. Man darf jedoch nicht vergessen, dass diese Art mit Schülern zu arbeiten, immer eine Prozessentwicklung bedeutet und Änderungen oder Verbesserungen Zeit benötigen. Häufige Wiederholungen solcher Stunden und Ermutigungszeiten bringen Sicherheit und manchmal auch Heilung.

Ein Koffer voller Ideen, Materialien und Methoden

Das spontane Aufgreifen sogenannter „Inselstunden“ oder „Ermutigungszeiten“, immer dann, wenn die Situation es erfordert, bedarf einer guten Vorbereitung im Vorfeld. Daher sollten Materialien ebenso ausreichend vorhanden sein wie eine Strukturierung der möglichen Methoden, die in der Schule angewendet werden können. Nach Edith Kramer (vgl. Kramer, Edith: Kunst als Therapie mit Kindern. München 2004, S. 65) gibt es fünf Arten der Methoden und des Materialgebrauchs:

  1. Einleitende Tätigkeiten: Erforschen des Materials, Kritzeln, schmieren
  2. Entladen: Schmieren, zerreißen, spritzen, schlagen und klopfen (mit Ton)
  3. Kunst gegen Abwehrverhalten: stereotypes Wiederholen, Kopieren, konventionelle Arbeiten wie Mandalas ausmalen etc.
  4. Gestaltender Ausdruck: symbolische Fragmente, die in einem Bild zu finden sind. Sie sind gleichzeitig auch eine Mitteilung an die Umwelt.
  5. Bildschrift: Bildmitteilungen, die Worte ersetzen und nur vom Gestaltenden selbst verstanden werden.

Die Schüler sollten eine Sammelpappe erhalten, in der sie ihre Arbeiten aus den Inselstunden oder den Ermutigungszeiten sammeln können. So haben sie die Möglichkeit, sich ihre Arbeiten später vielleicht noch einmal anzuschauen oder mit dem Lehrer darüber zu reden. Eine wunderbare Möglichkeit wäre auch, die Schüler anzuregen, sich anhand ihrer Bilder untereinander zu verständigen und eventuell zu besprechen.

Angela Hentschel

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