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Dialogbereitschaft

Kooperation statt Konfrontation bei Elterngesprächen

Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Lehrern und Eltern ist immens wichtig für den Lernerfolg der Kinder und Jugendlichen. Dazu gehört auch eine offene und respektvolle Kommunikation, die dem Erfahrungshorizont beider Seiten gerecht wird.

Dialogbereitschaft: Kooperation statt Konfrontation bei Elterngesprächen Ein Elternsprechtag ist gut dafür geeignet, eine gemeinsame Ebene der Kooperation zu finden © DOC RABE Media - Fotolia.com

Kooperation unterscheidet sich von der bloßen Koordination durch das bewusste und planvolle Herangehen bei der Zusammenarbeit sowie durch Prozesse der gegenseitigen Abstimmung. Kooperation ist zeitlebens notwendig für das Lösen sozialer Probleme.

Kooperation muss im Gespräch zwischen Lehrern und Eltern immer wieder erarbeitet werden. Dies gilt insbesondere, wenn der Kontakt zwischen Lehrern und Eltern nur sporadisch ist und es keine ausreichende Basis für gegenseitiges Vertrauen gibt. Eine ehrlich gemeinte und authentische Ermutigung zur Kooperation kann einem Elterngespräch einen neuen Rahmen geben und zu einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Eltern und Lehrern beitragen. Für ein Gespräch zwischen Eltern und Lehrern über die Schüler ist die jeweilige Motivation, mit der das Gespräch geführt wird, von entscheidender Bedeutung. Die persönlichen Hintergründe werden dabei oft nicht offen kommuniziert, wirken aber in das Gespräch mit hinein. Dies soll anhand einiger kommentierter Beispiele verdeutlicht werden.

Die Sicht der Eltern respektieren

Lehrer und Eltern nehmen Schüler aus einer unterschiedlichen Warte heraus wahr. Der Blick der Eltern lässt sich tendenziell als emotional verwobener ansehen als die Sichtweise eines Pädagogen in seiner professionellen Rolle. Gefühle der liebevollen Zuneigung können den Blick von Eltern verschleiern, wenn eine sachlichere Einschätzung vonnöten ist.

Existiert bei den Schülern eine Lernschwäche oder ein Mangel an Motivation zum Lernen, so können Eltern dies mit dem Hinweis, „Das war bei uns allen so. Wenn es nötig ist, wird unser Kind schon noch lernen!“, verharmlosen und für angemessene Förderungsmaßnahmen blind werden.

Literatur zum Thema:

Keller, Gustav: Professionelle Kommunikation im Schulalltag: Praxishilfen für Lehrkräfte. Göttingen 2014

Mandac, Inge Maria: Lehrer-Eltern-Konflikte systemisch lösen. Heidelberg 2013

Roggenkamp, Alexander, Rother, Thorsten, Schneider, Jost: Schwierige Elterngespräche erfolgreich meistern: Das Praxisbuch — Profi-Tipps und Materialien aus der Lehrerfortbildung. Donauwörth 2014

Tomasello, Michael: Warum wir kooperieren. Berlin 2010

Bei dieser Haltung besteht die Gefahr, dass Lehrer die Überzeugung entwickeln, die Haltung der Eltern substanziell verändern zu wollen. Damit wird in das Elterngespräch ein neues Ziel eingeführt: Erwachsene versuchen, einander mit der eigenen Auffassung zu kolonialisieren (Konkurrenz, Abwertung). Die Schüler, um die es geht,  treten dabei an den Rand der Wahrnehmung. Im Mittelpunkt steht dann das Bestreben der Erwachsenen, die eigene Position und, damit eng verknüpft, die eigene Person zu verteidigen. 

Pädagogische Neugier 

So kann der Satz, „Das war bei uns allen so“, einerseits als Abwehr gegenüber der vermeintlichen Belehrung durch den Lehrer angesehen werden. Die Aussage der Eltern ließe sich aber auch als ein reicher Erfahrungsschatz der Eltern ansehen, den es weiter auszuleuchten gilt (Lebenserfahrung als Ressource).

  • Deutet die Äußerung der  Eltern eventuell auf Vertrauen hin, dass ihre Kinder schon ihren Weg gehen werden?
  • Wenn ja, wie zeigen die Eltern ihr Vertrauen im Kontakt mit ihren Kindern?
  • Warten sie ab oder schwanken die Eltern zwischen Momenten des Eingreifens und des Abwartens?
  • Gibt es Ansätze bei den Eltern, innerfamiliäre Hilfsangebote zu machen?
  • Von wem gehen sie aus und welche Qualität weisen sie auf? Unterscheiden sich die Eltern in ihrer Bereitschaft, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Es ist hilfreicher, einander gelten lassen. Neugier auf der Basis von Wertschätzung als Grundhaltung möchte nicht verändern. In der Wertschätzung zollt man einem andern Menschen Achtung für die Art, wie er oder sie sein/ihr Dasein gestaltet. Wertschätzung zielt explizit nicht auf Veränderung hin, sondern auf Anerkennung. Einem Menschen Wertschätzung entgegenbringen bedeutet auch zu zeigen, dass ein Kampf um Anerkennung, der oft als unbenanntes, unbewusstes und oftmals auch als störend empfundenes Beziehungsthema in den Kontakt zwischen Menschen hineinspielt, nicht notwendig ist.

Wertschätzung trägt so dazu bei, dass Menschen sich im Kontakt sicherer fühlen und auf einen sonst üblicherweise mitschwingenden Eigenschutz verzichten können. Die nicht verändern wollende Wertschätzung und Akzeptanz führt paradoxerweise zu Veränderungen. Die Wertschätzung und Akzeptanz müssen aber auf der Basis einer inneren Überzeugung erfolgen, sonst wird der manipulative Charakter spürbar und ruft emotional gefärbte Gegenwehr hervor.
Wenn Eltern merken, dass Sie mit ihrer Haltung von den Lehrern grundsätzlich akzeptiert werden und ihr Erziehungsverhalten nicht gegenüber einer kritischen Bewertung durch den Lehrer rechtfertigen müssen, kann dies ihre Bereitschaft erhöhen, ihrerseits die Lehrer mit ihrer pädagogischen Verantwortung zu akzeptieren.

Unterschiedliche Wertvorstellungen

Die Wertvorstellungen von Eltern und ihre Überzeugungen, was eine gute Erziehung sei, können sich von den Wertvorstellungen und dem Wissen der Lehrer sehr unterscheiden und einen Dialog erschweren. Während Lehrer den Schülern Wissen vermitteln möchten und die wachsende Selbständigkeit eines Schülers fördern wollen, können Eltern das Bestreben haben, dass ihr Kind sich möglichst unauffällig in die Familie einfügt und die Regeln der Familie befolgt. Die Förderung des Selbstwertes mag für Lehrer ein wesentliches Ziel darstellen, für manche Eltern sind Gehorsam und einseitiger Respekt der Kinder gegenüber den Eltern Merkmal einer guten Erziehung.

Die Chance eines Elterngespräches liegt nicht nur darin, die eigene Position darzulegen („Als Pädagogen stehen wir für eine gewaltfreie Erziehung der Kinder“). Die eigene Position kann im Dialog mit den Eltern begründet werden („Wir sind überzeugt, dass eine gewaltfreie Beziehung zu Kindern auf Dauer dazu beiträgt, dass die Beziehung zwischen Kindern und Eltern sich als tragfähig erweist“).

Ein möglicher Türöffner könnte der Hinweis sein, dass gegenseitige Wertschätzung und wechselseitiger Respekt die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Beziehung zwischen den Eltern und ihren Kindern auch dann noch anhält, wenn Ihre Kinder, die jetzt so klein sind, selber erwachsen sind. Diese Intervention zielt auf eine möglicherweise langlebige gute Beziehung zwischen Eltern und Kindern hin und deutet an, dass auch die Erziehung der Kinder durch die Eltern wechselseitig ist.
Eine wertschätzende Haltung durch Lehrer kann dazu führen, dass Eltern im Umgang mit ihren Kindern mehr Wertschätzung und Achtsamkeit aufbringen.
Die Erfahrung zeigt, dass es auch in den Schilderungen sehr rigider Eltern Momente gibt, wo sie ihren Kindern liebevoll begegnen wollen und können. Manchmal reicht es, wenn Lehrer Ideen säen, die die Eltern zu Hause aufgreifen und überdenken (Ideen säen und reifen lassen). Das offene Ansprechen von unterschiedlichen Einschätzungen hilft, aus einer verfestigten Position herauszutreten und einen vertrauensfördernden Dialog zu führen, der das wechselseitige Verständnis füreinander belebt.

Gemeinsame Verantwortung

Gegenseitige Schuldzuweisungen sind in diesem Zusammenhang nicht selten und verhindern eine Kooperation zwischen Eltern und Lehrern. Eine gegenseitige Schuldzuweisung („Sie als Lehrer wissen gar nicht, was unser Kind alles in Ihrer Schule aushalten muss.“ — „In der Familie meiner Schülerin geht wirklich zur Zeit alles drunter und drüber. Das kann ich gar nicht alles auffangen. Da muss ein Gespräch mit den Eltern her.“) im Vorfeld des Elterngespräches kann ein gutes Gespräch zwischen Lehrern und Eltern unterlaufen.

Vorwürfe und Schuldzuweisungen lenken davon ab, dass sowohl Eltern als auch Lehrer im Rahmen ihrer Rollen unterschiedlich verantwortungsvolle Aufgaben in der Lebensbegleitung junger Menschen übernommen haben und sich dieser Verantwortung nicht entledigen können. Bei Vorwürfen und Schuldzuweisungen kann es hilfreich sein, diese nicht als persönlichen Angriff auf sich selbst oder die eigene fachliche Kompetenz zu sehen, sondern als versteckte Selbstoffenbarung der Eltern, die merken, dass sie ihrer Verantwortung nicht mehr so wie erwünscht nachkommen. Sie können sich dies nur schwer eingestehen.

Eine gemeinsame Ebene für Kooperation finden

Ein Beispiel: Der Klassenlehrer der Schülerin Hilde Z.* (11 Jahre) lud deren Mutter anlässlich eines starken Leistungsabfalls der Schülerin zu einem Gespräch ein. Im Gesprächsverlauf erfuhr der Klassenlehrer von der Scheidung der Eltern. Er reagierte aus seiner Sicht sehr emphatisch, zeigte Verständnis für Hilde Z.* und wies die Mutter seiner Schülerin auf professionelle Hilfsangebote hin. Diese reagierte zu seiner Überraschung abweisend.

Das Gespräch stockte. Frau Z.* wies nach einer kurzen Überlegung darauf hin, dass sie selbst Diplom-Pädagogin sei und ein Familienzentrum leite. Von dem Gespräch mit dem Klassenlehrer habe sie erwartet, dass beide miteinander aus pädagogischer Sicht überlegen würden, wie eine angemessene Kooperation zwischen ihnen Hilde Z.* helfen könne. Mit diesem Hinweis schuf Frau Z.* Gleichrangigkeit zwischen dem Klassenlehrer und ihr. Das Gespräch verlief von diesem Zeitpunkt an sehr konstruktiv.

Was ließ das Gespräch stocken? Der freundliche Hinweis des Klassenlehrers verwies Frau Z* ungefragt in die Rolle einer Hilfsempfängerin. Mit dem Hinweis auf ihre berufliche Tätigkeit (Selbstoffenbarung) wies sie diese Rollenzuschreibung zurück und legte eine neue Beziehungsdefinition zwischen ihr und dem Klassenlehrer fest (Pädagogen mit unterschiedlichen Hintergründen sprechen gemeinsam über ein abgestimmtes Vorgehen in Bezug auf Hilde Z.*). Einem Menschen Wertschätzung entgegenzubringen wirkt wie eine Einladung zu einer offenen und vertrauensvollen Begegnung zwischen Menschen: „Ich habe dir etwas zu sagen. Bist du bereit, es zu hören? Kannst du im Moment zuhören?“ Wertschätzung anerkennt und fördert den Selbstwert, den ein Mensch sich selber zubilligt.

Fazit: Das Bemühen um Kooperation in Elterngesprächen zahlt sich aus. Eltern, die sich in ihrer Haltung geachtet erleben, werden in der Regel mehr Vertrauen zu den Lehrern ihrer Kinder entwickeln, die pädagogische Arbeit von Lehrern eher unterstützen und ihre Kinder motivieren, sich in der Schule kooperativ zu verhalten.

Es ist nicht zu unterschätzen, welche Auswirkungen Elterngespräche, die beide Eltern mit einbeziehen und fordern, langfristig für die aktive Präsenz beider Eltern in der Erziehung der Kinder haben. Es ist daher zu empfehlen, bei schwierigen Schülern beide Eltern, sowohl den Vater als auch die Mutter zu dem Elterngespräch einzuladen.

Andreas Schulz

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