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Helikoptereltern

Nachwuchsoptimierer — Eltern fördern und fordern zu viel

Stundenlanges Lernen für die Mathearbeit, Ballettunterricht, Englischkurs und Leistungsturnen. Oftmals benötigen Helikoptereltern ein wenig mehr Gelassenheit, wenn es um die Leistungen ihres Nachwuchses geht.

Helikoptereltern: Nachwuchsoptimierer — Eltern fördern und fordern zu viel Es bedeutet zusätzlichen Stress für die Kinder, wenn die Eltern mit ihnen auch über die Hausaufgaben hinaus üben © dmitrimaruta - Fotolia.com

„Warum hat mein Sohn in der Mathearbeit nur eine 3+ geschrieben?“. Die Stimme des Vaters eines Viertklässlers am Telefon klingt vorwurfsvoll. „Wir haben tagelang alles geübt und Aufgabe 6 haben Sie überhaupt nicht im Unterricht vorbereitet. Wenn mein Sohn genau weiß, was drankommt, dann nimmt er sich gerne die Zeit zum Üben und wird auch bessere Erfolge erzielen als eine 3!“ — Solche spätabendliche Anrufe kennt die Klassenlehrerin der 4. Klasse bereits aus ihrer langjährigen Lehrererfahrung. Eltern, insbesondere Väter, die sich bei einer vermeintlich schlechten Leistung ihres Kindes in der Klassenarbeit persönlich angegriffen fühlen, da sie den Unterrichtsstoff stunden- und tagelang vor dem anstehenden schriftlichen Test mit ihrem Kind geübt haben.

Viele Eltern tun alles, damit ihrem Kind die steile Karriere bis zum Abitur und darüber hinaus gewiss ist. Dafür fördern und begleiten sie ihr Kind in verschiedenen Bereichen tagtäglich. Der Frust ist umso größer, wenn genau diese Nachwuchsoptimierer bei ihren Kindern nicht die sehr guten Zensuren in allen Fächern erreichen und die Karriere an der 3 in Mathematik im 4. Schuljahr bereits zu scheitern droht.

Helikoptereltern verursachen Leistungsdruck

Wie ergeht es den Kindern von Helikoptereltern, die es genauso oder besser haben sollen als ihre Eltern? Zunächst besteht der permanente Druck durch die Eltern, gute Noten nach Hause bringen zu müssen. Oftmals reicht keinesfalls die Note 3, die so gesehen ja noch eine befriedigende Leistung darstellt. Die Fehler werden zunächst im Kind gesucht und durch vermehrtes, stundenlanges Üben des Unterrichtsstoffes zu verbessern versucht. Gelingt dies nicht, folgt das Gespräch mit dem Lehrer. Kritik wird angeführt: am wenig transparenten Unterrichtsstoff, am zu schnellen Vorgehen bei den Lerninhalten, ungenügendem Erklären, ungerechte Bewertung in den Klassenarbeiten, zu wenige oder zu viele Hausaufgaben etc.

Zusätzlicher Stress durch außerschulische Förderung

Neben den schulischen Leistungen müssen die Kinder nachmittags noch außerschulische Kurse besuchen: in Sport, Musik und weiteren. So soll sichergestellt werden, dass die Bandbreite an beruflichen Möglichkeiten bereits frühzeitig gelegt wird.
Oft sind diese Kinder besonders überbehütet, werden zur Schule gefahren. Selbst der Ranzen wird ihnen oft bis ins Klassenzimmer getragen.

Kinder, die unter solchen Bedingungen aufwachsen, sind in der Regel unselbstständig, weinerlich und überängstlich aufgrund der hohen an sie gestellten Erwartungen. Sie sind bereits nach den ersten Schuljahren vom Leben und den vielen Terminen für Förderung, Lernen und Leistung gestresst.

Generation Snowflake

Im englischsprachigen Raum gibt es dafür den Begriff der „Generation Snowflake“, wenn Kinder durch die „Overprotection“ durch ihre Eltern zu überempfindlichen, dünnhäutigen, weinerlichen, wenig belastbaren und nicht kritikfähigen Jugendlichen heranwachsen.

Oft kommen diese Kinder mit den normalen Anforderungen und Herausforderungen des Erwachsenenlebens und der Arbeitswelt nicht klar. Jede abweichende Meinung empfinden sie als persönlichen Angriff und sind emotional sehr verletzlich.
Gerade um die Schüler davor zu schützen, ist es nötig, als Lehrer mit den Eltern ins Gespräch zu kommen, ihnen Sorgen und Ängste um die Zukunft ihres Kindes zu nehmen und sie trotz der Elternkritik an Lehrer und Schule wegen schlechter Leistungen entspannt zu beraten.

Rat für Nachwuchsoptimierer

Bereits ab dem 1. Schuljahr sollte der Klassenlehrer vermitteln, dass Noten von Klassenarbeiten nicht immer den Leistungsstand des Kindes widerspiegeln und nur einen Bruchteil der Gesamtnote ausmachen. Zudem muss vermittelt werden, dass es viel wichtiger ist, dem eigenen Kind zu zeigen, dass es aufgrund von Lernbereitschaft eigene Fortschritte erzielen kann und es nicht an Noten zu messen. Die Tatsache, dass viele Eltern bereits bei einer Note 3 von schlechten Leistungen sprechen, ist ebenfalls zu relativieren, da dies eine „befriedigende“ und durchaus akzeptable Leistung ist. Die Transparenz der Bewertung (etwa anhand eines Diagramms, in dem die schriftlichen Leistungen beispielsweise nur einen Prozentsatz von zunächst 30 Prozent neben den mündlichen und sonstigen schriftlichen Leistungen ausmachen) ist für die Aufklärung der Eltern an einem Elternabend sehr hilfreich. Sie kann das häusliche Pauken ausschließlich für Klassenarbeiten etwas minimieren. Außerdem sollte betont werden, dass auch Transferleistungen von den Schülern erwartet werden, die (noch) nicht jedes Kind leisten kann und muss.

Wichtig ist es neben der Notengebung zu erläutern, dass die motivierte und vor allen Dingen selbstständige Arbeitshaltung immens wichtig für den Fortschritt der Schüler ist. Eltern sollten ihren Kindern daher selbstständige Arbeitsprozesse zutrauen und sie immer weiter zur Selbstständigkeit erziehen. Das beginnt mit dem Zutrauen der Eltern, dass die Schüler ihren Weg bis ins Klassenzimmer selbst gehen und ihren Ranzen selbst tragen können bis hin zur eigenständigen Erledigung der Hausaufgaben.

Das Abitur ist nicht der allein seligmachende Abschluss

Es gibt viele berufliche Wege und nicht den einen Weg über das Abitur zum Akademiker. Viele Schüler benötigen länger, um selbstständig zu werden, sind nicht begabt in Mathematik oder Fremdsprachen, aber durchaus später gute Ingenieure, Handwerkermeister oder Ähnliches. Schulqualifikationen können immer noch später nachgeholt oder ergänzt werden, wenn die Schüler nicht den direkten Weg zum Abitur gehen können. Eltern müssen ihren Kindern nur zutrauen, dass sie ihren eigenen (und nicht den von Eltern gewünschten und vermeintlich einzig glücklich machenden) beruflichen Weg finden.

Die Eltern müssen auch in der außerschulischen Förderung beraten werden: Kinder müssen neben Schule und Hausaufgaben noch Zeit zum freien Spielen, zum Treffen mit Freunden und zum Entspannen haben. Zusätzliche Termine bringen außer Freude oft Stress und blockieren die Kinder.

Sind die Eltern entspannt, haben sie Zutrauen in ihre Kinder, begleiten sie sie liebevoll und ohne unnötigen Leistungsdruck, dann werden sie nicht zu „Snowflakes“, sondern zu lernwilligen, selbstbewussten, auf die Arbeitswelt vorbereitete Jugendlichen.

Marion Keil

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