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Eltern mit Migrationshintergrund

Nicht uninteressiert, sondern unsicher

Kinder von Migranten haben es schwer im deutschen Bildungssystem. Häufig werden dafür auch ihre Eltern verantwortlich gemacht. Dabei sind die Vorwürfe selten gerechtfertigt – und es gibt einfache Wege, um die Eltern zu aktivieren.

Eltern mit Migrationshintergrund: Nicht uninteressiert, sondern unsicher Wenn sich Eltern mit Migrationshintergrund vom Schulleben fernhalten, sind die Gründe meist Unkenntnis und Unsicherheit © iStockphoto.com/Zubaida Yahya

Ayse weiß schon früh, dass sie einen technischen Beruf ergreifen will. Sie ist leistungsstark, neugierig und tritt forsch auf. Vom allgemeinen wechselt sie auf ein berufliches Gymnasium und durchläuft anschließend ein „Studium im Praxisverbund“, bei dem Ausbildung und Studium kombiniert sind und die anschließende Anstellung in einem Betrieb und damit ein Einkommen gesichert sind. Ihre Karriere findet einen vorläufigen Abschluss mit der Promotion an einer Technischen Hochschule. Doch ihr vorbildlicher Weg war kein Selbstläufer. „Das schafft sie doch nie“, lautete der erste Kommentar des zuständigen Schulaufsichtsbeamten mit Blick auf Ayses Herkunft.

Für Mechthild Gomolla, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Hamburger Helmut-Schmidt Universität ist dies nichts anderes als „institutionelle Diskriminierung im Bildungs- und Erziehungssystem“. Institutionell diskriminiert werden Schüler und ihre Eltern demnach schon dann, wenn sie in der Schule nicht ernst — oder erst gar nicht wahrgenommen werden. Ausländische Eltern, die von Ayses Fall hören, bestätigen diese Erfahrung: „Genau so ist es bei meinem Kind. Ich erlebe sehr oft, dass ihm nicht zugetraut wird das Abitur zu machen, weil es sichtlich nicht-deutscher Herkunft ist“, erzählt ein Vater.

Schließlich sind auch die Zahlen alarmierend: Laut Integrationsstudie 2009 liegen Migrantenkinder an deutschen Schulen ein komplettes Schuljahr im Bildungsstand zurück. 2007 veranlassten die alarmierenden Ergebnisse der PISA-Studien sogar den UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, Vernor Munoz, zu einem Besuch in Deutschland. Die Integrationsstudie des Berlin-Instituts fand schließlich heraus, dass ein Drittel aller Türken und Türkischstämmigen in Deutschland überhaupt keinen Schulabschluss haben. Nur 14 Prozent schaffen es demnach bis zum Abitur. Doch warum ist das so? Denn Kinder ausländischer Herkunft sind selbstverständlich nicht weniger begabt als Kinder deutscher Herkunft. Liegt es also am fehlenden Engagement der Eltern?

Zurückhaltung durch Unsicherheit

„Eltern, die aus anderen Ländern kommen, haben oft grundlegend andere Erfahrungen mit dem (deutschen) Schulsystem als die Eltern, die (hier) groß geworden sind“, sagt Nurgül Altuntaş, Ausbildungsleiterin am Studienseminar für Grund-, Haupt-, Real- und Förderschulen in Wiesbaden. „Sie gehen davon aus, dass die Schulbildung und Erziehung alleinige Aufgabe der Schule zu sein habe. Vor allem ist ihnen das doch  recht komplizierte deutsche Bildungswesen fremd.“ Viele muslimische Eltern seien vor allem dann unsicher, wenn es um die Beachtung wichtiger Schulregeln geht, so Altuntaş. „Sie fragen sich, in welchen Situationen Einmischung angemessen und in welchen unnötig oder gar unerwünscht ist.“ Durch diese Unsicherheit und Unkenntnis würden sie öffentliche Auftritte vermeiden, um nicht unangenehm aufzufallen.

Als Lehrkraft sollte man deshalb grundsätzlich davon ausgehen, dass Kinder ihren Eltern wichtig sind und sie das Beste für sie wollen – unabhängig von Herkunft und Geburtsland. Es geht darum, Gestaltungsmöglichkeiten im schulischen Alltag zu finden, die die gemeinsame Verantwortung für die Schülerinnen und Schüler deutlich machen. Sinnvoll ist es, sich in die Rolle derjenigen Eltern zu versetzen, die besonders selten Engagement zeigen und die folgenden Fragen zu beantworten:
•    Was motiviert mich, am Elternabend teilzunehmen?
•    Was habe ich davon, wenn ich mich an der Elternarbeit beteilige?
•    Was sind meine Erwartungen, Bedürfnisse, Ziele in der Elternarbeit?

Was getan werden kann: Das Müttercafé

Die Diplom-Biologin Yasemin Ince hat einen ganz eigenen Weg gefunden, um das Problem der institutionellen Diskriminierung zu entschärfen. Einmal wöchentlich treffen sich Frauen aus vorwiegend muslimischen Familien im so genannten „Müttercafé“ der Georg-August-Zinn-Schule in Kassel. Dort erfahren sie mehr über das deutsche Schulsystem, lernen die Schule ihrer Kinder genauer kennen und verbessern nebenbei ihre Deutschkenntnisse. „Die Frauen sind wissbegierig und wollen Kontakt zu den Lehrerinnen und Lehrern ihrer Kinder herstellen“, berichtet Initiatorin Ince. „Doch sie haben Angst, dass sie sich wegen ihrer geringen Sprachkenntnisse nicht verständlich machen können.“ Schon der Gang ins Sekretariat bereite ihnen Herzklopfen. „Es wird meist unterschätzt, dass sie weit mehr verstehen als sie zum Ausdruck bringen können“, sagt Ince. „Deshalb trainiere ich mit ihnen, wie sie in der Schule auftreten sollen, um sich Gehör zu verschaffen.“

Im „Müttercafé“ entstand auch die Idee, an einem Vormittag des Schuljahres Lehrkräfte einzuladen, um ihnen einfach mal für ihr Engagement zu danken. In der Türkei und vielen anderen Ländern gibt es dafür tatsächlich einen besonderen Tag. Anfangs seien die Lehrkräfte der Einladung zu einem Treffen während der großen Pause mit Verwunderung begegnet, sagt Ince. Doch in diesem Schuljahr hätte sogar die lokale Presse über die Initiative des Müttercafés berichtet und damit für öffentliche Anerkennung gesorgt.

Dorothea Kröll


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