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Rechtslage

Sexualkundeunterricht: Stress mit den Eltern vermeiden

Sexualkundeunterricht steht im Lehrplan. Es besteht Teilnahmepflicht für die Kinder, auch wenn Eltern dagegen sind. Umso wichtiger ist es, die Eltern frühzeitig zu informieren und ihnen die Rechtslage zu erläutern.

Rechtslage: Sexualkundeunterricht: Stress mit den Eltern vermeiden Sexualkundeunterricht ist ein schwieriges Thema, besonders wenn es darum geht, Widerstände von Eltern abzubauen © elnariz - stock.adobe.com

Ende der 1980-er-Jahre erzählte eine befreundete Grundschullehrerin in geselliger Runde von der kürzesten Elternsprechstunde, die sie je erlebt hatte: Die Tür zum Sprechzimmer öffnete sich und herein kam mit schnellen Schritten die Mutter eines Mädchens aus Siebenbürgen, das erst seit wenigen Tagen die kleine Schule im südwestfälischen Siegerland besuchte. Vor dem Tisch der Grundschullehrerin blieb die Frau abrupt stehen und sagte mit Nachdruck: „Irene darf keinen Sexualkundeunterricht haben!“ — Sprach’s, drehte sich um und segelte wieder hinaus — nicht ohne die Tür geräuschvoll hinter sich zu schließen. — Mit ihrem vehementen Auftritt reagierte die Mutter auf eine Sexualkundestunde, in der die Grundschullehrerin ihrer 4. Klasse die anatomischen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen vermittelt hatte.

Eine erheiternde Anekdote aus vergangenen Zeiten? Keineswegs: Bis heute sorgt das Thema „Sexualkundeunterricht in der Grundschule“ immer wieder für Kontroversen zwischen Eltern und Schule. Der folgende Beitrag zeigt einige strittige Punkte auf und informiert Sie über aktuelle und grundlegende Urteile zu diesem Thema.

Teilnahme am Sexualkundeunterricht ist obligatorisch

Wie ging Irenes Geschichte weiter? Das Mädchen nahm — auch gegen den Willen der Eltern — weiterhin am Sexualkundeunterricht teil. Denn schon im Jahr 1977 hatte das BVerfG grundlegend klargestellt, „dass die Schule unabhängig von den Eltern eigene Erziehungsziele verfolgen dürfe, da der allgemeine Erziehungsauftrag der Schule dem Recht der Eltern nicht nach-, sondern gleichgeordnet sei“ (vgl. dazu: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Expertise zu den Richtlinien und Lehrplänen zur Sexualerziehung, S. 11). Zudem hatte die Grundsatzentscheidung des Bundesverfassungsgerichts die Sexualerziehung als integrativen Bestandteil der Gesamterziehung festgeschrieben (ebd.).

Halten die Eltern aus religiösen oder ethischen Bedenken ihr Kind vom Aufklärungsunterricht fern, so kann das teuer werden. So hat beispielsweise das Verwaltungsgericht Münster mit einem am 8.05.2015 veröffentlichten Urteil ein Bußgeld des Schulamtes bestätigt: 100 Euro mussten die Erziehungsberechtigten bezahlen, die ihre Tochter nicht an einer Unterrichtseinheit zum Thema Sexualkunde teilnehmen ließen. Im konkreten Fall hatte eine Grundschule für die vierte Klasse eine Unterrichtseinheit mit einem — zuvor den Eltern gezeigten — Kinderfilm, mehreren Arbeitsblättern und einem Theaterprojekt („Mein Körper gehört mir!“) geplant. Außerdem sollten die Schüler Gelegenheit bekommen, „anonym ihre Fragen vorzubringen“, fassen die Autoren der Website juraforum.de zusammen. Im konkreten Fall waren Schulleitung und Schulamt den Eltern sogar einen Schritt entgegengekommen, sie hatten das Mädchen von dem Theaterprojekt befreit.

Informationspflicht gegenüber den Eltern

Das Münsteraner Verwaltungsgerichtsurteil begründet auch, warum es wichtig ist, dass Sie als Lehrkraft die Eltern „über den Inhalt und den methodisch-didaktischen Weg der Sexualerziehung“ informieren: Nur so sei es den Eltern möglich, „auf ihre Kinder im Sinne ihrer eigenen Auffassung und Überzeugungen einzuwirken und so das ihnen nach dem Grundgesetz zustehende individuelle Erziehungsrecht auszuüben“. — Deshalb haben die Eltern nach Auffassung des Gerichts einen „Anspruch“ auf eine rechtzeitige und umfassende Information.

Welche Informationen in welchem Rahmen weiterzugeben sind, ist in den Schulgesetzen der Länder festgelegt. So heißt es zum Beispiel im Baden-Württembergischen Schulgesetz: „Die Erziehungsberechtigten sind vor Beginn (...) der Sexualerziehung (...) in einem Elternabend über Ziele, Inhalte und die im Unterricht einzusetzenden Lehr- und Hilfsmittel zu informieren.“ — Damit steht auch schon die Tagesordnung für Ihre Elternveranstaltung.

Kein Mitbestimmungsrecht der Eltern

Bei aller Transparenz dürfen die Eltern bei der „Ausgestaltung der schulischen Sexualerziehung“ allerdings nicht mitbestimmen, betont das Bundesverwaltungsgericht in seinem Beschluss vom 08.05.2008. Trotzdem können sie von der Lehrkraft „Zurückhaltung und Toleranz verlangen“. Das heißt, dass die Schule „den Versuch einer Indoktrinierung der Schüler mit dem Ziel unterlassen“ muss, „ein bestimmtes Sexualverhalten zu befürworten oder abzulehnen“ (ebd.).

Auch ist „das natürliche Schamgefühl der Kinder zu achten“ und der Sexualkundeunterricht „muss allgemein Rücksicht nehmen auf die religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen der Eltern, soweit sie sich auf dem Gebiet der Sexualität auswirken“, so der Beschluss (ebd.). — Das bedeutet aber nicht, „dass die Schule bei der Sexualerziehung ‚zurückzuweichen‘ hat, wenn Eltern ihre abweichenden Auffassungen begründet darlegen“, schränkt das Gericht ein.

67 Prozent der Gesamtbevölkerung sind gegen Sexualkundeunterricht in der Grundschule, berichtete Deutschlandfunk Kultur unter Berufung auf eine Umfrage des Forschungsinstituts YouGov in der Sendung Zeitfragen vom 26.02.2018. — Rein statistisch gesehen werden Sie also bei Ihrem Elternabend sehr wahrscheinlich auch auf Widerstände stoßen. Doch bestimmt lassen sich im Gespräch mit den Eltern viele Vorbehalte ausräumen. Zum Beispiel, wenn Sie den Erziehungsberechtigten erläutern,

  • wie wichtig es ist, frühzeitig sexuellem Missbrauch vorzubeugen,
  • dass „unterschiedliche Familiensituationen (z. B. Patchworkfamilien, Alleinerziehende, Pflegefamilien, gleichgeschlechtliche Partnerschaften)“ nun einmal gesellschaftliche Realität sind (Lehrplan Sexualerziehung BW, S. 5) und sich nicht ausblenden lassen,
  • dass die Kinder im Netz und in den sozialen Medien häufig mit sexuellen Themen konfrontiert werden, die sie überfordern, wenn sie damit alleingelassen werden
  • oder dass immer mehr Kinder bereits im Grundschulalter in die Pubertät kommen.

All das sind überzeugende Argumente für einen frühzeitigen Aufklärungsunterricht. Sie stellen nicht nur die Lehrkraft, sondern auch die Eltern vor große Herausforderungen, die sich am besten in konstruktiver Teamarbeit stemmen lassen.

Martina Niekrawietz

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