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Kommunikation

Unausgesprochene Botschaften der Eltern in Sprache kleiden

Sowohl Lehrer als auch Eltern tragen bewusst und unbewusst auch eigene Themen in die Elterngespräche mit hinein. Es ist hilfreich, die mitschwingende Botschaft atmosphärisch wahrzunehmen, zu reflektieren und im Gespräch mit den Eltern behutsam anzusprechen.

Kommunikation: Unausgesprochene Botschaften der Eltern in Sprache kleiden Es kommt im Gespräch darauf an, auch auf unbewusste Botschaften zu achten wie Körperaltung, Mimik und Gestik © Photographee.eu - Fotolia.com

Menschliche Kommunikation bedient sich vieler Kanäle. Botschaften erfolgen über die Körperhaltung, persönliche Ausstrahlung und auf einer unbewussten Ebene, die sich als wechselseitige spontane Einfühlung bezeichnen lässt. Sprachliche Botschaften vermitteln dabei Sachinhalte. Die Bedeutung der Inhalte wird durch nonverbale Signale wie die Stimme, den Blickkontakt, ein Lächeln oder auch ein starres Gesicht vermittelt.

Menschliche Kommunikation ist von einer Vielzahl von Motivationssträngen und Ambivalenzen durchzogen, die ein sehr genaues Hinhören und Nachfragen erfordern. Nach Schulz von Thun (2011) lassen sich vier Kommunikationsebenen in der menschlichen Interaktion unterscheiden:

  • den Sachinhalt (über welche Themen reden Lehrer und Eltern?),
  • die Beziehungsebene (Wie stehen wir zueinander und Wie drücken wir dies aus? Auf welche Themen werde ich mich nicht einlassen?),
  • die Selbstoffenbarung (Was teile ich im Gespräch durch meine Wortwahl und mein Verhalten über mich selbst mit? Was möchte ich lieber verhüllen? Inwieweit kann ich durch eine gezielte Selbstoffenbarung das von mir angestrebte Ziel am besten erreichen?) und
  • den Appellationscharakter einer Äußerung („Ich möchte, dass Sie als Eltern etwas tun, was ich als Lehrer für sinnvoll erachte!“).

Versteckte Gedanken nicht ignorieren

Neben den gesprochenen Inhalten wirken Gedanken und Stimmungen, Gefühle und spontan aufwallende Emotionen, spürbare Sympathien und Antipathien in das Gespräch hinein. Sie können dem Verlauf eines Gespräches ein gutes und förderliches Gepräge verleihen, Gespräche aber auch erschweren.

Eigene Gedanken und Überlegungen der Lehrer über sich selber, die Eltern, die Ziele und die Qualität der Kommunikation während des Gesprächs mit den Eltern lassen sich als „verdeckte“ Handlungen bezeichnen. Sie existieren bei allen Beteiligten in Form von Gedankendialogen und Gedankendiskussionen. Sie laufen blitzeschnell ab und bleiben oft auch unbewusst („automatische Gedanken“). Hinter dahingeworfenen Bemerkungen, Zwischentönen, verstecken sich oft zentrale Beziehungsthemen, die es gilt, ins rechte Licht zu rücken und im Elterngespräch behutsam zur Sprache zu bringen.

Weiterführende Literatur:

Gordon, Thomas: Gute Beziehungen: Wie sie entstehen und stärker werden. Stuttgart 2013

Schlippe, Arist von/ Schweitzer, Jochen: Systemische Interventionen. Göttingen 2010

Schulz von Thun, Friedemann. Miteinander reden. Band 1–3. Reinbek bei Hamburg (2011)

Signale wahrnehmen

Treten emotionale Nebenthemen in den Vordergrund, empfiehlt es sich, diese wahrzunehmen und den Eltern eine kurze Rückmeldung zu geben. Das Vermeiden eines Blickkontaktes, ein ärgerlicher Gesichtsausdruck, unruhiges Hin- und Herrutschen auf dem Stuhl, häufiger Blickkontakt zwischen den Eltern geben möglicherweise Hinwiese darauf, dass die Eltern mit einem eigenen Thema beschäftigt sind, mit den Äußerungen des Lehrers nicht einverstanden sind oder weisen darauf hin, dass sich die Eltern im Kontakt mit dem Lehrer nicht wohlfühlen.

Eine Rückmeldung des Lehrers an die Eltern kann diesen verdeutlichen, dass ihre Regungen wahrgenommen wurden. „Mir fällt auf, dass Sie recht unruhig auf Ihrem Stuhl hin- und her rutschen. Ich vermute, dass das Thema unseres Gesprächs Sie ein wenig unruhig werden lässt. Gibt es etwas, was ich tun kann, um Ihnen das Gespräch zu erleichtern?“ Die Äußerung des Lehrers umfasst neben der Rückmeldung, dass er die Eltern wahrgenommen hat, eine vorsichtige Vermutung über die Hintergründe des spontanen Verhaltens der Eltern und wird durch ein konstruktives Hilfsangebot des Lehrers abgerundet. Ziel dieser Äußerungen ist es zu gewährleisten, dass die Eltern sich nicht ertappt fühlen und beschämt reagieren. Insbesondere bei Leistungsschwächen der Schüler kann damit gerechnet werden, dass Eltern sich für das Verhalten ihres Kindes verantwortlich fühlen und/oder annehmen, dass der Lehrer ihre Fähigkeit als Eltern abwerten könnte. Diese Annahme wird mit großer Wahrscheinlichkeit seitens der Eltern nicht angesprochen, und wirkt gerade deshalb in die Beziehungsdynamik hinein (evtl. mit Scham verbunden) Zum eigenen Schutz können Eltern ärgerlich werden und die Kompetenz des Lehrers bestreiten („Sie schätzen unser Kind falsch ein.“).

Eltern fühlen sich häufig selbst betroffen

Im Gesprächen mit den Lehrern können bei den Eltern eigene frühere, lang zurückliegende Erfahrungen mit Lehrern aktualisiert werden („emotionale Beziehungsfilme“). Der Lehrer wird von einem Moment zum anderen mit für ihn zunächst unverständlichen Emotionen konfrontiert. Hier ist es hilfreich, die Äußerungen der Eltern zunächst aus ihrem persönlichen Kontext heraus zu verstehen und eine direkte Reaktion (z. B. Rechtfertigung oder Abwehr) zu vermeiden.

Werden die Äußerungen der Eltern in erster Linie als persönliche Botschaft aufgefasst, ist eine Schutzreaktion seitens des Lehrers wahrscheinlich. Wird die Äußerung der Eltern als Ausdruck ihrer Sichtweise (Selbstoffenbarung) verstanden, ist es für den Lehrer möglich, gegenüber den Eltern eine professionelle Distanz zu wahren. So ließe sich aus dem Satz „Sie wissen gar nichts über unser Kind. Sie schätzen es falsch ein“ die Ich-Botschaften (Gordon 2013) der Eltern „Wir haben Angst um unser Kind. Wir sind bereit, Ihnen etwas mehr über unser Kind mitzuteilen“ heraushören.

Eine mögliche Antwort des Lehrers könnte dann lauten: „Ich kenne den Schüler in der Tat lediglich im Rahmen des Unterrichtes. Wären Sie bereit, mir etwas mehr über N. aus ihrer Sicht als Eltern mitzuteilen? Dies würde mir helfen, besser zu verstehen, wie es zu diesem Leistungsabfall kam.“ Im besten Fall können die Ausführungen der Eltern Hinweise auf wichtige Aspekte zum besseren Verständnis des Schülers geben.

Menschen messen ihrem eigenen Handeln Bedeutung und Sinnhaftigkeit bei. Dahinter steht die Frage, wie Eltern sich in ihren verschiedenen Rollen wahrnehmen und welche Überzeugungen und Handlungserwartungen mit diesen Rollen verbunden sind. Beim Umdeuten wird einem Geschehen bewusst eine neue Bedeutung beigemessen (Schlippe & Schweitzer 2010). Eine Veränderung des Denkens soll zu neuem Handeln ermutigen.

Souveränität wahren — Selbstreflexion üben

Der Lehrer reagiert souverän und entscheidet selbst, auf welcher der Kommunikationsebenen er reagiert. Statt das Angebot einer vielleicht auf Kränkung beruhenden leichten verbalen Aggression anzunehmen und den Selbstschutz hochfahren zu lassen (z. B. „Wie kommen Sie dazu, mir mangelnde Fachlichkeit zu unterstellen. Sehr wohl kann ich meinen Schüler N. sehr gut einschätzen“), unterbreitet der Lehrer im Gespräch mit den Eltern ein Angebot zur Kooperation und hört den Eltern zu. Diese bewusste Umdeutung kann nur gelingen, wenn der Lehrer souverän bleibt.

Sollte sich der Lehrer durch die eine oder andere Äußerung der Eltern verletzt oder angegriffen fühlen, ist es sinnvoll, vor einer spontanen Reaktion innezuhalten und die Situation zu reflektieren. Eine Überlegung könnte sein, ob die Eltern im Moment aufgeregt sind und dadurch eine reflektierte Verwendung von Sprache durch die emotionale Befindlichkeit eingeschränkt ist. Gleiches könnte auch für den Lehrer selbst gelten. Die stille Frage, „Wie kommt es, dass ich mich durch diese Eltern so verletzten/ kränken/ berühren lasse?“, kann helfen, wieder einen gesunden Abstand zu den Eltern zu erlangen.

Die Gesprächsführung aufrechterhalten

Eine Selbstoffenbarung seitens des Lehrers (z. B. „Jetzt fühle ich mich durch Sie verletzt“) kann auch zur Falle werden. Sie sollte nur erfolgen, um bei den Eltern einen Prozess der Selbstreflektion zu fördern.

Es ist damit zu rechnen, dass Selbstoffenbarung als Form der Kommunikation den Eltern als vermeintliche Schwäche des Lehrers verstanden wird. Wenn emotionale Themen sehr stark in den Vordergrund rücken, besteht die Gefahr,  dass dem ursprünglichen Thema (Leistungsabfall des Schülers) kaum noch  die für eine gute Lösung notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Vorsicht ist insbesondere bei einer starken Emotionalisierung der Sprache der Eltern. Hier ist es sich sinnvoll, lenkend und strukturierend einzugreifen. „Ich entnehme Ihren Äußerungen, dass Sie zunehmend ärgerlicher werden. Denken Sie, dass der Ärger Sie davon abhält, dass wir hier gemeinsam über Ihr Kind sprechen? Dann sollten wir offen darüber reden. Oder handelt es sich um einen Ärger, der mit unserem Gespräch nichts zu tun hat? Wäre es Ihnen in diesem Fall möglich, ihren Ärger beiseite zu legen und sich wieder unserem Gespräch zu widmen?“

In die Rolle der Eltern hineinschlüpfen

Empathie hilft, sich in die Lage der Eltern zu versetzen und nachzuvollziehen, wie diese sich als Eltern und ihre Kinder wahrnehmen. Ein kurzer gedanklicher Rollentausch hilft, die emotionalen Beziehungen in der Familie nachzuvollziehen.

Durch einen Rollentausch wird die Beziehungsdynamik in der Familie sichtbar („Unser Kind ist ein guter Schüler. Das sagen wir uns immer wieder. Ich brauchte auch ein wenig länger fürs Lernen. Das ist so in unserer Familie. Das wächst sich aus.“). Zur Überprüfung der eigenen Gedanken empfiehlt es sich, die Vermutungen behutsam auszusprechen:„Wenn ich mich einen Moment in Sie hineinversetze und mir vorstelle, wie Sie auf Ihr Kind blicken, kommt mir folgender Gedanke: „Mein Kind ist schon in guter Schüler. Er braucht nur etwas länger zum Lernen. Vielleicht wünschen Sie sich, dass ich dies als Lehrer mehr berücksichtige.“

Formulierungen wie „Verstehe ich Sie richtig, dass ...“, „Meinten Sie, dass ...?“, „Ich höre aus dem, was Sie sagen heraus, dass ...“ zielen darauf hin, den Eltern zu signalisieren, dass der ehrliche Wille besteht, sie zu verstehen. Die gesprächsführenden Lehrer belassen den Eltern souverän die Möglichkeit, die eigene Sichtweise darzulegen, den Lehrer zu ergänzen oder zu korrigieren.

Die schweigende Familie

Lehrer auf der einen Seite und Eltern auf der anderen können unausgesprochen einander wiedersprechende Ziele verfolgen. So kann es das erklärte Ziel eines Lehrers sein, mit den Eltern darüber ins Gespräch zu kommen, warum ihr Kind im Unterricht so schweigsam ist. Sein Vorgehen mag geschickt gewählt und von Empathie und Aufrichtigkeit getragen sein. Schwierig wird das Elterngespräch, wenn das heimliche Motiv der Eltern ist, jegliches vermeintliche Eindringen in die Familie zu unterbinden. Eltern können die Überzeugung hegen, dass niemand außerhalb der Familie etwas über die Familie wissen dürfe. Ihr Tonfall im Gespräch mag freundlich bleiben. Es ist aber auch damit zu rechnen, dass sich hinter der nach außen gezeigten Höflichkeit eine Abwertung der Eltern gegenüber dem Lehrer verbirgt, die zunächst nicht fassbar ist. Bei dem Lehrer hingegen zeigen sich eventuell Gefühle der Verwirrung, des Ärgers, latent ansteigende Aggressionen. Aus psychologischer Sicht ist es wichtig, diese Gefühle bewusst wahrzunehmen. Spontan aufsteigende Gefühle können die unausgesprochenen Gefühle und heimlichen Botschaften der Familie widerspiegeln.

Die Absichten der Eltern können dabei höchst ambivalent sein. Unausgesprochene Botschaften, die emotional spürbar werden, können bedeuten: „Hierüber wollen wir nicht reden!“ Ein offenes Ansprechen kann dann zu vermehrter nichtssagender Höflichkeit führen oder eisernem Schweigen. Die mitschwingenden Emotionen können aber auch bedeuten „Helfen Sie uns, über unsere Ängste bezüglich der Entwicklung unseres Kindes zu reden. Helfen Sie uns, Worte zu finden, um miteinander reden zu können.“

Es erweist sich als sinnvoll, das Schweigen der Eltern verstehen zu wollen und es nicht als Zeichen einer feindseligen Haltung aufzufassen. „Ich merke, dass Sie sehr vorsichtig sind. Ich halte es für möglich, dass Sie erst einmal herausfinden möchten, ob Sie mir vertrauen können, ehe Sie mir etwas über ihre Familie offenbaren. Ich werte dies nicht als Vorbehalt gegen mich, sondern denke eher, dass Ihnen der Schutz Ihrer Familie sehr wichtig ist. Gleichwohl ist es mir sehr wichtig, zu verstehen, warum Ihr Sohn in der Schule so schweigsam ist, um ihm als Schüler gerecht zu werden. Ist es Ihnen möglich, mir aus Ihrer Sicht etwas über die Hintergründe der Schweigsamkeit Ihres Sohnes mitzuteilen, ohne den Schutz, der Ihnen so wichtig ist, aufzugeben?“

Die Äußerung des Lehrers umfasst mehrere Aspekte: Die Haltung der schweigenden Familie wird respektiert und als sinnvoll angesehen. Der Lehrer offenbart zudem, warum es ihm so wichtig ist, das Verhalten des Schülers zu verstehen. Der Lehrer bietet Vertrauen an, ohne zu drängen.

Professionalität ist gefragt

Eine respektvolle und achtsame Haltung gegenüber den Eltern schützt Lehrer davor, in emotionale Fallen zu tappen und sich auf die Bühne von Nebenthemen locken zu lassen. Eine respektvolle und achtsame Haltung gegenüber den Eltern lädt diese auf sanfte Weise ein, sich gegenüber dem Lehrer respektvoll und achtsam zu verhalten. Ein Respektieren der Grenzen der Eltern kann dazu führen, dass diese die Bereitschaft entwickeln, dem Lehrer ihres Kindes mehr zu vertrauen. Ein respektvoller Kontakt der Erwachsenen untereinander kann die Lernmotivation des jeweiligen Schülers fördern.

Ein intensiver Kontakt zwischen Menschen klingt mit seiner Atmosphäre, Gefühlen und Gedanken eine Weile nach. Es empfiehlt sich, diesem Nachklingen Raum zu verschaffen, Raum zu geben (Zufriedenheit mit dem Gespräch, Einschätzung der Eltern und des Kindes). Manche Verhaltensweisen der Eltern und eigene Reaktionen werden erst mit einem deutlich spürbaren Abstand zu dem Gespräch deutlich wahrnehmbar. Ein bewusstes Nachklingen hilft dabei, wieder zu sich selbst zu finden und gerüstet für kommende Elterngespräche zu sein.

Andreas Schulz

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