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Historisches Lernen/Einstieg

Die eigene Lebens- und Familiengeschichte erforschen

Geschichten aus der Vergangenheit faszinieren Kinder, weil sie dabei unbekannte Welten entdecken. Warum nicht diese Neugier nutzen und die eigene Lebens- und Familiengeschichte zum spannenden Forschungsgegenstand machen? Die Kinder erkennen dabei, dass Geschichte sie unmittelbar betrifft und entwickeln so ein erstes Geschichtsbewusstsein.

Historisches Lernen/Einstieg: Die eigene Lebens- und Familiengeschichte erforschen Fotografien und Briefe der Groß- oder sogar Urgroßeltern regen die Fantasie der Kinder an und wecken ihren Forschergeist © Dieter Pregizer - Fotolia.com

Oma ist ein lebendes Geschichtsbuch, eines, das Geschichte lebendig werden lässt. Wenn Lisa abends im Bett liegt, erzählt Oma ihr Geschichten von früher. Wie es war, als sie noch auf der Straße spielte, weil so selten ein Auto vorbeikam. Sie mit ihrer Freundin im Fluss schwimmen konnte, weil er noch ganz sauber war, und die Kinder in der Schule statt in Hefte noch auf kleine Schiefertafeln schrieben. 40 Kinder waren in Omas Klasse. Der schmale Weg, auf dem Lisa und Oma immer gemeinsam zum Spielplatz gehen, ist nach Omas altem Schulleiter benannt. Lisa staunt.

Grundschulkinder leben in einer Welt, in der sie umgeben sind von Geschichte. Historisches Lernen ist also ein alltäglicher Prozess, der automatisch und ohne bewusste Anstrengung geschieht. Deshalb verfügen Kinder bereits, bevor sie in die Schule kommen, über ein alltägliches Geschichtsbewusstsein. Dies ist aufgrund ihrer von Medien geprägten Lebenswirklichkeit viel umfassender und differenzierter als es bei Kindern früher war.

Im Gegensatz dazu sammeln Kinder heute weniger Erfahrungen aus dem Zusammenleben mit Großeltern und haben somit seltener die Möglichkeit, durch Erzählungen die Vergangenheit kennenzulernen und „zu erkennen, dass es nicht nur die Gegenwart, Gegenwärtiges und in der Zukunft Austauschbares gibt, sondern auch Beständiges oder im Ablauf der Zeit sich Veränderndes“. (Ehlers, Christina: Durch die Vergangenheit in die Zukunft. Eine Untersuchung zur Förderung des Zeitbewusstseins bei Grundschulkindern. In: Kaiser, Astrid (Hrsg.): Pädagogische Schriften. Band 12. Göttingen, 2003.)

Ausgangspunkt: die eigene Lebenswirklichkeit

Bei der Erforschung der eigenen Geschichte können Kinder gesammeltes Wissen, Eindrücke und Erfahrungen aus ihrer Lebenswirklichkeit verarbeiten. Interessiert und neugierig setzen sie sich mit diesem auch für sie persönlich bedeutsamen Thema auseinander. Es fällt Kindern leicht, über die eigene Lebenszeit einen Zugang zur Vergangenheit zu bekommen und Vorstellungen von dem abstrakten Begriff „Zeit“ zu entwickeln.

Die Erforschung ihrer Geschichte stärkt auch die Persönlichkeit der Kinder und unterstützt die Entwicklung einer Zukunftsperspektive. Besonders gefördert wird ihr Geschichtsbewusstsein — eine Kompetenz, „die der Orientierung in den zeitlichen Veränderungen unseres Lebens und unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit dient“. (Michalik, Kerstin: Historisches Lernen im Sachunterricht — Neue Perspektiven für einen traditionellen Aufgabenbereich. In: Michalik, Kerstin (Hrsg.): Geschichtsbezogenes Lernen im Sachunterricht. Bad Heilbrunn, 2004.)

Geschichtsbewusstsein entwickeln

Geschichtsbewusstsein hat sich zu einem Schlüsselbegriff der aktuellen Geschichtsdidaktik entwickelt und besteht aus mehreren miteinander vernetzten Dimensionen, von denen insbesondere das Zeit-, Historizitäts- und Identitätsbewusstsein gefördert werden soll.

Diese enthalten …

  1. die Fähigkeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft voneinander zu unterscheiden und in einen Zusammenhang setzen zu können,
  2. die Einsicht, dass Verhältnisse sich mit der Zeit verändern können, sowie
  3. die Fähigkeit, historisch begründete Zugehörigkeitsgefühle bei sich und anderen wahrnehmen und reflektieren zu können.

Bei der Erforschung der eigenen Geschichte erwerben Kinder also grundlegende Fähigkeiten im Umgang mit Zeit und Geschichte. Die Unterrichtseinheit bietet sich als Einstieg in das historische Lernen an und ist je nach Anforderung der Lehrpläne der unterschiedlichen Bundesländer  in den Jahrgangsstufen 2 bis 4 einsetzbar. Außerdem ergeben sich aus der Thematik zahlreiche Anknüpfungspunkte für weitere Inhalte des historischen Lernens, wie z. B. Schule früher — Schule heute, Kinderspielzeug im Wandel der Zeit etc.

Die Vielfalt an Lebenskonzepten kennenlernen

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit als lehrplanrelevantes Thema konfrontiert Kinder mit der Vielfalt an Lebens- und Familiensituationen unserer Gesellschaft sowie unterschiedlichsten persönlichen Erlebnissen ihrer Mitschüler. Diesen gilt es in einer vertrauensvollen Atmosphäre zu begegnen und den Kindern Offenheit und Respekt füreinander zu vermitteln. Das komplexe Thema „Familie“ wird aus zeitlichen Gründen nur kurz angesprochen. Deshalb wäre es sinnvoll, es bereits vorab behandelt zu haben.

Unterschiedliche Methoden nutzen

Die veränderte Lebenswirklichkeit der Kinder erfordert einen lebensnahen und handlungsorientierten Unterricht, der ihnen eine direkte Begegnung mit der Geschichte ermöglicht. Mithilfe verschiedener Methoden zur Erforschung der Vergangenheit, wie zum Beispiel der Analyse von Sach- und Bildquellen (z. B. altes Spielzeug, Babyfotos etc.) sowie Zeitzeugenbefragungen, können Kinder Geschichte hautnah erleben und auf spannende, anschauliche und wissenschaftliche Weise historische Einsichten gewinnen. Zuhause auf dem Dachboden oder bei den Großeltern finden sich zahlreiche solcher Gegenstände oder Fotos, die Kinder voller Freude und Stolz mit in die Schule bringen.

Da die Erforschung der eigenen Geschichte den privaten Bereich der Kinder und ihrer Familien berührt, ist eine Information der Eltern vorab immens wichtig (siehe Elterninformationen). Schließlich sollen diese ja mithelfen, ihre eigene Geschichte bzw. die der Familie mit ihren Kindern zu teilen. So entsteht — auf einer neuen Ebene — nicht nur historisches Bewusstsein, sondern auch eine andere Möglichkeit, sich mit der eigenen Familie auseinanderzusetzen und im besten Fall auch zu identifizieren.

Dorothea Ackmann

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