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Klassenwerte

Echte Werte statt Verbote im Klassenzimmer

Meist geben Klassenregeln das miteinander im Klassenzimmer vor. Regeln verleiten die Schüler jedoch dazu, die Grenzen auszutesten. Daher bieten sich alternative Methoden an, die zur Entwicklung eines Wir-Gefühls der Klasse beitragen.

Klassenwerte: Echte Werte statt Verbote im Klassenzimmer Gemeinsame Werte stärken das demokratische Miteinander © Robert Kneschke - Shutterstock.com

Herr Dreher geht während einer Stillarbeitsphase durch die Reihen der ihm anvertrauten fünften Klasse. Dabei beobachtet er, wie Mirko das Lineal seines Pultnachbarn, der an diesem Tag dem Unterricht ferngeblieben ist, mit weisser Korrekturflüssigkeit einpinselt und somit unbrauchbar macht. Der Lehrer spricht Mirko nach dem Unterricht auf sein Verhalten an. In dem Gespräch macht er ihn auf die Klassenregel «Ich trage Sorge zu meinem Material» aufmerksam. Mirko erwidert knapp, dass es sich beim Lineal ja nicht um sein Material, sondern um das seines Pultnachbarn gehandelt habe.

Immer dort, wo Menschen zusammenkommen, hat es sich als sinnvoll erwiesen, wenn ein Rahmen für ein geordnetes Miteinander gesteckt wird. Je nach Kontext kann es sich hierbei um Gesetze, Regeln oder Verhaltenserwartungen handeln, deren Missachtung meist in der einen oder anderen Form sanktioniert wird. Diese Richtlinien können explizit oder implizit aufgestellt und vermittelt werden.

Im schulischen Kontext werden solche Verhaltensrichtlinien oft Klassenregeln genannt und werden entweder durch die Lehrperson vorgegeben oder im Sinne einer Teilhabe der Lernenden gemeinschaftlich erarbeitet. Üblicherweise werden solche Klassenregeln schriftlich festgehalten und gut sichtbar im Klassenzimmer platziert.

Jedoch, und dem kann vermutlich beinahe jede Lehrperson zustimmen, verleiten solche Regeln die Schülerinnen und Schüler dazu, die Grenzen der genannten Richtlinien soweit wie möglich auszuloten und abzutasten. Sie möchten herausfinden, wie weit der Toleranzbereich der Lehrperson gesteckt ist und was bei einer Überschreitung der Regeln geschieht. So geschehen im eingangs genannten Beispiel von Herrn Dreher und Mirko.

Es scheint daher förderlich, dass Konstrukt der Klassenregeln zu überdenken und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen. Besonders bietet es sich an, das mit dieser Thematik in Zusammenhang stehende verwendete Vokabular einer Überprüfung zu unterziehen. Optimalerweise sind solche Richtlinien kurz, sachlich und nach Möglichkeit positiv formuliert. Dem Aufstellen von Klassenregeln ist idealerweise das Formulieren von Erwartungen vorzuziehen.

Weiterführende Links

Gräf, Verena; Hoffmann, Cordula; Jooss, Marc; Kray, Kirsten; Merz-Scherer, Manuela; Rösch, Georgia; Vielhauer, Thomas (2011): 111 Ideen für das 5. Schuljahr. Mühlheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr.

Horst, Chantal Daniela (2018): Meine Gefühle - deine Gefühle. Eine Lernwerkstatt für Klasse 4-6. Saulgrub: Lernbiene Verlag.

Das Formulieren von Erwartungen

Beim Formulieren der Erwartungen scheint es zentral, dass den Schülerinnen und Schülern klar kommuniziert wird, welche Erwartungen die Klassengemeinschaft als Ganzes an sie stellt. Die Erwartungen der Lehrperson sollten keine primäre Rolle spielen. Gespräche über die Erwartungen, die die einzelnen Mitglieder der Klasse an ihre Mitschülerinnen und Mitschüler (und an die Lehrperson) haben, können ein wichtiges Lernfeld im Bereich der sozialen und personalen Kompetenzen darstellen. Diese Erwartungen sollen sich nicht in erster Linie auf ein konkretes Verhalten beziehen, sondern vielmehr erwünschte Charaktereigenschaften umschreiben. Durch die Evaluation erwünschter Charaktereigenschaften kann im Unterricht Gelegenheit geschaffen werden, über echte Werte zu sprechen und diese in den gemeinsamen Alltag zu implementieren. Es geht darum, wer die Klasse als Klasse sein will und wie man diesem angestrebten Idealbild näherkommen kann.

Echte Werte definieren

Um von starren Klassenregeln zu flexiblen Klassenwerten zu gelangen, braucht es Zeit, Gespräche und ein stabiles Gemeinschaftsgefühl. Je nach Alter der Schülerinnen und Schüler und je nach Zusammensetzung der Lerngruppe wird für diesen Übergang mehr oder weniger Zeit benötigt. Ein guter Anfangspunkt stellt gegebenenfalls die Goldene Regel „Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest.” respektive der kategorische Imperativ „Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.” dar. Es bietet sich an, diese Gedanken mit den Schülerinnen und Schülern mittels hypothetischer Situationen und Fragen zu beleuchten. Beispiele hierfür könnten sein: 

  • Wie würde es mir in dieser Situation gehen?
  • Welche Gefühle würde diese Situation bei mir auslösen?
  • Welches Verhalten würde ich mir in dieser Situation von meinen Mitschüler/-innen wünschen?

Je nach bereits etablierter Gesprächskultur in der Klasse kann es auch sinnvoll sein, diese Fragen schriftlich beantworten zu lassen und die notierten Antworten danach entweder im Plenum oder in geeignet erscheinenden Kleingruppen zu diskutieren.

In dieser Klasse trauen wir uns, mutig zu sein.Die Idee der Klassenwerte schließt die Abmachung von einigen grundsätzlichen Regeln nicht kategorisch aus, zielt jedoch auf eine andere Haltung aller zur Klassengemeinschaft gehörenden Personen ab. Dahinter steht die Hoffnung, dass der Mensch sich grundsätzlich den ihm zugeschriebenen Attributen annähert. Daher ist es auch sinnvoll, die Klassenwerte für alle gut sichtbar zu platzieren. Einige beispielhafte Klassenwerte sollen hier zur Veranschaulichung genannt werden:

  • In dieser Klasse gehen wir freundlich miteinander um.
  • In dieser Klasse arbeiten wir hart, um unsere Ziele zu erreichen.

Selbstverständlich sollten die Klassenwerte auf die jeweilige Situation der Klasse angepasst sein und gemeinsam erarbeitet werden.

Abschließende Gedanken

Erfahrungsgemäß ist davon auszugehen, dass es Lernende geben wird, die sich einfacher mit den besprochenen und abgemachten Werten identifizieren können als andere. Das Ziel sollte es sein, dass sich die Mehrheit der Klasse auf das Experiment Klassenwerte einlässt. Möglicherweise werden durch die Klassengemeinschaft auch die Schülerinnen und Schüler an Bord geholt, denen das Konzept der gemeinsamen Werte zu Beginn noch sehr fremd ist.

Als Schlusswort sei hier das oft zitierte „Erziehung lebt von Beziehung” bemüht, da es in Bezug auf Klassenwerte sehr gut umreißt, worauf es ankommt.

Chantal Daniela Horst


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