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Rechtschreibschwäche

Einflussfaktoren auf die Rechtschreibung

Um richtig schreiben zu können braucht jeder Mensch eine große Vielfalt von Kenntnissen und Fähigkeiten, die er im Laufe seines Lebens mehr oder weniger gut erwerben kann. Diese Einflussfaktoren wirken bei jedem Menschen anders. Daher ist es wichtig bei diesen Faktoren den Grad der Beeinflussung auf den Einzelnen einschätzen und zuordnen zu können.

Rechtschreibschwäche: Einflussfaktoren auf die Rechtschreibung Nicht nur die Lernumgebung hat einen großen Einfluss auf das Lernverhalten von Schülern © Fotofreundin - Fotolia.com

Um die Rechtschreibleistung eines schwachen Schülers differenziert zu erfassen, wird der Lehrer in der Schule in einer informellen Diagnose, also ohne die Einbeziehung von standardisierten Tests, die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten überprüfen.

Es geht dann nicht mehr um eine quantitative Diagnose (Wie viele Wörter hat der Schüler falsch geschrieben?) sondern um eine qualitative Diagnose (Was genau hat der Schüler falsch gemacht? Was genau hat er richtig gemacht?).

Eine qualitative Fehleranalyse (Siehe hierzu auch den Beitrag Qualitative Fehleranalyse.) kann der Lehrer durchführen auf der Basis von

  1. Schreibproben des Schülers aus der Vergangenheit (Diktate, schriftliche Hausaufgaben usw.)
  2. Einzelwortdiktaten mit speziell ausgewählten Wörtern (analog zu standardisierten Tests).

In beiden Fällen analysiert der Lehrer die Art des Fehlers und ordnet den Fehler einer von 10-15 Kategorien zu. Diese Art der qualitativen Diagnose ist nur symptom-orientiert, noch nicht ursachen-orientiert. Den Ursachen muss soweit möglich nachgegangen werden (Warum hat der Schüler diese Fehler genau so gemacht?).

Im Folgenden wird eine von vielen Möglichkeiten dargestellt, diese Einflussfaktoren auf die Rechtschreibung unterschiedlichen Kategorien zuzuordnen, um in einem ersten Überblick ihre Beeinflussbarkeit einzuschätzen.

Fachkompetenzfachbezogenes Wissen, vom Lehrer gelehrt, weitgehend vom Schüler erlernbar / beeinflussbar
Methodenkompetenz und
sonstige Kompetenzen

fächerübergreifende Fähigkeiten, vom Lehrer nur z. T. gelehrt, vom Schüler mit Hilfe erlernbar / beeinflussbar:

lernpsychologische Faktoren (spezifisches Lernverhalten) wie Gedächtnis (KZG-LZG), Lern- und Arbeitstechniken inkl. Übungsstrategien und Automatisierung, Graphomotorik usw.
Persönlichkeitskompetenz

sonstige Faktoren, Unterstützung durch Lehrer teilweise möglich, vom Schüler mit Hilfe teilweise erlernbar / beeinflussbar:

Allgemeines Lernverhalten wie Fleiß, Ausdauer, Selbstständigkeit, Umgang mit Misserfolgen usw.

Innere Faktoren

Fähigkeiten, die zum Teil organisch bedingt, u. U. auch genetisch bedingt sind (==> Beeinträchtigung bis Behinderung), Unterstützung durch Lehrer teilweise möglich, vom Schüler mit Hilfe teilweise erlernbar / beeinflussbar

Neurophysiologisch-organisch bedingte Faktoren wie auditive Wahrnehmung, visuelle Wahrnehmung, Aufmerksamkeit usw.

Äußere Faktoren

sonstige Faktoren, die nur durch den Lehrer beeinflussbar sind

Qualität des Unterrichts, Ruhe im Unterricht, bereitgestellte Zeit, Anforderungsniveau usw.

Manche Ursachen wie z. B. Beeinträchtigungen im Hören und Sehen können aufgrund bestimmter Fehler bzw. Symptome vermutet werden. Der Lehrer wird dann den Eltern empfehlen, das Kind bei entsprechenden medizinischen Experten gezielt untersuchen und behandeln zu lassen.

Andere Ursachen wie z. B. ein schwaches Arbeitsgedächtnis/Kurzzeitgedächtnis und demzufolge ein noch schwächeres Langzeitgedächtnis können zweigleisig gefördert werden, innerhalb der Schule vom Lehrer und außerhalb vom Ergotherapeuten.

Noch weitere Ursachen wie z. B. die unzureichende Kenntnis von Buchstaben, Strategien und Regeln sind beim Kind zunächst durch den Lehrer festzustellen und zu bearbeiten.
Eine gründliche Diagnose umfasst neben der qualitativen Fehleranalyse des Geschriebenen nach dem Kategoriensystem auch eine genaue Betrachtung der schriftsprach-bezogenen Voraussetzungen und außerdem der basalen Kompetenzen des Schülers.

Zusammenfassung: Eine Möglichkeit für ein diagnostisches Vorgehen ist die Analyse der folgenden Liste. Zu jedem einzelnen Faktor wird nach den Stärken und Schwächen des Schülers gefragt: „Was kann er schon recht gut?“ und „Was gelingt ihm nur teilweise oder gar nicht?“ Daraus leiten sich ganz konkrete Förderansätze ab, die in kleinen Schritten systematisch umgesetzt werden können.

Liste der wichtigsten Einflussfaktoren auf die Rechtschreibleistung (von der höchsten zur basalen Ebene):


1. Orthographische Ebene

♣ Korrekte Anwendung von Rechtschreibregeln,
♣ Beachten und Speichern von Besonderheiten und Ausnahmen: -ß- / -ck- / -tz- / -ie- / -ss- / -st-sp- / -h-  ...
♣ Satzzeichen,
♣ Getrennt- und Zusammenschreibung usw.

2. Methodische und strategische Voraussetzungen

♣/♦ Korrekte Anwendung von Rechtschreibregeln zur

  • GK (Groß- und Kleinschreibung)
  • MV (Mitlautverdoppelung)

♣/♦ sowie korrekte Anwendung von Rechtschreibstrategien

  • RM (Rechtschreibmuster erkennen durch Zerlegen eines Wortes in Wortbausteine)
  • AV (Ableiten und Verlängern)

3. Schriftsprach-bezogene Voraussetzungen

♥/♠ Phonologische Bewusstheit (Erkennen der Lautfolge bzw. Lautliche Durchgliederung des Satzes in Wörter, Silben und Phoneme, Rhythmik, Unterscheidung von langen und kurzen Vokalen, Unterscheidung ähnlicher Laute e-ä, n-m, aber auch stimmlos-stimmhaft, „hart“-„weich“),
♣ Buchstabenkenntnis (Phonem-Graphem-Zuordnung sowie Unterscheidung ähnlicher Buchstabensymbole),
♥/♠ Artikulation (Einfluss durch Dialekt, andere Muttersprache oder durch eine Sprachstörung),
♣ passiver Wortschatz (Sprachverständnis rezeptiv == > Vorwissen),
♣ aktiver Wortschatz

4. Basale Kompetenzen (Diagnostik allgemeiner Voraussetzungen)

♥ auditive Wahrnehmung (peripher: quantitativ anderes Hören: laut – leise;  zentral: qualitativ anderes Hören: Filterfähigkeit, Frequenzausfälle und unzureichende Hörverarbeitung im Gehirn)
♥ visuelle Wahrnehmung (Sehvermögen: scharf – unscharf; nah – fern; Farben / Sehverhalten: Zeilen einhalten bzw. verlieren, Blicksprünge, Raumlage), generelles Sprachverständnis in Deutsch,
♥/♠ Entwicklung einer homogenen Lateralitätsstruktur (Seitigkeit),
♥/♠ Integrative Verarbeitung der Informationen aus allen Sinnen,
♥/♠ Koordination der Sinne und der Motorik (u.a. Auge-Hand),
♥/♠ Seriation (Reihenfolge),
♥/♠ Gleichgewicht und motorische Koordination,
♥/♠ Grob-/Feinmotorik, insbesondere Graphomotorik,
♥/♠/♦ Gedächtnis (Kurzzeit-/Arbeitsgedächtnis, z. B. beim Abschreiben  ==>  neues Wissen speichern  ==>  Automatisierung  ==>  Langzeitgedächtnis (altes Wissen einsatzbereit haben und auch abrufen können),
♥/♠ Aufmerksamkeit und Konzentration (Fokussierung, Ablenkbarkeit, Zeitspanne, Impulsivität),
♥/♠ Arbeitstempo,
♦/♠ Reflexion des eigenen Tuns (Was habe ich geschrieben? Warum habe ich es genau so geschrieben? Wie kann ich es kontrollieren?),
♠ Selbstvertrauen (kämpfen: mit Ehrgeiz die eigene Situation verbessern wollen / standhalten: Diagnose und Förderung ohne innere Beteiligung „über sich ergehen lassen“ / flüchten: die alltäglichen Pflichten (HA + Üben) und auch benotete Situationen vermeiden).

Die Markierung mit Symbolen gemäß der oben genannten Übersicht von Kompetenzkategorien ist hier nur eine erste Einschätzung. Manche Kompetenzen lassen sich mehreren Kategorien zuordnen, bei manchen ist eine Zuordnung generell schwierig.

Trotzdem müssen bei jedem einzelnen Schüler, der von gravierenden Problemen im Lesen und Rechtschreiben betroffen ist, alle einzelnen Einflussfaktoren nacheinander unter die Lupe genommen werden mit den Fragestellungen: Wo liegen die Stärken und Schwächen dieses Schülers? Für welche Anteile des jeweiligen schwach ausgeprägten Faktors sind welche gezielten Fördermaßnahmen sinnvoll und möglich? Welche notwendigen Fördermaßnahmen finden im pädagogischen Bereich der Schule statt, welche im außerschulischen lerntherapeutischen Setting und wo ist eine Behandlung im medizinischen Bereich (Sehen, Hören usw.) erforderlich?

Insgesamt muss die Hilfe für die betroffenen Kinder in enger Koordination von pädagogischem und medizinischem Bereich ablaufen.

Karl Gajewski

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