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Gedächtnistraining

Gedichte lernen als Ritual im Morgenkreis

Jeden Tag ein Gedicht: Im Morgenkreis lernen Schüler/-innen gemeinsam und spielerisch Gedichte auswendig. Das macht stolz beim späteren Vortragen und trainiert das Gedächtnis.

Gedächtnistraining: Gedichte lernen als Ritual im Morgenkreis Es geht viel leichter, gemeinsam im Morgenkreis Gedichte zu sprechen, aufzusagen und zu lernen © Lorelyn Medina - stock.adobe.com

„Mein Hirn ist ein Durchlauferhitzer“ gesteht Dorothee Nolte im Berliner Tagesspiegel. Sie muss sich „alles aufschreiben“, was sie sich merken will. Ganz anders ihre Mutter: Sie kann noch heute, mit 90 Jahren, unzählige Gedichte rezitieren, die sie als Kind gelernt hat: Balladen „mit bis zu einem Dutzend Strophen“ trägt sie fehlerlos vor. Ihre Tochter hingegen hat in Kindergarten und Grundschule „ein paar Weihnachtsgedichte“ und im Gymnasium den Erlkönig und „vielleicht den Panther von Rilke“ gelernt, „und damit hatte es sich“. Beim Versuch, sich ein fünfstrophiges Kästner-Gedicht einzuprägen, tut sie sich schon schwer: „So ungewohnt!“, schreibt sie.

Ganz normal und alltäglich ist das Auswendiglernen von Gedichten für die Schüler/-innen von Sabine Czerny. Jeden Tag lernt sie mit ihrer Klasse im Morgenkreis „ein paar Minuten“, schreibt die Lehrerin und Kolumnistin auf der Website des Deutschen Schulportals. – Eine außergewöhnliche Idee, die Schule machen sollte!

Gemeinsam Lernen lernen

Lernt sich so ein Gedicht nicht leichter als Hausaufgabe „im stillen Kämmerlein“? Nach Sabine Czernys Erfahrung ergibt das in der Grundschule „wenig Sinn“. Kleine Kinder könnten noch nicht allein auswendig lernen. Nicht alle Kinder hätten Bezugspersonen, die sich „mit ihnen hinsetzen“. Doch beim gemeinsamen Üben im Morgenkreis sind alle Kinder gleichermaßen eingebunden.

Ein weiterer Vorteil: Als Lehrkraft vermitteln Sie Ihren Schülerinnen/Schülern ganz nebenbei auch gleich ein paar Lerntechniken und Tricks. Vorsprechen – nachsprechen, Eselsbrücken oder andere Gedächtnisstützen: Sabine Czerny etwa erfindet zu manchen Gedichten Bewegungen oder Gesten, mit denen sich die Verse leichter einprägen. 

Viele weitere gute Ideen liefert die Website lernfoerderung.de: Die Kinder zeichnen sich zum Beispiel Bildkarten zu „markanten Wörtern“ des Gedichtes, die ihnen dann beim Sprechen als Memo dienen. Oder sie sprechen das Lied rhythmisch wie zum Beispiel einen Rap.

Dass man Gedichte auch veralbern kann, erleben die Kinder mit einer weiteren Anregung der Autoren der Lernförderungswebsite: Lassen Sie die Schüler/-innen „das Gedicht mal laut, mal leise, mal schnell, mal langsam, mal mit piepsiger Mäusestimme, mal mit Löwengebrüll vorsagen“. Das sensibilisiert sie auch gleich für die vielfältigen sprachlichen Modulationen, die Kindern laut Sabine Czerny oft noch gar nicht bewusst sind.

Vom Nach- zum Auswendig-Sprechen

Wenn Sabine Czerny mit der Klasse das Gedicht mehrfach gemeinsam gesprochen hat, zieht sie sich raus und hilft „höchstens hin und wieder bei einem Hänger“. Dann möchten meist auch schon bald „die ersten Kinder das Gedicht ganz allein oder nur gemeinsam mit einem oder zwei Klassenkameraden aufsagen“ (ebd.). 

Hier zeigt sich ein ganz wesentlicher Unterschied zu der Erfahrung, die die meisten von uns beim obligatorischen Abfragen von Gedichten in der Schule gemacht haben: Die Kinder werden nicht aufgerufen, sondern sie entscheiden selbst, ob und wann sie das Gedicht aufsagen möchten. Zunächst nur im Morgenkreis und dann, wenn sie es möchten, auch allein vor der Klasse. „Manche Kinder müssen erst ein paar Mal erleben, wie andere das machen, bis sie sich das selber zutrauen“, schreibt Sabine Czerny, aber „spätestens nach dem dritten, vierten Gedicht im Schuljahr“ hätte sich noch jedes Kind von sich aus zum Gedichtvortrag gemeldet. Die Kinder genießen es, „für ein paar Minuten die Hauptperson zu sein und die volle Aufmerksamkeit“ und Applaus zu bekommen, bevor sie sich dann wieder von dieser exponierten Rolle verabschieden müssen. – Lernfrust kommt da ganz sicher nicht auf, denn die Kinder machen durchweg positive Erfahrungen und erleben jeden Morgen neu, wie das Lernen und Vortragen von Gedichten den Schultag bereichert.

Martina Niekrawietz

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