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Anfangsunterricht

Grafomotorik & Handschrift: Was beim Schreiben-Lernen wichtig ist

Was bestimmt die Produktion grafischer Zeichen? Was sind Kriterien für eine gute Handschrift? — Viele Faktoren spielen eine Rolle beim Schreiben-Lernen, die man im Anfangsunterricht positiv beeinflussen kann.

Anfangsunterricht: Grafomotorik & Handschrift: Was beim Schreiben-Lernen wichtig ist Um flüssig schreiben zu können, kommt es auch auf die richtige Haltung der Hand an © pcponatz.de - Fotolia.com

Im Anfangsunterricht ist „Schreiben-Lernen“ eine der zentralen Herausforderungen. Unter der Zielperspektive „Schreiben können“ geht es aus grafomotorischer Sicht um das Schreiben mit der Hand: die Handschrift. Betrachtet man die hier wirkenden Faktoren wird deutlich, wie komplex das Thema ist.

Die persönliche Handschrift wird beeinflussen durch: a) die zu schreibende Schrift, also die Komplexität der zu produzierenden Zeichen, ihre Verbindungen und Raumaufteilung, b) die anatomischen Gegebenheiten des Schreibenden einschließlich der Kompetenz in der visuellen Integration und der vorliegenden Händigkeit, c) seinen Übungs- bzw. Automatisierungsgrad („Können“) der Schrift sowie d) individuelle Faktoren wie Motivation, Anstrengungsbereitschaft, Sorgfaltsbemühungen, Gestaltungswillen etc. und e) die materiellen Faktoren wie Schreibgerät und Untergrund.

Von den obigen Faktoren kann die Lehrkraft gegebenenfalls die Wahl der Ausgangsschrift beeinflussen. Sie kann versuchen, Motivation, Anstrengungsbereitschaft, Sorgfaltsbemühungen und Gestaltungswillen positiv zu befördern. Da sich die Fertigkeit „Schreiben“ als motorische Kompetenz nicht von allein entwickelt, brauchen die Lernenden Anleitung.

Die Lehrkraft muss entsprechend den Übungsprozess sinnvoll anleiten und gestalten. Dabei kann sie Einfluss auf die materiellen Faktoren nehmen. In diesem Kontext sollen hier drei Fragen diskutiert werden:

  1. Was sind Kriterien für eine gute Handschrift?
  2. Was bestimmt die Produktion grafischer Zeichen?

Drei Kriterien für eine gute Handschrift

Eine „gute“ Handschrift kann dann attestiert werden, wenn erstens das Ergebnis der Handschrift lesbar ist, es zweitens ausreichend „schnell“ zustande kam und es drittens ermüdungsfrei über einen längeren Zeitraum durchgehalten wurde. Ästhetische Aspekte im Sinne von „schön“ treten demgegenüber als sekundär zurück.

Was heißt das nun für den Anfangsunterricht? Sind diese drei Kriterien gewährleistet, ist es beispielsweise unerheblich, mit welcher Stifthaltung das Ergebnis erzielt wird. Entsprechend darf das Trainieren einer bestimmten Stifthaltung oder anderer Aspekte nicht Selbstzweck der Förderung sein. Individuelle Lösungen können immer dann zugelassen werden, wenn sie den oben angeführten Kriterien nicht entgegenstehen.

Bestehen hingegen bei der Produktion grafischer Zeichen Probleme (siehe unten), dann kann mithilfe der Handlungsstrukturanalyse Grafomotorik und dem Testverfahren „Kieler grafomotorischer Bogen, KgB“ analysiert werden, ob diese beispielsweise aus der Grifftechnik, der Bewegungsführung, an der Bewegungsrichtung (Integration von Bewegungsumkehrpunkten in die Strichführung) resultieren oder ob es an Phänomenen wie dem „Storch“ oder dem „Scheibenwischer“ liegt.

Aspekte der Produktion grafischer Zeichen

Die motorische Produktion grafischer Zeichen bestimmen acht Aspekte, die diagnostisch genutzt zur Kompetenzbeschreibung herangezogen werden können:

  • Mit welcher Hand bzw. mit welcher Griff- und Haltetechnik schreibt das Kind?
  • Wie erfolgt die Bewegungsführung bzw. Stütz- und Unterstützungsfunktion?
  • In welche Bewegungsrichtung gelingt die Strichführung und mit welchen Anforderun-gen an die Ausführung?
  • Mit welchem Schreibgerät?
  • Auf welchem Untergrund?
  • Mit welchen zusätzlichen Koordinationsleistungen?
  • Was ergibt die Anwendung der Beurteilungskriterien für das Produkt?

Auf zwei Aspekte soll hier näher eingegangen werden: Die Griff- und Haltetechnik und das Schreibgerät.

Griff- und Haltetechnik

Griff- und Haltetechnik: Beim Schreiben mit einem Stift wird die Bewegung vorwiegend durch die Finger und oder durch Handgelenksbewegungen geführt. Bewegungen aus dem Schulter- und Ellenbogengelenk führen zu seitlichen, in Schreibrichtung erfolgenden Versetzungen, währenddessen keine Buchstaben produziert werden. Die Möglichkeit, kleinräumige Bewegungen aus den Fingern produzieren zu können, steht in unmittelbarem Zusammenhang zur Grifftechnik. Beim Pfötchengriff, Scheren- oder Pinzettengriff sind die Finger weitgehend gestreckt. Beugung und Streckung aus den Fingern gelingen hier kaum.

Erst der Zangengriff, also das Fassen des Stiftes mit leicht gebeugtem Zeigefinger und Daumen sowie hinterlegtem Mittelfinger (siehe Abbildung) erlaubt es dem Schreibenden bei aufgestütztem Handgelenk durch Beugung und Streckung der Finger (Zeigefinger und Daumen) in Kombination mit Bewegungsanteilen aus dem Handgelenk, in optimaler Weise kleinräumige Strichführungen auf einem Blatt auszuführen. Dieses ist bei allen anderen Varianten der Stifthaltung nur eingeschränkt möglich und wird oft durch erhöhte Anteile des Handgelenks an der Strichführung kompensiert. Aus diesem Grund ist der Zangengriff die optimale Grifftechnik und sollte im Anfangsunterricht thematisiert werden.

Anforderungen an das Schreibgerät

Zum Schreibgerät stellen sich zunächst folgende Fragen: Was sind Kriterien für einen geeigneten Stift im Anfangsunterricht? Erscheint es sinnvoll, einen Stift mit Griffunterstützung für den Zangengriff anzubieten?

Sinnvoll ist es, im Verlauf des „Schreiben-Lernens“ die einzelnen Parameter der Geräteigenschaften möglichst gleich zu halten. So sollte der Durchmesser des Stiftes eher „dicker“ sein als beim einfachen Bleistift und in seinem Durchmesser in etwa dem später verwendeten Füller entsprechen. Der Durchmesser der Minebeim Bleistift sollte nicht zu groß sein. Die sonst eher zu breite Spur erschwert ein kleinräumiges Schreiben. Referenz ist hier der einfa-che Bleistift. Auch für Kinder, die zu stark aufdrücken, bietet diese Mine in der Regel ausrei-chend Widerstand.

„Blei“ als erstes Schreibmedium ist sinnvoll. Einfache Radierbarkeit einerseits und eine gewisse Toleranz beim Aufdrücken des Stiftes sprechen für den Bleistift. Der Reibungswiderstand auf dem Papier, der beim Schreiben die Geschwindigkeit und die Genauigkeit beeinflusst, ist beim Bleistift ebenfalls gut (beim Füller sehr gut, bei Tintenschreibern mit Kugelkopftechnik ist er in der Regel zu gering, mit Tintenschreibern mit Faserspitzen hingegen besser).

Ein zentrales Kriterium ist der Abstand von der Stiftspitze zum Griffansatz. Beim einfachen Bleistift orientieren sich die Kinder häufig an der Grenze des Bereichs, bis zu dem der Anspitzer reicht. Dieses ist allerdings aus drei Gründen zu tief: Die Stiftspitze ist für den Schreibenden nicht gut einsehbar, die Kinder sitzen deshalb oft schief und schauen seitlich auf die Stiftspitze. Die mögliche Amplitude, die durch Beugung und Streckung der Finger erzielt werden kann, ist eingeschränkt. Und drittens liegt der Abstand beim Füller — häufig der Stift,  der ab der zweiten Klasse genutzt wird — deutlich höher (häufig kommt es bei der Übertragung des gelernten Abstandes vom Bleistift auf den Füller zu „Tintenfingern“.).

Damit wird ein Parameter — nämlich der richtige Abstand — innerhalb des Lernprozesses nicht unerheblich verändert. Eine Griffunterstützung für den Zangengriff muss ein Stift im Anfangsunterricht nicht grundsätzlich bieten. Ist eine Unterstützung allerdings notwendig, müssen die Griffmulden anatomisch korrekt angeordnet sein: Zeigefinger und Daumen sollten sich gegenüber liegen, beim Füller muss der Spalt der Feder genau „zwischen“ den in den Mulden platzierten Fingern liegen, da sonst ein Verkanten der Feder die Folge ist. Bleistifte mit eingefrästem Griffprofil sind nicht sinnvoll, wird der Abstand von Stiftspitze zum Griffansatz doch immer wieder durch das Anspitzen verändert.

Schreiben-Lernen heißt Üben! Im Sinne einer grafomotorischen Grundkompetenz kann es angezeigt sein, die Stifthaltung (Zangengriff) sowie die Bewegungsführung aus dem Schulter-Ellenbogengelenk, dem Handgelenk und den Fingern über spezifische Aufgabenstellungen zu üben und so vorbereitend oder parallel unterstützend die Aneignung von Schrift zu befördern.

Achim Rix

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