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Anfangsunterricht

Grafomotorik und Handschrift: Welche Ausgangsschrift ist richtig?

Neben der Auswahl des richtigen Schreibgerätes und der richtigen Schreibhaltung ist für das Erlernen einer guten Handschrift auch die Wahl der Ausgangsschrift von großer Bedeutung.

Anfangsunterricht: Grafomotorik und Handschrift: Welche Ausgangsschrift ist richtig? Es ist gar nicht so einfach, sich für eine Ausgangsschrift zu entscheiden, denn alle haben Vor- und Nachteile © Joachim B. Albers - Fotolia.com

Eine „gute“ Handschrift kann dann attestiert werden, wenn erstens das Ergebnis der Handschrift lesbar ist, es zweitens ausreichend „schnell“  zustande kam und es drittens ermüdungsfrei über einen längeren Zeitraum durchgehalten wurde. Ästhetische Aspekte im Sinne von „schön“ treten demgegenüber als sekundär zurück.

Die persönliche Handschrift wird beeinflussen durch …

a) die zu schreibende Schrift, also die Komplexität der zu produzierenden Zeichen, ihre Verbindungen und Raumaufteilung. b) die anatomischen Gegebenheiten des Schreibenden einschließlich der Kompetenz in der visuellen Integration und der vorliegenden Händigkeit. c) seinen Übungs- bzw. Automatisierungsgrad („Können“) der Schrift sowie d) individuelle Faktoren wie Motivation, Anstrengungsbereitschaft, Sorgfaltsbemühungen, Gestaltungswillen etc. und e) die materiellen Faktoren wie Schreibgerät und Untergrund.

Welche Aspekte lassen sich für die Wahl der zu schreibenden Schrift anführen? Die Ausgangsschriften, in der Regel Druckschrift, Grundschrift, Lateinische Ausgangsschrift (LA), Vereinfachte Ausgangsschrift (VA), Schulausgangsschrift (SAS), stellen aus motorischer Sicht unterschiedliche Anforderungen an die Schüler. Visuelle Aspekte der Durchgliederung spielen zudem eine Rolle.

Komplexität des Einzelbuchstabens

Generell sind Druckschriften und auch die die daran angelehnte Grundschrift motorisch leichter zu bewältigen als Schreib- oder Verbundschriften. Von den Schreibschriften ist die Lateinische Ausgangsschrift motorisch am anspruchsvollsten. Die Vereinfachte Ausgangsschrift und die Schulausgangsschrift sind hinsichtlich der Großbuchstaben tatsächlich vereinfacht (Wegfall von Strichführungen und Verschleifungen, Reduzierung von „Schwung und Gegenschwung“). Bei den Kleinbuchstaben sind die LA und SAS weitgehend identisch. Lediglich das kleine „t“ der SAS weicht hiervon ab. Im Verbund sieht es leicht wie ein großes A aus. Die Vermeidung des T-Striches sollte wohl den Schreibfluss befördern. Das Setzen des T-Striches ist hingegen eine gute Zäsur und führt zur Rhythmisierung (Versetzen des Handgelenkes). Dieser Buchstabe sollte wie in der LA geschrieben werden.

Bei der VA sind einzelne Buchstaben wie das „e“ problematisch. Beim sogenannten Köpfchen-E muss auf kleinstem Raum ein Bewegungsendpunkt und ein Richtungswechsel mit Drehbewegung in die Strichführung integriert werden. Diese Anforderung bremst den Schreibfluss. Dieses ließe sich umgehen, indem man das „e“  wie in der LA schreiben lässt. Die Buchstaben „s“ und „t“ sind vor allem aus Gründen der visuellen Durchgliederung problematisch.

Art der Verbindung von Buchstaben

Problematischer sind bei der VA die Buchstabenverbindungen. Ob man sich ganz grundsätzlich für eine Druck- oder Verbundschrift als Standardschrift entscheidet, ist aus motorischer Perspektive eine komplexe Sachlage. Erwachsene, die allerdings in Deutschland in der Regel mit Schreibschrift sozialisiert sind, schreiben überwiegend eine Mischform aus Verbundschrift und Druckschrift. Eine reine Druckschrift oder eine reine Schreibschrift trifft man im Vergleich eher selten an. Auffällig ist, dass die Verbindungen nicht konstant sind, die Buchstaben eher je nach Wortkonstellation verbunden werden (häufig  Verbindungen sind „ch“, „au“, „eu“, „en“, „er“, aber auch „len“, „gen“ usw.).

Betrachtet man die Aspekte Lesbarkeit, Schreibgeschwindigkeit und die Anforderungen der Verbindung von Buchstaben, so ergibt sich:

Die Lesbarkeit hängt davon ab, wie nahe an der Norm die Buchstaben produziert werden. Hier besteht zunächst kein grundsätzlicher Unterschied zwischen einer Druckschrift und einer Schreibschrift.

Die Schreibgeschwindigkeit profitiert grundsätzlich von den vereinfachten Formen in den Großbuchstaben wie sie bei der Druckschrift, der Grundschrift, der VA und SAS gegeben sind. Zudem scheint ein Verbinden von einzelnen Buchstaben ökonomisch. Es reduziert das jeweilige Versetzen des Handgelenkes und befördert so die Schreibgeschwindigkeit.

Das Verbinden von Buchstaben ist unterschiedlich gelöst. Bei der Grundschrift lassen sich einzelne Buchstaben ohne Probleme verbinden (Analog zu den Schreibschriften). Bei anderen Buchstaben sind keine Verbindungen vorgesehen. Möchte man diese verbinden oder fordert gar Kinder dazu auf, eigene Lösungen zu finden, dann landet man sinnvoller Weise wieder bei den Verbindungen, wie sie durch die LA oder SAS definiert sind.

Hier gibt es zwei sinnvolle Optionen: Entweder man beschränkt sich auf die durch die Buchstaben vorgegebenen Möglichkeiten oder man wählt eine Schreibschrift. Bei der Lateinischen Ausgangsschrift und der Schulausgangsschrift erfolgt die Verbindung der Buchstaben je nachdem, von welchem Buchstaben man ausgeht (z. B. vom l zum a oder vom w zum a). Dadurch sind beide Schriften — im Gegensatz zur Vereinfachten Ausgangsschrift — durch ein gewisses Spektrum an Abweichungen charakterisiert, was sich positiv auf die Lesbarkeit individueller Handschriften auszuwirken scheint.

Im Gegensatz dazu toleriert die Vereinfachte Ausgangsschrift handschriftliche Abweichungen von der Normvorgabe weit weniger gut, auch wenn hier jeder Buchstabe im Verbund immer an der gleichen Stelle beginnt und endet. Dadurch, dass diese Stelle an einer gedachten Linie als obere Begrenzung der Kleinbuchstaben ohne Oberlänge liegt, ergibt sich beispielsweise das schwierige Köpfchen-E. Zudem erschwert der nach oben verlegte Anfangs- und Endpunkt die Orientierung, denn nur so lange, wie das Mittelband in der Lineatur dargestellt wird, ist diese gegeben. Sie fällt weg, wenn nur noch eine Grundlinie vorhanden ist.

Die fehlende Orientierung führt häufig zu „Wellenbewegungen“ in der Schrift, indem die Endpunkte mal höher und mal tiefer liegen. Des Weiteren lassen sich die insgesamt oder anfänglich durch eine Drehbewegung nach links zu schreibenden Kleinbuchstaben „c“, „a“, „d“, „g“, „q“ und „o“ nur durch einen sogenannten Luftsprung vom Endpunkt des Vorgängerbuchstabens nach rechts und einer von dort erfolgenden Kreisbewegung nach links produzieren.

Diese Kreisbewegung muss dann eine Verbindung zum bestehenden Endpunkt des Vorgängerbuchstabens herstellen. Das erfordert im Sinne der Lesbarkeit, dass dieser Abstand eingeschätzt und exakt produziert werden muss — für viele Schreibende eine (zu) große Herausforderung. Bei den Buchstaben „t“ und vor allem „f“ gibt es eine neue Ebene, die der jeweils in der Mitte des Mittelbandes befindliche Querstrich bildet. Die Unterlänge des „f“ wird häufig nicht oder unzureichend produziert. Dadurch entsteht der Effekt, dass der vorangehende und der nachfolgende Buchstabe nicht mehr auf der Grundlinie aufliegt und die Schrift quasi ansteigt und wieder absteigt. Im Verbund ähnelt das „t“  zudem dem „A“ („at“, „st“, „gt“ usw).

Rhythmisierung der Wörter — die Phänomene „Storch“ und „Scheibenwischer“

Die Abbildung der Verbundschrift suggeriert, dass man die Wörter stets in einem Stück schreiben muss. Dieses gelingt bei längeren Wörtern nicht ohne sinnvolles Ab- und wieder Ansetzen: der Rhythmisierung beim Schreiben. Erwachsene scheinen hier nach keinen festen Prinzipien zu rhythmisieren. Wird Rhythmisierung im Unterricht nicht thematisiert („Wann versetzt du das Handgelenk beim Schreiben nach rechts?“), dann sind häufig zwei Phänomene zu beobachten, die für die Kinder in Bilder gefasst als „Storch“ und „Scheibenwischer“ bezeichnet wurden.

Beim „Storch“ wird das Wort als Ganzes und ohne Absetzen des Stiftes geschrieben. Da beim „Storch“ das Handgelenk eher auf der Höhe der Zeile liegt, schreibt das Kind quasi „in die Hand hinein“ (Rechtshänder). Der Raum wird immer enger, die Stifthaltung steiler und wenn diese Lösung nicht ausreicht, um das Wort zu beenden, dann hält das Kind im Schreiben inne, stößt sich bzw. sein Handgelenk, die Stiftspitze auf dem Papier belassend ab, verschiebt das Handgelenk nach rechts und setzt den Schreibvorgang fort. Um es für die Kinder in ein Bild zu fassen: Der Stift schreitet wie ein „Storch“ über das Blatt. Häufig ist nun der Stift in Relation zum Handgelenk sehr weit weg (links) und muss erst wieder herangezogen werden. Dadurch entsteht so eine Art „Ziehharmonikaschrift“ mit weiten und engen Abständen zwischen den Buchstaben eines Wortes. Diese Variante befördert die Schreibgeschwindigkeit nicht.

Auch beim „Scheibenwischer“ wird ein Wort mit vielen Buchstaben als Ganzes und ohne Absetzen des Stiftes geschrieben. Das Handgelenk liegt hierbei eher unterhalb der Zeile und bewegt sich zusätzlich zu den Fingern wie ein „Scheibenwischer“ einmal von links nach rechts. Dann wird das Handgelenk versetzt und der „Scheibenwischer“ wieder nach links bewegt. Voraussetzung für dieses Vorgehen ist ein hoher Anteil der Bewegungsführung durch die Finger.

Richtiger, gerade auch in Hinblick auf die Schreibgeschwindigkeit, ist es das Handgelenk während des Schreibens durch Absetzen des Stiftes zu versetzen. Genau diese Form der Rhythmisierung muss im Unterricht thematisiert und vor allem geübt werden.

Fazit: Die Wahl der Ausgangsschrift ist zumeist keine Frage, die eine Lehrkraft allein entscheiden kann. Die Lateinische Ausgangsschrift ist die motorisch anspruchsvollste. Die Vereinfachte Ausgangsschrift ist aus vielerlei Gründen nicht geeignet. Von den Verbundschriften ist die Schulausgangsschrift zu bevorzugen. Verzichtet man auf eine Verbundschrift, ist die Grundschrift eine gute Alternative. Sie ist so angelegt, dass sich einige Buchstaben analog zu den Schreibschriften verbinden lassen. Möchte man die Option haben, alle Buchstaben zu verbinden, landet man wieder bei den Lösungen der Lateinischen Ausgangsschrift oder denen der Schulausgangsschrift. Rhythmisierung sollte im Unterricht thematisiert werden, um die  Phänomene „Storch“ oder „Scheibenwischer“ zu verhindern und die Schreibgeschwindigkeit positiv zu beeinflussen.

Achim Rix

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