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Lehrerbefragung

Handschreiben? Bei vielen Schülern Fehlanzeige!

Das Schreiben mit der Hand wird bei vielen Schülern immer schlechter. Handschrift sollte daher als wichtige Kulturtechnik, die auch noch schlau macht, immer wieder geübt werden.

Lehrerbefragung: Handschreiben? Bei vielen Schülern Fehlanzeige! Das Schreiben mit der Hand muss immer wieder geübt werden, um eine gut lesbare Handschrift zu erlangen © Kzenon - stock.adobe.com

Die meisten „Digital Natives“ tippen in einem Affenzahn: Wenn Jugendliche etwa über WhatsApp kommunizieren, folgen ihre Messages „gefühlt“ fast genauso schnell aufeinander wie bei einer Face-to-Face-Unterhaltung. Doch wie sieht es mit dem Schreiben mit der Hand aus? — Ziemlich „mau“, wie die repräsentative Lehrerbefragung „STEP 19“ zeigt, deren Ergebnisse der Verband Bildung und Erziehung (VBE) am 9. April 2019 veröffentlicht hat.

Demnach sind im Sekundarbereich nur vier Prozent der insgesamt 2000 befragten Lehrkräfte mit der Handschrift ihrer Schüler zufrieden. 43 Prozent der Jugendlichen hätten Schwierigkeiten mit dem Schreiben per Hand. Im Grundschulbereich sehen die Pädagogen bei 37 Prozent der Kinder „Probleme (...), eine gut lesbare, flüssige Handschrift zu entwickeln“. Dabei seien Jungen mit 45 Prozent in der Primarstufe und 53 Prozent in weiterführenden Schulen „deutlich stärker betroffen“, so heißt es auf der Website des VBE (Link s. o.). Bei den Mädchen tun sich in der Grundschule 29 Prozent und in der Sekundarstufe 33 Prozent schwer mit dem handschriftlichen Schreiben. Zudem könnten nur zwei von fünf Jugendlichen „30 Minuten und länger beschwerdefrei schreiben“. Und schulformübergreifend bemängeln 93 Prozent der Lehrenden eine „unleserliche Schrift“ und 91 Prozent „zu langsames Schreiben“ (ebd.).

Woran liegt das? Was kann man dagegen tun? Und ist das Schreiben mit der Hand wirklich so wichtig? Diesen Fragen widmen sich die folgenden Abschnitte.

Zu wenig Routine, Motorik und Koordination

Als häufige oder sehr häufige Ursachen des Problems vermuteten über zwei Drittel der Lehrkräfte in erster Linie „zu wenig Routine, schlechte Motorik und Koordination sowie Konzentrationsprobleme“ (ebd.). Erst an zweiter Stelle nannte „mindestens die Hälfte der Befragten“ die zunehmende Digitalisierung der Kommunikation und einen zu hohen Medienkonsum.

Möglicherweise spielt der digitale Alltag der Kinder doch eine größere Rolle als vermutet: Gerade im Primarbereich sind die Kinder nicht mehr mit den nötigen Kompetenzen ausgestattet, wenn sie in die Schule kommen, sagt Anne Deimel, Grundschulleiterin in Arnsberg und VEB-Vorstand, in WDR 2. Die Schüler „erleben eine Erwachsenenwelt um sich herum, wo (...) Handschreiben gar keine Rolle mehr spielt“. Nachrichten oder Memos würden noch nicht einmal mehr getippt, sondern nur mehr in die Smartphones gesprochen.

Das Vorbild von „schreibenden Erwachsenen“ fehlt also, genauso wie die Zeit zum „analogen“ Spielen, die doch für die Entwicklung motorischer Fähigkeiten und auch von Koordination und Konzentration so wichtig ist.

Auch in der Schule mangelt es an zeitlichen Ressourcen, betont Udo Beckmann im Interview mit news4teachers: „Über allem schweben die eng begrenzten Zeitressourcen. Wenn man zusätzlich noch den Lehrermangel bedenkt, der uns zurzeit bei allen Fragen umtreibt, ist die zur Verfügung stehende Zeit in den vergangenen Jahren noch knapper geworden“, so der VEB-Bundesvorsitzende (ebd.).

Schon eine Stunde schreibmotorische Förderung hilft

Die gute Nachricht: Es braucht gar nicht so viel Trainingszeit, um passable Fortschritte zu erreichen. Schon „eine Stunde gezielte schreibmotorische Förderung pro Woche“ bringe „eine positive Wirkung“, sagt Dr. Marianela Diaz Meyer, die Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts. Das ergab eine Interventionsstudie mit Erstklässlern, die ihr Institut zusammen mit der Universität Saarland durchgeführt hat. (ebd.)

Ob diese eine Wochenstunde auch nachhaltig in den Folgejahren nachwirkt, ist fraglich. Udo Beckmann fordert jedenfalls, dass „das Thema Schreibmotorik beziehungsweise das Thema Schreiben stärker in den Bildungsplänen verankert“ werden muss, und: „Wenn man (...) will, dass Lehrerinnen und Lehrer mehr Zeit für diese originären Aufgaben aufbringen, muss man sie entlasten, zum Beispiel durch multiprofessionelle Teams“ (ebd.). Außerdem sollte auch in der Lehrerbildung „das Bewusstsein für die Bedeutung des Handschreibens stärker in den Vordergrund gestellt werden“, so der VEB-Vorsitzende (s. o.). Schließlich dürfe man angesichts des Digitalisierung-Hypes „nicht vergessen, dass es bestimmte analoge Tätigkeiten braucht, um motorische Fähigkeiten, aber auch die Denkfähigkeit zu schulen.“

Handschreiben macht schlau

„Schreiben ist eine Meisterleistung des Gehirns“, zitiert Lara Malberger den Neurologen Christian Kell in ihrem Beitrag „Wir verlernen die Handschrift“ auf der Website ZEIT ONLINE. Wer händisch schreibt, aktiviere verschiedenste Areale seines Gehirns. Außerdem sei die Handschrift „eines der besten Mittel, um die Motorik, also das gezielte Ausführen von Bewegungen, zu schulen.“

Studien (Kiefer et al., 2015) zeigen auch, dass das Schreiben per Hand Kindern das Lernen erleichtern kann. So lernen Kinder besser lesen, wenn sie die Buchstaben per Hand nachschreiben, als wenn sie sie auf einer Tastatur eintippen. Und auch Studenten, die bei einer Vorlesung händisch mitschreiben, wissen hinterher nachweislich mehr als ihre Laptop-affinen Kommilitonen (Müller & Oppenheimer, 2014).

Fazit

Es lohnt sich also, Unterrichtszeit für Schreibübungen zu investieren. Und wenn Sie Ihre Schüler, zum Beispiel in Wochenplan- oder Stillarbeitsphasen, individuell coachen möchten, zeigt dieser Beitrag von Maria-Anna Schulze Brüning, wo Sie dabei am besten ansetzen.

Falls Sie in nächster Zeit im Kollegium beratschlagen, welche digitale Ausstattung für Ihre Schule sinnvoll ist, dann hier noch ein Tipp von Dr. Marianela Diaz Meyer (news4teachers, Link s. o.): Viele aktuelle technologische Entwicklungen verbinden digitale Medien mit dem Handschreiben, zum Beispiel das interaktive Whiteboard, Augmented Paper oder Tablet und Stylus Pen. — Damit kriegen Sie sogar coole „Pubertisten“ zum Schreiben mit der Hand.

Martina Niekrawietz

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