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Distanz- und Wechselunterricht

Individuell fördern – mehr als nur Lernpakete

Es reicht nicht aus, Schülerinnen und Schülern ein eigenes Lernpaket zu schnüren und dieses dann zu kontrollieren. Bei der individuellen Förderung geht es um weit mehr, wie diese Konzepte von Schulen zeigen.

Distanz- und Wechselunterricht: Individuell fördern – mehr als nur Lernpakete Erfolgreich lernen durch individuelle Förderung © pictworks - stock.adobe.com

Corona hat den Unterricht und das Schulleben (nicht nur) in Deutschland stark verändert: Das Wechselspiel zwischen Distanz- und Präsenzunterricht zieht sich nun bereits seit über einem Jahr hin, und noch ist kein Ende in Sicht. Auf diese Ausnahmesituation reagierten die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung mit dem Deutschen Schulpreis 20/21 Spezial. Ausgezeichnet werden dabei „innovative Konzepte (...), die Schulen im Umgang mit der Corona-Krise entwickelt haben und die das Lernen und Lehren langfristig verändern können“, so heißt es auf der Website des renommierten Schul-Wettbewerbs.  

Auch unter Corona-Bedingungen „alle Schülerinnen und Schüler individuell fördern“, das war ein zentrales Anliegen für viele Bewerber-Schulen und eines von sieben Themen, die Schulen in den letzten Monaten für besonders wichtig erachteten. Der folgende Beitrag informiert Sie, worauf es aus wissenschaftlicher Sicht dabei ankommt und stellt Ihnen einige Ideen dieser Leuchtturmschulen vor, die gute Impulse für individualisiertes Lernen in Corona-Zeiten geben. 

Begleitet Lernen lernen 

Im Webinar „Digitale Impulse“ der Deutschen Schulakademie gibt Prof. Dr. Jasmin Decristan von der Uni Wuppertal den schnellen Überblick über den aktuellen Forschungsstand in Sachen „Individuelle Förderung“. Daraus leitet sie dann auch gleich wichtige Implikationen für die schulische Praxis während der Corona-Pandemie ab (ca. ab min. 37:54).  

Aus der wissenschaftlichen Perspektive ist individuelle Förderung nicht auf eine bestimmte Personengruppe zugeschnitten, also zum Beispiel auf Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf, betont die Bildungsforscherin. Vielmehr geht es um „die Förderung jedes Individuums“. Wichtig ist es außerdem, die Kinder beim Lernen in binnendifferenzierten Settings oder offenen Unterrichtsformen zu begleiten und ihnen Struktur zu geben. Das bedeutet aber nicht, dass die Kinder gegängelt werden: Die Lehrkraft sollte den Kindern Strategien und Lösungswege aufzeigen, um sie mehr und mehr dazu zu befähigen, Verantwortung für ihr eigenes Lernen zu übernehmen. In dem Maß, in dem das gelingt, kann die Unterstützung dann „ausgeblendet“ werden (engl. „Fading“). 

Eine bloße Verteilung von individualisierten Lernpaketen mit anschließender Kontrolle reicht also nicht. Dabei würden die Kinder eher nebeneinander als miteinander arbeiten, ein inhaltlicher Austausch mit der Lehrkraft und anderen Kindern fehlt, und damit fallen wichtige Impulse für erfolgreiches Lernen weg. Deshalb ist kooperatives Lernen bedeutsam. 

Verlässliche Tagesstruktur mit „digitalem Sendeplan“ 

Ein lernförderliches Gleichgewicht zwischen Unterstützung durch die Lehrkraft und selbstreguliertes Arbeiten der Kinder – wie geht das im Wechselunterricht? Das zeigt die Grundschule am Dichterviertel (im Folgenden abgekürzt mit GaD) in Mühlheim an der Ruhr. Sie sieht sich als Schule für alle Kinder und versteht Vielfalt als Bereicherung: „Alle Kinder sollen (...) die gleichen Chancen bekommen und die gleiche Wertschätzung erfahren“, so umschreibt Das Deutsche Schulportal den Leitsatz des Finalisten im Wettbewerb um den Deutschen Schulpreis Spezial im Bereich „Bildungsgerechtigkeit“.  

Wie viele andere ausgezeichnete Bewerber-Schulen übernahm auch die GaD möglichst viel aus dem „normalen“ Schulalltag vor Corona, um „ihren Schülerinnen und Schülern Halt und Orientierung zu bieten“. An die Stelle des Stundenplans trat im Fernunterricht ein Sendeplan „mit festen Abläufen und Strukturen“: Jeden Morgen begann der Tag mit einem digitalen Morgenkreis mit Begrüßungsritual, „Wort und Zahl des Tages“ und einer „Besprechung der individuellen Lernwegsplanung“ (ebd.). Jedes Kind hat einen festen Tagesablauf mit „angeleiteten Unterrichtsphasen“ per Videokonferenz und mit Zeiten für selbstverantwortliches Arbeiten. Bei Fragen wenden sich die Kinder an die Lehrkräfte, die im Raum für digitale Lernbegleitung für sie da sind. Und am Nachmittag endet der Tag „mit einer Lernwegsreflexion und einem Ausblick“ (ebd.). 

Anpassung der Lernformate an den digitalen Unterricht 

Auch die gewohnten Lernformate wurden in der GaD beibehalten und angepasst. Statt Lernstraßen in Mathematik und Deutsch gibt es jetzt digitale Lernwege mit integrierten Erklärvideos und Apps. Damit können die Kinder auch selbstständig üben und sich mit den Lerninhalten gemäß ihrem Lerntempo und Lernstand auseinandersetzen.  

Die individuellen Lernwege und Sendepläne sind online verfügbar. Die Schule nutzt dafür das webbasierte Tool „Padlet“. Das erspart aufwändiges Hin- und Herschicken von Unterrichtsmaterialien, denn jedes Kind kann das jeweilige Padlet (= digitale Pinwand) mit Aufgaben, Videos Apps etc. zu Hause ganz einfach im Netz öffnen.  

Von persönlichem Lerncoaching bis zur digitalen Projektwoche 

Es lohnt sich unbedingt, ein wenig in den pädagogischen Konzepten der Bewerberschulen auf der Schulpreisseite „zu stöbern“: Hier finden sich viele weitere gute Ideen, um die Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern. Sie lernen beispielsweise die Castellschule in Lingen kennen, die „trotz schlechter technischer Ausstattung“ das „handlungsorientierte, jahrgangsgemischte und materialgestützte Lernen“ im digitalen Raum weiterführt. Dazu bettete die Montessorischule „digitale Materialsammlungen, Hinweise zu geeigneten Lern-Apps, kindgerechte Dokumentarfilme und Erklärvideos“ einfach auf der Schulhomepage ein. 

Und es gibt noch weitere tolle Konzepte. Zum Beispiel das der Blautopf-Schule in Blaubeuren, die sich ebenfalls für das Finale des Deutschen Schulpreises qualifiziert hat. Jeder Schüler und jede Schülerin hat hier einen eigenen „Lerncoach“, eine Lehrkraft der Schule. Einmal pro Woche verabredet sie sich per Videokonferenz mit ihrem Schützling und bespricht, welche Aufgaben anstehen und wie es in der vergangenen Woche gelaufen ist. Statt Noten gibt es eine kompetenzorientierte Rückmeldung und Kolleg/-innen, Eltern und Schüler/-innen arbeiten Hand in Hand für ein Ziel, das für alle Beteiligten oberste Priorität hat: Alle Kinder gemäß ihren Lernvoraussetzungen bestmöglich zu fördern und zu fordern. 

Martina Niekrawietz


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