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Fachfremd unterrichten

Musikunterricht ist weit mehr als Singen

Musik fachfremd unterrichten zu müssen, ist eine Herausforderung für viele Lehrer, denn mit Singen allein ist es ja nicht getan. Dabei gibt es eine Vielzahl von hilfreichen Materialien, um den Schülern Musiktheorie und aktives Musizieren nahezubringen und sie für Musik zu begeistern.

Fachfremd unterrichten: Musikunterricht ist weit mehr als Singen Ein Highlight im Musikunterricht ist es, wenn alle Kinder gemeinsam musizieren © highwaystarz - Fotolia.com

Bundesweit sind es zu „etwa 80 %“ Nicht-Musiker, die in der Grundschule Musik unterrichten, schreibt Lina Hammel in ihrer Dissertation über fachfremd unterrichtende Grundschulmusiklehrer. Und weil zu den verbleibenden 20 Prozent qualifizierten Musiklehrkräften auch diejenigen zählen, „die ihre Lehrbefähigung für das Fach in einer Weiterqualifizierungsmaßnahme erworben haben“, liege der tatsächliche Anteil „an studierten Musiklehrkräften (…) noch einmal weit darunter“. (ebd., S. 15 f.) Lina Hammel interessierte sich bei ihrer Doktorarbeit vor allem für die „Selbstkonzepte“ der Lehrkräfte ohne musikdidaktische Aus- oder Weiterbildung. In ausführlichen Interviews fielen ihr bei Ihren sieben Probanden „übertriebene Unzulänglichkeitsbeschreibungen“ (S. 368) auf: „Man habe bezüglich des Musikunterrichts ein ‚schlechtes Gefühl‘, empfinde einen ‚Kompetenzmangel‘, habe das Fach nun mal nicht (…) studiert und könne schlicht keinen ‚richtigen Musikunterricht‘ erteilen.“ (S. 366) Diesen vagen Vermutungen über den eigenen Unterricht lagen offenbar jedoch „überhöhte Maßstäbe zur Selbstbewertung“ (ebd.) zugrunde, denn fast alle Interviewpartner genügten den von ihnen selbst definierten drei wichtigsten Voraussetzungen „eines guten Musiklehrers“ (S. 367 f.), der erstens „Zugang zu den Kindern“, zweitens „Freude an der Musik“ und drittens „musikalische Grundfähigkeiten“ haben sollte.

Scheu vor der Musiktheorie

Bei den meisten von Lina Hammel befragten Lehrern stand das Singen mit der Klasse im Vordergrund. Dieser „Monokultur des Singens“ (S. 285) korrespondierte als „prominentes Muster“ der (teilweise) Verzicht auf Musiktheorie, seltenes instrumentales Musizieren, „keine Mitspielsätze“ und „wenig Tänze“. Mehrere Lehrer gestanden ein, „nicht den gesamten Lehrplan [zu] erfüllen“, „sich nicht so ausführlich wie möglich“ vorzubereiten oder auch „gelegentlich den Musikunterricht ausfallen zu lassen“. (ebd.)

Die folgenden Anregungen und Links zu Materialien für den Unterricht widmen sich deshalb schwerpunktmäßig den eher „ungeliebten“ musiktheoretischen Themen im Lehrplan: der Instrumentenkunde und der Notenlehre.

Orchester und Instrumente spielerisch entdecken

Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz versucht mit ihrer mehrfach preisgekrönten interaktiven Website junge-klassik.de ein junges Publikum für klassische Musik zu begeistern. Besonders spannend und auch für eine Stationenarbeit bestens geeignet ist der Spielbereich: Hier lernen die Kinder die Bezeichnungen, die Instrumentenfamilien und den Klang der Instrumente quasi „nebenbei“, während sie Instrumentenmemory spielen oder bestimmte Instrumente mit der Maus „fangen“. Auch das Orchester kann spielerisch erforscht werden: Dazu ordnen die Schüler Klänge bestimmten Instrumentengruppen zu oder „dirigieren“ ein komplettes Sinfonieorchester selbst, indem sie bestimmte Instrumentengruppen aktivieren, bis zuletzt alle „tutti“ Ravels Bolero spielen.

Das Wissen über Instrumente und Orchester wird auf verschiedenen Wegen und in unterschiedlicher Informationstiefe vermittelt: Musiker erzählen über ihre Instrumente und spielen sie auch gleich. Zu jedem einzelnen Instrument gibt es kurze Texte zu Aufbau und Funktion sowie zur Geschichte; und ein Spielequiz fragt die einzelnen Bestandteile der Instrumente ab, während die Zeit läuft und das Punktekonto wächst.

Vertiefung und Lernzielkontrolle

Zur Vertiefung oder Lernzielkontrolle eignet sich ein YouTube-Video, bei dem Sir Simon Rattle Ausschnitte aus Benjamin Brittens „The Young Person‘s Guide to the Orchestra“ dirigiert. Die Musiker der jeweiligen Instrumentengruppen tragen verschieden farbige Hemden und spielen das beeindruckende Thema zunächst gemeinsam. Daran schließen sich dann Passagen der Holzbläser, der Blechbläser, der einzelnen Streichergruppen und schließlich der Schlaginstrumente an, zusätzlich hervorgehoben durch die spotartige Beleuchtung der Instrumentengruppen.

Wer das Stück in voller Länge hören möchte (16:48 min), findet hier ein Video mit dem WDR-Sinfonieorchester unter Jukka Pekka Saraste. Diese Aufnahme eignet sich besonders gut zum Rekapitulieren der einzelnen Instrumente, die immer wieder einzeln im Bild zu sehen sind. Ein passendes Arbeitsblatt zu Brittens Lehrstück, auf dem die Schüler die Instrumentengruppen beschriften und farbig ausmalen können, findet sich auf der Website planet-schule.de.

Auch wer bei Abfrager.de sein Wissen testet, muss Instrumente (auch die des Orff’schen Schulwerks) auf Fotos benennen und sie einer Instrumentenfamilie zuordnen. Das ist gar nicht so einfach: Wie heißt nochmal das Blechblasinstrument, das wie eine Mischung aus Trompete und Posaune aussieht und einhändig gespielt wird? Wie nennt man die beiden kleinen Becken mit Lederriemen? Und wer kann eine Gurke oder Röhrenholztrommel auf Anhieb korrekt benennen? Mit jeder falschen Antwort sinkt sichtbar der Notenschnitt und am Ende des Tests erhält man eine Platzierung im Vergleich zur durchschnittlichen Note aller bisherigen Absolventen des Online-Tests. Eine Auswertung des Tests zeigt die Anzahl der „falschen Antworten“, die die Kinder direkt noch einmal beantworten können, bis alles sitzt.

Notenlehre kindgerecht erklärt

„Musiker spielen nach einer Art Geheimschrift — der Notenschrift“ — so beginnt ein kurzer Film, der, ebenfalls auf der Website junge-klassik.de, mit einfachen Worten und klaren Bildern in die Notenlehre einführt: Notenlängen inklusive Punktierungen, Pausenzeichen, Notenschlüssel und Sinn und Zweck der Notation, die es erst möglich macht, dass Stücke immer wieder gespielt werden können, werden nacheinander erklärt. Schließlich führt auch noch ein kurzer geschichtlicher Abriss der Notation durch die Jahrhunderte von der Gregorianik über die Mensuralnotation bis zur „heutigen Notenschrift, wie wir sie seit vierhundert Jahren kennen.“
Für die allerersten Schritte beim Notenlernen jedoch eignet sich am besten die herausragende Website NotenMax: Hier sehen die Kinder einen selbsterklärenden und wirklich entzückenden Kurzfilm ohne Worte, dafür aber mit Tönen. Dazu gibt es einen kurzen Erklärtext, den auch jeder Erstklässler mühelos versteht: „Stell es Dir so vor … Ein langer Ton, der wie eine Schneekugel ganz langsam den Berg runter rollt und rollt. (…) Und der ganz kurze Ton, der wie ein Hund durch den Park rennt.“ Ein Arbeitsblatt mit einfachen Aufgaben und einer anschaulichen Transferübung hilft, das Gelernte zu festigen („Der Notenmax hat einen Kuchen gebacken. Und jetzt möchte der NOTENMAX seinen Kuchen auf seine Freunde verteilen“ …).

Weiterführende Hinweise:

Vielfältige Anregungen und Fachpublikationen zum Thema Singen in der Klasse finden sich auf der Website der Stiftung „Singen mit Kindern“.

Noten spielend und selbstständig lernen können ältere Grundschüler auch mit dem Lernprogramm „Musiklehre Online“ auf der Website musica.at: Dabei laufen Noten auf einer Notenzeile von rechts nach links, die Kinder müssen mit der Maus auf einer Klaviatur darunter im richtigen Moment die richtige Taste drücken und die Note durch einen Basketballkorb in eine Tonne katapultieren.

Instrumente selbst bauen

Das Highlight einer Unterrichtseinheit zur Instrumentenkunde ist es für die Kinder, sich eigene Instrumente zu bauen. Hierzu finden sich vielfältige Anleitungen im Netz: zum Beispiel auf der Seite GEOlino.de Baupläne für Regenstab, Bumbass, Rasseltrommel und Kazoo.

Besonders „charmant“ sind die Ideen für Recycling-Musikinstrumente des freiberuflichen Architekten und Musikers Josef (Mo) Spann: Er baut u. a. eine Tubenpfeiffen-Orgel aus leeren Plastiktuben und Filzstifthülsen, eine Farbeimer-Kalimba aus Stahlfedern von alten Autoscheibenwischern, Blasinstrumente aus Elektroinstallationsrohren, Ketchupflaschen und Zigarettenschachteln und Rhythmusinstrumente aus Blechdosen, Kronkorken, Konservendosen und Essstäbchen.
Damit lernen die Kinder nicht nur, dass in Alltagsgegenständen aller Art Musik steckt, sondern auch „viel darüber, wie Klänge und Töne erzeugt werden, also wie Musikinstrumente funktionieren“. Und ganz nebenbei erkennen sie, dass wir vieles achtlos wegwerfen, obwohl sich daraus mit etwas kreativer und handwerklicher Arbeit etwas ganz Neues fabrizieren lässt, was richtig Spaß macht.

Martina Niekrawietz

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