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Anlauttabelle

Schreiben nach Gehör als Einstieg in den Schriftspracherwerb?

Motivation ist alles: Mithilfe der Anlauttabelle gelingt das Schreiben von eigenen Wörtern bereits nach wenigen Schultagen. Sprachsensibel eingeführt bahnt das lautgetreue Schreiben auch das Nachdenken über die korrekte Schreibweise an.

Anlauttabelle: Schreiben nach Gehör als Einstieg in den Schriftspracherwerb? Gemeinsam mit einem Partner werden die ersten einfachen Texte geschrieben © contrastwerkstatt - Fotolia.com

„Schule“ ist heute das Wort des Tages, das die Deutschlehrerin nach der ersten Schulwoche mithilfe der Schulanfänger gemeinsam an die Tafel geschrieben hat. Jule hatte es sich gewünscht und obwohl noch nicht alle Laute und Buchstaben des Wortes im Unterricht eingeführt wurden, können alle Schüler das Wort in ihr rotes Heft schreiben. Im Anschluss dürfen die Schüler allein oder mit einem Partner weitere spannende Wörter in ihr Heft notieren. Während Ole bereits „Ich wa bei meina Oma“ als ersten Satz aufschreibt, möchte Leni das Wort „Freund“ schreiben und notiert sich „FROIND“. Justin hingegen sucht nochmal den Namen der Fibelfigur heraus und notiert sich „LOLA“. Schnell ist die unlinierte DIN-A4-Seite jedes Schülers mehr oder weniger voll mit Wörtern oder ersten kurzen Sätzen. Stolz zeigen die Schüler am Ende der Stunde ihre Ergebnisse und „lesen“ ihre Wörter den Mitschülern vor.

Freies Schreiben als Unterrichtsprinzip von Anfang an

Mithilfe der Anlauttabelle können die Schüler nach kurzer Einführung des Prinzips von Bild und zugehörigem Anlaut erste Wörter lautsprachlich notieren. Ihre Begeisterung ist groß, wenn sie ihre eigenen Gedanken, bestenfalls für andere verständlich notieren können. Neben der alphabetischen Strategie gelingt den Schülern auch das Zusammenschleifen von Buchstaben beim kontrollierenden Erlesen ihrer geschriebenen Wörter.

Bereits von Anfang an sind die Leistungsunterschiede zwischen den Schulanfängern sehr groß. Während Ole schon beginnt, Sätze zu schreiben, benötigt Justin noch Hilfe beim Zuordnen von Laut und Bild auf der Anlauttabelle. Doch auch er kann mit diesem strukturierten Material die Position, Bilder und Anlaute immer besser speichern und traut sich an schwierigere und längere Wörter heran.

Hilfe und Motivation zugleich: die Anlauttabelle

Die Anlauttabelle ergänzt in der Regel jede Fibel und ist kästchenförmig, als Tor oder Streifen aufgebaut. Immer gleich ist ein einprägsames Bild wie beispielsweise eine Tomate für den Anlaut „T“. Alle Vokale besitzen zwei Bilder für den kurz gesprochenen oder lang gesprochenen Vokal, bei U beispielsweise Uhr und Unterhemd. Auch dies verstehen Schüler recht schnell und können es umsetzen. Wird das System wie im Beispiel mit einem Schreibwort des Tages anfänglich gemeinsam überlegt, zusammengesucht und zum Abschreiben an der Tafel notiert, gelingt es auch leistungsschwächeren das System zu durchschauen.

Später schreiben die Schüler gemeinsam mit Partner und erfahren hier bestenfalls durch einen leistungsstärkeren Helfer oder den Lehrer Hilfe. Können alle Schüler ihre ersten Worte selbst schreiben, motiviert ein Klassenbriefkasten, Briefe für Mitschüler, an Familienmitglieder oder an das Klassenmaskottchen zu verfassen. Dabei sind Fehler und die richtige Schreibungen noch völlig egal. Hier zählt zunächst, dass der Adressat das Geschriebene sowohl durch leserliche Schrift als auch durch die verständliche Anordnung der richtigen Laute lesen kann. Wenn sich Erwachsene hier schwertun, den Sinn zu entziffern, empfiehlt sich lautes Vorlesen, um die Wörter mit oft anderer aber verständlicher Schreibung zu erfassen.

Rechtschreibfortschritte im eigenen Lerntempo

Viele Schulen nutzen das Prinzip des freien Schreibens nicht ausschließlich. Oft ist es die Regel, dass neben diesen freien Schreibphasen die Buchstaben strukturiert und nacheinander eingeführt werden. Hier werden auch bereits erste Wörter in „Erwachsenenschrift“ gegenübergesetzt und von den Schülern nachgespurt und erlesen. So bekommen die Schüler ein Gespür dafür, dass es neben ihrer eigenen Schreibung eine Normschrift der Erwachsenen gibt, die es gilt nach und nach zu erlernen.

Dass die Schüler auf dem Weg von der alphabetischen Schreibung der lautgetreuen Wörtern zu einem Verständnis von Rechtschriftlichkeit sind, erfährt der Lehrer, wenn die Schüler mit ihren geschriebenen Wörtern zu ihm kommen und fragen: „Schreibt man das so?“ Oder sie versichern sich bereits zuvor: „Wird Sonne mit einem oder zwei n geschrieben?“

Hier ist der Lehrer gefordert und muss Antworten geben, die den Weg zur rechtschriftlich korrekten Schreibung ebnen. Wird der Grundwortschatz parallel zum eigenen Schreiben von „Mitsprechwörtern“ durch „Nachdenkwörter“ (mit Doppelkonsonanten, mit Endung g nach Verlängerung wie Berg von Berge etc.) und „Lernwörtern“ (Dinge, die man nicht hören und ableiten kann wie „ie“, „v“, Dehnungs-h etc.) ergänzt, so gelingt der Weg in die Rechtschreibung bereits für viele Schüler.

Hat man die Fortschritte der Schüler diesbezüglich im Blick, so wird schnell klar, wer früh Lernwörter speichern und morphematische und orthographische Strategien anwenden kann. Sicher gibt es auch Schüler, die noch lange in der lautorientierten Phase verweilen, doch sind dies in der Regel die Ausnahmen und es muss zeitnah überprüft werden, ob diese Schüler speziell gefördert werden müssen, um eine LRS-Problematik und Leistungsversagen zu vermeiden.

Kritik am freien Schreiben „nach Gehör“

Immer wieder wird Kritik zur Lernmethode mit der Anlauttabelle, dem freien, lautgetreuen Schreiben „nach Gehör“ laut. Diese kommt sowohl von Eltern, die oft noch nach dem Ganzwortprinzip gelernt haben, bei dem die Schüler sich ganze Wörter einprägten. Fehler waren in dieser Zeit noch verpönt und man war in den 80er-Jahren der Meinung, dass sich diese im Gehirn festsetzen und Wörter niemals „falsch“ angeboten werden dürften. Auch die CDU-Kultusministerin von Baden-Württemberg ist der Meinung, dass der Fokus wieder mehr auf die Rechtschreibung gelegt werden sollte und auf Kosten der Richtigschreibung nicht zu lange in der alphabetischen Strategie verweilt werden dürfe.

Laut Kultusministerkonferenz jedoch ist die lautorientierte Phase ein Entwicklungsschritt auf dem Weg zum normgerechten Schreiben. Sicher ist, dass noch während der Grundschulzeit weitere Phasen zur Richtigschreibung folgen müssen und die Rechtschreibung oftmals nach der Grundschulzeit nicht vollständig abgeschlossen ist.

Nachdenken über Rechtschreibung fördern

Doch das Nachdenken über korrekte Schreibweisen, das durch den lautgetreuen Vorlauf angebahnt wird, lässt die Schülerfragen „Ist das so richtig?“ eher zu, als ein bloßes Erlesen, Abschreiben und Speichern von vorgesetzten Wörtern. Hat doch die Lernforschung festgestellt, dass unser Gehirn flexibel ist und sich nicht, wie früher gedacht, Fehler festbrennen. Im Gegenteil: Wenn sich die Möglichkeit bietet, selbstständig Fehler zu erkennen und zu verstehen, dann fördert das den Lernprozess und ist ausgesprochen hilfreich. Nach anfänglichem Zweifeln sind auch die Eltern der Schulanfänger erstaunt, wie selbstverständlich, motiviert und verständlich ihren Kinder das eigenständige, lautgetreue Schreiben bereits nach wenigen Schultagen gelingt und dass die Texte, Geschichten und schließlich auch Übungsdiktate und Abschriften ihrer Schüler im Laufe der Grundschulzeit immer fehlerfreier gelingen.

Marion Keil

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