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Sozialkompetenz

Soziales Lernen im Sportunterricht

Ein verträgliches, achtsames und verantwortungsbewusstes Sozialverhalten muss gelernt werden, bereits an der Grundschule. Besonders der Sportunterricht eignet sich dazu, dass die Schüler Sozialkompetenz entwickeln.

Sozialkompetenz: Soziales Lernen im Sportunterricht Gemeinsam sind wir stärker! Beim Tauziehen lernen die Schüler als Team zusammenzuarbeiten © Robert Kneschke - Fotolia.com


Soziales Lernen ist wichtig. Soziales Lernen ist in jedem Lehrplan durchgängig verankert. Aber was genau versteht man darunter? — In den Fachlehrplänen (Mathematik, Deutsch etc.) werden die Fachinhalte meist sehr genau aufgesplittet. Dadurch wissen Lehrerinnen und Lehrer ganz genau, was zu tun ist.
Mit dem sozialen Lernen ist das anders: Es schwebt über allem, es ist in allen Ebenen der Lehrpläne verankert, aber konkret fassbar wird es kaum.

Dem Sportunterricht wird immer wieder nachgesagt, er sei ein besonders geeignetes Feld, um soziale Lernprozesse zu fördern. Im Sport wird soziales Lernen nicht nur theoretisch behandelt, sondern in der Praxis sofort ausprobiert und umgesetzt, da viele sportliche Handlungen auf ein soziales Miteinander angewiesen sind. So kann in jedem Sportsspiel z. B. Teamarbeit oder der Umgang mit Regeln und Konflikten gut erprobt werden.

Soziales Lernen hat viele Aspekte

Was bedeutet nun soziales Lernen in der Grundschule? Dieter Krowatschek (Dieter Krowatschek u. a.: Soziales lernen — pur!, Dortmund 2016) definiert es folgendermaßen, und das trifft es gerade für den Bereich Grundschule ziemlich genau: „Wir verstehen unter Sozialem Lernen den Ausbau der Ich-Kompetenzen und der sozialen Kompetenzen durch die Auseinandersetzung mit der Gruppe, der Lehrkraft und sich selbst.“

Soziales Lernen findet also nicht nur zwischen den Schülern statt. In diesem Prozess spielt auch die Lehrkraft eine ganz entscheidende Rolle. Zur Rolle der Lehrkraft weiter unten mehr, zunächst sollen die beiden Kompetenzbereiche näher betrachtet werden.

Was sind die Ich-Kompetenzen?

  • Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstsein (Schwächen akzeptieren/Stärken erkennen/Gefühle wahrnehmen, mit Wut und Aggression angemessen umgehen, Fähig sein zum Spannungsabbau etc.)
  • Selbstverantwortung
  • Eigeninitiative (sich behaupten, eigene Ideen vorbringen etc.)
  • Flexibilität und Durchhaltevermögen

Was sind die sozialen Kompetenzen?

  • Empathie (sich in den anderen einfühlen)
  • Toleranz
  • Vertrauen
  • Kommunikationsfähigkeit (zuhören, sich freundlich begegnen, aber auch Kritik üben können, sich entschuldigen etc.)
  • Teamfähigkeit (mit anderen zusammenarbeiten/„Teamspieler“ sein etc.)
  • Konfliktfähigkeit (Konflikte lösen)

Diese Fähigkeiten können aber nicht einzeln (höchstens schwerpunktmäßig) geschult werden. Sie bauen aufeinander auf, greifen ineinander über und gehören letztendlich alle zusammen.

Ein kleines Beispiel aus der Praxis soll dies verdeutlichen: Am Ende einer intensiven Sportstunde machen die Schüler in Partnerarbeit sogenannte „Blindenspiele“. Tom soll seinen Partner Ralf, der die Augen geschlossen hat, vorsichtig durch die Halle führen. Was wird dabei von Tom gefordert? Er muss all seine empathischen Fähigkeiten mobilisieren, sich in Ralf hineinfühlen und ihn wohlbehalten durch diese Aufgabe begleiten. Er muss ein Teamspieler sein und Verantwortung für sein Tun übernehmen. Aber auch Ralf profitiert von diesem Spiel. Er nimmt sich selbst wahr. In diesem Falle steht meist die Angst im Vordergrund. Diese kann er aber überwinden, indem er während der Übung beginnt Tom zu vertrauen, ihm die Führung zu überlassen. Wenn Schüler dann am Ende der Übung auch noch über das Erlebte berichten können, findet soziales Lernen statt. Reaktionen und Verhaltensweisen werden ins Bewusstsein gerückt.

Wenn Schüler lernen, derart sozial kompetent zu interagieren, hat das viele Vorteile für das Lern- und Arbeitsklima in der Schule und positive Auswirkungen auf das Klima innerhalb der Klasse. Soziales Lernen …

  • verringert die Gewaltbereitschaft der Kinder und damit auch die tatsächlichen Gewalttätigkeiten. Sie toben sich im Sportunterricht aus und lernen rücksichtsvoll miteinander umzugehen.
  • bewirkt, dass die Häufigkeit von Mobbing und sozialen Konflikten abnimmt. Fair Play ist im Sport angesagt.
  • steigert das Zugehörigkeitsgefühl zur Klasse und Schule. Im Sport lernen sie z. B.: Nur als Mannschaft kann man etwas erreichen.
  • bewirkt, dass das Engagement für die Schule zunimmt. Sie begreifen sich als Teil einer Schul-Mannschaft.
  • steigert die Leistungsbereitschaft und in deren Folge auch die durchschnittlichen Leistungen der Schüler.

Auch die Umsetzung der Forderungen nach Integration und Inklusion kann so gesehen nur durch die Förderung des sozialen Lernens gelingen. Auch hier kann der Sport eine entscheidende Rolle spielen.

Daher gehört die Schulung sozialer Lernprozesse in den Werkzeugkoffer eines jeden Lehrers. Dazu braucht es aber nicht nur Inhalte und „soziale Spiele“, sondern Fachkompetenz, ein vielfältiges Methodenrepertoire und eine entsprechende „soziale Grundhaltung“ des Lehrers.

Entscheidend: Grundhaltung und Kommunikation der Lehrkraft

Die Grundeinstellung, dass nicht hinter jeder „bösen, nicht akzeptierbaren“ Schülerhandlung ein Bösewicht steckt, sondern ein Kind mit Wünschen und Bedürfnissen, ist entscheidend, um soziale Lernprozesse zu ermöglichen und in Gang zu setzen.

Hierzu ein Beispiel: Tim und Tina laufen in einer Staffel. Tina läuft sehr langsam und Tim beschimpft sie: „Wegen dir haben wir jetzt verloren!“ Tina beginnt zu weinen.  Das Urteil in dieser Situation ist schnell gefällt: „Der böse Tim, die arme Tina!“ Schon ist Tim als Bösewicht abgestempelt. Lehrer mit der oben beschriebenen Grundhaltung reagieren an diesem Punkt anders. Sie versuchen den „bösen“ Tim zu verstehen und nicht bloßzustellen.
Tim will einfach nur gewinnen. Das ist durchaus verständlich, wer möchte das nicht gern. Seine Strategie, um sein Bedürfnis einzufordern, ist nur denkbar ungünstig und auch nicht zu akzeptieren. Das beschimpfen von Tina verändert die Situation nicht. Das Problem liegt wahrscheinlich in der Mannschaftseinteilung. Dafür gibt es bestimmt Veränderungsmöglichkeiten, die man z. B. mit der ganzen Klasse aufspüren und ausprobieren kann.

Eine Checkliste zur „Grundhaltung“ ist u.U. sehr hilfreich, um immer wieder zu überprüfen, ob man als Lehrer auf dem richtigen Weg ist. Im Alltag verschwinden immer wieder Dinge, die einem selbst eigentlich wichtig sind. Damit kann man sie sich wieder ins Bewusstsein rufen. Es stellt sich also immer wieder die Aufgabe, sich zu überprüfen, ob man als „Beziehungsvorbild“ dienen kann.

Soziales Lernen zieht sich durch das ganze Schuljahr, durch gesamte Schulleben und durch alle Fächer — und nicht nur im Sportunterricht. Soziales Lernen ist ein ständiger Entwicklungsprozess. Es lässt sich nicht abhaken und schnell mal so erledigen. Soziales Lernen sollte für Lehrer und Schüler selbstverständlich werden.

Regeln helfen dabei, das Miteinander immer im Blick zu behalten, denn ohne Regeln wird soziales Lernen schnell willkürlich — und das führt zur Verunsicherung der Schüler. Also: Behalten Sie mit Ihren Schülern das Ziel im Auge: unsere Klasse, ein klasse Team!

Werner Brattinger

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