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Leseförderung

Spielend lesen lernen? — Ja, bitte!

Erstleseunterricht hat viele Hürden zu meistern, denn die Leserfähigkeit der Schüler ist sehr unterschiedlich. Lesespiele motivieren und steigern das Interesse, geschriebenen Texte zu entschlüsseln und zu verstehen. 

Leseförderung: Spielend lesen lernen? — Ja, bitte! Lesen soll Spaß bringen. Warum nicht mal liegend im Kreis schmökern? © Sergei Denisov/shutterstock.com

„Habt Ihr (...) Ideen, wie ich meinen Erstleseunterricht spannender und abwechslungsreicher gestalten kann?“, fragt „miriam“ auf der Website lehrerforen.de in die Runde. Manche ihrer Erstklässler können schon sehr gut lesen, andere nicht. Deshalb ist das „Lesen mit der ganzen Gruppe echt schwierig“, weil „die schwachen Leser dann eh nicht mitlesen“. Und zum Einzellesen (ein Kind, eine Lehrkraft) „braucht man halt viel Zeit oder Personal“.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten Lesespiele mit der ganzen Klasse. Einige praktikable Ideen beschreiben „miriams“ Kollegen im Lehrerforum: „patti“ schreibt Wörter an die Tafel und spricht sie lautlos (Lippenlesen). Ihre Schüler vergleichen dann die Tafelwörter mit dem „gesprochenen“ Wort, und wer das richtige erkennt, darf die Aktion mit dem nächsten Wort ausführen. „Wölkchen liest in der Rolle ‚des Klassentiers' einen Text aus dem Lesebuch vor und baut dabei Fehler ein. „Die sonst so hibbeligen Kleinen“ lesen mit und klopfen bei einem Fehler auf die Bank. Dabei sind „alle bei der Sache und keiner hat auf eine andere Seite geblättert“. Und „strubbelsuse“ bereitet kleine Kärtchen mit Wörtern wie „klatschen“ oder „summen“ vor: Die Kinder lesen die Aktion vor und führen sie dann aus. 

Leseförderung mit Bewegung

Aktiv werden die Kinder auch beim „Lesen in Bewegung“, einem Konzept der Baden-Württemberg Stiftung und der Stiftung Lesen, das dieser Erklärfilm vorstellt. Herzstück der Methode sind auch hier „Aktionskarten“, die sich „perfekt“ eigenen, „um eine spannende und aktive Auseinandersetzung mit einem Buch anzuregen“ (ebd.). Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt das Video am Beispiel des comicartigen Erstlesebuchs „Tritt in die Pedale[,] Geronimo“ von Geronimo Stilton. 

Zum ersten Mal sehen die Kinder das Buch nicht etwa im Klassenzimmer, sondern in der Turnhalle. Denn mit dem Wurfspiel „Der Leseschatz“ bekommt man selbst „Lesemuffel dazu, sich mit Büchern zu beschäftigen“ (ebd.). Dabei treten zwei Teams gegeneinander an. „Eines beschützt das Buch, das andere versucht, es mit Ballgeschick zu erobern“. — Und um was geht es in dem Buch? Auch das erarbeiten die Kinder mit Bewegung. Beim Aktionsparcours „Verzettle dich nicht!“ zerschneidet man die Inhaltsangabe des Buchs in Puzzleteile, die dann am Ende des Parcours ausliegen. Wer alle Übungen absolviert hat, nimmt sich ein Teil des Puzzles. Am Ende setzen die Kinder die Teile zusammen und schon hat der Text die volle Aufmerksamkeit der kleinen Lese-Sportler. Geronimo hat auch viele „Mitmachpassagen“ mit Bewegungen, die die Kinder parallel zum Vorlesen ausführen. — Dabei ist es wichtig, dass die Schüler besonders gut zuhören. 

Das Aktionskarten-Set und viele weitere Materialien zum „Lesen in Bewegung“ stehen auf der Website der Stiftung Lesen zum freien Download. Hier finden Sie außerdem zwei interessante Webinare zu den Themen „Die bewegte Vorlesestunde“ und „Fußball und Lesespiele“. 

Lesefähigkeiten sind unterschiedlich ausgeprägt

Die sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Vorkenntnisse von Kindern in der ersten Klasse stehen auch im Mittelpunkt der Broschüre „Lesespiele im Grundschulunterricht“ des Hessischen Kultusministeriums: Einige Kinder können „bereits selbstständig unbekannte Texte von unterschiedlicher Länge sinnerfassend“ lesen, andere bewältigen zwar „den ‚technischen‘ Prozess des Lesens erfolgreich, haben aber noch Probleme bei der Sinnentnahme von Sätzen und Texten“ (S. 6). Wieder andere haben noch Schwierigkeiten beim Synthetisieren von einzelnen Wörtern oder Wortgruppen. Daneben gibt es Kinder, die zu schnell und oberflächlich lesen: „Wörter oder Sinneinheiten werden von ihnen kurzerhand ergänzt oder durch unrichtige ersetzt.“ Zwar lesen sie „bereits mit Sinnbezug“, müssen aber noch „Techniken zum genaueren Lesen üben“ (ebd.).

Um alle diese Schüler angemessen zu fördern, arbeitet die Lehrkraft am besten mit Lesespielen, die auf bestimmte Lesefähigkeiten zielen und nach „Wortlesen“, „Satzlesen“ oder „Textlesen“ differenzieren. Die Broschüre stellt zu jeder dieser Gruppen einige Spiele vor, immer mit Angaben zu erforderlichen Materialien, Spieldauer, Anzahl der Mitspieler und Sozialform. 

Gezielt üben mit differenzierenden Lesespielen 

Oft sind die vorgestellten Lesespiele („Lesespiele im Grundschulunterricht“, S. 8 ff.) auch ähnlich strukturiert wie bekannte Gesellschaftsspiele. Deshalb sind die Regeln schnell erklärt und die Kinder können sofort loslegen. 

Didaktische Kommentare unterstützen Sie dabei, die Lesekompetenzen der Kinder gezielt und mit steigendem Schwierigkeitsgrad zu fördern. So üben die Kinder auf der Ebene „Wortlesen“ mit dem Spiel „Wortgeschüttel“ kurze zweisilbige „Sichtwörter zu synthetisieren“, „über die Buchstabenerkennung“ das Wort zu konstruieren und das Wortbild zu speichern. Bei dem Memospiel mit Kartenpaaren müssen jeweils Wortkarten mit ausgeschriebenem Wort und Wortkarten mit durcheinander gewürfelten Einzelbuchstaben des jeweiligen Wortes gefunden werden. „Schnipp-schnapp“, das nächste Memospiel mit einsilbigen Wörtern auf Wortkarten, hilft den Kindern schon, sich vom Synthetisieren zu lösen und die Lesegeschwindigkeit zu erhöhen. Und „Raus die Maus“, ein Wort-Domino, erweitert bereits die Wortschatzkompetenz und schult das schnelle Erfassen von Wortstrukturen.  

Auf Satzebene kombinieren die Kinder zum Beispiel Wortpaare aus gezeichneten Situationen mit beschreibenden Sätzen oder sie führen bestimmte Bewegungsabfolgen nach Sätzen auf „Leseröllchen“ durch, z. B.: „Mache zehn Kniebeugen.“ In komplexerer Form findet sich dieses Prinzip auch im „Lesegruppenspiel“ wieder, einem Übungsspiel auf Textebene: Hier bekommen die Kinder Karten mit Beschreibungen von Aktionen, die aus mehreren Sätzen bestehen, zum Beispiel: „Startkarte: Du beginnst das Spiel. Laufe durch den Raum und rufe: ‚Wir feiern Karneval. Helau! Helau!‘“ Auf der Karte des nächsten Schülers wird die Aktion des Vorgängers beschrieben und danach die neue Aufgabe: „Steige vorsichtig auf deinen Stuhl und winke heftig mit beiden Händen!“ Hier richtet sich die Aufmerksamkeit der Kinder sowohl auf den Text, als auch auf den Spielablauf und den eigenen Einsatz. „Dies fördert ein tiefergehendes Sinnverständnis von Textstrukturen, dass [sic!] z. B. zur ganzheitlichen Erschließung von Texten mit Orts- und Perspektivwechsel notwendig ist“, so der didaktische Kommentar dazu (S. 29).

Und wo gibt es die Spielmaterialien zu den vorgestellten Beispielen? Das zeigt ein tabellarischer Überblick mit Herstellern und Fundstellen im Netz auf S. 34 der Broschüre. 

Mit Online-Lesespielen gegen LRS 

Nach der Besiegelung des Digitalpaktes werden demnächst auch viele Grundschulen über Tablets oder Laptops für ihre Schüler verfügen. Dann können Sie im Unterricht auch die vielfältigen Online-Spiele auf der Website der LegaKids®-Stiftung nutzen, um Kinder mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben zum Üben anzuregen. Bei vielen Spielen sind auch verschiedene Niveaustufen wählbar, was das Spektrum der Möglichkeiten beim Einsatz in inklusiven Lerngruppen erweitert. 

Genau wie bei den „analogen“ Spielen, die die Hessische Broschüre vorstellt, motivieren die Online-Spiele die Kinder zum eigenständigen Lernen. Zum Beispiel die spannenden „Denk- und Suchgeschichten“, meist kurze Texte über Zauberer, Hexen und das liebenswerte Gespenst Erwin. Die Kinder lösen dabei verschiedene Aufgaben: Sie beantworten zum Beispiel Verständnisfragen zum Text (Multiple Choice), streichen überflüssige Wörter aus Texten, markieren Synonyme für das Wort „sagen“, suchen falsche Selbstlaute etc. Immer kommt es darauf an, genau hinzusehen und zuzuhören. Stimmt die Lösung, gibt es Lob oder eine spannende Geschichte wird fortgesetzt. Das hilft den Kindern, bei der Sache zu bleiben. 

Viele der Geschichten und Spiele auf der Seite „für Kids“ drehen sich auch um LURS, das Lese- und Rechtschreibmonster. LURS ist grün, „eigentlich böse, aber manchmal auch lustig, listig und liebenswürdig“, so heißt es auf der Startseite für „Eltern, Lehrer & Förderkräfte“. Und LURS „steht stellvertretend für alle Probleme und Ursachen rund um das Lesen und Schreiben“. Sein Beruf: Er will den Kindern mit allen Mitteln das Lesen, Schreiben und übrigens auch das Rechnen (Dyskalkulie!) vermiesen, damit „die Menschlein“ nicht so schlau werden wie er. — Implizite Botschaft: Nicht die Kinder, Eltern oder Lehrer sind schuld an Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, sondern LURS. — Das entlastet, genau wie viele der Videos und Geschichten, die „ganz nebenbei“ einfühlsam zeigen, wie sich leseschwächere Kinder am besten gegen Hänseleien und Mobbing wehren können.

Martina Niekrawietz

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