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Sexualkunde

Wenn Kinder zu früh in die Pubertät kommen

Die Pubertät beginnt immer früher und manchmal auch schon vorzeitig in der Primarstufe. Der heterogene Entwicklungsstand der Schüler stellt dann so manchen Grundschullehrer vor besondere Aufgaben in der Sexualerziehung und bei der Elternarbeit.

Sexualkunde: Wenn Kinder zu früh in die Pubertät kommen Noch wird im Spiel das Erwachsensein ausprobiert. Doch wenn Kinder zu früh in die Pubertät kommen, ist das gar nicht mehr lustig © gpointstudio - Fotolia.com

Plötzlich ist sie da, die Pubertät, und manche Kinder sind nach ein paar Wochen Ferien kaum wiederzuerkennen. Längst erleben das nicht mehr nur Lehrkräfte der Sekundarstufe, denn es beginnt immer früher, wie wissenschaftliche Studien bestätigen: Bei Mädchen setzte 1980 im Schnitt die erste Periode noch mit 12,5 Jahren ein, 1994 bereits mit 12,2 Jahren und im Jahr 2010 bekamen die Mädchen bereits im zehnten oder elften Lebensjahr erstmals ihre Tage, so der Sexualwissenschaftler Norbert Kluge (ebd.). Bei den Jungs ein ähnlicher Trend: 1980 lag das Durchschnittsalter für den ersten Samenerguss bei 14,2 Jahren und 1994 schon bei 12,6 Jahren. Diese Zahlen zeigen auch, dass sich der Entwicklungsunterschied zwischen Mädchen und Jungen verringert. — Mittlerweile sind es nur noch wenige Monate.

Bei rund 10 bis 15 Prozent der Heranwachsenden beginnt die Pubertät noch früher: „Busen mit neun und Menstruation mit zehn ist heute bei Mädchen keine Seltenheit mehr“, schreibt Kathrin Burger in einem Beitrag in der taz, in dem sie auch auf mögliche Folgen einer allzu frühen Pubertät hinweist. Bei manchen Mädchen beginnt das Brustwachstum bereits mit sieben Jahren oder noch früher. Das ist deutlich zu früh: Endokrinologen sprechen von vorzeitiger Pubertät (Pubertas praecox), wenn die ersten Anzeichen bei Mädchen vor dem 8. Geburtstag und bei Jungen vor dem 9. Geburtstag auftreten (Details dazu auf der Website endokrinologikum.com). Wird eine verfrühte Pubertät festgestellt, bekommen die Kinder Hormone, um die vorzeitige Entwicklung zu stoppen.

Mögliche Gründe für eine frühere Pubertät

Experten vermuten die Ursachen für die immer früher eintretende Pubertät „vor allem in der besseren medizinischen Versorgung und der reichhaltigeren Ernährung“, recherchierten die Redakteure des WDR.Magazins „Planet Wissen.

Die Weichen für eine vorzeitige Pubertät werden oft schon im Vorschulalter gestellt: Übergewicht spielt dabei eine Rolle, denn „durch die Fettzellen wird ein Protein produziert, das die körperliche Reifung beschleunigt.“ (ebd.) Auch ein erhöhter Medienkonsum könnte dazu beitragen: „Durch die Strahlung der Monitore verringert sich das Hormon Melatonin; die niedrigere Konzentration soll Einfluss auf den Beginn der Geschlechtsreife haben“, vermuten Wissenschaftler der Universität Florenz. (ebd.)

Umweltgifte und östrogen-ähnliche Stoffe stören den Hormonhaushalt

Einige Forscher führen die immer früher einsetzende Geschlechtsreife auch auf Umweltgifte oder östrogen-ähnliche Stoffe in Lebensmitteln zurück. Bisphenol A (BPA) beispielsweise findet sich u. a. in Plastikverpackungen, Spielsachen, auf Einkaufszetteln oder in Mobiltelefonen — und zunehmend auch in unserem Körper: In den USA schätzt man, dass BPA bei mehr als 90 Prozent aller Erwachsenen nachweisbar ist.

Wie es die Entwicklung der Kinder beeinflussen könnte, demonstriert die Endokrinologin Sabine Heger im Wissenschaftsmagazin „nano“ mithilfe eines Tierexperiments: Dazu präparierte sie Nervenzellen aus Gehirnen von Ratten mit Bisphenol A. Ergebnis ihrer Analysen: Die Nervenzellen „schütteten vermehrt den Botenstoff Kisspeptin aus“. Dieser Stoff stößt die körperlichen Veränderungen bei Heranwachsenden in der Pubertät an: Beim Menschen produzieren Nervenzellen im Hypothalamus das Kisspeptin und lösen damit die Bildung einer ganzen Kaskade von Hormonen aus. Diese gelangen im Blut zu den Keimdrüsen, die dann Sexualhormone bilden und den Körper der Kinder in der Pubertät verändern.

Pubertät im Grundschulalter — wichtiges Thema für Kinder, Eltern und Lehrer

Wie schädlich BPA sich auf Kinder (und Erwachsene!) auswirkt, ist kaum bekannt und auch die Politik reagiert nur zögerlich. Möglicherweise wäre das ein interessanter Aspekt im Rahmen eines informativen Elternabends zum Thema „Entwicklungsrisiken für Ihr Kind“, wobei auch passende Ausschnitte aus dem Film „Plastic Planet“ gezeigt werden könnten.

Wenn sich der eigene Körper und die Gefühle stark verändern und das Interesse für andere Jungs oder Mädchen erwacht, brauchen die Kinder Erwachsene, denen sie vertrauen können. Im Idealfall haben sie in dieser wichtigen Entwicklungsphase ein liebevolles Elternhaus an ihrer Seite. Die schulische Sexualerziehung ist bei der Klassenlehrkraft, der die Kinder vertrauen und die umgekehrt die Kinder und ihren familiären Hintergrund kennt, in den besten Händen. Hier bekommen die Schüler altersentsprechende und fundierte Antworten auf ihre Fragen, was hingegen bei einer Internetrecherche der Kinder „auf eigene Faust“ vermutlich weniger der Fall sein dürfte.

Materialien und Webadressen für den Sexualkundeunterricht

Kindgerechte Webseiten zum Thema Sexualkunde versammelt das „Klickverzeichnis“ der Kindersuchmaschine „Blinde Kuh“. Hier finden sich zahlreiche Anregungen für einen spannenden und vielseitigen Aufklärungsunterricht, gestaffelt nach Alter der Schüler.

  • Die Website Primolo, konzipiert und umgesetzt von der Klasse 4 b aus Luthe, informiert Kinder ab 9 Jahren über einige wichtige Themen. Da die Beiträge jedoch von Kindern gestaltet wurden, sind sie als Lehrmaterial nur bedingt geeignet.
  • Das erste Kapitel aus dem Buch „Peggy und Hans — Das Baumhaus“ von Carmen Mroch widmet sich fast beiläufig den Unterschieden zwischen Mädchen und Jungen.
  • Die Fragen, die die Kinder wirklich beschäftigen, wenn die Pubertät einsetzt, beantwortet der WDR-Kinderradiokanal Kiraka: „Verliebt man sich auf einmal?“, „Gehört küssen dazu, wenn ich einen Freund habe?“, „Dürfen Eltern eine Beziehung verbieten?“, „Ist es schlimm, wenn ich mit 11 noch keinen Freund habe?“  — Natürlich schwingen auch immer die oft quälenden Überlegungen mit „Bin ich normal?“ bzw. „Ist das normal, was da mit mir passiert?“ Gerade für die Schüler, die früher in die Pubertät kommen als die meisten ihrer Altersgenossen, ist das Sich-fremd-und-ausgegrenzt-Fühlen besonders problematisch.

Genau zu diesem Thema findet sich übrigens auch ein Beitrag bei Kiraka: „Ist es normal, dass man schon mit 10 in die Pubertät kommt?“, der sich sehr gut als Einstieg eignet, um mit den Kindern über Pubertät zu sprechen. Gleich zu Beginn beantwortet eine Expertin mit statistischem Hintergrundwissen die „Normal-Frage“: „Wenn ein Junge oder ein Mädchen mit achteinhalb in die Pubertät kommt, ist das sicherlich gefühlsmäßig für das betreffende Kind zu früh, aber es ist noch normal. Und es ist auch normal, wenn ein Mädchen mit 15 ihre Tage noch nicht hat“, sagt Stefanie Amann von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Besonders erfrischend bei allen Kiraka-Beiträgen: Auch die Kinder kommen zu Wort, zum Beispiel, um zu schildern, wie man sich in der Pubertät fühlt („Dann nerven die ganze Zeit alle andern und man hat zu allem keinen Bock mehr und sowas“, „Die Eltern werden schwierig und man hat halt öfter Streit“) oder um sich in Kinder hineinzuversetzen, die früher als die anderen in die Pubertät kommen („Ich glaub‘, die finden das nicht so toll, weil die dann ja ein bisschen anders als die andern sind und (…) vielleicht redet keiner richtig mit denen“, „Die andern spielen dann noch irgendwie mit Playmobil und man [selber] spielt mit gar nichts mehr und (…) sitzt nur am Spielplatz und macht gar nix.“).

Beratungsangebote

Immer wieder empfehlen die Kiraka-Redakteure, mit den Eltern zu reden, zeigen aber parallel dazu auch anonyme Beratungsangebote auf: Eine kostenlose Hotline des Senders, ein Gästebuch, das die Redakteure regelmäßig betreuen, die Nummer gegen Kummer oder auch die Website sexundso.de von Profamilia sind Anlaufstellen.

Manche Kinder sind durch das Anderssein seelisch überfordert, um so mehr, als sie diese Belastung in der Regel nicht mit Gleichaltrigen aufarbeiten können. Daraus können sich dann psychische Störungen entwickeln: Eine pubertätsbedingte Gewichtzunahme bei Mädchen fördert womöglich „Problematiken wie Essstörungen und mangelndes Selbstvertrauen und kann sogar zu Depressionen oder Angststörungen führen“, heißt es auf der Website familie.de. In diesen Fällen brauchen die Kinder dann professionelle Unterstützung von Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendmedizinern.

Martina Niekrawietz

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