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Burnout-Risiko

Der „gesunde Lehrertyp“

Die psychischen Belastungen im Lehrerberuf sind immens. Die Potsdamer Lehrerstudie zeigt, welche schulbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster dabei helfen, dem Druck unbeschadet standhalten zu können.

Burnout-Risiko: Der „gesunde Lehrertyp“ Positive Emotionen stärken das Lebensgefühl und die körperlichen Abwehrkräfte © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Einer der ersten „gewerkschaftlichen Texte der Schulgeschichte“ erschien lange, bevor es Gewerkschaften gab: im Jahr 1794 in der pädagogischen Zeitschrift „Archiv der Erziehungskunde für Deutschland“. Jürgen Oelkers, emeritierter Pädagogik-Professor, entdeckt darin interessante Parallelen zu unserer Zeit, wie er in einem Vortrag an der Universität Zürich Irchel am 14.09.2011 darlegte.

Schon damals „waren die Schulmänner die ‚Packthiere‘ der Gesellschaft, die unter immer ‚neuen Lasten‘ zu leiden haben. Am Ende stand schon damals die Warnung vor dem Burnout, denn es hiess [sic!] in Richtung der Behörden: ‚Beladet aber und bepackt das Thier noch so künstlich mit neuen Paketen, sucht jeden Ort auf, wo sich auf dessen schon eingebogenen Rücken noch etwas unterbringen und einschieben lässt (…): so wird euer Thier die neue Last zwar aufnehmen und aufnehmen müssen, auch einige Schritte (...) damit keuchend fortschwanken, am Ende aber matt und muthlos oder aus Tücke und Verdruss (...) zu Boden sinken‘“. (S. 1 f. des oben verlinkten Vortragsmanuskripts)

Die Lehrer-Belastungsforschung des 21. Jahrhunderts belegt das außergewöhnlich hohe Burnout-Risiko für Lehrer mit empirischen Daten: Im Rahmen seiner Potsdamer Lehrerstudie untersuchte der Psychologe Prof. em. Uwe Schaarschmidt verschiedene Berufsgruppen mit erhöhter psychosozialer Beanspruchung. Neben Lehrern waren das Polizisten, Feuerwehrleute, Pflegepersonen in Krankenhäusern und Angestellte in Sozialämtern der ostdeutschen Städte mit der höchsten Arbeitslosigkeit. Dabei stellte sich heraus, dass bei 59 Prozent der Lehrer „arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensweisen auszumachen sind, die psychische Gefährdungen und Beeinträchtigungen anzeigen“. (Schaarschmidt, „Beneidenswerte Halbtagsjobber? Aus den Ergebnissen der Potsdamer Lehrerstudie“, 2004, S. 3 ff.). Häufiger als bei jeder anderen der genannten Berufsgruppen finden sich hier die beiden Risikomuster „A“ und „B“ (wie „Burnout“). Dem „gesunden Lehrertyp G“ hingegen entsprachen nur 17 Prozent der Befragten.

Welche Ressourcen halten Lehrer gesund?

Die Antwort auf diese Frage ermittelt Schaarschmidt mit einem Fragebogen, der das arbeitsbezogene Verhalten und Erleben (AVEM) in 11 Merkmalen erfasst und damit drei wesentliche Bereiche abdeckt (Vgl. Schaarschmidt zu den Ergebnissen der Potsdamer Lehrerstudie, Vortragsmanuskript, 2005, S. 2):

  • Das Arbeitsengagement ergibt sich aus den Parametern Bedeutsamkeit der Arbeit, beruflicher Ehrgeiz, Verausgabungsbereitschaft, Perfektionsstreben und Distanzierungsfähigkeit.
  • Die Widerstandskraft gegenüber Belastungen resultiert aus den Ausprägungen bei den Merkmalen Distanzierungsfähigkeit, Resignationstendenz bei Misserfolg, Fähigkeit zu offensiver Problembewältigung sowie innere Ruhe und Ausgeglichenheit.
  • Positive Emotionen gehen einher mit Erfolgserleben im Beruf, Lebenszufriedenheit und Erleben sozialer Unterstützung.

Lehrerinnen und Lehrer mit einem gesundheitsförderlichen Verhältnis zur Arbeit („Typ G“ wie „Gesundheit“) zeichnen sich zunächst durch höheres, jedoch nicht exzessives Engagement aus: „Am stärksten tritt der berufliche Ehrgeiz hervor“, resümiert Schaarschmidt, während bei „der subjektiven Bedeutsamkeit der Arbeit, der Verausgabungsbereitschaft und dem Perfektionsstreben mittlere bis leicht erhöhte Werte vorliegen“ (ebd., S.3). Die Arbeit ist also nicht „der Nabel der Welt“, was zusätzlich die gesunde Distanzierungsfähigkeit unterstreicht: Sie liegt leicht über dem Mittelwert und signalisiert, dass „Typ G“ sich zwar mit der Arbeit identifizieren, jedoch auch sehr gut „abschalten“ kann.
Auch bei der psychischen Widerstandskraft finden sich durchwegs günstige Werte: „Typ G“ lässt sich von Misserfolgen nicht entmutigen, geht Probleme offensiv an und ist innerlich sehr ruhig und ausgeglichen. Ausnehmend hohe Werte in der Kategorie „Emotionen“ verweisen auf ein positives Lebensgefühl, das gekennzeichnet ist durch berufliche Erfolge, soziale Unterstützung und eine grundsätzliche Lebenszufriedenheit (ebd.). – Offensichtlich gelingt es „Typ G“ also, Berufliches und Privates in Einklang zu bringen und beide Lebensbereiche als Kraftquellen zu nutzen. Ein weiteres Indiz dafür ist die „Erholungshäufigkeit“, die bei Lehrern des gesunden Typs mit Abstand am stärksten ausgeprägt ist (vgl. dazu: Dr. Peter Vogt, Vom BURN-OUT-Syndrom zur Lehrergesundheit, Vortragsmanuskript S. 34).

Persönliche Ressourcen aufbauen und stärken

Sicherlich gibt es viele Belastungsfaktoren im Leben eines jeden Lehrers, die durch äußere Strukturen vorgegeben und nur schwer zu ändern sind. Verändern lässt sich jedoch das Belastungserleben und der Umgang damit. Carsten Bangert, Lehrer und Experte für Lehrergesundheit, plädiert in diesem Zusammenhang für ein aktives Selbstmanagement und beschreibt den Lehrer als „reflektierten Praktiker“, dessen Leitsätze im Idealfall lauten:
„1. Ich finde heraus, was mich konkret belastet.
 2. Ich bin davon überzeugt, dass ich meine Situation positiv verändern kann.
 3. Deshalb arbeite ich kontinuierlich an meiner individuellen Bewältigungsstrategie.“ (in: „Lehrergesundheit“, Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Tb 141, S. 62)

Der AVEM-Test hilft dabei, persönliche Belastungskonstellationen zu erkennen. Etwa 8 Minuten dauert es, den Fragebogen in Kurzform auszufüllen und selbst auszuwerten (kostenfreie Version auf der Seite des Schulportals Thüringen). Eine onlinegestützte Langform beansprucht etwa 12 Minuten und kann unter coping.at bestellt werden. Die Auswertung des Tests liefert erste Hinweise auf mögliche präventive Maßnahmen. Wer sich etwa bei Muster A einordnet, „sollte u. U. an den Anforderungen arbeiten, die er an sich selbst stellt und die subjektive Bedeutung von Schule relativieren, um Selbstverschleiß zu vermeiden. Muster A kann von Muster S lernen, dass es auch außerhalb von Schule interessante Aktivitäten gibt und man auch einmal NEIN sagen kann; das Leben muss sich nicht nur um Schule drehen.“ (Schulportal Thüringen, AVEM-Kurztest, Link s. o.)

Martina Niekrawietz

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