Fach/Thema/Bereich wählen
Burn-out-Prävention

Horrorjob, Lehrer? — Selbstsorge tut Not!

Der Lehrerberuf ist immer nur das, was man selbst daraus macht. Überlastung und Burn-out sollten Lehrer Selbstsorge und Selbstfreundlichkeit entgegensetzen — im eigenen Interesse und im Interesse der Schüler.

Burn-out-Prävention: Horrorjob, Lehrer? — Selbstsorge tut Not! Um sich im Schulalltag nicht zu überfordern, ist es wichtig, zum Beispiel die Selbstorganisation zu verbessern © contrastwerkstatt - Fotolia.com

„Lehrkräfte haben zentrale Qualifikations-, Bildungs- sowie Erziehungsaufgaben und tragen sowohl zur Stabilität der Gesellschaft als auch zur Weiterentwicklung zukünftiger Generationen bei.“ So ist es in einem „Spezial“ des Deutschen Ärzteblatts zu lesen, das anlässlich der Bundestagswahl 2017 erschienen ist. Allerdings ist es um die Gesundheit dieser für die Gesellschaft und ihre Entwicklung wichtige Berufsgruppe nicht zum Besten bestellt. „Aus dem einst klassischen Lehrerberuf hat sich ein Kultur-, Gesellschafts- und Sozialberuf mit bürokratischen Tätigkeiten entwickelt. Er ist durch soziale und interaktive Emotionsarbeit gekennzeichnet und geht zugleich mit hohen Anforderungen sowie Mehrfachbelastungen einher. Das idealisierte Leitbild von Lehrkräften ist mit unterschiedlichen Rollen als Erzieher, Partner, Berater, Vermittler, Sozialarbeiter, professioneller Manager und politischer Aufklärer assoziiert. Die Gesundheit der Lehrkräfte wirkt sich maßgeblich auf die Unterrichtsqualität und damit auf den Lernerfolg der Schüler aus. Insbesondere bei „ausgebrannten“ Lehrkräften ist die Qualität des Unterrichts vermindert. … Die Lehrkräfte selbst nennen einerseits Zeitdruck, Arbeitszeit, Schullärm, zu große Klassen, Probleme mit den Schulbehörden und mangelnde Autonomie, andererseits Leistungsschwäche, Verhaltensauffälligkeiten und mangelnde Motivation der Schüler, Problemverhalten der Eltern sowie geringes gesellschaftliches Ansehen als Belastungsfaktoren. Dominierend ist die psychoemotionale Belastung.“ (ebenda, S. 2 f.)

Lehrer im Spannungsfeld der Gesellschaft

Diese Beschreibung der Situation, in der sich Lehrer in Deutschland heute befinden, ist nicht neu. Sie findet sich in ähnlicher Weise auch in den Ausführungen der Bildungskommission NRW von 1995 und in unzähligen weiteren Publikationen. „Die Grundspannung, in welcher Lehrerinnen und Lehrer sich in ihrem Beruf befinden, verstärkt sich: Sie sind einerseits der individuellen Förderung und Entwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler verpflichtet, zugleich handeln sie im Auftrag der Gesellschaft, die von der Schule Vermittlung und Sicherung gemeinsamer kultureller Inhalte und verlässlicher Qualifikationen, die Integration des Einzelnen in die Gesellschaft und die Selektion nach überindividuellen Leistungskriterien verlangt.“ (Bildungskommission NRW, Zukunft der Bildung — Schule der Zukunft, Neuwied 1995, S. 301) 

Engagierte Lehrer müssen Widersprüche aushalten

Doch Papier ist, wie man sieht, geduldig. Dass diese Widersprüche beim einzelnen Lehrer, bei der einzelnen Lehrerin, besonders bei engagierten, verantwortungsbewussten und sensiblen Menschen zu einem unauflösbaren gordischen Knoten führen können, ist nicht verwunderlich. Man denke nur an die Problematik der Benotung. Da versucht zum Beispiel eine Grundschullehrerin, durch positive Verstärkung Kindern aus schulfernen Familien Mut zu machen, sich auf die Schule und ihre Inhalte einzulassen, Selbstvertrauen zu entwickeln, und muss gleichzeitig durch ihre Noten selektieren, welches Kind für eine weiterführende Schule geeignet ist und welches nicht. Da erlebt eine Lehrkraft, wie ein von zu Hause auf Leistung getrimmtes Kind aus einer Akademikerfamilie durch positive Zuwendung langsam beginnt, die Versagensängste abzubauen, und muss miterleben, wie die Eltern für die Zukunft ihrs Kindes nur das Gymnasium im Kopf haben und durch Nachhilfe, Beruhigungspillen und alle möglichen Aktionen in der Schule versuchen, ihr Ziel durchzusetzen. Da nimmt sich eine Lehrkraft zum Beispiel besonders der Nöte und Probleme eines türkischen Mädchens mit seinem fundamentalistischen Vater an und erlebt, wie die Schülerin von einem Tag auf den anderen aus der Schule genommen und in die Türkei verheiratet wird. Oder zum Beispiel die Lehrkraft, die nur noch „Schule lebt“. Bei ihr ist die Trennung zwischen Privatleben und Schule nicht mehr möglich. Sie wacht nachts auf und überlegt, wie sie diesen oder jenen Schüler „in den Griff“ bekommen kann, wie sie auf die Forderungen von Eltern und Schulleitung reagieren soll usw. Oder die älteren Kolleginnen und Kollegen, die es leid sind, sich als „Berufsjugendliche“ ständig von Pubertierenden provozieren und infrage stellen zu lassen. Sie trifft vielleicht auch das negative Image des Lehrerberufs in der deutschen Öffentlichkeit („Morgens hat er recht, nachmittags frei und die meiste Zeit des Jahres Ferien.“) besonders hart. Das Lesen von Berichten über die Schule in Finnland hilft da wenig. Und auch die Kritik an der Lehrer-Aus- und -fortbildung und kultusministeriellen Entscheidungen und Maßnahmen bringt sie nicht weiter.

Verfahrenes Bildungssystem in Deutschland

Christine Eichel gibt hierzu in ihrem sehr lesenswerten Buch „Deutschland, deine Lehrer. Warum sich die Zukunft unserer Kinder im Klassenzimmer entscheidet“, (1. Auflage, München 2014) auf 447 Seiten ein differenziertes Bild der seit langem verfahrenen Situation des Bildungssystems in Deutschland und hat auch begründete Zweifel an der Mehrzahl der Lehrkräfte. „Befragt man Lehrer, ist vor allem eines erkennbar: ihr hoher Leidensdruck. Was ist von einem Berufsstand zu halten, in dem Survival-Ratgeber kursieren, in dem nur rund 40 Prozent der Beschäftigten die Regelaltersgrenze erreichen und in dem das Risiko eines Burn-outs höher ist als in jeder anderen Berufsgruppe?“ (ebenda, S. 15) Doch, und auch das stellt Eichel heraus, es gibt auch Lichtblicke in der deutschen Schullandschaft. Es gibt auch Kollegien und einzelne Kolleginnen und Kollegen, die dem negativen Trend entgegenwirken. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich der Schwierigkeiten und Gefahren bewusst sind, die Herausforderungen annehmen und ihr persönliches „Anti-Stress-Programm“ oder „Anti-Burn-out-Programm“ entwickelten und weiterentwickeln. Geht es doch in der Schule vorranging um die Schüler, die der Schulpflicht unterliegen und in der Schule nicht auf demotivierende Feindbilder von Lehrkräften, sondern auf überzeugende Lehrerpersönlichkeiten treffen sollten. Lehrerkarikaturen finden sich in literarischen Werken und Filmen von „Max und Moritz“ über Heinrich Manns „Professor Unrat“, die „Feuerzangenbowle“ bis zu „Fack ju Göhte“ zur Genüge. 

Jede und jeder von uns, der sich an seine Schulzeit erinnert, kann sich auch positive Beispiele vergegenwärtigen: Lehrkräfte, die an das glaubten, was sie taten, eine positive Ausstrahlung hatten und ihre Freude an ihrem Beruf, der Arbeit mit Schülern und ihre Begeisterung für ihr Fach und die Themen lebten und auch vermitteln konnten. Ihre Resonanz in den Klassen war entsprechend positiv. Ihre Empathie wurde von den Schülern durch Aufmerksamkeit, Mitarbeit und diszipliniertes Verhalten „belohnt“.

Jeder hat Chancen und Möglichkeiten

Da jede und jeder sich und seine Situation mit seinen Augen sieht, man die Wirklichkeit nicht vorfindet, sondern für sich erfindet, gilt es, um als Lehrkraft eine positive Selbstwirksamkeit zu erlangen oder die positive Selbstwirksamkeit zu verbessern, zunächst herauszufinden, was belastet. Nur wer seine persönlichen Belastungen bereit ist wahrzunehmen, kann auch mit ihnen umgehen lernen oder für sich Abhilfen schaffen. Die umfangreiche Literatur zur Burn-out-Forschung seit den 70iger Jahren des vorigen Jahrhunderts kann hier wertvolle Denkanstöße geben. Auch wenn bekanntermaßen, wie Philosophen und Psychologen behaupten, jeder Mensch sich selbst meist der Unbekannteste ist.

„Burnout ist die Erfahrung von körperlicher, einstellungsmäßiger und emotionaler Erschöpfung als Folge dauernder Anstrengung und Begegnung mit Menschen, die in hohem Maß Hilfe und Zuwendung brauchen.“ (Dieter Smolka: Psychische Gesundheit und Motivation bei Lehrerinnen und Lehrern. In: Eckhard Lade / Lade / Walter Kowalczyk: Konkrete Handlungsanleitungen für erfolgreiche Beratungsarbeit mit Schülern, Eltern und Lehrern, Kissing 2001, 10/3.1, S.4) 
Mit Burn-out bezeichnet man eine Entwicklung von Persönlichkeiten, die vorwiegend in sozialen Berufen auftritt. Burn-out führt zu erheblichen Leistungseinbrüchen und nicht selten zum Ausscheiden aus dem Beruf vor Erreichen der Altersgrenze. Besonders gefährdet sind Menschen mit …

  • einem erhöhten Anspruchsniveau an sich, 
  • einem idealistischen Berufsethos, 
  • übertriebenem Perfektionismus, 
  • sehr großem Harmoniebedürfnis, 
  • Neigung zu pessimistischen Einstellungen und 
  • Menschen, die finden, dass sie ständig aussichtslose Kämpfe ausfechten, 
  • ihr privates Umfeld vernachlässigen, 
  • für sich keinen konsequenten Ausgleich zum Beruf suchen und gestalten, 
  • kein Interesse an beruflicher Weiterbildung zeigen, 
  • nicht aktiv mit Berufskollegen nach Veränderungen im Beruf streben, 
  • nicht an Supervisionen oder Ähnlichem teilnehmen.

Selbstsorge beginnt mit Selbstfreundlichkeit 

Wenn es im Leben nicht rund läuft, sollte man sich nicht noch selbst im Stich lassen und sich mit übertriebener, selbstzerstörerischer Selbstkritik in eine Negativspirale zwingen. Wer sich bei allen hier aufgeführten Aspekten, die zu Burn-out führen können, „ertappt“ fühlt und alle Punkte gleichzeitig in Angriff nimmt, muss scheitern. Der Weg aus einer Sackgasse ist so lang, wie der Weg in die Sackgasse war. Kleine überschaubare Schritte können der Beginn einer positiven Entwicklung sein. Die „Selbstbefreundung“ beginnt beim Umgang mit dem eigenen Körper. Selbstverständlich sind hier bzw. sollten sein, gesunde Ernährung, genügend Schlaf, ausreichende Bewegung und eine angemessene Rhythmisierung der Abläufe, ein sinnvoller Wechsel zwischen Phasen der Anspannung und Phasen der Entspannung. Dass hier jeder Mensch herausfinden muss, was ihm persönlich guttut, sollte selbstverständlich sein. Ist es aber oft nicht. Häufig deshalb nicht, weil für viele die Wirkung auf andere und das Urteil anderer weitgehend das war und ist, was ihr Denken und Fühlen vor allem beschäftigte und beschäftigt.

Selbstorganisation verbessern

Lehrkräfte müssen gleichzeitig vieles bedenken, wahrnehmen und sich um viele Dinge gleichzeitig kümmern. Das führt besonders in „Stoßzeiten“, zu Beginn eines Schuljahres, vor schulischen Großereignissen, beim Wiedereinstieg nach einer Krankheit usw. häufig zu Phasen der Überlastung. Solange sie kein Dauerzustand sind, sind sie meist zu bewältigen. Aber auch hier kann die Beschäftigung mit den folgenden Fragen hilfreich sein: 

  • Wodurch komme ich in Zeitnot? 
  • Was muss sofort erledigt werden, was kann warten, was erledigt sich von selbst? 
  • Was kann ich jetzt tun, damit ich später einen Zeitpuffer habe? 
  • Was kann ich delegieren?

Das eigene Wohlfühlen fördern 

„Bei vielen Menschen ist die Fähigkeit zur eigenen Einfühlung, zur Wertschätzung und Echtheit entweder nicht entwickelt und gefördert worden oder gar abhandengekommen und verlernt worden.“ (Reinhold Miller: Sich in der Schule wohlfühlen. Weinheim 1989, S. 61) Entsprechend schwer fällt es ihnen, sich in ihrem Beruf wohlzufühlen. Doch die Chance zur Entwicklung besteht für jede/n. Reinhold Miller führt hierzu aus: „Für mein eigenes Wohlfühlen sind wichtig: 

  • Einfühlung: Ich spüre, was in mir vorgeht und was Personen, Ereignisse und Dinge in mir auslösen. Ich möchte mich selbst besser verstehen, meine Gedanken, Gefühle, Handlungen, und ich möchte mein Inneres wahrnehmen, um mein Wohlfühlen zu fördern und mein Unbehagen zu reduzieren.  
  • Akzeptanz: Ich möchte annehmen, was ich in mir erspürt habe, und nicht verdrängen. Es gehört zu mir, und ich kann nur ändern, was ich innerlich wirklich auch angenommen habe. Ich möchte liebevoll zu mir sein und auch meine Schattenseiten streicheln (Ich glaube, die haben es am nötigsten!). Ich mag mich und alles, was in mir ist und zu mir gehört. Erst dann kommt in mir selbst ein förderlicher Veränderungsprozess in Gang.  
  • Echtheit: Es nützt nichts, so zu tun, ‚als wäre ich jemand anders‘. Ich möchte nicht in dem Gespaltensein leben, hier so zu sein und da anders, mich verstellen und auf der Hut sein zu müssen, nicht anzuecken und aufzufallen. Mich zu verstellen (um ‚einen guten Eindruck zu hinterlassen‘), ist mir viel zu anstrengend. So steht die Beantwortung folgender Frage im Zentrum: Wie erlange ich (mehr) Einfühlungsvermögen, Wertschätzung und Echtheit mir gegenüber?“ (Reinhold Miller, ebenda, S. 63)

Die Wege, ein Mehr an Einfühlungsvermögen, Wertschätzung und Echtheit für sich und damit auch anderen gegenüber zu erlangen, sind vielfältig. Entspannungsübungen, Fantasiereisen, Meditation, Yoga, Tai Chi, therapeutische Gruppen oder Einzelgespräche können hier hilfreich sein.

Nicht das Wollen allein zählt, sondern das Tun! 

Der Bedarf an professioneller Beratung steigt und die Branche boomt. Genauso ist es bei Beratungsliteratur. Zu allen Themenbereichen füllt sie mittlerweile Bibliotheken und es kommen immer noch neue Werke hinzu, die sich offensichtlich auch verkaufen. Doch genauso wenig, wie das Lesen der Hinweise auf einer Zigarettenschachtel einen Raucher oder eine Raucherin vom Konsum einer Zigarette abhält, genauso wenig bewirkt das Lesen eines Beratungsbuches (und auch dieses Artikels) oder der Besuch eines berufsmäßigen Lebensberaters schlagartig eine Veränderung. 

Für persönlichkeitsentwickelnde Übungen und Trainings ist es allerdings nie zu spät und Gruppen und professionelle Berater können eine wertvolle Hilfe sein. Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt! Auch Rückschläge und Krisen gehören zu einer Entwicklung. Sie eröffnen neue Einsichten und Perspektiven. Geduld mit sich selbst ist angesagt und lernbar. Von Edison wird erzählt, dass er zur Erfindung der Glühbirne über 10 000 Versuchsanordnungen aufbaute. Edisons Kommentar soll gewesen sein: „Ich hatte keinen einzigen Misserfolg. Ich hab immer nur entdeckt, dass es so nicht geht.“

Lehrerinnen und Lehrer können in ihrem Beruf nicht die ganze Welt verändern, allerdings können sie einzelnen Schülerinnen und Schülern Mut machen, ihnen helfen, Freude am Lernen und ein positives Lebensgefühl zu entwickeln. Und sie können ihre individuelle Sicht auf die Welt und ihr persönliches Bild von ihr verändern. Viele Kolleginnen und Kollegen glauben immer noch, sie könnten die Winde bestimmen. Dabei wäre es wichtiger zu lernen, die Segel richtig zu setzen.

Klaus Vogel

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Gesundheit
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×