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TRT und Musik

Neue Therapien lindern chronischen Tinnitus

Mit einem chronischen Tinnitus kann der Lehrerberuf besonders belastend sein. Doch die aktuelle Tinnitus-Forschung gibt Hoffnung: Neue Erkenntnisse und effektive Therapien ermöglichen vielen Betroffenen wieder ein nahezu unbeschwertes Leben.

TRT und Musik: Neue Therapien lindern chronischen Tinnitus Eine Therapie mit frequenzgefilterter Musik aktiviert Nervenzellen, die den Tinnitus eindämmen © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Dauern Ohrgeräusche länger als sechs Monate an, sprechen Mediziner von einem chronischen Tinnitus. Dann ist die Aussicht gering, dass das ständig präsente Ohrgeräusch wieder vollständig abklingt. Selbst wenn der Hörnerv durchtrennt wird, bleibt der Tinnitus. Denn das Ohrgeräusch wird nicht in der Ohrschnecke erzeugt, sondern im Gehirn: Dazu wandelt das Ohr Gehörtes in Nervensignale um und leitet sie an das Gehirn weiter. Wenn bei einer Hörstörung dort nicht mehr genügend Signale ankommen, versucht das Gehirn das auszugleichen: „Es werden die internen Verstärker hochreguliert, und das führt dann dazu, dass – ähnlich wie bei einer Rückkoppelung bei einer Verstärkeranlage – plötzlich ein Signal entsteht, ohne dass von außen ein Geräusch vorhanden war“, erklärte der Neurologe Dr. Berthold Langguth, Leiter des Tinnituszentrums der Universitätsklinik Regensburg im Bayern 2-Magazin „IQ Wissenschaft und Technik (hier das Manuskript zur Sendung „Wenn Dauertöne im Ohr krank machen“). Je länger der Tinnitus andauert, desto mehr verändern sich nicht nur die hörspezifischen, sondern auch andere Hirnareale, die für Emotionen und die Lenkung der Aufmerksamkeit zuständig sind. Sind erst einmal diese Regionen involviert, kann sich das Geräusch verfestigen und die Belastung durch den Tinnitus verstärken.

Kompensierter und dekompensierter Tinnitus

Tinnitus an sich ist „kein schlimmes Symptom“, sagt Gerhard Goebel, ehemaliger Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck in Priem am Chiemsee, entscheidend sei vielmehr die Bewertung und die Aufmerksamkeit des Patienten gegenüber dem Ohrgeräusch. (IQ Wissenschaft und Technik, Link s. o.) Zentral für die Anamnese ist deshalb die subjektive Belastung, deren Schweregrad mithilfe eines Fragebogens ermittelt wird (in „abgespeckter“ Form auch auf der Website der Deutschen Tinnitus-Liga zu finden).

Patienten mit einer „kompensierten“, also bewältigten Wahrnehmung des Tinnitus leben ohne Leidensdruck mit ihrem Tinnitus oder empfinden das Ohrgeräusch nur unter bestimmten Bedingungen als belastend, etwa bei Stress, physischen oder psychischen Beschwerden oder in der Stille. Bei einem dekompensierten Tinnitus ist eine Therapie dringend erforderlich. Die Betroffenen leiden unter „emotionalen, kognitiven und körperlichen Beschwerden“ und damit unter einer „dauerhaften Beeinträchtigung des privaten und beruflichen Lebens“. 0,5 Prozent der Patienten können die Auswirkungen des Tinnitus überhaupt nicht bewältigen (= „völlige Dekompensation“). (vgl. dazu Holger Stark in der Pharmazeutischen Zeitung online, Ausgabe 48/2010)

Weiterführende Hinweise:

Bei der Musiktherapie der Universität Heidelberg wird der Tinnitusklang mit einem Synthesizer „nachgebaut“. Die Patienten üben dann, ihr Ohrgeräusch zu kontrollieren und zu steuern.

Über einen neuen, dynamischen Gehörschutz speziell für Lehrkräfte mit Hyperakusis informiert dieser Beitrag auf der Website der Gabriele-Lux-Stiftung.

Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)

An sich ist Tinnitus kein lautes Geräusch. Die Experten des Tinnituszentrums der Berliner Charité sehen das „subjektive Lautheitsempfinden“ vielmehr „als Ergebnis eines negativen Lernprozesses“, durch den sich „die Wahrnehmung des Tinnitus immer weiter in den Vordergrund drängt“. (Patienteninformation auf der Website der Charité, s. u. „Wege zur Linderung“) (( tinnituszentrum.charite.de/patienten/patienteninformation/ )) Bei der Tinnitus-Retraining-Therapie lernen die Patienten, den Tinnitus „weniger intensiv wahrzunehmen“ und ihn im Alltag zu beherrschen. Das Langzeitkonzept ist auf 12 bis 24 Monate ausgelegt und beruht auf vier Säulen (ebd., s. u. „Unser Modell“):

  1. Counseling (= Beratung, Aufklärung): Dabei wird den Betroffenen ein umfassendes Verständnis der Mechanismen vermittelt, die zu Tinnitus und zu dessen Verstärkung führen.
  2. Psychologische Betreuung: Hier erlernen die Patienten Strategien, um „Stress, innere Anspannung, verdeckte Konflikte, Partnerschaftsprobleme und depressive Verstimmungen“ zu bewältigen.
  3. Entspannungstechniken erleichtern das Stressmanagement, die „Auseinandersetzung mit dem eigenen Zustand und erhöhen die Lebensqualität“. Zudem sensibilisiert ein Hörtraining „für die Geräuschvielfalt unserer Umwelt“ (ebd.).
  4. Spezielle Hörgeräte oder Rauscher helfen, mit einem permanenten, leisen Therapierauschen die Stille zu vermeiden.

Die Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Audiologen und Neurootologen (ADANO) empfiehlt ausschließlich eine TRT-Behandlung durch ein versiertes Team von HNO-Arzt, approbiertem Psychotherapeuten (Arzt oder Psychologe) und Hörgeräteakustiker (vgl. dazu die „Leitlinien Tinnitus“ der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, S. 8).

Zudem erweiterte die ADANO bereits im Jahr 2000 das ursprünglich angloamerikanische TRT-Konzept um „verhaltenstherapeutische Interventionen“. Tatsächlich ist diese Kombination besonders wirksam, wie eine Studie der Universität Maastricht zeigt. (Details dazu in Spiegel online vom 26.05.2012)

Therapie mit frequenzgefilterter Musik

Bei der Untersuchung von Berufsmusikern entdeckten Forscher des Instituts für Biomagnetismus der Universität Münster, dass durch jeden Ton bestimmte Nervenzellen im Gehirn aktiviert werden. Diese aktivierten Nervenzellen hemmen aber gleichzeitig die benachbarten Nervenzellen. Und genau diesen Mechanismus nutzen die Wissenschaftler für Ihre neue „Target Notched Music“-Therapie: Sie aktivieren die Nachbarzellen der durch die Tinnitus-Frequenzen angeregten Zellen mit Musik. Der Tinnitus wird dadurch zwar nicht beseitigt, aber merklich reduziert, sagt Prof. Christo Pantev von der Universität Münster in einem Beitrag des hr-Magazins „alles wissen“.

Die Probanden der 12-monatigen Studie brachten ein gutes Hörvermögen mit, waren durchschnittlich 40 Jahre alt und litten bereits mehr als ein Jahr unter einem chronischen, tonalen Tinnitus mit einer stabilen Frequenz unter 8000 Hz. Aus der von ihnen favorisierten Musik wurden die Töne mit ihrer Tinnitusfrequenz herausgefiltert. „Das tägliche Hören der modifizierten Musik (1 bis 2 Stunden) über einen Zeitraum von 12 Monaten löste vermutlich neurophysiologische Vorgänge aus, welche die Tinnituslautheit und Lästigkeit reduzierten“, so die Universität Münster auf ihrer Website.

Martina Niekrawietz

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