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Depressive Schüler

Psychisch kranke Schüler– was tun?

Wenn Schüler psychisch erkranken, sollten Pädagogen in der Lage sein, die Anzeichen zu erkennen. Nur dann können sie intervenieren und professionelle Hilfe für den Schüler mit initiieren.

Depressive Schüler: Psychisch kranke Schüler– was tun? In Krisensituationen sollten Lehrer sich Zeit nehmen, mit dem Schüler zu sprechen © pressmaster - stock.adobe.com

Während in den USA jeder, der es sich leisten kann, einen Therapeuten aufsucht und offen darüber spricht, stecken psychische Krisen und Erkrankungen hierzulande immer noch in der Tabuzone. Und nicht nur das: Wer psychische Auffälligkeiten zeigt, wird stigmatisiert und sanktioniert: Auf dem Schulhof haben Schimpfwörter wie „Spast!“ oder „behindert“ Hochkonjunktur und auch sonst wird abweichendes Verhalten schon mal mit abwertenden Bemerkungen wie „Du tickst ja nicht richtig!“ oder „Der gehört in die Klapse!“ quittiert.

Dabei leiden immer mehr Schüler unter psychischen Erkrankungen. Speziell bei der Diagnose Depression gab es in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg, wie eine Befragung der Kaufmännischen Krankenkasse im Oktober 2018 ergab. (Vgl. dazu den unten verlinkten Beitrag „‚Alles too much!‘ — Immer mehr Schüler werden psychisch krank“). Woran erkennen Sie als Lehrkraft, dass ein Schüler psychische Probleme hat? Wie können Sie betroffenen Schülern helfen? Und was sollten Sie im Gespräch mit diesen Schülern und deren Eltern beachten? Diese Fragen beantwortet der folgende Beitrag.

„Normal“ oder behandlungsbedürftig?

Das Informationsportal „Neurologen und Psychiater im Netz“ gibt Ihnen einen schnellen Überblick über mögliche psychische Störungen und Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter (Menüpunkt „Störungen / Erkrankungen“). „Alle Kinder fallen irgendwann einmal problematisch auf. Problematische Verhaltensweisen sind keine Ausnahmen, sondern gehören zur Normalität“, so die Mediziner (Menüpunkt „Warnzeichen“). Ändert sich jedoch „das Verhalten von Kindern oder Jugendlichen mit oder ohne erkennbare Ursache plötzlich“, kann das auf „ein ernst zu nehmendes Problem“ hinweisen. Dann sollte möglichst schnell gehandelt werden, um zu verhindern, „dass Kinder und Jugendliche psychische Probleme entwickeln oder sich bestehende psychische Störungen verstärken.“ (ebd.)

Doch wie unterscheidet sich „der ganz normale Wahnsinn“ im Kindes- und Jugendalter von psychischen Störungen und Erkrankungen, die professioneller Hilfe bedürfen? Ein Fragenkatalog hilft Eltern bei der richtigen Einschätzung: Wie oft und wie stark treten die Auffälligkeiten auf? Wie stark ist der Leidensdruck für Eltern und Kind? Gibt es Auslöser? Wodurch lassen die Symptome nach?  

Symptome von Depression

Bis zu 3,4 Prozent der Grundschulkinder und bis zu 8,9 Prozent der Jugendlichen sind allein von depressiven Störungen betroffen, schätzen die Neurologen und Psychiater im Netz (vgl. dazu: „Depression“ unter dem Menüpunkt „Störungen / Erkrankungen“). Die Symptome unterscheiden sich leicht je nach Alter der Schüler: 6- bis 12-Jährige sprechen oft über Traurigkeit und leiden unter Schuldgefühlen und Versagensängsten. Zudem ziehen sie sich von sozialen Kontakten zurück (ebd. unter „Erkrankungsbild“).

Typische körperliche Anzeichen für eine depressive Erkrankung im Jugendalter (13 bis 18 Jahre) sind Ein- und Durchschlafstörungen sowie psychosomatische Beschwerden, etwa Kopfschmerzen und Gewichtsverlust, erfährt man auf der Website FIDEO, einem Angebot der deutschen Depressionshilfe.

Die Neurologen und Psychiater im Netz beobachten regelmäßig auch „tageszeitliche Schwankungen des Befindens mit einem ‚Tief‘ am Morgen“ (vgl. „Depression“ unter „Erkrankungsbild“). Die Liste der psychischen Symptome auf der Website FIDEO ist lang, wobei viele Anzeichen auch in der Schule und im Unterricht evident sein dürften: Die Schüler zeigen zum Beispiel ein vermindertes Selbstvertrauen und werden von Selbstzweifeln und dem Gefühl geplagt, den sozialen und emotionalen Anforderungen nicht gewachsen zu sein.

Vermehrt treten Leistungsstörungen auf. Die Jugendlichen, im Alter von 13 bis 18 Jahren doppelt so häufig Mädchen wie Jungen, wirken gereizt oder auch traurig und gedrückt, weinen häufig und ziehen sich zurück. Sie sind antriebslos, apathisch und verängstigt und können sich schlecht konzentrieren. Auch Drogenkonsum und Selbstmordgedanken sind typische Anzeichen.

Möglicherweise liegt auch eine bipolar affektive Störung vor. Dann folgt auf eine depressive Phase „eine übertrieben gute Stimmungslage“, so die Experten der Deutschen Depressionshilfe auf der Website FIDEO („für Pädagogen“ → „Wissen Depression“ → „Formen der Depression“). In solchen „Hochphasen“ haben die Betroffenen „einen enormen Tatendrang, wenig Schlafbedürfnis, Unruhe und nehmen sich selbst sehr wichtig“ (ebd.).

Vorgehensweise bei Anzeichen für psychische Störungen

Für Fachlehrer in der weiterführenden Schule mit nur vereinzelten Stunden ist eine kontinuierliche Beobachtung schwerlich möglich. Zudem treten viele der Anzeichen für Depression auch bei anderen psychischen Erkrankungen auf. Mit vorschnellen Etikettierungen sollte man also vorsichtig sein und eine Diagnose grundsätzlich dem Kinder- und Jugendpsychiater überlassen. Doch was sollten Sie konkret tun, wenn Sie an einem Ihrer Schüler über einen längeren Zeitraum augenfällige Veränderungen wahrnehmen?

Die Experten von FIDEO raten dazu, zunächst mit dem Schüler das Gespräch zu suchen. Gegebenenfalls sind auch mehrere Treffen erforderlich, bis sich der Schüler öffnet. „Machen Sie sich zunächst einfach ein Bild von der Situation. Nehmen Sie bei Bedarf und ernsthaften Problemen mit den Eltern Kontakt auf“, so die Empfehlung.

Tipps für Gespräche mit Schülern und Eltern

Ein kurzer Gesprächsleitfaden auf der Website FIDEO unterstützt Lehrkräfte beim Gespräch mit dem betroffenen Schüler oder dessen Eltern. Zum Einstieg schildern Sie Ihren Eindruck bzw. Ihre Beobachtungen: „Mir ist in den letzten Wochen aufgefallen, dass du / dass Ihre Tochter/Ihr Sohn ...  Wie siehst du / sehen Sie das?“ Gibt es nur in der Schule oder auch anderswo Schwierigkeiten? Nimmt der Schüler noch seine Hobbys wahr und trifft er sich mit Freunden? Gibt es „Ansprechpersonen“, mit denen er über seine Probleme sprechen kann? Kennt oder nutzt er Hilfsangebote? Falls nicht, sollte die Lehrkraft Unterstützung anbieten und professionelle Hilfe vermitteln.
Wichtig ist in jedem Fall, dass der Schüler sich wahr- und ernstgenommen fühlt. „Zeigen Sie den betroffenen Lernenden, dass Sie wahrnehmen, wie schlecht es ihm oder ihr geht“, regen die FIDEO-Experten an. Bagatellisierungen wie „Das wird schon wieder“ sollten aber vermieden werden. Die Information, dass es „in der Regel gute Behandlungsmöglichkeiten gibt“ (FIDEO) hingegen wirkt sicherlich ermutigend.

Sonderfall Suizidgefährdung

Äußert der Schüler im Gespräch Suizidgedanken, dann besteht dringender Handlungsbedarf und die Lehrkraft sollte den Schüler direkt „zu einem Gespräch mit dem Schulpsychologen, einer Beratungsstelle oder zu einem Arzt“ begleiten, raten die Autoren der FIDEO-Website . „Im Notfall oder einer akuten Krisensituation“ sollte „umgehend die Polizei oder der Rettungsdienst unter 112 informiert werden“ (ebd.). Darüber hinaus gibt Ihnen der Handlungsleitfaden „Umgang mit suizidalen Krisen (...) an Bielefelder Schulen“ differenzierte Praxishilfen für den Notfall an die Hand (vgl. hier z. B. S. 12 und 13: „Schematisches Vorgehen in suizidalen Krisen bei minderjährigen bzw. bei volljährigen Schülerinnen und Schülern“).

Oft haben Jugendliche in seelischer Not Angst davor, sich Hilfe zu holen, so die Erfahrung der Mitarbeiter des Vereins „irrsinnig menschlich“, die unter anderem Aktionstage zum Thema psychische Gesundheit an Schulen anbieten. Die Kids befürchteten etwa „ein Schwächling zu sein“ und abgestempelt und ausgeschlossen zu werden. Um dem entgegenzusteuern, sollte man als Lehrkraft „zu allen möglichen Gelegenheiten betonen, dass es immer Hoffnung und Hilfe gibt“, denn dann würden Schüler, „die vielleicht schon die Hoffnung verloren haben“, den Mut fassen und sich „der Lehrkraft anvertrauen“ oder ein Unterstützungsangebot nutzen.

Ansprechpartner und Hilfsangebote

Die richtigen Ansprechpartner für ein erstes Gespräch sind laut „Irrsinnig menschlich“ „Kinder und Familienberatungsstellen, die Hausärztin oder der Kinder- und Jugendarzt“, die die Betroffenen dann an Psychologen, Kinder- und Jugendtherapeuten und Fachärzte vermittelten.

Während dann oft lange auf einen Therapieplatz gewartet werden muss, sind im Netz auch einige Beratungs- und Selbsthilfeangebote zu finden, die permanent verfügbar sind und die die Wartezeit überbrücken helfen. So gibt es auf der Website FIDEO in der Rubrik „für MICH“ unter anderem ein von einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin moderiertes Forum.

Eine weitere Anlaufstelle: Die Jugendberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung bietet auf ihrer Website verschiedene Möglichkeiten: Im Gruppenchat tauschen sich Jugendliche untereinander über ihre Probleme aus, im Forum diskutieren die Teilnehmer bestimmte Themen und bei der Mailberatung schreiben die Schüler direkt an einen Berater. Täglich gibt es außerdem Einzelchats zu festgelegten Sprechzeiten. Die Berater sind qualifizierte Sozialpädagogen, Psychologen und Familientherapeuten, die bereits jahrelange Erfahrung in der Jugendberatung mitbringen.

Depressive Schüler im Unterricht

Bei depressiven Schülern ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten „meist deutlich eingeschränkt“, schreiben die Experten auf der Website FIDEO (siehe „Schulalltag“ unter „Tipps für Pädagogen“). Dadurch geraten sie in einen „Kreislauf von Versagensgefühlen, negativen Rückmeldungen und Lern- und Leistungsschwierigkeiten“, dem nur schwer zu entkommen ist. Als Lehrkraft helfen Sie den Schülern dann am besten, wenn Sie …

  • den Leistungsdruck reduzieren, z. B. durch Aufgaben ohne Zeitdruck und in Freiarbeit,
  • kreative und gestalterische Ausdruckmöglichkeiten fördern,
  • Entspannungsübungen einflechten,
  • integrationsfördernde Unternehmungen anstoßen und
  • auch schon die „kleinen und allerkleinsten Erfolge“ dieser Schüler loben. (ebd.)

Auch Sport tut gut, wenngleich Betroffene auch hier „keine volle Leistung erbringen können“ (ebd.).

Grundsätzlich ist es auch wichtig, „im Kollegium einen Konsens darüber herzustellen“, wie psychische Probleme in der Schule angesprochen werden, schreiben die Autoren auf der Website „Irrsinnig menschlich“. Auch im Unterricht könnte das Thema „seelische Gesundheit“ und ein wertschätzender Umgang mit psychischen Krisen und Störungen thematisiert werden. Tenor: Unsere Seele kann — genau wie unser Körper — erkranken. Dafür muss sich niemand verstecken, die meisten Menschen machen in ihrem Leben einmal psychische Krisen durch. Das ist ganz normal.

Martina Niekrawietz

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