Fach/Thema/Bereich wählen
Persönlichkeitsbildung

Resilienz-Training für Schüler

Schon Schüler leiden unter Stress und Überforderung. Ein frühzeitig einsetzendes Resilienz-Training kann ihnen helfen, widerstandsfähiger auf Herausforderungen reagieren zu können und eine starke Persönlichkeit zu entwickeln.

Persönlichkeitsbildung: Resilienz-Training für Schüler Die Schüler lernen Schritt für Schritt, auch mit Frust und Verzweiflung umzugehen © pictworks - Fotolia.com

Fünftklässlerin Johanna weiß sehr genau, wann bei ihr Stress aufkommt: „Stress ist, wenn ich zu viele Sachen auf einmal machen muss“, erklärt sie in einem Radiobeitrag in Deutschlandfunk Kultur. Mit 19 weiteren Kindern ihrer Klasse nimmt sie an einem Workshop „Umgang mit Gefühlen“ teil. Insgesamt vier Doppelstunden verwenden Psychologiestudenten der Universität Landau darauf, die Resilienz der Schüler zu fördern.

Doch Resilienz — was ist das eigentlich? Werner Stangl definiert Resilienz in seinem Online-Lexikon für Pädagogik und Psychologie als eine Form von seelischer Widerstandsfähigkeit, die die Schüler dazu befähigt, „auf wechselnde Lebenssituationen und Anforderungen (...) flexibel und angemessen zu reagieren und stressreiche, frustrierende, schwierige und belastende Situationen ohne psychische Folgeschäden zu meistern“.

Stress, Angst und Ärger — solche negativen Gefühle entstehen in belastendenden Situationen im schulischen Kontext. Beim Resilienz-Training lernen die Kinder und Jugendlichen, adäquat mit diesen Gefühlen umzugehen sowie ressourcenorientiert zu denken und zu handeln. Letztlich beugt das nicht nur gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Schüler (und Lehrer!) vor (z. B. Stresserkrankungen), sondern fördert auch die schulischen Leistungen der Kinder und Jugendlichen und ein gutes Klassen- bzw. Schulklima.

Die Anregungen und Links im folgenden Beitrag unterstützen Sie bei einem vorbeugenden Resilienz-Training im Unterricht.

Gefühle wahrnehmen und ausdrücken

In einem ersten Schritt geht es im Psychologie-Workshop der Universität Landau deshalb vor allem um eines: Die Schüler lernen, ihre Gefühle bewusst wahrzunehmen und darüber zu sprechen. – Gerade für viele Jungs ist das eine ganz neue Erfahrung: Sie erleben, wie die Psychologie-Studenten, „teilweise auch Männer, (...) ganz offen über ihre Gefühle sprechen. Und dass es ihnen manchmal gar nicht so gut geht“, sagt Psychologie-Dozent Raphael Gutzweiler, der das Schulprojekt betreut (Link zum Beitrag in Deutschlandfunk Kultur s. o.).

Um dabei mögliche Hemmungen zu überwinden, eignen sich spielerische Übungen besonders gut. Auf der Website Lehrerinnenfortbildung Baden Württemberg finden sich dazu 21 Vorschläge zu unterschiedlichen thematischen Aspekten bei der Wahrnehmung und Darstellung von Emotionen. Spielerisch erkunden die Kids zum Beispiel, wie sich räumliche Nähe und Distanz auf die Kommunikation und die Gefühle auswirken. Sie lernen die Gefühle bei anderen durch Beobachtung und Spiegeln besser einzuschätzen oder erfahren am eigenen Leib, wie sich die Wahrnehmung anderer durch den Halo-Effekt oder durch verschiedene eigene „Brillen“ verändert. Sie üben zudem, Vorurteile zu erkennen, zwischen Beobachtung und Bewertung zu trennen u.v.m.

Selbststeuerung: Gefühle regulieren bzw. kontrollieren

Im Workshop der Uni Landau thematisieren die studentischen Trainerinnen die verschiedenen Emotionen im Unterrichtsgespräch und entwickeln dann gemeinsam mit den Schülern hilfreiche Strategien. In der Doppelstunde über Leistungsdruck und Lernstress z. B. haben die Fünftklässler auf einer Liste zusammengetragen, wie sie sich entspannen können und mit wem sie reden können, wenn ihnen einmal alles über den Kopf wächst. Beim Thema Wut und Aggressionen beschreiben die Schüler zunächst, wie es sich anfühlt, wenn Ärger in ihnen aufsteigt. Auf Arbeitsblättern zeichnen sie auf, wo sie den Ärger im Körper spüren: „Manche malen sich rote Hände, weil sie die Fäuste ballen, andere schraffieren die Füße, wo der Impuls zum Treten sitzt“ (ebd.). Und sie lernen und üben in Rollenspielen, wie man Konflikte gewaltfrei löst, z. B. mit Ich-Botschaften oder deeskalierenden Gesprächs- oder Fragetechniken („Kann es sein, dass du gerade aus Versehen mein Mäppchen runtergeschmissen hast?“).

Resilienz-Training möglichst langfristig anlegen

Die Schüler erwerben beim Resilienz-Training ein Repertoire von Fähigkeiten und Überzeugungen, die sich in der empirischen Forschung als „grundlegend wirksam zur Entwicklung von Resilienz“ erwiesen haben. Die Autoren der Website des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung beschreiben in diesem Zusammenhang sechs grundlegende Resilienz-Faktoren: Selbstwahrnehmung, Selbststeuerungsfähigkeit, Selbstwirksamkeitsüberzeugung, soziale Kompetenzen, einen angemessenen Umgang mit Stress und Problemlösekompetenzen. — Das sind die übergeordneten Trainingsinhalte der Resilienzstunden.

Mit Blick auf diese Resilienz-Faktoren wird auch sofort evident, dass die meisten Kompetenzen, auf die das Resilienz-Training zielt, sich nicht nach ein paar wenigen Unterrichtsstunden einstellen werden, sondern kontinuierlich über die gesamte Schulzeit immer wieder gefördert werden sollten. — Das ist ja zum Beispiel auch bei der Vermittlung sozialer Kompetenzen im Unterricht bereits gängige Praxis. In einzelnen Bereichen zeigen sich jedoch auch sicherlich schon nach kürzeren Trainingseinheiten Erfolge: zum Beispiel beim Erlernen von Entspannungstechniken oder bei der Arbeit mit den oben verlinkten Übungen zu einem reflektierten Umgang mit den eigenen Gefühlen.

Prof. Dr. Maike Rönnau-Böse, Professorin für Kindheitspädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg betont im Interview mit „bildungsklick“, dass Resilienz-Förderung möglichst früh starten sollte. Viele Resilienz-Programme setzen bereits in der Kita und in der Grundschule an. Und in der Sekundarstufe 1 startet man mit der Resilienz-Förderung am besten bereits in Klasse 5, und setzt sie dann in den Folgeklassen kontinuierlich fort.

Schüler stärken statt bewerten

„Mit dem Resilienzboom, den wir derzeit erleben, geht das Vorurteil einher, man bräuchte Kindern und Jugendlichen nur bestimmte Fähigkeiten anzutrainieren — hinterher kämen sie schon mit allen Schwierigkeiten zurecht“, sagt Maike Rönnau-Böse im oben verlinkten Interview. Doch Resilienz-Förderung ist — richtig verstanden — ein ganzheitlicher Ansatz, der mit tiefgreifenden Veränderungen einhergeht. Das beginnt bei einem veränderten Blick der Lehrkraft auf den Schüler: „Eine Kultur der Bestärkung tritt an die Stelle der Bewertungskultur“, so Maike Rönnau-Böse. Und der Psychologe Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff spricht in einem Vortrag über Resilienz bei Kindern und Jugendlichen gar von einem „Paradigmenwechsel“ (Präsentation, S. 3) von „der Defizit- zur Ressourcenorientierung“ und von „den Risiko- zu den Schutzfaktoren“.

Wie sich das bestärkungs- und ressourcenorientierte Denken konkret im Unterricht manifestieren kann, zeigt Maike Rönnau-Böse anhand zweier Beispiele: Bei Lehrerfortbildungen rät sie den Lehrkräften beispielsweise, nicht nur das Klassenbuch, sondern auch eine „Lob-Liste“ zu führen, „um sich zu vergewissern, welche Schüler sie schon gelobt haben und welche noch Lob gebrauchen könnten und was für eine Art von Lob — jedenfalls kein Lob mit einem Aber dahinter“ (Interview mit bildungsklick, Link s. o.). Und sie berichtet über eine Deutschlehrerin, die die Schüler nach dem Vortrag eines auswendig gelernten Gedichtes fragt: „Wie hast du dich dabei gefühlt? Wie hast du das geschafft? Welche Ressourcen hast du eingesetzt?“ Auf diese Weise stärkt sie die Selbstwirksamkeitserfahrung ihrer Schüler.

Resilienz-Programme dauerhaft implementieren

Resilienz ist nicht angeboren und keine Charaktereigenschaft, sondern „ein dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess“, betont Klaus Fröhlich-Gildhoff in seinem Vortrag (Präsentation, S. 13, Link s. o.). Es gebe auch „keine stabile Unverwundbarkeit“, und die Resilienz einer Person ist immer „situationsspezifisch und kontextabhängig“ (ebd.). Das verdeutlicht einmal mehr, warum eine kontinuierliche Resilienz-Förderung so wichtig ist. Zudem zeigen auch Erkenntnisse der Präventionsforschung, dass langfristig eingesetzte Programme erfolgreicher sind als kurze Programme oder Einzel-Trainings (Präsentation, S. 17, Link s. o.).

Bevorzugt sollten „klar strukturierte, verhaltensnahe Programme“ mit praktischen Übungen eingesetzt werden, da sie effektiver sind (ebd.). Am erfolgreichsten sind Resilienz-Programme dann, „wenn sie die Kinder, deren Eltern und das soziale Umfeld erreichen (multimodale oder systemische Perspektive) und in deren Lebenswelt ansetzen“, betont Klaus Fröhlich-Gildhoff (ebd.) ebenso wie Maike Rönnau-Böse (Interview mit bildungsklick, Link s. o.). Sie hält es außerdem für „entscheidend, Resilienzförderung im Schulprogramm zu verankern“ und dabei alle Akteure innerhalb der Schulgemeinschaft ins Boot zu holen: Das „Gesamtkonzept wird allen Gremien vorgestellt, damit alle Pädagogen darüber abstimmen und schließlich an einem Strang ziehen“, so ihr Vorschlag. Die Schulleitung sei dabei der „Motor (...), der den Prozess der Resilienzförderung (...) überwacht“, und auch die Schüler seien „auf der Ebene des Klassenrats“ einzubinden (ebd.).

Eine tragende Lehrer-Schüler-Beziehung

„Der wichtigste Schutzfaktor für eine gesunde seelische Entwicklung ist mindestens eine stabile emotionale Beziehung zu einer (primären) Bezugsperson“, sagt Klaus Fröhlich-Gildhoff (Präsentation, S. 10, Link s. o.). Besonders für Schüler, die in ihrer Familie wenig Beziehungskontinuität erfahren, sind konstante Bezugspersonen im außerfamiliären Kontext wichtig. Lehrkräfte sollten deshalb ihren Schülern wertschätzend, empathisch und kongruent gegenübertreten, empfiehlt Klaus Fröhlich-Gildhoff in seinem Vortrag (Präsentation, S. 35). Sie sollten versuchen, das Verhalten und die Signale der Schüler wahr- und ernst zu nehmen und angemessen und prompt zu reagieren (ebd.). Auch „Stärkenorientierung“ und „Ressourcenaktivierung“ wirken sich beziehungsförderlich aus.
Eine positive und persönliche Lehrer-Schüler-Beziehung wirkt nicht nur resilienzfördernd, sondern motiviert die Schüler auch zum Lernen, wie der unten verlinkte Artikel zeigt. Gute Schulleistungen stärken außerdem die Selbstwirksamkeitsüberzeugung der Schüler. Und das wiederum verbessert die Resilienz ihrer Schüler noch zusätzlich.

Martina Niekrawietz

Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Gesundheit
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×