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Berufsrisiko Burnout

Schwerstarbeit im Klassenzimmer

Lehrer gehören zu der Berufsgruppe, die am stärksten vom Burnout-Syndrom betroffen ist. Etwa ein Viertel aller aktiven Pädagogen leidet unter einer stressbedingten Gesundheitsstörung. Dabei stehen schülerbezogene Konflikte auf der Belastungsskala der Lehrer ganz weit oben.

Berufsrisiko Burnout: Schwerstarbeit im Klassenzimmer Großer Stress kann einen Gedankenwirrwarr im Kopf auslösen © olly - Fotolia.com

Pro Unterrichtsstunde ereignen sich mehr als 20 Unterrichtsstörungen, belegt eine Studie aus dem Jahr 2004. Unterrichtsstörungen sind damit zum schwerwiegendsten Stressfaktor geworden, fand man in mehreren Lehrer-Belastungsstudien 2004 heraus. Disziplinkonflikte, die oft nicht einmal eingestanden werden (dürfen), nehmen an Schulen überhand. Lehrkräfte sind aber auch gesamtgesellschaftlich gesehen oft Projektionsfläche für überwiegend negative Emotionen. Schließlich haben die meisten Menschen schon einmal in ihrem Leben negative Erfahrungen mit einem Lehrer gemacht. Und so kommt es zu einem regelrechten Lehrer-Bashing, also öffentlicher Lehrerbeschimpfung, angeheizt etwa durch das „Lehrerhasserbuch“ von Gerlinde Unverzagt. Das Ansehen des Lehrerberufs wird deshalb von den Pädagogen selbst als gering erlebt. Zwischen Eltern und Lehrern gibt es außerdem immer wieder Kompetenzgerangel in erzieherischer Hinsicht. Um alle diese Konflikte zu meistern, müssen Lehrer in kommunikativer Hinsicht gut geschult sein. Kompetente Beziehungsgestaltung ist das A und O im Lehrerberuf. „Diese wird aber in der Ausbildung nicht gelehrt und von vielen Lehrern zu wenig beherrscht“, meint Dr. med. Joachim Bauer, Oberarzt an der Abteilung Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Freiburg, der das Thema Lehrergesundheit seit 2002 beforscht.

Widersprüchliche Anforderungen

Zentrale Merkmale von Burnout

Burnout ist eine Kombination von Beschwerden, die eng
mit dem Arbeitsplatz zusammenhängen. Folgende drei Merkmale müssen gemeinsam auftreten, damit man vom Burnout-Syndrom sprechen kann:

1. chronische emotionale Erschöpfung (Emotional Exhaustion)

2. berufliche Ineffizienz und das Gefühl eines Sinnverlusts bei der Arbeit (Low Personal Accomplishment)

3. Zynismus oder "Entpersönlichung", eine neue aufgetretene, vorher nicht vorhandene innere Distanz oder Abneigung gegenüber Schülern, oft auch gegenüber Kollegen (Depersonalisation)

(nach Joachim Bauer: Burnout. "Modediagnose" oder ernste Gesundheitsstörung In: Deutsche Apotheker Zeitung, Nr. 49, 08.12.2011)

Einerseits erwartet man von Lehrern Einfühlungsvermögen und hohe Frustrationstoleranz. Der Leistungsdruck soll nicht überhand nehmen, eine vertrauensvolle Lehrer-Schüler-
Beziehung wird als Ideal gesehen. Andererseits geben Lehrer Noten und sollen ihre Klassen energisch führen. Dazu kommt selbstverständlich noch perfekte Stoffvermittlung nach den neuesten methodischen Erkenntnissen, wobei das individuelle Fördern und Fordern einen hohen Stellenwert einnimmt. Selbstverständlich gleichen verständnisvolle Pädagogen auch Erziehungsdefizite aus und leisten eine vorbildliche Elternarbeit. „Die Anforderungen an den Lehrerberuf sind gewaltig“, resümiert der Freiburger Arzt für Psychosomatische Medizin. Hohes Verantwortungsbewusstsein und hohe Ansprüche an die eigene Arbeit kontrastieren mit der Erfahrung, dass Lehrerarbeit oft nur Stückwerk sein kann und vieles unerreicht bleibt.

Berufsrisiken bei Lehrern

„Unser Gehirn evaluiert permanent die Qualität unserer zwischenmenschlichen Beziehungen und so werden die seelische und körperliche Gesundheit beeinflusst. Lassen sich Konflikte nicht befriedigend lösen und schwelen über einen längeren Zeitraum vor sich hin, wie das in der Schule oft der Fall ist, macht das die Lehrer krank“, erklärt Bauer.
Die Bereitschaft zu hoher Verausgabung gepaart mit geringer Anerkennung ist eine weitere Ursache für ein Burnout, einer ernsten Gesundheitsstörung, die in engem Bezug zum Arbeitsleben steht. Lehrer sollen ihre Schüler anerkennen und motivieren. Aber wann erfahren sie selbst einmal Anerkennung? In diesem Zusammenhang spricht Professor em. Dr. Uwe Schaarschmidt, der mit der Potsdamer Lehrerstudie 2006 eine der umfangreichsten aktuellen Lehrer-Gesundheitsstudien in Deutschland vorgelegt hat, von einer "Gratifikationskrise": „Anfängliche Erwartungen werden permanent und massiv enttäuscht. Der Betroffene erlebt einen Widerspruch zwischen investierten Anstrengungen und ausbleibender Anerkennung.“
Die Kombination von hoher Arbeitsbelastung bei gleichzeitig geringem
Gestaltungsspielraum, "High Demand - Low Influence", ist ebenfalls eine gesundheitlich riskante Konstellation. Nach Untersuchungen von Bauer aus dem Jahr 2007 arbeiten Lehrer außerhalb der Ferienzeiten über 51 Zeitstunden wöchentlich. Dazu engt die Flut von Verwaltungsvorschriften den pädagogischen Freiraum ein und raubt den Schwung.
„Das Verfolgen und Erreichen von persönlich bedeutsamen Zielen ist aber ein ganz wesentlicher Schutz gegen Überdruss und Resignation“, unterstreicht Schaarschmidt und nennt noch einen weiteren Risikofaktor: „Bedingt durch den Umstand, dass schulische Arbeiten in größerem Umfang zu Hause in den Abendstunden und am Wochenende erledigt werden, die Trennung der Lebensbereiche Schule und Nicht-Schule oft kaum gelingt, werden die Möglichkeiten der Regeration deutlich eingeschränkt und damit die Anfälligkeiten für Belastungsreaktionen erhöht.“

Links zum Thema:

Zusätzliche Informationen zum Thema Burnout finden Sie hier.

Wer sein Burnout-Risiko testen möchte, hat hier die Möglichkeit.

Weitere Tests zum Thema Lehrergesundheit bietet die Website www.coping.at

Hier ein Beratungsangebot für Kollegien und Schulleitungen in Bezug auf die gesundheitliche Belastung.

Risikotypen

Seelisch erschöpfte Lehrkräfte können in ihrer Gestaltung der Lehrer-Schüler-Beziehung in zwei Gruppen unterschieden werden. Die einen konzentrieren sich auf den Stoff, klammern Beziehungsaspekte aus und stellen Führung in den Vordergrund. Dieses Verhaltensmuster bezeichnet Bauer als den "Typ Rigorist". Dieser Lehrertyp hat Angst, sich auf die Beziehung zu den Schülern einzulassen, weil er befürchtet die Kontrolle über das Unterrichtsgeschehen zu verlieren.
Die anderen bringen in die pädagogische Beziehung ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen ein, haben aber Schwierigkeiten zu führen und von den Schülern Leistung zu fordern. Dieser "Typ Gutmensch" möchte sich nicht unbeliebt machen. Aber Schüler empfinden seine Partnerschaftlichkeit intuitiv als Führungsschwäche und honorieren sie nicht. Nach Erfahrung von Joachim Bauer werden beide Typen, "Rigorist" und "Gutmensch", am Ende krank.
Lehrer, die wegen schwerer Symptomatik zur stationären Aufnahme in eine psychosomatische Klinik  kommen, haben laut Bauer meist folgende Berufserfahrungen hinter sich: Sie haben sich über viele Jahre sehr verausgabt und mit ihrem Beruf überidentifiziert. Dazu kam ein schweres akutes Kränkungsereignis, welches der Betroffene nicht mehr verkraften konnte. Oft handelt es sich bei der Kränkung um einen schweren Konflikt mit Schülern oder Eltern und das Gefühl nicht hinreichend von der Schulleitung und/oder den Kollegen unterstützt zu werden. 

Therapie

Die eigene Identität gerät in sozialen Berufen oft unmerklich in den Hintergrund, denn es herrscht ein ungeheurer Anpassungsdruck. Die Balance zwischen emotionaler Echtheit und Anpassung muss deshalb in einer Therapie neu justiert und der Zugang zur eigenen Emotionalität muss wieder hergestellt werden.
Auch im Blick auf die Identifikation mit der Arbeit gilt es wieder eine Work-Life-Balance zu finden. Meist leiden Burnout-Betroffene unter einer Überidentifikation mit der Arbeit. Hintergrund dafür ist eine Überwertigkeit des Bedürfnisses nach Anerkennung, d.h. eine hohe Gratifikationsbedürftigkeit. Eine bewusste Freizeitgestaltung, das Knüpfen von Freundschaften und liebevollen sozialen Beziehungen stellen das notwendige Gegengewicht her und sind Ziel der therapeutischen Bemühungen.  

Präventions-Tipp:

Seminare für Kommunikation und Konfliktmanagement werden auch innerhalb der Lehrerfortbildung des jeweiligen Bundeslandes von der GEW und von Volkshochschulen angeboten.


Nicht immer bedarf es gleich psychotherapeutischer Behandlung. Bei Anfangs- oder Teilsymptomen oder als vorbeugende Maßnahme empfiehlt Bauer die Teilnahme an einer Supervisionsgruppe. Anleitungen für solche Gruppen mit zehn bis zwölf Lehrkräften unter der Moderation eines psychotherapeutischen Experten hat der Freiburger Arzt selbst erstellt und damit gute Erfahrungen gemacht. Hier kann trainiert werden, was Schaarschmidt als grundlegendes Eignungsmerkmal für den Lehrerberuf hält: „Lehrer brauchen die ausgeprägte Fähigkeit, sich auch in schwierigen sozial-kommunikativen Anforderungssituationen durchzusetzen und zu behaupten.“

Bei leichten bis mittelgradigen Symptomen sollte man nicht gleich zu Medikamenten greifen, sondern ambulante psychotherapeutische Verfahren bevorzugen. Bei starken depressiven Symptomen wie Schlafstörungen und einer anhaltenden Herabstimmung ist zügig eine stationäre psychosomatische Behandlung angezeigt. Außerdem empfiehlt Bauer Lehrkräften nach der Wiederherstellung ihrer Gesundheit eventuell die Schule zu wechseln, wenn lange an der bisherigen Schule gearbeitet wurde oder wenn Beziehungen zu Kollegen oder Vorgesetzten stark belastet waren.      

Literatur-Tipp:

Bauer, J.: Lob der Schule. Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2007.

Prävention

Wertschätzung und Anerkennung am Arbeitsplatz sind Schutzfaktoren. Auch Schaarschmidt kam zu diesem Ergebnis: „Aus unseren Untersuchungen zur Gesundheit im Lehrerberuf geht die protektive Wirkung sozialer Unterstützung klar hervor. Dabei wurde auch deutlich, dass es vorrangig auf das Führungshandeln ankommt.“ Das Führungsverhalten von Vorgesetzten ist also ausschlaggebend, aber auch die kollegiale Unterstützung ist wichtig. Transparenz, Fairness und Gerechtigkeit lassen schwelende und unausgesprochene Konflikte nicht zu. Falls Verbesserungen notwendig sind, um das Arbeitsklima gesundheitsförderlicher zu gestalten, sollte man den Kontakt zu Kollegen suchen und eine Teamsupervision unter Einbeziehung der Vorgesetztenebene anregen.
Neben der Bereinigung einer gestörten Arbeitsatmosphäre sollte man auf eine gesunde Lebensführung achten: vitaminreiche Ernährung, Vermeidung von Alltagsdrogen und tägliche Bewegung. Zur gesunden Lebensführung gehören ebenfalls die Pflege persönlicher Beziehungen und auch die Bereinigung von Beziehungsstörungen. „Wer im Beruf stark gefordert ist und privat keinen verlässlichen Rückhalt hat, befindet sich in einem Zweifrontenkrieg“, unterstreicht Bauer.
Joachim Bauer zufolge geht es darum, das Leiden am Arbeitsplatz anzuerkennen und von Burnout-Betroffenen nicht abzufordern, sie sollten sich doch zusammenreißen: „Sinnvoller wäre, wir würden unsere Aufmerksamkeit auf eine Verbesserung der Verhältnisse richten, unter denen viele Menschen heute arbeiten.“ Und dazu gehört auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Lehrer an den Schulen.

Christine Born

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