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Resilienz-Förderung

Selbstbefreundung durch Meditation

Überforderung und Stress bestimmen häufig den Lehreralltag. Umso wichtiger ist es, die körperliche und geistige Widerstandskraft zu stärken. Meditation ist ein erlernbarer Weg zur Selbstbefreundung und mehr Lebensqualität.

Resilienz-Förderung: Selbstbefreundung durch Meditation Meditieren kann man überall: Es kommt also nicht auf das Wo und Wie an, sondern darauf, sich auf sich selbst zu besinnen © fsHH/Pixabay

Die Geschwindigkeit der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung im 21. Jahrhundert überfordert immer mehr Menschen in den Industriestaaten. So spricht z. B. DER SPIEGEL 4/2011 vom „Volk der Erschöpften“. Zunehmend mehr Menschen in unserem Land sind von Burnout betroffen. Auch an den Schulen geht diese Entwicklung nicht vorüber. Brandbriefe, wie der des Kollegiums der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln an den Berliner Senat 2006 oder der Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken an das saarländische Bildungsministerium 2017 sind lediglich die Spitze eines Eisbergs. Sie zeigen drastisch das Dilemma, in das das deutsche Bildungssystem seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geraten ist.

Dabei wollen die Lehrkräfte für „ihre“ Schüler nur „das Beste“ und erleben häufig, dass die Schule bei vielen Schülern und ihren Eltern nur Kummer und Not verursacht. Eine Misstrauenskultur, Selektionskultur, Benotungskultur und Verrechtlichungskultur schicken sich an, jeden pädagogischen Gedanken im Keim zu ersticken. Lehrer werden zu Vollzugsbeamten einer irrationalen Bildungsmaschinerie gemacht.

Sich neu orientieren, andere Schwerpunkte setzen

Doch auch eine Gegenbewegung ist erkennbar. Viele Lehrkräfte suchen nach Alternativen. Als einen Weg aus der Sackgasse entdecken nicht wenige für sich meditative Praktiken. Sie üben sich darin, sich differenzierter wahrzunehmen, sich von Geisteszuständen zu befreien, die sie blockieren und krank machen. Ursachen von Ängsten und negativen Emotionen werden ihnen bewusst und verlieren dadurch ihren Schrecken. Einzeln oder in Gruppen beschäftigen sie sich mit ihrer Innenwelt und lernen zwischen Emotionen und Geisteszuständen, die zu Leid führen, und solchen, die zufrieden und gelassen machen, zu unterscheiden. Sie erlernen, ihr emotionales Gleichgewicht und ihre Aufmerksamkeit zu entwickeln. Sie gelangen so durch Selbstbefreundung zu einem „Metabewusstsein“, das das Vertrauen, auf die eigene Intuition zu hören, zunehmend ausbaut. Kurz: Sie lernen, die Segel richtig zu setzen und glauben nicht mehr, sie müssten oder könnten den Wind bestimmen.

Meditation als Möglichkeit der Selbstbefreundung

Meditieren lässt sich vom lateinischen Verb „meditari“ ableiten und wird mit „nachdenken, überlegen, nachsinnen“ übersetzt. In vielen Kulturen spielen meditative Übungen in der spirituellen Praxis eine wichtige Rolle. Besonders in fernöstlichen Religionen wurde in einer mehr als zweitausendjährigen Geschichte eine Vielzahl von Techniken entwickelt. Wikipedia unterscheidet z. B. Stille- oder Ruhemeditation, Achtsamkeits- und Einsichtsmeditation, Konzentrationsmeditation, transzendentale Meditation und aktive Meditationen, wie Tantra, Yoga, Kampfkunst, Tanz usw.

Auch westliche Wissenschaftler haben in den letzten Jahrzehnten die Wirkungen von Meditation untersucht und überzeugende Ergebnisse geliefert. So berichtet Matthieu Ricard, Sohn eines französischen Philosophen und promovierter Molekularbiologe, der sich 1967 dem Buddhismus zuwandte und jahrzehntelang in nepalesischen Klöstern lebte: „Seit zehn Jahren nehme ich überdies an verschiedenen wissenschaftlichen Forschungsprogrammen teil, in denen die Auswirkungen langjährig praktizierter Meditation untersucht werden. Die bisherigen Ergebnisse belegen, dass wir Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, emotionales Gleichgewicht, Altruismus und inneren Frieden in beachtlichem Maß zu entwickeln vermögen. Auch in anderen Studien hat man untersucht, welchen Nutzen es bringt, wenn die Teilnehmer/innen für die Dauer von sechs bis acht Wochen täglich zwanzig Minuten lang meditieren, und nachgewiesen, dass sie in der Folge weniger ängstlich waren, eine verminderte Schmerzempfindlichkeit und geringere Neigung zu Depression und Wut zeigten, dass sich ihre Aufmerksamkeit verbesserte, das Immunsystem gestärkt wurde und sich ganz allgemein ihr Wohlbefinden erhöhte.“ (Ricard, Matthieu, Meditation, München 2011, S. 10f.)

Meditieren ist ein individueller Lernprozess

Jeder nimmt die Welt mit seinen Sinnen wahr, macht sich seine Bilder von seiner persönlichen, familiären und auch beruflichen Situation. Aber auch die allgemein politischen Gegebenheiten werden von jedem unterschiedlich wahrgenommen. Doch sind unsere Sichtweisen nicht immer gleich. Vieles beeinflusst sie. Wir sind nicht jeden Tag die gleichen, auch wenn wir es nach außen hin vielleicht sein möchten.

Sich Zeit zu nehmen, seine persönlichen Bilder und Sichtweisen, Stimmungen und Gefühle zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, ist Meditation. Dem persönlichen Denken und Fühlen wird dabei Raum gegeben. Gedanken und Gefühle werden nicht blockiert, man lässt sie einfach zu. Denn: Die Gedanken kommen, verweilen und lösen sich wieder auf. Gedanken sind keine Taten. Wie sich das Wasser in den Wellen am Strand bewegt, so kommen sie und vergehen, wenn man ihnen Raum und Zeit einräumt. Oder mit den Worten Jiddu Krishnamurtis: „Meditation ist ein Zustand des Geistes, der auf alles mit vollkommener Aufmerksamkeit schaut, der das Ganze betrachtet und nicht nur die Teile. Und niemand kann es sie lehren, achtsam zu sein. Wenn irgendein System Sie lehrt, wie Sie achtsam sein können, dann wenden Sie dem System ihre Achtsamkeit zu, und das ist keine Achtsamkeit. Meditation ist eine der größten Lebenskünste, vielleicht die größte, und man kann sie unmöglich von jemandem erlernen; darin liegt ihre Schönheit. Sie hat keine Technik und daher keine Autorität. Wenn Sie sich selbst kennenlernen, sich selbst beobachten, sich betrachten, wie Sie gehen, wie Sie essen, was Sie sagen, das Geschwätz, den Hass, die Eifersucht — wenn Sie das alles in sich ohne jede Rangfolge wahrnehmen, ist das Teil der Meditation.“ (Krishnamurti, Jiddu, Einbruch in die Freiheit, Neuausgabe, München 2012 — 33. Aufl., S. 165 f.)

Die Lehrerpersönlichkeit entwickeln

Die Literatur zum Meditieren und zur Meditation füllt Bibliotheken. Letztendlich muss jeder selbst für sich herausfinden, was ihm entspricht. Lehrkräfte haben während ihres Studiums und ihrer Ausbildung viel über ihre Unterrichtsfächer, die Vermittlung von Unterrichtsstoffen, Entwicklungs- und Lernpsychologie, Erziehungswissenschaft usw. gelernt und wurden darüber umfassend abgeprüft. Über sich selbst lernten sie aber meist herzlich wenig. Die Beschäftigung mit dem eigenen Denken und Fühlen findet in den Ausbildungsordnungen auch heute kaum einen Niederschlag. Dabei ist für eine Lehrkraft die eigene Person das wesentliche Medium im Unterrichts- und Erziehungsprozess. Eine unzureichende Introspektion bleibt daher nicht ohne Folgen für die Entwicklung der Lehrerpersönlichkeit. Für eine persönliche Erweiterung der Perspektive ist es allerdings nie zu spät. Denn: Selbstbefreundung ist lernbar.

Klaus Vogel

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