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Stimmtraining

Warum eine laute Stimme nicht unbedingt wünschenswert ist

„Rechts um!“ - Kommandos beim Militär: Hier (z.B. beim Vokal in „um“) wird ein harter Stimmansatz geradezu kultiviert. Das verlangt der Stimme jedes Mal einen gewaltsamen Schluss der Stimmlippen ab und ist damit sehr schädlich.

Stimmtraining: Warum eine laute Stimme nicht unbedingt wünschenswert ist Eine Stimme, die zu hoch oder tief klingt, belastet die Stimmbänder dauerhaft © DDRockstar - Fotolia.com

Nun herrscht in der Schule kein Militär-Ton. Trotzdem kommen Sie als Lehrkraft häufig in die Situation, dass Sie den Lärm in der Klasse übertönen müssen, z.B. wenn Sie den Raum betreten oder Gefahr abwenden müssen. Was dabei physiologisch passiert: Der Atem kommt von unten mit starkem Druck an den geschlossenen Stimmlippen an und schließt sie mit Gewalt. Das ist der harte Tonansatz, auch Toneinsatz genannt.

Es kommt dabei zum sog. Glottisschlag, das bezeichnet dieses kleine Knallen am Anfang des Vokals. Sprechen Sie einmal ganz hart „Achtung!“ Dem ersten Moment des Tones „A“ geht ein Ächzlaut, ein kleiner Knall voraus. Das ist der Glottisschlag (Glottis: die Kehle).  Der Ton klingt hart, und unter physiologischen Gesichtspunkten ist er auf jeden Fall zu vermeiden. Das Standardwerk über „Die Sängerstimme“ warnt vor einer Überlastung der Schleimhaut der Stimmlippen. Die Folgen einer dauernden harten Stimmgebung seien Verdickungen auf der Schleimhaut, sog. „Sängerknötchen“, die operativ entfernt werden müssten, oder gar Blutungen auf den Stimmlippen.

Es gibt aber auch das Gegenteil zum harten Glottisschlag, nämlich den verhauchten Stimmeinsatz. Wiederholen Sie noch einmal das Wort „Achtung“ und denken Sie ein „H“ davor. Also „(H)achtung“. Nun kommt erst ein bisschen Luft, bevor die Stimmlippen schließen und der Ton entsteht. Das Ergebnis ist eine verhauchte Sprechweise. Im Gegensatz zum harten Stimmansatz ist der weiche nicht so gefährlich für die Stimme, sondern eher ein ästhetisches Problem.

Der harte Stimmansatz kommt häufig bei eher überspannten Sprechern vor, der weiche bei unterspannten. Der goldene Mittelweg ist wie so oft am besten. Der Glottisschlag sollte weich sein und der Ton „mit Kern“, also ohne den Vorlauf des Tones mit Hauch, aber auch ohne zu starkem Druck beginnen.

Ohnehin ist das Üben vom weichen Stimmansatz ein Mittel, die gesamte Stimmgebung positiv zu beeinflussen: „Das Bemühen um den weichen Stimmansatz setzt sogleich das Bemühen um ein ganz kraftloses (A- Behrens: „druckloses“) Sprechen in Gang und zieht damit Weite und entspannte Artikulation automatisch nach sich. Wird bei Sprechbeginn mit anlautendem Vokal ganz weich mit der Stimme eingesetzt, so ist gleichsam der weitere Stimmfluss für den nachfolgenden Satz gesichert. Es sei herausgestellt: Die Übung des weichen Stimmeinsatzes übt zugleich das weiche und entspannte Sprechen insgesamt.“

In der Schule kommt häufiger der harte Stimmeinsatz vor, weswegen hier vorgestellt werden soll, was man dagegen tun kann: Üben Sie nun mehrere Glottisschläge hintereinander, so leise wie möglich geflüstert, also ganz tonlos. Man darf nur das leise Knackgeräusch hören. Sprechen Sie immer wieder ohne Ton ein „a“, „a“, „a“. Wenn Sie es richtig machen, entstehen die sog. Ventiltönchen. Damit können Sie die Stimmbänder erziehen, sofort und ohne Druck zu schließen. Sprechen Sie so leise wie möglich und ohne Druck vom Atem.

Verwendete Literatur

Seidner, Wolfram und Wendler, Jürgen: Die Sängerstimme. Berlin 1997.

Wertenbroch, Wolfgang: Übungsbuch zur Behandlung des Stotterns nach der Methode von Erwin Richter. Persen-Verlag, Horneburg 2006.

Wenn Sie das häufiger geübt haben, etwas eine Minute lang, schreiten Sie fort zu gesprochener Sprache. Üben Sie zunächst Wortpaare:

Herbst – Ernst.
Hier – Ihr.
Hoffen – oft.
Heben – eben.
Hängen – Enge.
Hort – Ort.
Halm – Alm
Haus – aus.
Hecht – echt.
Hauch – auch.

Achten Sie darauf, wie das eine Mal Luft beim „H“ entweicht, beim anlautenden Vokal aber nicht, und trotzdem ist der Vokal weich.

Nun nehmen Sie sich Sätze mit vokalisch anlautenden Wörtern:

Am Abend übte ich ohne Elan.
Oben und unten aßen Affen Aprikosen.
Iris ärgerte Eva am Äquator.
Immer und immer isst Erwin Innereien.
Ein Urtier mit Appetit ordert Oreganopizza.
Oma erzieht ihren Enkel zum Äpfel Essen.
Echte Igel äußerten sich ehrlich.
Am Anfang änderte Emma ihre Ansichten.
Annas Ansprüche erschienen eher unbequem.
Unordentlich Übende endeten übelst.
Ein echter Abt übt sich im Urtext.
Annegret achtete Erich erst am Abend.

Im Wort:

Die Ur-oma unkte oft.
Eben-erdige Eingänge verlockten Udo.
Ab-ordnungen aus Ober-ammergau und Aachen.
Unter-irdische U-Boot-häfen.
Ur-tiere überlebten unter Umständen.
Otto über-eignete Irmi ihr Ehebett.
Immer öfter be-eindruckte Emil Isolde.
Im Ausland er-öffnete Iris den Abtanzball.
Über andere oft sich ent-äußern – in einer guten Art.
Erinnert Ada sich ihrer Ur-ahnen?
Oft, sehr oft erbarmte sich Ulli der Ur-einwohner.

Diese Sätze lesen Sie halblaut und langsam vor, und versuchen Sie dabei, bei den Vokalanfängen keine Luft entweichen zu lassen, aber auch nicht zu hart zu sprechen. Halten Sie den Atem etwas zurück. Spüren Sie das weiche „Abknallen“ bei den Vokalen. Merken Sie, wie evt. die Lautstärke etwas zurückgeht, was gut wäre, wenn Sie eher dazu neigen, zu laut zu sprechen

Nun nehmen Sie einen Text, den Sie mögen, die Textsorte ist egal. Lesen Sie so, dass die Wörter mit Vokalen stets weich beginnen. Genießen Sie eine mittlere Lautstärke. Tun Sie das etwa fünf Minuten lang.

Dann sprechen Sie vor sich hin, halten eine kleine Rede zu einem ausgedachten Thema. Und jeden Tag zwischendurch im Auto, wenn Sie Auto fahren, in der Küche beim Kochen, beim Geschirrspülmaschine Ausräumen: Denken Sie sich Worte aus, schwingen Sie Reden zu frei fantasierten Themen. Achten Sie dabei auf Ihre Vokaleinsätze. Entdecken Sie den Spaß, den es macht, sich mit der eigenen Stimme, dem eigenen Körper auf der Schnittstelle zum Geist zu beschäftigen!

Wenn Sie wieder vor der Klasse stehen: Bemühen Sie sich um weiche Vokalansätze. Dazu: Vermeiden Sie lautes Sprechen. Gehen Sie einfach eine Lautstärke herunter. Sie müssen den Lärm nicht übertönen. Die Schüler müssen leiser sein. Und Ihre Vokaleinsätze müssen stimmen. So haben alle etwas davon!

Antje Behrens

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