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Hintergrund

Das sollten Sie über Mobbing wissen

Wo beginnt Mobbing? Lehrer, Pädagogen oder Eltern sehen sich häufig mit dieser Frage konfrontiert. Denn die Grenze zwischen harmlosem Gerangel und systematischer Gewalt sind nur schwer zu erkennen. Es gilt konkrete Anhaltspunkte zu erkennen.

Hintergrund: Das sollten Sie über Mobbing wissen Jede Woche werden an deutschen Schulen 500 000 Schüler gemobbt © Andrey Kiselev - Fotolia.com

Große Pause auf dem Schulhof: Ein paar Mitschüler hänseln Max, Sven schubst ihn. Max stolpert, fällt hin, alle lachen. Die Klassenleiterin hat Pausenaufsicht und stellt Sven zur Rede. „Das war nur Spaß“, sagt er. Max schweigt dazu. Nur eine harmlose Rangelei – oder schon Mobbing? Streitereien, Hänseleien und Pöbeleien sind in der Schule alltäglich, doch die Grenzen zum Mobbing sind fließend und für Lehrer meist nur nach kontinuierlicher Beobachtung und aktiver Recherche erkennbar. Dabei ist Mobbing keine Ausnahmeerscheinung, sondern harte Realität, wie Mechthild Schäfer von der LMU München in einer Langzeitstudie herausfand. Demnach werden jede Woche 500.000 Schüler an deutschen Schulen gemobbt, 600.000 Schüler berichten von Erfahrungen als Täter. Das sind alarmierende Zahlen, die aktuelle nationale und internationale Untersuchungen bestätigen: Jedes siebte Schulkind – rund 14 Prozent der Schüler – sind wiederholt oder über längere Zeit Opfer von systematischer Gewalt geworden. Statistisch gesehen sitzen damit in jeder Klasse drei bis vier Kinder oder Jugendliche mit Erfahrungen als Mobbingopfer – und mindestens ein Schüler hat ein akutes Mobbing-Problem.

Konrad Lorenz prägte den Begriff

Der Begriff Mobbing kommt aus dem Englischen. „To mob“ bedeutet „angreifen, über jemanden herfallen, anpöbeln, schikanieren“. Damit klingen schon wesentliche Kriterien von Mobbing in unserem heutigen Verständnis an: Überlegenheit, Mutwillen und ausdauernde Quälerei. 1963 stellt der Verhaltensforscher Konrad Lorenz den Begriff erstmals in einen wissenschaftlichen Zusammenhang: Er beschreibt damit das Zusammenrotten von Tieren, um einen Fressfeind abzuwehren, also praktisch einen aggressiven Akt in einem sozialen Verband gegen einen Gegner, der allein gegen eine Gruppe steht und somit unterlegen ist.

Definitionen von Mobbing: Kriterien für die Diagnose

Der schwedische Psychologe Dan Olweus definierte Mobbing als erster im Schulkontext: „Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er oder sie wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schülerinnen und Schüler ausgesetzt ist.“ Einmalige oder gelegentliche Gewalthandlungen sind folglich kein Mobbing. Gemobbt wird mit System: immer wieder, über Wochen, Monate und manchmal sogar Jahre. Horst Kasper, langjähriger Lehrer und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu den Themen Mobbing und Konfliktbewältigung, nennt drei weitere Kennzeichen für Mobbing: Ausgangspunkt ist ein Konflikt, der sich verfestigt hat; eine der beiden Konfliktparteien – meist eine einzelne Person – ist in eine unterlegene Position geraten, und die betroffene Person kann sich mit eigener Kraft kaum aus ihrer Situation befreien.

Lehrer, die sich gegen Mobbing einsetzen, haben es also nicht mit gewöhnlichen Auseinandersetzungen zu tun, sondern mit Dauerkonflikten. Verfestigt durch permanente Feindseligkeiten über einen längeren Zeitraum, entstanden durch Willkür: Der Mobber sucht förmlich bei seinem Opfer nach „wunden Stellen“, genießt dann seine Macht und zieht – erst im Nachhinein – „Äußerlichkeiten des Opfers (Ossi, Wessi, schwarz, schwul, Schrottklamotten) zu seiner vermeintlichen Rechtfertigung“ heran, wie der Berliner Lehrer Walter Taglieber in seiner „Anti-Mobbing-Fibel“ schreibt. 

Literaturangaben:

Kasper, Horst: Schülermobbing – tun wir was dagegen! AOL-Verlag Buxtehude 2002.

Leymann, Heinz: Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Reinbek bei Hamburg 1993.

Lorenz, Konrad: Das sogenannte Böse: Zur Naturgeschichte der Aggression. DTV München 1998.

Olweus, Dan: Gewalt in der Schule. Bern (u.a.) 1996.

Ottlik, Alexander: Inwieweit werden Lehrer, wenn sie mit Mobbing unter Schülern konfrontiert sind, durch ihre persönlichen Einstellungen und das Klima ihres Arbeitsumfeldes beeinflusst? Magisterarbeit LMU München, Typoskript. München 2005.

Wie wird gemobbt?

Die Diplom-Psychologin Annemarie Renges benennt einen weiteren wichtigen Aspekt, nämlich das Ziel von Mobbing: Letztlich gehe es um die soziale Ausgrenzung des Opfers. Dabei richteten sich die Angriffe der Täter gegen soziales Ansehen, soziale Beziehungen, Kommunikation, Arbeitssituation und Gesundheit. Einer breit angelegten Befragung entnahm der Psychologe Hans Leymann 45 Mobbinghandlungen, die er drei Kategorien zuordnen konnte:
1. Direktes, aktives Mobbing, zum Beispiel hänseln, drohen, abwerten oder beschimpfen,
2. Indirektes, passives Mobbing, zum Beispiel Gerüche verbreiten oder ausgrenzen,
3. Körperliche Gewalt, zum Beispiel schlagen oder sexuell belästigen.
Gänzlich neue Dimensionen eröffnen sich für Mobber in den letzten Jahren durch Mobiltelefone und soziale Netzwerke im Internet: Demütigungen werden gefilmt und ins Netz gestellt, Diffamierungen im großen Stil verbreitet und vieles mehr. Eine Katastrophe für die Opfer, denn „Mobbing 2.0“ verletzt ihre Persönlichkeitsrechte und ihre Intimsphäre meist irreversibel, weil es eine breite Öffentlichkeit erreicht.

Welche Rolle spielen Lehrer bei Mobbingprozessen?

Etwa 20 Prozent der Gemobbten geben Lehrer als Täter oder Mittäter an. Beklagt werden dabei jedoch überwiegend Fehlreaktionen und -einschätzungen der Situation: Lehrer mahnten nur, handelten aber nicht. Sie straften unangemessen, ignorierten das Falsche und fixierten Einzelne, heißt es bei Taglieber. Der hektische Schulbetrieb bietet Pädagogen in der Regel viel zu wenig Raum für Konfliktmanagement, Mobbing-Prävention und Intervention. Im eingangs geschilderten Fall investierte die Klassenleiterin eine Viertelstunde für ein vertrauliches Gespräch mit Max. Danach war sie beruhigt. Fürs Erste: Sie wird die Augen offen halten.
 

Martina Niekrawietz

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