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Diskriminierungsstudie 2013

Diskriminierung gehört zum deutschen Schulalltag

Rassismus, Homophobie und Behindertenfeindlichkeit sind an deutschen Schulen traurige Realität. Das verdeutlicht der zweite ausführliche Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Hier erhalten Sie einen ersten Überblick über die wichtigsten Ergebnisse dieser sogenannten Diskriminierungsstudie.

Diskriminierungsstudie 2013: Diskriminierung gehört zum deutschen Schulalltag Haben Schüler eine andere Hautfarbe oder Religion, besteht die Gefahr, als Außenseiter abgestempelt zu werden © Willee Cole - Fotolia.com

„Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose.“ – Dieser Satz aus der Feder einer Grundschullehrerin ging 2009 durch alle Medien. Julia Kube, Lehramtsabsolventin der Universität Oldenburg, hatte im Rahmen ihrer Masterarbeit 500 Grundschulpädagogen zu Schülernamen und den damit verbundenen Assoziationen befragt. Dabei zeigte sich, dass Kinder namens Kevin, Justin, Marvin, Mandy, Angelina oder Chantal bei den befragten Lehrern von vornherein schlechtere Karten haben. Sie hielten sie für „eher verhaltensauffällig“, „eher leistungsschwach“ und „eher frech“. (Vgl. dazu kurze Auszüge aus der Studie auf der Website „lehrerfreund.de“)

Doch sind das wirklich nur Vorurteile oder stecken auch Erfahrungen hinter den Antworten? Lässt ein bestimmter Vorname möglicherweise tatsächlich Rückschlüsse auf Herkunft und sozialen Status zu? „Sicher bringen bildungsferne Schichten mehr Kevins und Justins hervor als Alexanders oder Maximilians. Aber bildungsfern heißt nicht unintelligent, sondern ungefördert. Der hochbegabte Kevin bekommt nicht die schulische Förderung, die er bräuchte, weil er aus der falschen Schicht kommt und seine Lehrer ihn schon beim ersten Blick auf die Klassenliste entsprechend sortieren. Der intelligente Kevin ist dumm dran“, sagt Astrid Kaiser, die betreuende Professorin der Studie im Interview mit Spiegel ONLINE.

Vorurteil und Diskriminierung

Möglicherweise ist Astrid Kaiser hier selbst einem Vorurteil aufgesessen, wenn sie davon ausgeht, dass Lehrer Kinder aus bildungsfernen Schichten weniger als andere fördern und das Potential, das in ihnen steckt, nicht erkennen. In diesem Sinne entgegnete auch Marianne Demmer von der GEW, es sei „leichtfertig und waghalsig, darauf zu schließen, dass der Name und ein geringer Sozialstatus zu einer Benachteiligung des Schülers führe und sich etwa in der Notengebung niederschlage. Dies könne ja gerade im Gegenteil zu einer erhöhten Förderbereitschaft der Pädagogen führen“ (in: Focus Schule ONLINE, Vornamen beeinflussen Schulerfolg, 17.09.2009).

Dr. Daniel Geschke erläutert auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung die Begriffe „Vorurteil“ und „Diskriminierung“ aus sozialpsychologischer Sicht: „Vorurteile sind herabsetzende Einstellungen gegenüber sozialen Gruppen oder ihren Mitgliedern, die auf wirklichen oder zugeschriebenen Merkmalen von Mitgliedern dieser Gruppen beruhen“. An sich seien Vorurteile „kein Problem, denn jeder darf denken, was er oder sie möchte“, problematisch sei es allerdings, „dass negative Einstellungen auch die Grundlage für negatives Intergruppen-Verhalten bilden können: Sie können zu Abwertung und Diskriminierung von anderen Menschen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen führen.“ (ebd.) Diskriminierung liegt laut Geschke vor, „wenn Individuen oder Gruppen eine Gleichbehandlung, die sie sich wünschen, verwehrt wird.“

Diskriminierung in deutschen Schulen

Mindestens neun Jahre müssen Kinder und Jugendliche in Deutschland die Schule besuchen. „Diese Zeit birgt für viele Schüler_innen Risiken der Diskriminierung“, so heißt es in dem ausführlichen Bericht (S. 69), den die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) unter Leitung von Christine Lüders im August 2013 vorlegte. Im Fokus standen dabei für die Experten der ADS gleichberechtigt alle relevanten Diskriminierungsmerkmale des „Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes“ (AGG).

Dieses relativ „junge“ Gesetz aus dem Jahr 2006 zielt darauf ab, „Benachteiligungen aus rassistischen Gründen oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen“ (Details dazu auf der Website der ADS). Auf fast 450 Seiten reflektiert die Diskriminierungsstudie (im Folgenden „DS“) den neuesten Forschungsstand und diagnostiziert „zahlreiche Anhaltspunkte für Diskriminierungen an Grundschulen, Schulen der Sekundarstufe I und II sowie Förderschulen“ (DS, S. 69). Die Forschungsergebnisse beleuchten „sowohl Phänomene der individuellen als auch der institutionellen Diskriminierung“ in schulischen Konstellationen und Entscheidungsphasen (Bildungsübergänge und -entscheidungen), die mit einem hohen Diskriminierungspotential einhergehen. Hier ein kurzer Abriss über die wesentlichen Erkenntnisse.

Zugang zur Grundschule und Separation in Förderschulen

Schon beim Recht auf diskriminierungsfreien Zugang zur Regelschule bestehen Benachteiligungen. So gibt es z. B. für Kinder ohne legalen Aufenthaltsstatus keine Schulpflicht, behinderte Kinder haben keinen Rechtsanspruch auf einen Platz in der Regelschule und auch eine „wohnräumliche Segregation“ führe oft zu schlechteren Ausgangsbedingungen für die betroffenen Kinder. Besonders könnten Kinder mit Migrationshintergrund „von diskriminierenden Mechanismen im Schuleingangs- bzw. Förderschulaufnahmeverfahren betroffen sein.“ Auch „Vorurteile und Zuschreibungen in Bezug auf die (erwartete) Leistungsfähigkeit bestimmter Kinder“ führten zu Benachteiligungen beim Schulzugang. (DS, S. 79)

Kompetenzen, Leistungsmessung und Notengebung

Leistungsunterschiede seien nicht zwingend auf Kompetenzdefizite zurückzuführen, sondern auch „auf diskriminierende Entscheidungspraktiken an Schulen“. Denn bei Leistungseinschätzung, -messung und -bewertung könnten „diskriminierende Mechanismen wie rassistische, geschlechtsspezifische oder soziale Zuschreibungen (…) zum Tragen kommen“ (DS, S. 90). Auch die Notengebung unterliege „dem Risiko, nicht frei von Diskriminierung zu sein, so dass eine starke Orientierung an Noten Benachteiligungen speziell im Hinblick auf den Übergang zur weiterführenden Bildung bzw. zum Berufsleben fortschreiben und verstärken“ könne. (ebd.)

Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule

Unterschiedliche Diskriminierungsrisiken kennzeichnen die Selektionsprozesse beim Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule. Diskriminierende Mechanismen zeigen sich bei Leistungsbewertung und -prognose oder auch bei „Zuschreibungen bei der Einschätzung des Unterstützungspotentials der Eltern“ (DS, S. 96). Auch begrenzte Aufnahmekapazitäten an manchen Schulen, „unzureichende Beratung von Eltern und Schüler_innen beim Übergang“ und festgelegte „Überweisungsquoten“ (ebd.) zu weiterführenden Schulen „können sich negativ auf den gesamten Schulerfolg auswirken und verringern die Chancengleichheit auch in Bezug auf das Berufsleben“. (ebd., S. 97)

Offene und subtile Formen der Diskriminierung

Sowohl durch Mitschüler als auch durch Lehrer erfahren Schüler Diskriminierung, etwa weil sie behindert oder homosexuell sind, fremdländische Wurzeln haben oder einer anderen Religion angehören. Ob sie offen beschimpft oder verunglimpft werden oder subtile Anspielungen ertragen müssen, Diskriminierungen sind immer eine immense Belastung für die Opfer. Leider reagieren die Schulen darauf „teilweise unzureichend“, umfassende Konzepte zur Vermeidung von Diskriminierung würden nur selten implementiert. (DS, S. 103)

Für die Diskriminierten hat das schwerwiegende Folgen, denn dies „kann (…) ihr Selbstwertgefühl beeinträchtigen und in der Folge zu schlechteren Schulleistungen führen“, warnen die Experten der Antidiskriminierungsstelle. (DS, S. 104) — Und somit kann sich dann auf sehr subtile Weise ein Vorurteil bestätigen.

Martina Niekrawietz

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