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Corona-Folgen

Gewalt & Missbrauch: Viele Schüler/-innen brauchen Hilfe

Corona wirkt sich besonders negativ auf das Klima in Familien in schwierigen Lebenslagen aus. Kinder und Jugendliche sind zunehmend Gewalt und sexuellem Missbrauch ausgeliefert. Was Lehrkräfte jetzt tun sollten.

Corona-Folgen: Gewalt & Missbrauch: Viele Schüler/-innen brauchen Hilfe Häusliche Gewalt nimmt zu und trifft besonders die Kleinen. Sie offenbaren sich in der Schule selten © Ermolaev Alexandr - stock.adobe.com

Wie Familien den Lockdown im Frühjahr des Corona-Jahres 2020 erlebten, hängt von der Einkommenssituation und dem Bildungsstand der Eltern ab. Das zeigte eine Onlinebefragung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) vom Mai 2020: 22 Prozent der befragten 8000 Eltern beobachteten „häufig oder sehr häufig“ ein „konflikthaltiges Klima“ in ihrer Familie. Gleichzeitig gelang „mehr als [einem] Dreiviertel der Familien das ungewohnte ständige Zusammensein überwiegend gut“ (ebd.). – Das sind auf den ersten Blick an sich positive Ergebnisse, die Studienleiterin Dr. Alexandra Langmeyer jedoch relativiert: In der Stichprobe der DJI-Studie äußerten sich „überdurchschnittlich viele Familien mit formal hohem Bildungsgrad und ohne finanzielle Sorgen“, während „Familien in schwierigeren Lebenslagen (...) mit dieser Studie bislang nicht erreicht“ werden konnten (ebd.).

Tatsächlich zeichnet die repräsentative KiCo-Studie der Stiftung Universität Hildesheim und der Universität Frankfurt bezüglich der finanziellen Belastung von Familien ein anderes Bild. 33,9 Prozent der befragten 25.000 Elternteile gestanden „größere Geldsorgen“ ein, wie aus der Zusammenfassung der Ergebnisse auf der Website des Deutschen Familienverbandes hervorgeht. Demgegenüber hatten nur 30,5 Prozent der Eltern „zum Studienzeitpunkt keine finanziellen Probleme“ (ebd.). Stark belastet und weniger zufrieden fühlten sich vor allem die Berufstätigen, die im Homeoffice arbeiteten und zugleich ihre Kinder betreuen mussten.

Doch welche Konsequenzen hat das für die Kinder und Jugendlichen in der Familie? Eine weitere aktuelle Studie deutet auf eine besorgniserregende Entwicklung hin.

TU München: Anstieg von häuslicher Gewalt

Anfang Juni 2020 veröffentlichte die TU München die Ergebnisse einer Befragung von 3.800 Frauen zu häuslicher Gewalt im vorangegangenen Monat. 3,1 Prozent von ihnen hatten selbst körperliche Gewalt erfahren, körperliche Bestrafung mussten 6,5 Prozent ihrer Kinder erdulden. 

Zudem kristallisierten sich konkrete Risikofaktoren für eine vermehrte Gewalterfahrung von Kindern und Jugendlichen heraus (ebd.) – für Sie als Lehrkraft wichtige Indikatoren, wie viele und welche Ihrer Schüler/-innen möglicherweise betroffen sind:

Befanden sich die Befragten zu Hause in Quarantäne, erfuhren 10,5 Prozent ihrer Kinder körperliche Gewalt. Bei akuten finanziellen Sorgen waren es 9,8 Prozent und bei Kurzarbeit oder Verlust des Arbeitsplatzes 9,3 Prozent. Mit 14,3 Prozent mussten Kinder von Eltern mit Angst oder Depressionen besonders häufig körperliche Gewalt erdulden. Und auch jüngere Kinder unter 10 Jahren hatten mit 9,2 Prozent ein höheres Risiko für Gewalterfahrungen in der eigenen Familie.

Insgesamt weisen die Ergebnisse dieser Studien darauf hin, dass viele Kinder und Jugendliche derzeit in Not sind und Hilfe brauchen. Das gilt insbesondere auch für Kinder und Jugendliche, die in ihren Familien sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind.

Sexualisierte Gewalt im Verborgenen

„Seit Beginn der Corona-Epidemie [sic!] wird sexueller Kindesmissbrauch seltener gemeldet“, berichtete Isabel Fannrich-Lautenschläger am 08.04.2020 im Deutschlandfunk. Der Grund: Betroffene Kinder hätten „kaum mehr Möglichkeiten, sich ihren Bezugspersonen in Kitas oder Schulen anzuvertrauen“ (ebd.). Normalerweise seien Erzieher/-innen, Lehrer/-innen und Jugendärzte und -ärztinnen „große Meldergruppen“. Von sich aus suchten die betroffenen Kinder „selten selbst Hilfe, sondern vertrauten sich Personen aus dem direkten Umfeld an“ (ebd.). Zudem arbeiteten viele Mitarbeiter/-innen des Jugendamtes während des Lockdowns im Homeoffice – eine Situation, die angesichts der steigenden Fallzahlen im Herbst und Winter wohl weiterhin andauern wird.

All diese Umstände spielen Tätern natürlich in die Hände: Sie nutzen Corona derzeit, um „Hausbesuche und direkte Kontakte abzublocken“ (ebd.). Viele sind den ganzen Tag zu Hause – in Quarantäne- und Homeschooling-Phasen ein Albtraum für die betroffenen Kinder und Jugendlichen.

Was Lehrkräfte jetzt tun sollten

Nicht nur bei sexuellem Missbrauch sondern auch bei Gewalt in der Familie schirmen Täter, wenn möglich, Opfer und Mitwisser nach außen ab. Sie unterbinden Kontakte und überwachen die Kommunikation über Internet und soziale Medien. Deshalb ist es wichtig, den Präsenzunterricht für die Kommunikation von Hilfsangeboten und für präventive Maßnahmen zu nutzen. Im Folgenden dazu einige Informationen und Adressen.

1. Hilfeangebote finden und kommunizieren: Das Bundesfamilienministerium stellt auf seiner Website die wichtigsten Beratungseinrichtungen für Kinder, Jugendliche und Eltern vor. Hier finden Sie telefonische Beratungsangebote mit Nummern und Beratungszeiten und Links zu Online-Angeboten. Das Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“ ist bundesweit, kostenfrei und anonym erreichbar und bietet zudem Online-Beratung für Jugendliche. Sämtliche Beratungsangebote in Ihrer Region mit Adressen und Angaben zu den Zielgruppen der Einrichtungen findet das „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ in Sekundenschnelle. – All diese Angebote könnten Sie im Unterricht vorstellen und auf der Schulwebsite, im Klassenzimmer und an den Schwarzen Brettern der Schule kommunizieren.

2. Prävention im Unterricht: Die personelle Situation in vielen Schulen ist angespannt. Die besondere Unterrichtssituation in Pandemie-Zeiten erfordert Zeit und Mühe. Hybrider Unterricht, Digitalisierung im Schnellverfahren und dazu all die Herausforderungen, die der Schulalltag mit sich bringt – das ist im Grunde mehr, als man schaffen kann. Trotzdem sind gerade jetzt präventive Maßnahmen gegen (sexualisierte) Gewalt für viele Schüler/-innen überlebensnotwendig. 

Am besten überlegen Sie im Team mit Kolleginnen und Kollegen, welche Angebote in der derzeitigen Situation sinnvoll sind. Möglicherweise könnten Sie auch eine feste Sprechstunde mit Sozialarbeiter/-in oder der Schulpsychologin/dem Schulpsychologen initiieren. Sicherlich finden sich auch kompetente Dienstleister in Ihrer Nähe, die einen konstanten Präventionsunterricht in den Klassen übernehmen können. 

3. Bauen Sie eine vertrauensvolle Beziehung zu Ihren Schülerinnen/Schülern auf: Geben Sie Ihren Schüler/-innen das Gefühl, dass Sie – auch in Phasen des Distanzunterrichts – für Sie da sind. Sorgen Sie für einen konstanten Kontakt zu Ihren Schülern/Schülerinnen und bieten Sie auch die Möglichkeit für persönliche Gespräche im Notfall an. Und – ganz wichtig – schaffen Sie die Grundlage dafür, dass Schüler/-innen aus sozial benachteiligten Verhältnissen auch online mit Ihnen kommunizieren können. Diese Kinder und Jugendlichen sollten vorrangig Leih-Tablets oder -Laptops bekommen, wenn die Ressourcen begrenzt sind.

Martina Niekrawietz

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