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Konzept Gewaltfrei Lernen

Gewalt und Mobbing: gewaltfreies Verhalten will geübt sein

Gewaltprävention ist bereits in der Grundschule gefragt, denn Gewalt und Mobbing sind keine Frage des Alters. Mit dem Trainingskonzept „Gewaltfrei Lernen“ üben die Schüler gewaltfreies Konfliktverhalten und einen freundlichen Umgang miteinander.

Konzept Gewaltfrei Lernen: Gewalt und Mobbing: gewaltfreies Verhalten will geübt sein Gewalt nimmt auch unter Grundschülern zu. Hier kann nur ein präventives Training helfen © pololia - stock.adobe.com

Drei Jahre ist es her, dass Schulleiterin Dörte von Hörsten die Notbremse gezogen hat: Die Konflikte und Streitereien der Schüler und Schülerinnen auf dem Schulhof hatten ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr tragbar war.

Um alle Kinder ihrer Schule vor Mobbing, Ausgrenzung und Gewalt zu schützen, holte die Schulleiterin Sibylle Wanders mit ihrem Präventionskonzept „Gewaltfrei Lernen“ (GFL) an die Schule: Seitdem jede Klasse der Grundschule Völkenrode/Watenbüttel an drei Trainingstagen eine Doppelstunde lang mit der Sportpädagogin gearbeitet hat, hat sich das Sozialverhalten der Kinder „signifikant verbessert“, heißt es in einer Film-Reportage über das Projekt. Natürlich gebe es nach wie vor Konflikte, doch die Schüler regelten diese jetzt „zum größten Teil selbst“, sagt Dörte von Hörsten.

Der folgende Beitrag stellt Ihnen das Konzept vor, das auch gute Impulse für die Gewaltprävention in Ihrem eigenen Unterricht liefern kann: Denn die Schüler üben zum Beispiel in Rollenspielen, wie sie sich bei Beleidigungen, Mobbing oder auch in konkreten Gewaltsituationen am besten verhalten. — Eine Maßnahme, die viele Mobbingexperten empfehlen.

Die Methode: bewegungsintensiv und erlebnisorientiert

Bewegungsspiele mit Partnern sind ein wesentlicher Bestandteil des GFL-Trainings, deshalb findet der Unterricht auch in der Turnhalle statt: Da liegen beispielsweise Gymnastikreifen (Hula Hoop) auf dem Boden. Die Schüler packen sich wie Ringer bei den Armen und versuchen, den anderen in den Kreis zu schieben oder zu ziehen. Ein spielerischer „Kampf“, bei dem sich die Kinder ausagieren und ihre Kräfte messen können.

Mal liegt der Fokus des Trainings auf motorischen, dann wieder auf sprachlichen Kompetenzen. Die Kinder trainieren „den Einsatz der Stimme und einen selbstbewussten, nicht provozierenden Körperausdruck als körperlich aktive aber deeskalierende Selbstbehauptung“, so fasst Sibylle Wanders auf ihrer Website einen zentralen Lerninhalt des Trainings zusammen.

Bei den Partnerspielen achtet die GFL-Trainerin darauf, immer wieder neue Paare zusammenzustellen. Auf diese Weise lernen sich alle Kinder der Klasse näher kennen, und alle gewöhnen sich daran, mit vielen verschiedenen Mitschülern in der Klasse zu spielen. Damit ist schon eine gute Basis für ein Klassenklima geschaffen, in dem einzelne Kinder nicht ausgegrenzt werden.

Das Ziel: Freunde finden, wehrhaft werden

Viele Kinder wissen nicht, was ihr Verhalten bei anderen auslöst. „Wir bringen ihnen bei, wie sie mehr Freunde finden“, sagt Sibylle Wanders in der Filmreportage. Ausgehend von der Frage, „Wie bist du so im Umgang mit anderen?“, bekommen die Kinder ehrliches Feedback und konkrete Tipps, wie sie in der Klasse „beliebt“ werden. Diese praktischen Anregungen motivieren die Kinder viel stärker dazu, sich andern gegenüber rücksichtsvoll zu verhalten, als zum Beispiel die Vereinbarung von Klassenregeln im Unterricht, so die Erfahrung der Sportpädagogin. (ebd.)

Ein weiteres wichtiges Lernziel sind konkrete Strategien, mit denen die Kinder Angriffe abwehren können. Beleidigungen ignorieren und einfach weitergehen ist ein sinnvolles Verhaltensmuster, das die Kinder in Rollenspielen einstudieren. Immer wieder spielen sie die Situation durch: Ein Mitschüler beschimpft sie, sie beachten ihn gar nicht, sondern gehen an ihm vorbei. „Kopf hoch, stolz sein, gar nichts machen!“, sagt Sibylle Wanders. „Du verlierst nichts, der andere, der ist überrascht, der ist baff, (...) der ärgert sich, dass du dich nicht ärgerst.“ (ebd.) Manchmal ist es auch sinnvoll, dem Angreifer die Meinung zu sagen. Oder einfach stehen zu bleiben, den Angreifer fest anzuschauen, mit der Schulter zu zucken und weiterzugehen, denn das signalisiert Souveränität und Stärke.

Ganz wichtig ist die Stopp-Regel, die immer wieder durchexerziert wird, und die allen Kindern der Schule vertraut ist: Sobald ein Kind ein anderes körperlich angreift, tritt dieses sofort einen Schritt zurück, stellt sich fest auf beide Beine, wehrt gestisch mit der ausgestreckten Hand ab und sagt klar und deutlich: „Stopp! Keine Gewalt!“ — Auch das ist eine bewährte Strategie, die in vielen Anti-Mobbing- und Deeskalations-Trainings zu finden ist.

Aktiv werden: helfen und Hilfe einfordern

Die Schüler erfahren auch, wie sie sich losreißen können, wenn sie festgehalten werden, denn auch grundlegende Selbstverteidigungstechniken gehören zu „Gewaltfrei Lernen“. Doch oft reicht das nicht, und die Opfer brauchen Hilfe von außen. Auch das Hilfeholen üben die Kinder gezielt: Sibylle Wanders steht mit einer Handpuppe hinter dem Kind und souffliert ihm den Text, während es mit der Klassenlehrerin spricht: „Sag mal: ‚Können Sie mir bitte helfen? Der Draco hat mich geschubst und mir auf den Po gehauen. Ich hab‘ schon zwei Mal selber Stopp gesagt, aber der hört nicht auf.‘“ — Satz für Satz spricht ihr das Kind nach. Die anderen Schüler sind gebannt bei der Sache: Alle merken, wie wichtig das ist, was sie da gerade lernen.

Doch was tun, wenn keine Lehrkraft in der Nähe ist, etwa bei Mobbing auf dem Schulweg? Auch hierauf bereitet der GFL-Workshop die Schüler vor. Verschiedene Szenarien werden im Rollenspiel geprobt, bis die Kinder im Notfall automatisch das Richtige tun. Zum Beispiel einen Passanten so um Hilfe bitten, dass er sich auch wirklich angesprochen fühlt: „Hallo, Sie im blauen Pulli, bitte helfen Sie mir, das hier ist kein Spaß ...“

Und wenn die Kinder zu Zuschauern von Konflikten werden, so „werden sie trotz Gruppenzwang fortan nicht mehr zusehen, sondern Zivilcourage zeigen, anderen auf unterschiedliche Weise helfen“, verspricht Sibylle Wanders auf der GFL-Website. Denn auch das üben die Kinder. Wie genau das geht, können sie auch nach dem Kurs noch einmal auf der GFL-Website nachlesen.
Sibylle Wanders rät den Kindern, die verschiedenen Möglichkeiten zu helfen immer wieder einmal mit verteilten Rollen durchzuspielen und vor Publikum „aufzuführen“. – Eine gute Idee, denn wenn diese adäquaten Reaktionen und Sätze „sitzen“, sind sie auch dann abrufbar, wenn die Schüler in Angst oder Panik handeln müssen.

Anti-Gewalttraining — individuell für jede Schule

„Gewaltfrei Lernen“ ist ein ganzheitliches Konzept, das mit verschiedenen Projektmodulen die gesamte Schulfamilie in den Fokus nimmt: Neben dem Schülertraining im Klassenverband gibt es gemeinsame Fortbildungen des gesamten Schulteams, damit die Lehrkräfte die Konfliktübungen mit den Kindern selbst durchführen können. — Das ist wichtig, denn die gelernten Techniken und Abläufe sollten bei nachbereitenden Schulungen zunächst nach 3–4 Monaten und dann alle 1–2 Jahre wieder aufgefrischt werden. Und auch die Eltern werden bei einem „praxisreichen Elternabend“ motiviert, mit ihren Kindern wehrhaftes Verhalten zu üben. Das GFL-Team kommt bundesweit an Grund-, Sekundar- und Förderschulen und bietet ein inhaltlich breit gefächertes Trainings- und Fortbildungsprogramm an, das individuell auf die jeweiligen „neuralgischen Punkte“ an der jeweiligen Schule zugeschnitten wird.

Übrigens: Der „Förderverein Gewaltfrei Lernen e. V.“ informiert und berät Schulen auch über Möglichkeiten, finanzielle Zuschüsse aus Spendengeldern und Fördermitteln zu bekommen. Die Kontaktdaten finden Sie auf der GFL-Website.

Martina Niekrawietz

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