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Gruppendynamik

Mobbing: Ein komplexer Prozess mit fester Rollenverteilung

Wenn ein Schüler einen anderen mobbt, bemerken alle in der Klasse, was abläuft. Mitschüler werden dann zu Mitspielern in einem komplexen Prozess und folgen ganz bestimmten Verhaltensmustern: Sie machen mit, stacheln den Täter an, halten sich raus oder verteidigen das Opfer.

Gruppendynamik: Mobbing: Ein komplexer Prozess mit fester Rollenverteilung Alle Schüler einer Klasse nehmen im Mobbing-Prozess eine bestimmte Rolle ein © iStockphoto.com/CraigRJD

Eine Achtjährige wird in einen Müllsack gesteckt, während die Lehrerin kopiert. Das Kind fängt an zu weinen, doch das Schlimmste ist: Ihre beste Freundin hat mitgemacht. „Freunde hatte ich keine und war immer allein“, schreibt ein zwölfjähriges Mädchen. „Nur wenige halten zu mir. Was soll ich machen?“, fragt ein fünfzehnjähriger Junge.
Liest man die Erlebnisse von gemobbten Kindern und Jugendlichen im Erzählforum der Website „mobbing-schluss-damit.de“, erschüttern besonders die einhelligen Erfahrungen von Isolation in der Klassengemeinschaft. Und noch etwas fällt auf: In den meisten Fällen verwenden die Gemobbten bei ihren Schilderungen unpersönliche Passiv- oder Pluralkonstruktionen: „ich werde bei den Pfadfindern die ganze Zeit gemobbt“, „die Jungs aus meiner Klasse sagen zu mir ...“, „ich wünsche mir doch nur, dass die anderen mich in Ruhe lassen“. Von einzelnen Tätern ist selten die Rede, offensichtlich leiden die Gemobbten also unter kollektiver Gewalt.

Mobbing als kollektiver Akt

Bis Mitte der 90er Jahre richtete sich das Interesse der sogenannten Bullying-Forschung („Bullying“ ist die angloeuropäische Bezeichnung für Mobbing und wird in der deutschen Forschungsliteratur synonym verwendet) hauptsächlich auf die Täter-Opfer-Beziehung. Dann verlagerte sich der Fokus auf die sozialen Zusammenhänge bei Mobbingprozessen. Pepler und Craig kamen 1995 durch Beobachtungen auf Pausenhöfen zu dem Ergebnis, dass Mitschüler beim Mobbing fast die ganze Zeit über präsent sind. 78 Prozent ihrer Probanden waren belustigt, zeigten Vergnügen oder beteiligten sich aktiv an Schikanen. Immerhin 57 Prozent verhielten sich dem Täter gegenüber freundlich - dem Opfer gegenüber waren es lediglich 31 Prozent.
Der hier vorgenommene Paradigmenwechsel in der Mobbingforschung setzte sich in zahlreichen Untersuchungen von unterschiedlichen Aspekten sozialer Systeme fort.

Der „Participant Role Approach“ — die Rollen der Mitschüler

Alle Schüler einer Klasse, die von aggressiven Übergriffen wissen, sind involviert und nehmen im Bullying-Prozess eine bestimmte Rolle ein. Christina Salmivalli und ihre Kollegen differenzierten dafür „Participant Roles“, also die Rollen der Mitschüler nach ihren Verhaltensweisen. 573 finnische Schüler einer sechsten Jahrgangsstufe schätzten sich selbst und ihre Mitschüler dafür aufgrund von 49 verschiedenen Verhaltensweisen ein.

Literaturangaben:

Pepler, D. J., Craig, W. M: A peek behind the fence. Naturalistic observations of aggressive children with remote audiovisual recording. Developmental Psychology, 31, 1995, S. 538 – 553. (Vgl. die zusammenfassende Darstellung in: Habermeier, Verena: Mobbing als Gruppenphänomen. Zum Zusammenhang zwischen Mitschülerrollen und Freundschaften bzw. sozialem Status. Magisterarbeit, LMU München, Typoskript. München 2006.)

Habermeier, Verena: Mobbing als Gruppenphänomen. Zum Zusammenhang zwischen Mitschülerrollen und Freundschaften bzw. sozialem Status. Magisterarbeit, LMU München, Typoskript. München 2006.


Dabei ergab sich folgende Rollenverteilung: Acht Prozent der Schüler galten als „Täter“ und weitere sieben Prozent als „Assistenten“, die am Täter orientiert ebenfalls aktiv mobbten. Zusätzlich 20 Prozent stellten sogenannte „Verstärker“ dar, die mit ihren Verhaltensweisen den Täter anspornten. Die „Opfer“ mit zwölf Prozent wurden lediglich von 17 Prozent „Verteidigern“ unterstützt. Die letzte und größte Gruppe stellten schließlich die „Außenstehenden“ mit 24 Prozent. Auch eine weitere Untersuchung an acht englischen Grundschulklassen kam zu vergleichbaren Zahlen bei der Rollenverteilung. Bei einer Untersuchung an Achtklässlern konnten Salmivalli und Kollegen zudem aufzeigen, dass die Zahl der Opfer mit zunehmendem Alter um die Hälfte sank. Jungen sind dabei physisch aggressiver als Mädchen und häufiger in der Tätergruppe zu finden, Mädchen mobben dagegen eher indirekt (beispielsweise durch Gerüchte etc.).

Veränderte soziale Normen

Wenn sich Mobbing-Rollen erst einmal verfestigt haben, ist es für Lehrer kompliziert und aufwändig, wirksam einzugreifen. Denn dann gelten im Klassenverband veränderte soziale Normen, die nur in mühevoller Kleinarbeit zurechtzurücken sind. Tröstlich ist dabei, dass die Einstellung zu Mobbing und das tatsächliche Verhalten im Bullying-Prozess nicht unbedingt übereinstimmen, wie die Pädagogin Verena Habermeier in ihrer Magisterarbeit feststellen konnte. So schreibt ein vierzehnjähriger Junge im Erzählforum von „mobbing-schluss-damit.de“ (das Statement des Schülers wurde zur besseren Lesbarkeit behutsam redigiert):„In meiner Klasse wird eben auch viel gemobbt weil man dick ist oder so. Ich mach da eher mit, als selbst ein Mobbingopfer zu sein ... naja irgendwie tut´s einem dann leid, aber dann wenn man auf die Seite vom Opfer geht, wird man selber zum Opfer und naja, das will man ja auch nicht ... Naja, ich wünsche noch Mobbingopfern viel Glück.“

Martina Niekrawietz


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