Fach/Thema/Bereich wählen
Opferverhalten

Sexueller Missbrauch: Anzeichen frühzeitig erkennen

Opfer sexueller Gewalt schweigen häufig, zeigen allenfalls auffälliges Verhalten. Wie aber erkennt man frühzeitig, ob Mädchen und Jungen sexuell missbraucht werden? Auf welche (Warn-)Signale sollte man achten?

Opferverhalten: Sexueller Missbrauch: Anzeichen frühzeitig erkennen Rückzugsverhalten und Depression können Anzeichen für sexuellen Missbrauch sein © Farina3000 - Fotolia.com

Eine Schülerin der sechsten Klasse verändert sich innerhalb weniger Wochen stark: Ihre Leistungen in der Schule lassen nach, sie zieht sich immer mehr zurück und wirkt im Unterricht unkonzentriert und müde. Eine Mitschülerin berichtet der Lehrerin, dass das Mädchen große Angst davor hat, mit ihrem neuen Stiefvater allein zu sein. Die Lehrerin ist alarmiert, aber auch verunsichert: Genügen diese wenigen Hinweise, um auf sexuellen Missbrauch zu schließen und reagieren zu müssen?

Ein Dilemma, das auch auf der Website des Kinderschutzportals der Universität Münster beschrieben wird: Wer erste Anzeichen für sexualisierte Gewalt bei Schutzbefohlenen entdeckt, befürchtet einerseits, „die Äußerungen des Kindes oder bestimmte Verhaltensweisen nicht ernst genug zu nehmen, andererseits Hinweise und Anzeichen überzuinterpretieren und damit zu falschen Schlussfolgerungen zu gelangen“. Beide Fehler hätten für das Kind fatale Folgen. Doch eine zweifelsfreie „Diagnose“ ist in jedem Fall schwierig, denn es „gibt keinen Test und keine spezifischen Merkmale, die eindeutig auf sexuellen Missbrauch schließen lassen“, wie die Autoren des Kinderschutzportals betonen.

Kinder und Jugendliche reagieren unterschiedlich

Die psychischen Folgen und die daraus resultierenden Symptome könnten ebenso gut auf andere Probleme, wie zum Beispiel Misshandlung, Trennung der Eltern oder Tod eines Elternteils zurückzuführen sein. Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche sehr unterschiedlich auf sexuellen Missbrauch reagieren. Die Bandbreite reicht „von relativ guter psychischer Verarbeitung bis hin zu schweren Traumatisierungen“. (ebd.)

Kennen Lehrer die wichtigsten Indikatoren sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen? — Das war eine der Fragestellungen in einer Lehrerbefragung, deren Ergebnisse Peter Birkel von der Pädagogischen Hochschule Weingarten in der Publikation „Lehrerwissen zum sexuellen Missbrauch an Kindern“ (S. 23 ff.) präsentiert.

Verdacht verifizieren und Beobachtungen dokumentieren

Bereits bei einer vagen Vermutung von sexuellem Missbrauch empfiehlt der bundesweit tätige Verein gegen-missbrauch e. V., alle Hinweise mit Datum und Beschreibung der Auffälligkeiten zu protokollieren. Vor allem gelte es, zunächst Ruhe zu bewahren und nicht überstürzt zu handeln: Ein unzureichend vorbereiteter Eingriff könnte dazu führen, „dass der Täter den Druck und die Gewalt auf das Opfer erhöht, andere Opfer vielleicht nicht gefunden werden können und die betroffene Person selbst über die Erlebnisse schweigt“.

Links zum Thema:

Der für diesen Beitrag grundlegende Artikel von Renate Volbert auf der Website der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendgynäkologie basiert größtenteils auf einer Zusammenschau mehrerer empirischer Studien zu sexuellem Missbrauch. Kendall-Tackett, Kathleen A. / Williams, Linda M. / Finkelhor, David: Impact of sexual abuse on children: A review and synthesis of recent empirical studies. Psychological Bulletin, 1993, 113, 164-180.

Am 01.10.2014 widmete die ARD dem Thema „Kinderhandel und Missbrauch“ einen Themenabend. Hintergrundinformationen und eine aktuelle Linkliste liefert Antworten auf die für Eltern zentrale Frage: „Wie erkenne ich, dass mein Kind von sexuellem Missbrauch betroffen ist?“

„Wahrnehmen und erkennen“: Unter diesem Titel beschreibt Kristin Smektala auf der Website des Kinderschutzportals ausführlich konkrete Warnzeichen für sexuellen Missbrauch.

Der Abschlussbericht des DJI-Projekts „Sexuelle Gewalt“ fasst Ergebnisse internationaler Studien zum Missbrauch zusammen. DJI (Hg.): Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen. Abschlussbericht, München 2011.

Verhaltensindikatoren für sexuellen Missbrauch

Renate Volbert, Rechtspsychologin an der Berliner Charité, referiert dazu maßgebliche Forschungsergebnisse in einem ausführlichen Beitrag auf der Website der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendgynäkologie. Bei vergleichenden Untersuchungen zeigten sexuell missbrauchte Kinder gegenüber Kindern ohne Missbrauchserfahrung höhere Werte bei folgenden Symptomen:

  • „Furcht,
  • Alpträume,
  • Posttraumatische Belastungsstörungen,
  • Depression und Rückzugsverhalten,
  • Körperliche Beschwerden,
  • Neurotische Störungen,
  • Aggressionen,
  • Delinquenz,
  • Schul-/Lernprobleme,
  • Verhaltensstörungen allgemeiner Art,
  • Unangemessenes sexuelles Verhalten,
  • Regressives Verhalten (Einkoten, Einnässen, Wutanfälle, Jammern),
  • Internalisierung (Rückzugsverhalten, Depression, Ängstlichkeit, Hemmung, Überkontrolle),
  • Externalisierung (Aggression, antisoziales und unkontrolliertes Verhalten).“

Dass die meisten dieser Symptome keineswegs spezifisch für sexuellen Missbrauch sind, belegen Vergleiche zwischen sexuell missbrauchten und anderweitig klinisch auffälligen Kindern. Allerdings war bei sexuell missbrauchten Kindern sexualisiertes Verhalten übereinstimmend häufiger zu finden als in der Vergleichsgruppe. Es gilt deshalb als wichtiger Indikator für die Missbrauchsdiagnostik.

Körperliche Verletzungen und Geschlechtskrankheiten gelten ebenfalls als relativ sichere Hinweise. Etwa ein Drittel der missbrauchten Kinder und Jugendlichen erleidet physische Verletzungen. Typische Verletzungen beschreibt Kristin Smektala auf der Website des Kinderschutzportals.

Sexualisiertes Verhalten bei sexuell missbrauchten Kindern

Kinder und Jugendliche, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, „scheinen insgesamt mehr sexuelle Aktivitäten zu zeigen als nicht missbrauchte Kinder“, formuliert Renate Volbert (Link s. o.) vorsichtig, denn es ließen sich „keine spezifischen sexuellen Verhaltensweisen identifizieren, die ausschließlich von Opfern eines sexuellen Missbrauchs demonstriert werden“.

Als problematisch sei sexuelles Verhalten von Kindern jedoch zu bewerten, „wenn sexuelle Aktivitäten über längere Zeit alle anderen Interessen dominieren, wenn das Verhalten durchweg mit negativen Affekten verbunden ist, wenn das Kind keine anderen Formen der Kontaktaufnahme nutzen kann oder wenn die sexuellen Aktivitäten sich ausschließlich auf wesentlich jüngere Kinder beziehen und aggressiven Charakter haben.“ (ebd.)

Disclosure: Wenn betroffene Kinder ihr Schweigen brechen

Missbrauchte Kinder und Jugendliche teilen sich nur selten mit: Sie schweigen aus Scham, wegen Schuldgefühlen oder aus Loyalität gegenüber einem Täter, der aus ihrem nahen Umfeld kommt. Mehrere internationale Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass sich Missbrauchsopfer häufig nach Präventionsveranstaltungen einer pädagogischen Fachkraft anvertrauen. (Vgl. DJI 2011)

Martina Niekrawietz

Dazu passender Ratgeber

Mehr zu Ratgeber Gewalt und Mobbing
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×