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So erkennen Sie Mobbing rechtzeitig

Mobbing ist ein dynamischer Prozess, der mit zunehmender Dauer immer mehr eskaliert. Deshalb sind die Eingriffschancen in einem frühen Stadium am größten. Doch wie verläuft Mobbing? Und welche Warnzeichen gibt es?

Intervention: So erkennen Sie Mobbing rechtzeitig Mobbing findet auch unter Lehrern statt © iStockphoto.com/Kernter

Nach einer Meinungsverschiedenheit verändert sich der Umgangston zwischen Frau K. und ihrem Schulleiter. In den ersten Wochen sind es nur Kleinigkeiten: Der Chef delegiert unliebsame Aufgaben bevorzugt an Frau K. und lässt sie – im Gegensatz zu anderen Kollegen — im Lehrerzimmer „links liegen“. Schließlich aber kritisiert er sie vor versammeltem Kollegium in der Konferenz. Wenige Tage später schlägt er sich — ohne Absprache mit Frau K. — auf die Seite eines Vaters, der mit einer Schulaufgabenzensur der Lehrerin nicht einverstanden ist.

Frau K. fühlt sich stark verunsichert. Wird sie gemobbt? Sie wendet sich an eine Personalrätin, die die Befürchtung von Frau K. ernst nimmt: Sie weiß, dass der Verlauf von Mobbing einer bestimmten Struktur folgt, die sie auch in der Geschichte von Frau K. erkennt.

Die fünf Mobbing-Phasen nach Heinz Leymann

Der Psychologe und Mobbingforscher Heinz Leymann beschreibt den Ablauf von Mobbing mit einem 5-Phasen-Modell:
Phase 1: Alles beginnt mit einem Konflikt, der nicht befriedigend gelöst wurde. Es folgen gelegentliche und unsystematische Angriffe oder Gehässigkeiten durch den Aggressor.
Phase 2: Mobbing etabliert sich: Die Angriffe ereignen sich jetzt mindestens einmal pro Woche, die Intensität der Gemeinheiten und Sticheleien nimmt zu, das Selbstbewusstsein des Opfers leidet. Stress und Existenzängste kommen auf. Der Gemobbte gerät in eine Verteidigungsposition.
Phase 3: Die Eskalation: Offizielle Stellen greifen ein. Statt einer konstruktiven Lösung wird gegen das Opfer interveniert, denn es wird als Störfaktor wahrgenommen. Am Arbeitsplatz kommt es zu Abmahnung, Kündigungsversuchen etc. Gerüchte und Verleumdungen kursieren und wachsende Ohnmachtsgefühle entstehen. Der Gemobbte wird zum Problem-Mitarbeiter bzw. zum Problemschüler: Er ist unkonzentriert, macht Fehler und die Fehlzeiten häufen sich.
Phase 4: Fehldiagnosen: Das Opfer ist psychisch schwer angeschlagen. Ärzte und Psychologen werden eingeschaltet, die – aus Unkenntnis der Sachlage – häufig völlig falsche Schlüsse ziehen. Zusätzlich kränkende Persönlichkeitsbefunde sind die Folge für den Betroffenen. Viele Schüler werden in dieser Phase auf Förderungsbedarf L oder E überprüft.
Phase 5: Der Ausschluss: In der Arbeitswelt verlieren die meisten Gemobbten ihren Arbeitsplatz. Sie werden gekündigt oder gehen von selbst. Manche leiden unter psychosomatischen Krankheiten, einige sind sogar auf Dauer erwerbsunfähig. Gemobbte Schüler werden der Schule verwiesen, auf die Förderschule oder ins Heim abgeschoben. In dieser letzten Phase sind die Mobbingopfer stigmatisiert und sozial völlig isoliert. Die Suizidgefahr steigt.

Literaturangaben:

Kulis,Marja, Häberle, Katharina u. a.: Abschlussbericht zum Baden-Württembergischen Modellprojekt „Mobbing-Telefon“. Freiburg, München, 2002.

Leymann, Heinz: Mobbing – Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1993.

Ottlik, Alexander: Inwieweit werden Lehrer, wenn sie mit Mobbing unter Schülern konfrontiert sind, durch ihre persönlichen Einstellungen und das Klima ihres Arbeitsumfeldes beeinflusst? Magisterarbeit LMU München, Typoskript. München 2005.

Mobbingphasen und Interventionsmöglichkeiten

Je früher eine solche Spirale des Terrors unterbrochen wird, umso besser, sagen die Experten des Württembergischen Modellprojekt „Mobbing-Telefon“. Denn mit zunehmender Dauer würde das Mobbing intensiver und fände immer häufiger statt. Täter(innen) wendeten mehrere Arten der Schikane an und letztlich beteiligten sich zunehmend mehr Mitschüler(innen) an den Schikanen. Ab der dritten Phase gerät das Opfer massiv unter psychischen Druck, verteidigt sich und läuft Gefahr, für sein Verhalten sanktioniert zu werden. Hier sollten Lehrer genau hinsehen, um zu erkennen, wer wirklich der Aggressor ist.

Warnzeichen für Mobbing
Doch woran erkennt man, ob Mobbing schon begonnen hat oder ob es sich gerade erst entwickelt? Der Schulpsychologe Thomas Gödde benennt dazu Indikatoren auf zwei Ebenen:
1. Das Klassenklima: „Gibt es etwa permanente Reibereien und Konfliktherde in der Klasse? Sind regelmäßige und vertrauensvolle Gespräche zwischen Kindern und ihren Lehrerinnen und Lehrern möglich (...)?“
2. Auffälligkeiten bei den Schülern: Trauen sie sich nicht mehr alleine zur Schule? Kommen sie häufig zu spät, haben beschädigte Sachen oder Geld "verloren"? Ziehen sie sich zurück? Klagen sie oft über Bauch- und Kopfschmerzen? Lassen die schulischen Leistungen plötzlich nach? In der Regel sind es in erster Linie die Eltern, die solche Veränderungen bemerken. Durch einen regelmäßigen Austausch mit ihnen steigen für Lehrer die Chancen, Mobbing frühzeitig zu erkennen.

Warum betroffene Schüler schweigen

Mobbing-Betroffene befürchten oft, dass sich ihre Situation verschlimmert, wenn sie „petzen“. Doch gelingt es Lehrern wirklich, Mobbing zu unterbinden? In diesem Punkt unterscheiden sich Schüler- und Lehrerwahrnehmung deutlich, wie Mobbing-Experte Alexander Ottlik in seiner Magisterarbeit feststellte: 85 % der Lehrer glauben, dass sie Mobbing immer oder oft stoppen können. Hingegen berichten nur 35 % der Schüler, dass Lehrer in Mobbingsituationen wirklich eingreifen. Ähnliche Untersuchungen von Olweus differenzieren nach Schularten: 60 % der Schüler an weiterführenden Schulen sagen demnach, dass Lehrer Mobbing nur manchmal oder fast nie stoppen. Der Grund: „Lehrer schätzen große Teile psychischer und physischer Gewalt im Gegensatz zur gültigen Definition nicht als Mobbing ein“, sagt Ottlik. Sie wissen einfach zu wenig über Mobbing – und die Schüler erleben dadurch immer wieder, dass die Lehrer nichts tun (können).

Martina Niekrawietz


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