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Deeskalation

Tipps zur Gewaltintervention in kritischen Situationen

Lehrer werden mit akuten Gewaltsituationen zwischen Schülern meist unmittelbar und unvorbereitet konfrontiert. Doch wie verhalten sich Pädagogen im Eskalationsfall richtig? Konkrete Handlungsempfehlungen von Experten für Gewaltintervention helfen dabei, schnell das Richtige zu tun.

Deeskalation: Tipps zur Gewaltintervention in kritischen Situationen Bei körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Schülern ist es wichtig, die Kontrahenten sofort zu trennen © highwaystarz - Fotolia.com

Eine junge Grundschullehrerin berichtet in einem Lehrerforum von einem gravierenden Gewaltproblem in ihrer ersten Klasse: Die Kinder geraten sich dauernd in die Haare, schubsen und boxen einander beim Anstellen, raufen in der Pause miteinander, stechen sich mit spitzen Stiften und Scheren, zerschneiden sich die Kleider, verhalten sich anderen gegenüber „total rücksichtslos“ — ein „Alptraum“ für die Klassenlehrerin. Als ein Kind mit seinem Stuhl auf den Zehen seines Sitznachbarn steht und dessen Schreien einfach ignoriert, schreitet die Pädagogin folgendermaßen ein: Sie befreit „den Armen aus seiner Lage“ und stellt „den Übeltäter“ zur Rede, der seinerseits vorgibt, nicht bemerkt zu haben, dass er auf den Füßen seines Klassenkameraden stand.

Offensichtlich fügt hier ein Schüler wissentlich einem anderen Schmerzen zu. Er hört auch nicht damit auf, als sein Opfer vor Schmerzen schreit. — Eine unmissverständliche Gewaltsituation, bei der der juristische Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ sicherlich fehl am Platz ist. Hier muss die Lehrerin blitzschnell die Lage einschätzen und adäquat reagieren. Aber wie? — In dieser Frage gibt die pädagogische Fachliteratur eine klare Handlungslinie vor.

Vorbereitung auf mögliche Gewaltsituationen

Wie auch in dem eben geschilderten Fall sind Lehrkräfte mit Gewalt unter Schülern unvermittelt konfrontiert. Meist bleibt keine Zeit, sich abzusprechen oder sich anderweitig zu wappnen: Gewaltsituationen „sind oft hoch emotional aufgeladen und in ihrem Verlauf kaum berechenbar und (…) zu kontrollieren.“ (Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention in der Grundschule. Grundlagen — Lernfelder — Handlungsmöglichkeiten. S. 2)

Wirkungsvoll zu intervenieren erfordert, „Täter, Opfer und Zuschauer im Blick zu haben. Das Opfer zu schützen, den/die Täter zu stoppen und zur Rechenschaft zu ziehen und die Zuschauer zur Unterstützung anzuregen.“ (ebd.) — Eine komplexe Aufgabe, die für Lehrer am besten zu bewältigen ist, wenn sie sich zunächst emotional auf potenzielle Gewaltszenarien einstellen, um ihre eigenen Gefühle und Impulse (Ängste, Wut) zu erkennen und zu beherrschen.

Hilfreich bei der Reflexion solcher pädagogischer Grenzsituationen ist eine Broschüre der Bezirksregierung Detmold, die anhand unterschiedlicher Fallbeispiele aufzeigt, wie Lehrkräfte Handlungssicherheit bewahren, zurückgewinnen und erlangen können. Auch die rechtliche Seite wird ausführlich erläutert.

Interventionsregeln bei gewalttätigen Schülerkonflikten

Wie Lehrer am besten im Gewaltfall vorgehen, zeigt ein Handlungsleitfaden von Ortrud Hagedorn auf der Website des Vereins für Friedenspädagogik. Hier ein kurzer Abriss:

  1. „Aufmerksam wahrnehmen“, so lautet die erste Interventionsregel von Hagedorn. Auch wenn die Zeit noch so knapp ist, sollte der Lehrer niemals wegsehen, sondern sich immer einmischen und klar Position beziehen: „Hier tut keiner dem anderen weh!“
  2. Die „Stopp-Norm“ setzen bedeutet, „den Vorfall personen-neutral abbrechen“, zum Beispiel mit dem Satz „Schluss damit! Hier wird nicht geprügelt.“
  3. Kontrahenten trennen, den Blickkontakt unterbrechen und sie auseinandersetzen, bis sich die Gemüter halbwegs abgekühlt haben.
  4. Ganz wichtig: Nicht vorzeitig aussteigen, sondern den „eigenen Einfluss aufrecht erhalten“, indem die Interventionsmaßnahme erst beendet wird, wenn die Situation wirklich deeskaliert ist. Auch hier unterstützt Hagedorn den Lehrer mit Formulierungen („Hier geblieben! Erst wird der Streit geklärt, dann könnt ihr gehen!“) Bagatellisierungen wie „War doch nur Spaß“ werden nicht akzeptiert.
  5. „Keine Angriffe und Drohungen gegen Intervenierende zulassen“, rät Hagedorn. Bei entsprechenden Schüleräußerungen sollten die Lehrer geschlossen Flagge zeigen: „Grobheiten dulden wir alle nicht!“
  6. Zuletzt sollte man den jeweiligen Schüler in die Verantwortung nehmen: „Das ist hier kein Spaß. Du musst dich verantworten“. Natürlich müssen angekündigte Konsequenzen auch umgesetzt werden.

Ergänzend zu Hagedorns pädagogischen Interventionsregeln unterstützen die Autoren der „Berlin-Brandenburger Anti-Gewalt-Fibel“ Lehrer mit einer eher handlungsorientierten Checkliste für schwerwiegende Fälle von Schülergewalt (S. 7), die zum Beispiel auch eine eventuell erforderliche Opferhilfe berücksichtigt oder die Möglichkeit, sich Unterstützung zu holen.

Eingreifen in kritischen Situationen ohne Körpereinsatz

Interveniert ein Lehrer kurz bevor eine Situation in physische Gewalt umschlägt, heißt es ruhig bleiben und nicht provozieren. Doch wie genau geht das eigentlich? Auf der Website friedenspaedagogik.de findet sich dazu eine detaillierte Anleitung: „Strahlen Sie Ruhe und Sicherheit aus und stehen Sie die Situation bis zu einem friedlichen Ende durch, egal, was passiert!“, raten die Autoren zuoberst. Es folgen psychologisch versierte Empfehlungen, die besonders dann hilfreich sein können, wenn die Angst groß ist: „Beobachten Sie Brust und Augen! (Heftige Bewegungen der Brust künden aggressive Reaktionen an!)“ heißt es da etwa, oder „Spannen Sie Ihre Muskeln nicht an!“ Man erfährt genau, wie man sich körperlich zu der aggressiven Person positionieren soll, welche innere Haltung und welcher Gesichtsausdruck ratsam ist, in welcher Art man mit dem Aggressor sprechen soll usw.

Bei der Gewaltintervention setzt sich die Lehrkraft „in Szene“ wie ein professioneller Schauspieler. Und das will vorher durchdacht, geübt und internalisiert sein, genau wie eine Hauptrolle in einem Theaterstück. Besonders gut funktioniert eine so verstandene Vorbereitung auf Gewaltsituationen im Zusammenspiel mit Kollegen. — Ohnehin ist im Kampf gegen Gewalt ein Schulterschluss der Lehrer eine wichtige Voraussetzung, um den Aggressionspegel in einer Klasse oder Schule nachhaltig zu senken.

Martina Niekrawietz

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