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Mehrfach Behinderte

Hinweise zum professionellen Umgang mit Berührungen

Berührungen sind Teil des Schulalltags, besonders wenn Schüler mit mehrfachen und intensiven Behinderungen betreut werden müssen. Dabei spielt die Qualität der Berührung eine entscheidende Rolle, will man diese Schüler unterstützen.

Mehrfach Behinderte: Hinweise zum professionellen Umgang mit Berührungen Berührungen sind wichtig und auch notwendig bei Schülern mit mehrfachen Behinderungen © Olesia Bilkei - Fotolia.com

Was im Alltag manchmal unabsichtlich passiert: Der Rollstuhl wird von hinten unvermittelt angeschoben, während die Lehrkraft mit jemand anderem spricht — der Schüler mit intensiver Behinderung erschrickt und krampft. Oder: In der Essens-Situation stößt der Löffel unvermittelt gegen die Lippen, während die Kinderpflegerin ein Auge auf die anderen Schüler hat — der Schüler mit schwerer Behinderung erschrickt und verschluckt sich.

Schon an diesen beiden alltäglichen Episoden wird deutlich, wie wichtig eine passende, angemessene und zielführende Berührung ist. Im Unterricht von Schülern mit einer schweren und mehrfachen Behinderung vermischen und überschneiden sich die pädagogischen, didaktischen und pflegerischen Anteile. Darauf wird in der Förderpflege als einer pädagogischen Form von Pflege Bezug genommen. Hier kann ein Schüler mit intensiver Behinderung in und mit alltäglichen Situationen lernen und aktiv werden. Der eigene Körper bildet dabei stets den Ausgangspunkt und Schlüssel zur Umwelt — sowohl in seinen eingeschränkten Wahrnehmungsmöglichkeiten wie auch in den grundlegenden Wahrnehmungsfähigkeiten.

Das Berühren-dürfen als Privileg und Pflicht

Nicht nur die Pflege, sondern auch der Unterrichtsalltag bei Schülern mit schwerer Behinderung wird damit zu einem „Berührungsberuf“, bei dem wir Lehrkräfte in legitimierter Weise fremde Menschen berühren dürfen und müssen. Was bedeutet dies nun für die Berührten, aber auch die Berührenden?

Nicht für alle Menschen hat Berührung die gleiche Bedeutung, ja nur allzu leicht kann eine Berührung missverstanden oder falsch gedeutet werden — was gerade im professionellen Kontext zu fatalen Folgen führen kann.

Literatur zum Thema:

Bienstein Christel & Fröhlich, Andreas: Basale Stimulation in der Pflege. Die Grundlagen. Bern 2012

Omonsky, Claudia: Schüler mit schwerer und mehrfacher Behinderung im inklusiven Unterricht. Praxistipps für Lehrkräfte, München 2017

Für Lehr- und Pflegekräfte stellt das Berühren-dürfen ein besonderes Privileg und eine besondere Pflicht gleichermaßen dar. Jeder kann sich gut vorstellen, dass es gut tut, wenn man mit Berührungen trösten, helfen, wärmen oder nähren darf. Nicht so positiv sind Aufgaben bei denen wir Speichel, Blut, Eiter, Kot oder Erbrochenes entfernen müssen — weder für den Schüler, noch für den Erwachsenen. Es ist nicht jedem gegeben, in solchen Situationen professionell und mit angemessenen Berührungen zu helfen. Das Thema Ekel und Beschämung spielt eine große Rolle. Durch die unmittelbare Vielfalt unseres menschlichen Lebens decken wir jedoch im schulischen Alltag im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung immer beide Spektren ab.

Es kommt auf die Qualität der Berührung an

Bei den unterschiedlichen Berührungsqualitäten geht es darüber hinaus nicht allein um die Frage, wie wir uns mit dem Pflegen als „öffentlicher Handlung“ auseinandersetzen. Es geht auch darum, wie wir mit unseren Berührungen einen Schüler in einer Situation unterstützen können. Dabei konzentriert sich die Aufmerksamkeit häufig auf den Kontakt mit den Händen. Denn es ist eine der grundlegendsten Erfahrungen des Menschen, über die Berührung mit Händen getröstet zu werden.

Im Konzept der Basalen Stimulation in der Pflege (Bienstein & Fröhlich 2012) stellen die Autoren fest, dass sich der Bedarf an Berührung im Laufe der Entwicklung verändert. Während Kleinkinder auf regelmäßigen Körperkontakt angewiesen sind und junge Kinder lieber starke Berührungen mögen, verändert sich das Kontaktverhalten mit der Pubertät hin zu mehr Distanz, bis man als Erwachsener dann zu einer formalen Form des Körperkontakts mit Fremden findet. Eine wichtige Erkenntnis wurde in der Arbeit mit Menschen mit schweren Wahrnehmungsbeeinträchtigungen gemacht: Sie bedürfen einer klaren, ausdrucksstarken Berührung mit deutlichen Körpersignalen.

Dabei wurden für die Qualität der Berührung folgende Aspekte als besonders wichtig erkannt:

  • Die Berührungen werden am besten nur von einer Person ausgeführt. Gleichzeitiges Berühren durch mehrere Personen, etwa beim Wickeln, führt zu Verwirrung und Irritationen bei Menschen mit schweren Wahrnehmungsbeeinträchtigungen.
  • Anfang und Ende einer Berührung sollten möglichst klar erkenntlich sein, um Erschrecken zu vermeiden. Dabei unterscheidet sich die initiale Bewegung wie etwa ein Hochschieben von der abschließenden Bewegung, z. B. einem Druckimpuls nach unten.
  • Die Berührung sollte konstant während der gesamten Handlung spürbar sein und möglichst nicht unterbrochen werden. Bei komplexen Pflegehandlungen kann dabei zusätzlich zu den Händen auch der eigene Körper dienen, z. B. indem der Schüler Kontakt zum Arm der Pflegekraft halten kann.
  • Um taktile Abwehr durch oberflächliche Berührungen zu vermeiden, soll die Intensität der Berührung flächig, mit Druck und auf die Tiefensensibilität hin orientiert sein.
  • Damit der Schüler mit schwerer Behinderung die nächste Bewegung erahnen kann, hilft es, mit fließenden, rhythmischen Berührungen zu arbeiten. Dabei sind Wiederholungen wünschenswert, damit die Berührten sich darauf einstellen können.
  • Eine feste, flächige und vorhersehbare Berührung vermittelt Sicherheit. Dies fördert das grundlegende Vertrauen in die gemeinsame Tätigkeit.

(vgl. Bienstein Christel & Fröhlich, Andreas: Basale Stimulation in der Pflege. Die Grundlagen. Bern 2012, S. 56 ff.).

Mit der reflektierten Umsetzung dieser grundlegenden Tipps können Lehr- und Pflegekräfte im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung sowohl in Alltagssituationen, in Fördereinheiten oder während der Förderpflege sinnvolle Impulse zur Verbesserung der Wahrnehmungsqualität und Beziehungspflege in der Arbeit mit Schülern mit intensiver Behinderung geben.

Claudia Omonsky

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